Saturday Church

TrailerDVD / VoD

Neu als DVD und VoD: Der 14-jährige Ulysses, ein Halbwaise aus der Bronx, wird in der Schule gnadenlos gemobbt, weil er anders ist als seine Mitschüler. Als ihm seine streng katholische Tante nach einem Streit aus dem Haus wirft, findet er Zuflucht in der Saturday Church, einer Gemeinschaft von queeren Jugendlichen und Transgender-Sexworker*innen, die sich einmal pro Woche in einer nahegelegenen Kirche trifft. Hier lernt Ulysses auch die New Yorker Voguing- und Ball-Room-Szene kennen, deren früher Ausprägung Jennie Livingston mit „Paris Is Burning“ (1990) ein unvergessenes Denkmal gesetzt hat. Rajko Burchardt über einen Coming-of-Age-Film, der die wunderbaren eskapistischen Formen des Musicals nutzt, um eine berührende Geschichte vom Überwinden der Ausgrenzung, von nicht-heterosexuellen Wahlverwandschaften und queerer Selbstermächtigung zu erzählen.

Dancer in the Dark

von Rajko Burchardt

Vor Ulysses liegt ein beschwerlicher Weg. Der 14-jährige Schüler aus der Bronx tritt zwar keine gefährliche Irrfahrt an wie sein Namensvetter aus der griechischen Mythologie, muss aber zumindest im übertragenen Sinne manch Ungeheuer bezwingen. Daheim bekommt es der sensible Junge mit Tante Rose zu tun, die seinem kürzlich verstorbenen Vater das Versprechen gab, auf Ulysses und dessen Bruder aufzupassen. Weil ihr Neffe immer wieder heimlich in Mutters High Heels und Strumpfhosen schlüpft, hat ihn die bibelfeste und herrische Rose bereits länger im Visier. Er solle sich „wie ein Mann“ verhalten, fordert sie ihn auf, immerhin mache die Familie „schon genug“ durch. Von Ulysses wird also erwartet, dass er nicht nur den Tod seines Vaters verarbeitet, sondern sich zugleich selbst verleugnet. In diesen Anfangsmomenten erzählt „Saturday Church“, das Langfilmdebüt des Regisseurs und Drehbuchautors Damon Cardasis, den familiären Raum als fortlaufendes Entwicklungshindernis. Es ist ein Ort, der kein Zuhause ist.

In der High School warten andere Ungeheuer auf Ulysses. Seine Mitschüler schikanieren ihn täglich, er muss homophobe Sprüche über sich ergehen lassen und seine Klamotten nach dem Sportunterricht aus der Toilette fischen. Solchen wirklichkeitsnahen Erniedrigungen stellt der Film recht unvermittelt einen magischen Realismus entgegen: In Gedanken gleitet Ulysses tanzend durch Umkleidekabinen und singt über die mobbenden Jocks, dass sie ihn eines Tages „sehen, kennen und lieben“ werden. Das ist eine bezaubernde, den Kitsch umarmende Geste: entschlossenes Singen und Tanzen mit den Peinigern als positive Vergeltungsfantasie. Filmische Momente wie diese gehen über musikalische Akzente hinaus, vielmehr gerinnt die Form des Musicals hier zur queeren Selbstermächtigung: Gesangeinlagen erwachsen aus leisen Momenten des Begehrens, die sich als Sehnsüchte und Tagträume darstellen. Sie haben keinen inszenatorischen Selbstzweck, sondern sind ausschließlich den inneren Zuständen der Figuren verpflichtet.

