Walter Pfeiffer – Chasing Beauty

Trailer

Mit 71 Jahren steht der Schweizer Fotograf und Zeichner Walter Pfeiffer im Zenit seines Schaffens. Fast 30 Jahre lang erschienen seine sinnlich-verspielten Bilder von hübschen jungen Männern, mit denen er für nicht wenige Schwule in den 80ern und 90ern zu einem persönlichen Helden wurde, nur in Underground-Magazinen, bis ihm in den 2000ern der Durchbruch als international gefragter Modefotograf gelang. Heute gilt er als Wegbereiter von Fotografie-Stars wie Wolfgang Tillmans und Jürgen Teller, er arbeitet mit Supermodels, seine Bilder erscheinen in Zeitschriften wie Vogue und i-D. Der Regisseur Iwan Schumacher hat über Pfeiffer nun einen hinreißenden Porträtfilm voller Esprit und hintergründigem Humor gedreht, in dem der Meister von seinem Leben zwischen Zürcher Schaufenster-Dekors und Pariser Glamour-Shootings erzählt, aber auch viele seiner Ex-Modelle und Weggefährten zu Wort kommen. Unser Autor und Fotokunst-Experte Matthias Frings hat sich den Film angesehen und begibt sich mit Pfeiffer auf die ewige Suche nach der wahren Schönheit.

Foto: Edition Salzgeber

Der Andy Warhol von Zürich

von Matthias Frings

Es ist nicht verwunderlich, dass Homosexualität – nach dem klassischen Diktum „the love that dare not speak its name“ – eine Affinität zur Fotografie, vornehmlich zur Aktfotografie, hat. Wovon man nicht reden kann, das lässt sich sehr wohl zeigen. Von Andeutungen bis Eindeutigkeiten strotzt die Geschichte der Fotografie vor Homoerotik. Hier vergewissern wir uns, wie wir uns sehen, gesehen werden und uns sehen wollen. Hier können wir uns spiegeln, vergleichen und erkennen. Und weil der Blick und die Lust ein unzertrennliches Freundespaar sind, verschafft insbesondere die Spanne zwischen Schönheit und Nacktheit der Augenlust ideale Kost. Im Gegensatz zur Malerei waren Aktfotos stets preiswert und umstandslos herzustellen, diskret in der Produktion und dezidiert modern. Ein weiterer unschätzbarer Vorteil: Sie sind leicht handhabbar in der Zirkulation, so nah an der Wirklichkeit, so buchstäblich greifbar. Veredelt man diese sexuelle Lust für das Auge vorsichtshalber noch mit einer Prise Hellas, wird Homoerotik sogar für das breite Publikum konsumierbar.

Seit der Erfindung der Fotografie machen Schwule sich mit ihrer Hilfe ein Bild vom Mann. Über Epochen hinweg erzählen Fotoserien von Kunst bis Knipsen von sich verändernden Körperkulturen und Rollenbildern. Sie halten die Ideale einer jeden Generation fest: von den klassisch-eleganten Epheben des Wilhelm von Gloeden bis zu den Fabrikkörpern eines Bruce Weber, der – man kann darüber streiten – den modernen schwulen Männerkörper überhaupt erst erfunden hat.

Bis zum Debüt des Fotokünstlers Walter Pfeiffer, dem herrlich unglamourösen Helden von Iwan Schumachers Porträtfilms „Walter Pfeiffer – Chasing Beauty“, waren vorzugsweise perfekt inszenierte Körper wie die von Arthur Tress oder Robert Mapplethorpe das Maß aller Dinge. Licht, Technik, Requisite – alles vom Feinsten. Raffinesse überall, selbst wenn aus dem Arsch eine Peitsche ragte. Kein Stäubchen, kein Alltag weit und breit. Hier war nie Mittwochmorgen, alles war stets makelloser Sonntagnachmittag. Daneben gab es zu allen Zeiten natürlich das geile Fleisch von Pin-up bis Porno, billige Produkte aus der Massenmännerhaltung. Selbstverständlich schritt sie voran, die Geschichte der Fotografie, brachte uns etwa Jürgen Teller und Wolfgang Tillmans. Beide sind nicht von ungefähr Poeten des Alltäglichen, und beide sind ohne die Pionierarbeit des Kollegen Walter Pfeiffer nur schwer vorstellbar.

