The Pass

TrailerDVD / VoD

Neu als DVD und VoD: Zwei gut gebaute junge Männer, nur mit Unterhosen bekleidet, zusammen in einem Hotelzimmer. Das Szenario, das auf den ersten Blick stark homoerotisch wirkt, bleibt zunächst heterosexuell geprägt. Schließlich sind die beiden Freunde seit kurzem Profifußballer, am nächsten Tag steht ihr erstes Spiel in der Champions League an. Schwulsein ist in diesem Beruf keine Option. Ben A. Williams hat für sein Langfilmdebüt „The Pass“ das gleichnamige Theaterstück von John Donnelly verfilmt, das im Jahr 2014, kurz nach dem medienwirksamen Coming-out des ehemaligen Premier-League-Players Thomas Hitzelsberger, in London über Monate vor ausverkauften Rängen gespielt wurde. Russell Tovey („Looking“) spielt wie zuvor am Royal Court Theatre die Hauptrolle. Ein intensives Psychogramm in drei Akten über Geheimnisse, Lügen und Heucheleien – und eines der letzten homosexuellen Tabuthemen.

Foto: Edition Salzgeber

Gute Freunde kann niemand trennen

von Frank Brenner

Erst im Jahr 2014 wagte es mit Thomas Hitzlsperger erstmals ein bekannter und erfolgreicher deutscher Profifußballspieler, sich öffentlich zu seiner Homosexualität zu bekennen. Als er sich zu diesem Schritt entschloss, lag sein letztes Spiel für die deutsche Nationalmannschaft allerdings schon fast vier Jahre zurück. Für aktive Profifußballer weltweit ist es nach wie vor noch geradezu ein Ding der Unmöglichkeit, in sexuellen Belangen zu ihrem wahren Selbst zu stehen. Im vergangenen Jahr hatte sich der Schweizer Regisseur Marcel Gisler ( „Die blaue Stunde“, „De Fögi isch en Souhund“) mit seinem Film „Mario“ auf eindrucksvolle Weise dieser Problematik angenähert. Er erzählte in seinem grandios gespielten Film von zwei Fußballspielern einer U21-Mannschaft, die kurz vor einem Aufstieg in die Profiliga stehen und sich ineinander verlieben. Anschaulich hatte Gisler die zahlreichen Fallstricke aufgezeigt, die sich aus solch einer Situation ergeben können. Selbst wenn die Beteiligten mit der größtmöglichen Diskretion an die Sache herangehen. Und Selbst wenn Familie, Spielerberater und sogar der Verein für Rückendeckung sorgen, wenn trotzdem etwas durchsickert. „The Pass“ weist zwar einige inhaltliche Parallelen zu „Mario“ auf, konzentriert sich aber ganz auf das Seelenleben seiner zentralen Figuren, das er in drei immer spannender werdenden Episoden seziert.

Die Handlung von „The Pass“ setzt im Jahr 2006 in einem Hotelzimmer in Bukarest ein, wo zwei Fußballer dem entscheidenden Spiel am nächsten Tag entgegenfiebern. Jason und Ade kennen sich schon von Kindesbeinen an und sind beste Freunde. Nur mit Unterhosen bekleidet, plündern sie die Hotelbar, tanzen zur Musik aus dem Discman und schauen sich ein Sexvideo an, das ein Mitspieler von sich gedreht hat. Die beiden diskutieren über Fehler beim Trainingsspiel, ereifern sich über die christliche Erziehung Ades, dessen Vater Prediger ist, und necken sich schließlich gegenseitig, indem sie ihre Gesichter mit Farbe beschmieren. Der Übergang von der heterosexuellen Kumpanei zum homoerotischen Liebesspiel ist fließend. Plötzlich kommt es zu einem flüchtigen Kuss zwischen den beiden. Es ist ein Kuss, der alles verändern wird, auch wenn sich die Wege von Jason und Ade nach dem entscheidenden Fußballspiel am nächsten Tag erst einmal für lange Zeit trennen werden.

Die zweite Episode von „The Pass“ ist fünf Jahre später in einer Luxussuite eines Hotels in London angesiedelt. Jason hat es mittlerweile zum hochdotierten Profifußballer gebracht, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Aber auch jede Menge Probleme, denn seine Ehe liegt in Scherben. Und mit Lyndsey hat er eine attraktive Frau mit auf sein Zimmer genommen, die insgeheim mehr im Sinn hat, als den Fußballstar ins Bett zu bekommen. Dafür hat sie in ihrer Handtasche eine versteckte Kamera installiert.

Der abschließende dritte Teil spielt, abermals fünf Jahre später, in einem Hotelzimmer in Manchester. Hier kommt es nach zehn Jahren zum ersten Wiedersehen mit Ade – und nun entladen sich endlich die Gegensätze zwischen Jasons penibel durchgeplantem öffentlichen Image und seinem wahren Begehren auf dramatische Weise. Schon im ersten Akt, der sich noch auf den spielerischen Leichtsinn zweier Jugendfreunde konzentriert, schwingt zwischen den Zeilen bereits das Dilemma mit, dem die jungen Männer ausgeliefert sind: Sie stehen nicht nur unter dem Erfolgsdruck, sich am Folgetag für eine künftige Profikarriere empfehlen zu müssen, sondern sind auch von allen Leuten aus ihrem Umfeld darauf gedrillt, schwule Intimitäten abartig zu finden. Als Ade beim Herumrangeln mit seinem Zimmergenossen einen Ständer bekommt, droht Jason damit, das sofort allen Mitspielern zu erzählen. Dass dies nur Frotzelei bleibt und Jason nicht wirklich zum Telefonhörer greift, liegt einzig und allein an der Tatsache, dass ihn dieses Herumrangeln mit Ade selbst erregt hat. Gleichwohl wird schon hier unmissverständlich klar, dass man nicht gleichzeitig homosexuell und Profifußballspieler sein kann.

Foto: Edition Salzgeber

In der zweiten Episode, 2011 in London, spricht Jason dieses Dilemma bei seiner Begegnung mit Lyndsey sogar offen aus, als diese zu ahnen beginnt, warum die Ehe des Fußballstars gescheitert ist: „Selbst, wenn ich schwul wäre – Schwulsein ist keine Option!“ Bei diesem Satz, der leider noch immer viel zu aktuell und zutreffend ist, schwingt eine Tragik mit, die schließlich im dritten Akt kulminiert.

Ben A. Williams, der für „The Pass“ für den BAFTA für den Besten Debütfilm nominiert wurde, gelingt es in seinem Film auf mitreißende Weise, die Spannung konsequent ansteigen zu lassen und das brisante Szenario Akt um Akt konsequent weiterzuentwickeln. Der offen schwule Schauspieler Russell Tovey, der sein Talent u.a. als Kevin Matheson in der Serie „Looking“ unter Beweis stellen konnte, glänzt hier in seiner bis dato reifsten und überzeugendsten Rolle.




The Pass
von Ben A. Williams
UK 2017, 88 Minuten, FSK 12,
englische OF mit deutschen UT,

Edition Salzgeber




DVD: € 16,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD (deutsche Fassung): € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)

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