Vojin Saša Vukadinović (Hg.): Die Schwarze Botin

Buch

Die in West-Berlin verlegte Zeitschrift „Die Schwarze Botin“ gilt als bedeutendes Periodikum der Neuen Frauenbewegung – und löste einige Kontroversen aus. Zu den Autorinnen gehörten u.a. Rita Bischof, Gisela Elsner, Elfriede Jelinek, Julia Kristeva, Eva Meyer, Heidi Pataki und Gisela von Wysocki. Die beiden Herausgeberinnen Gabriele Goettle und Brigitte Classen verfolgten ein klares Ziel: Aus der Frauenbewegung heraus eine Kritik an dieser zu üben – ohne Angst, sich dadurch Feind*innen zu machen. Die nun von Vojin Saša Vukadinović herausgegebene Anthologie dokumentiert erstmals zahlreiche Originalbeiträge aus der ersten Folge der Zeitschrift zwischen 1976 und 1980. Dino Heicker hat den facettenreichen Band gelesen.

Zwischen Polemik und Literatur

von Dino Heicker

Es gibt Liebesdienste, denen kann die Anerkennung nicht versagt werden. Eine feministische Zeitschrift der späten 1970er-Jahre dem Vergessen entrissen zu haben, ist eine solche Tat. Verwundert reibt sich die Augen, wer zwar noch nie von der „Schwarzen Botin“ gehört hat, wohl aber von deren Beiträgerinnen: Silvia Bovenschen, Hélène Cioux, Gisela Elsner, Elfriede Jelinek, Ursula Krechel, Christa Reinig, Ginka Steinwachs, um nur einige zu nennen. Was also machte diese Zeitschrift so attraktiv?

In den Augen von Vojin Saša Vukadinović, des Herausgebers der nun veröffentlichten Anthologie mit Texten aus der „Schwarzen Botin“, war sie „das bedeutendste feministische Periodikum in deutscher Sprache.“ Entstanden als Privatinitiative von Brigitte Classen (1944–2006) und Gabriele Goettle (geb. 1946), die sich 1974 in West-Berlin kennengelernt hatten und bald ein Paar wurden, erschien dieses „Avantgarde-Journal […] originär von 1976 bis 1980“. Classen hatte sich bereits 1972 als eine der ersten Frauen an der Homosexuellen Aktion West-Berlin (HAW) beteiligt, wo es einst auch eine Gruppe „schwuler Frauen“ gab. Die nach einem Studienaufenthalt in Frankreich dem strukturalistischen Denken verpflichtete Studentin wollte die bestehende Ordnung verändern, musste aber bald feststellen, dass die anderen Gruppenmitglieder ihre Vorstellung von einer lesbischen Vorhut nicht teilten: „Was wollten die?“, fragte die im thüringischen Wohlmuthausen Geborene und in Nordrheinwestfalen Aufgewachsene 1990 in einem Interview und gab die arrogante Antwort gleich selbst: „Die wollten eine Frau abschleppen […] Und das ist ja auch okay, aber ich geh doch lieber allein ins Bett als mit einer Frau aus Gelsenkirchen.“ Aber das war bevor sie die aus Aschaffenburg stammende Goettle kennenlernte.

Um ihrer alkoholabhängigen und mit ihrer Doktorarbeit über Alexis de Tocqueville nicht zurande kommenden Freundin eine Aufgabe zu geben, kam die damals noch Bildhauerei studierende Goettle – später sollte sie eine für ihre Reportagen geachtete Journalistin werden – auf die Idee mit der Zeitung. Regelmäßiges Schreiben, so der Hintergedanke, würde die Schreibblockade der Partnerin lösen, dennoch waren die 40 Seiten der ersten Ausgabe im Herbst 1976 ausschließlich mit von Goettle verfassten Texten angefüllt, wenn auch ohne Nennung der Autorin. Gedruckt wurde die im Untertitel als „Frauenhefte“ klassifizierte Zeitschrift in einer Auflage von 3000 Stück und war für 5 DM in Frauenbuchläden zu haben oder konnte abonniert werden. Der mysteriöse Titel war übrigens eine Verballhornung der süddeutschen Regionalzeitung „Schwarzwälder Bote“, ein Witz, den in Berlin allerdings kaum jemand verstand.

Von Anfang an war der intellektuelle Anspruch der neuen Zeitschrift groß. Insbesondere „dem klebrigen Schleim weiblicher Zusammengehörigkeit“ der Neuen Frauenbewegung, so Goettle 1976, sollte in der „Schwarzen Botin“ eine akademisch geschulte Auseinandersetzung mit philosophischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Themen entgegengesetzt werden, und dies durchaus auch mit polemischen Mitteln. „Die Schwarze Botin versteht sich als Satirikerin, damit ist sie unversöhnlich mit dem jeweiligen Objekt ihrer Satire: Humor geht ihr vollkommen ab. Sie versteht die Satire als Technik zur Entlarvung des falschen und schädlichen Denkens. Sie setzt voraus, daß die Leserinnen nicht in der Lage sind, Spaß zu verstehen, sondern Ernst zu machen. Wir erwarten nicht, daß unsere Botschaften Inhalt neuen Frauenfühlens werden, wir haben im Gegenteil die Absicht, von unserer Neigung zur Konsequenz den rücksichtslosesten Gebrauch zu machen“, hieß es in einer programmatischen Absichtserklärung, die der ersten Ausgabe vorangestellt war.