Foto: Edition Salzgeber

Im Jahr 1979 liegt – vorzugsweise in den schwulen Buchläden – ein Fotobuch mit dem schlichten Titel „Walter Pfeiffer“ in den Auslagen. Auf dem Cover eine Ken-Actionfigur, die sich in den Slip greift. Dieses Titelfoto annonciert schon Pfeiffers Interesse an Schönheit, Scherz und Schwänzen, an Pop und der Poesie des scheinbar Trivialen. Die grobkörnige Ästhetik in Schwarzweiß, die lässige Sexualität, die im positivsten Sinn schamlos ist und fast ohne Posen auskommt, wirkte extrem frisch und zeitgenössisch. Begriffe, die in den 80ern zum Mantra werden, spielen bei Pfeiffer noch so gar keine Rolle: Perfektion und Professionalität.

Wer in diesem schmalen Band blätterte, war verblüfft und verzaubert: Diese Bilder schienen zu riechen und zu schwitzten. Aber wie gut sie rochen! Wie anregend sie schwitzten! Pfeiffers junge Männer waren ein wenig verpeilt und überdreht, irgendwie unschuldig kokett, auf eine verschlafene Art sexy. Für viele der damaligen Betrachter hat Walter Pfeiffer sich mit seinem Debüt in die Liste der ewigen persönlichen Helden eingeschrieben. Kaum mehr als 100 Seiten, aber so revolutionär für die schwule Ästhetik wie es zwei Jahrzehnte später das Auftauchen des Zines BUTT mit seinen legendären rosa Seiten werden sollte.

Foto: Edition Salzgeber

„Walter Pfeiffer – Chasing Beauty“ lautet der zutreffende Titel des Porträtfilms von Iwan Schumacher. Er erzählt davon, wie ein Künstler mit Eigensinn, Talent und Witz über Jahrzehnte Schritt für Schritt zu sich selbst kommt. „Sleeping Beauty“ könnte man auch den Fotografen selbst nennen, das Landei, das heute mit Anfang 70 gegen jede Erwartung mitsamt weltweit agierender Agentur und Stylisten u.a. für den internationalen Hochglanz von Vogue und I-D arbeitet

Im Film werden wir Zeugen, wie er, umwedelt von einer Crew mondän-urbaner Hilfsgeschöpfe, Starmodels wie Eva Herzigová Anweisungen gibt. Ungewohnt schräg sieht das aus und so gar nicht nach „Blow Up“ und schillerndem Starfotograf. Nett und ziemlich lustig kommt er rüber, der Walter Pfeiffer, dennoch scheint er ganz genau zu wissen, was er will und wie er es will. In einem Moment sehen wir ihn noch beim Shooting in Paris bei Dior, im nächsten sitzt er kichernd in seiner  Wohnung, eine Mütze mit Bommel auf dem Kopf, erzählt von den Anfängen und zeigt Fotos von einem jungen Walter, den es in den Sechzigern in die große Stadt zieht.

Foto: Edition Salzgeber

Schöne Grüße ans Klischee: Dieser Provinzschwule mit seinen gefärbten Haaren und schwulen Brillen hat im braven Zürich wirklich als Schaufensterdekorateur begonnen. Er besuchte eine Kunstgewerbeschule, malte und zeichnete – eine künstlerische Praxis, die er bis heute beibehalten hat, ein zweites Standbein auch, das ihm ein beneidenswertes inneres Schulterzucken in Punkto Karriere erlaubt. Um die Forschritte seiner Klasse zu dokumentieren, griff er damals zur Fotokamera und wäre wohl von einem Lachanfall geschüttelt worden, hätte man ihm (s)einen Ruhm als Fotograf prophezeit. Denn er hat ein böses Handicap (no pun intended) für einen Fotografen: einen Tremor –seine Hände zittern.

Vier Jahrzehnte später sind wir dabei, wie er einen jungen Mann ablichtet – nackter Halbgott auf Wiese. Wir treffen Pfeiffer bei diversen Fotoproduktionen, lauschen Freunden, Kunstkennern und Zeitzeugen. Man hätte sich durchaus einen Dokumentarfilm über ihn vorstellen können, der seine künstlerische Ästhetik aufgreift, nicht ganz so brav die Stationen seines Lebens abschreitet, etwas wagemutiger in der Form ist. Vielleicht aber wäre dies auch zuviel des Guten gewesen, bringen doch die unzähligen Fotos und Videos genügend Augenfutter und Bewegung in diesen Film.

Foto: Edition Salzgeber

Pfeiffers Tremor hat ihn nicht daran gehindert, über all die Jahre hinweg ein bildstrotzendes Kaleidoskop der Jugendkulturen zu schaffen. Interessiert haben ihn immer nur die Jungen, und es ist schwer zu entscheiden, ob die ihn so jung gehalten haben, oder ob in ihm immer noch der lebenshungrige und ambitionierte Dekorateurslümmel steckt. Nicht die schlechteste Motivation dürfte der Reiz seiner meist männlichen Models gewesen sein. „Chasing Beauty“ kracht geradezu aus den Nähten vor jungmännlichem Schmelz. Ansehnlich sind die Jungs, attraktiv, atemberaubend und, pardon, rattenscharf.

Apropos „chasing“: Der schwule Fotograf und seine jungen, meist heterosexuellen Modelle – ungewollt passt das haargenau in die aktuellen #MeToo-Debatte. Aber Entwarnung: Eine Besonderheit des Films besteht darin, einige der Abgebildeten heute noch einmal zusammenzutrommeln. Spannend zu sehen, wie lässig sie vom schulen Fotografen erzählen, klar hätten sie das alles gewusst mit dem Schwulsein und so, aber der Walti sei halt nie übergriffig geworden, ein echter Kumpel, auch befreundet mit den Eltern. Und deshalb berichtet einer von den nun erwachsenen Jungs immer noch stolz, wie das legendäre französische Schwulenmagazin Gai Pied mit seinem nackten Oberkörper und seinen schönen goldenen Locken auf dem Titel die größte Auflage seiner Geschichte machte. Spannend ganz nebenbei auch, den alten Feind Zeit bei seiner Arbeit zu beobachten: Sie ist schon eine sehr flüchtige Angelegenheit, die Schönheit.

Foto: Edition Salzgeber

Apropos Schönheit: Die ist ganz offensichtlich Pfeiffers Hauptthema, doch er setzt sie gern in den Staub des Alltags oder versetzt ihr mit schrägen Requisiten und seiner Kameramagie einen Dreh ins Skurrile. „Die Werbung hat der Kunst die Schönheit geklaut“, sagt ein Kurator einmal im Film, „und Walter nimmt sie wieder ernst.“ Und so wirkt die Suche nach der Schönheit plötzlich fast wieder revolutionär. „Erotik in Licht und Schatten“ für die gepflegte Vernissage ist Walter Pfeifers Sache aber nicht. Er ist nicht Dom Perignon, sondern Coca-Cola, nicht Hummer Thermidor, sondern Tomatensuppe

Apropos Andy Warhol: Nur folgerichtig, dass dieser für Walter Pfeiffer ein Gott war. Einer von Pfeiffers Freunden traf den Pop-Papst einmal in seiner New Yorker Factory und zeigte ihm etwas von Pfeiffers Arbeiten mit den Worten: „This is the Andy Warhol of Zürich!“ Stimmt genau. Und er heißt Walti.




Walter Pfeiffer – Chasing Beauty
von Iwan Schumacher
CH 2017, 89 Minuten,
OF mit deutschen UT,

Edition Salzgeber


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