Grabenkämpfe mit anderen Feministinnen, insbesondere mit Alice Schwarzer, waren an der Tagesordnung, insofern Classen und Goettle sich „die rücksichtslose Bekämpfung jener Frauen“ auf die Fahnen geschrieben hatten, „welche die übrigen für dumm verkaufen wollen und sich das von ihnen auch noch bezahlen lassen.“  Als die „EMMA“ 1977 zum ersten Mal erscheinen sollte und vorab postuliert wurde, man wolle alle Frauen erreichen, titelte die „Schwarze Botin“ unter Anspielung auf die geplante Auflagenhöhe: „Im Januar sollen 200 000 Frauen penetriert werden.“ Erstaunlich ist, dass Lesbischsein in der „Schwarzen Botin“ nie thematisiert wurde, lediglich ein Artikel von Branka Wehowski befasste sich mit Homosexualität, allerdings mit deren männlicher Variante. Auf schwuler Seite wurde die Zeitschrift dagegen durchaus als „Stachel im Fleisch der als viel zu weich empfundenen Bewegung“ geschätzt, wie sich der Aktivist und Buchhändler Peter Hedenström erinnert.

Mit den Jahren verlagerte sich der polemische Ansatz immer mehr hin zum Literarischen, bevor Goettle Ende 1980 eigenmächtig der Zeitschrift ein Ende bereitete. Obwohl die beiden Frauen weiter in einer WG wohnten, war die ohnehin nie exklusive Beziehung zu Classen schon lange zu Ende, als Goettle mit der österreichischen Künstlerin Elisabeth Kmölniger eine neue Liebe und die Kraft zu einem Neuanfang fand. Also ließ sie im Dezember eine Ausgabe der Zeitschrift unter dem Titel „Die schwarze Idiotin“ erscheinen, die ausschließlich mit kirchenkritischen Zeichnungen ihrer neuen Freundin angefüllt war. Dies sollte deutlich machen, dass es nichts mehr zu sagen gebe, und den Endpunkt markieren. Trotzdem ging es nach einer kurzen Pause mit anderen Herausgeberinnen noch bis 1987 weiter mit der „Botin“, doch das liegt außerhalb des Interesses des Herausgebers.

Für die nun vorgelegte Anthologie wurden aus den 17 erschienenen Ausgaben der „Schwarzen Botin“ 61 Beiträge verschiedener Genres ausgewählt: Prosatexte und Essays finden sich ebenso wie dramatische Bruchstücke, Gedichte, Literatur-, Film- und Musikkritiken, aber auch ein Interview. Zwei Bilderstrecken mit Collagen Sarah Schumanns und Grafiken Elisabeth Kmölnigers vermitteln einen Eindruck von dem hohen künstlerischen Anspruch der Zeitschrift, in der auch die Surrealistin Meret Oppenheim publizierte. Manches ist ausgesprochen geistreich, so beispielsweise Elfriede Jelineks literarische Hinrichtung der trivialen Liedtexte von Udo Jürgens: „der fan und udo dürfen einander in schöner wechselwirkung genießen und ausquetschen, dies ist uns unablässig einzureden, damit der horcher am plattenteller bei seiner flucht in die sogenannte privatwelt auch ein bißchen gute musik mit nachdenklichen texten hören kann, die darf er nämlich, und auf die idee daß er sonst nichts dürfe soll er möglichst nicht kommen, unabänderlich? Unabänderlich.“ Anderes, wie das unkommentierte Zitieren antisemitischer Äußerungen von Ulrike Meinhof, löst heute nur noch Kopfschütteln aus. Doch die Leserinnen und Leser haben das Vorrecht zur kursorischen Lektüre und mögen selber entscheiden, welche der Texte sie zur Kenntnis nehmen wollen. Ich kann nur auf Bovenschen verweisen, die in ihrer hier wieder abgedruckten Kritik über Christa Reinigs Roman „Entmannung“ schreibt, „chronologisches Lesen ist bei diesem Buch, wie ich glaube, nur Pflicht für die Rezensentinnen“.

Eines konnte ich allerdings partout nicht herausfinden, ob nämlich die vielen, zum Teil sinnentstellenden Rechtschreibfehler in den diversen Texten einer bewussten Übernahme der ursprünglich veröffentlichten Gestalt zu verdanken sind oder nicht. Immerhin ist in einer editorischen Notiz davon die Rede, dass „Eigenheiten“ der einzelnen Beiträge bewusst gewahrt worden wären. Wie dem auch sei, den Nachnamen von Rahel Varnhagen als Vamhagen (S. 106) anzuführen oder im Namen von Hannah Höch (S. 196) schon einmal den Umlaut zu vergessen, ist meiner Meinung nach einfach nur eigenartig.




Die Schwarze Botin
Ästhetik, Kritik, Polemik, Satire 1976-1980
von Vojin Saša Vukadinović (Hg.)
Gebunden, 512 Seiten, 36,00 €
Wallstein Verlag

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