Einmal mehr kann es nur erstaunen, wie interessant ein Film werden kann, wenn die Menschen darin plötzlich zu singen und tanzen beginnen. In „Saturday Church“ bewahren die intimen Musical-Momente den mit allerhand schweren Themen beladenen Film nicht zuletzt davor, in didaktische Problemvermittlungsstrategien abzudriften. So gibt es zum Beispiel eine Aussprache zwischen Mutter und Sohn, die als gesungene Variante gleich erheblich weniger klischeehaft wirkt, als sie es vielleicht ist. Im besten Sinne eingängig präsentieren sich die Songs als melancholische Popballaden, die ohne Stilisierungen auskommen und den Figuren Erleichterung vom tristen Alltag verschaffen. Eher genreunüblich scheint die Kamera wie erstarrt von den leidenschaftlichen Gefühlsausschüttungen der Figuren – und auch im Schnitt, dem entscheidenden rhythmischen Instrument von Musicals, hat Damon Cardasis sich offenbar bewusst zurückgenommen. Alle Songdarbietungen machen einen ungewöhnlich entschleunigten Eindruck.

Foto: Edition Salzgeber

Umso mehr versetzen die Musikstücke jedoch die Hauptfigur in Bewegung. Als Tante Rose ihm erneut eine weltfremde Predigt hält, sucht Ulysses das Weite. In Greenwich Village (Ausstieg natürlich an der Station Christopher Street!) trifft er auf junge Queers, die ihn zur Saturday Church mitnehmen, dem wöchentlichen LGBT-Programm einer nahe gelegenen Episkopalkirche. Insbesondere homosexuellen und trans* Jugendlichen, die obdachlos sind oder als Sex Worker*innen arbeiten, bietet die Unterkunft vorübergehende Sicherheit, hier wird gemeinschaftlich Essen zubereitet, getanzt und getratscht. Bemerkenswert ist, dass der Film eine Art der sexuellen und sozialen Unterdrückung, die vom Glauben gespeist wird, und die Fürsorglichkeit religiöser Institutionen widerspruchsfrei nebeneinander stellt. Vielleicht bleibt daher auch das persönliche Verhältnis des Protagonist*innen zum Glauben unklar. Eine Szene zeigt Ulysses als skeptisch blickenden Messdiener, doch ein schlechtes Wort über die Kirche verliert er im Film nie.

Die Saturday Church erweist sich als Ort des gemeinschaftlichen Rückzugs und der Autonomie seiner Schützlinge. In den Kirchenräumen bereiten sie sich vor allem auf die beinahe ritualistisch begangenen „Vogue Nights“ vor, die zu den bekanntesten Events der New Yorker Ballroom-Community gehören. Den szenehistorischen Kontext der queeren Underground-Bälle mit ihren „Trophäenläufen“ sowie unterschiedlichen „Häusern“ und deren Repräsentanten setzen die Macher des Films als bekannt voraus. Erstmals zum Gegenstand einer Kinoerzählung wurden die mehrheitlich von Schwarzen und Latinos bestrittenen Wettbewerbe in Jennie Livingstons bahnbrechendem Dokumentarfilm „Paris Is Burning“ (1990), der sich einer Subkultur innerhalb von Subkulturen annäherte. Madonna griff die Ballroom-Events anschließend in ihrem Song „Vogue“ (1990) auf und leistete damit der Popularisierung des gleichnamigen Tanzstils Vorschub. Mit „Pose“ widmet sich momentan eine ganze TV-Serie dem Phänomen, entwickelt wurde sie für den US-Kabelsender FX unter anderem von Ryan Murphy („Glee“).

In „Saturday Church“ geht es allerdings nicht um die Demonstration von Können. Der Film interessiert sich für jene bedingungslosen Verwirklichungsideen, die als Bewegungs- und Kleidungscodes einen schillernden Ausdruck finden. Im Dunstkreis der Ball-Kultur feiert „Saturday Church“ das Leben selbst. Binnen kurzer Zeit durchläuft Ulysses ein Coming-of-Age-Programm extremer Erfahrungen samt erster Liebe und queerer Freundschaften, dem Rausschmiss von Zuhause und der Erfahrung von Prostitution. Die ästhetischen Komprimierungen des Musicals (ein Song für Hundert Gefühle) fangen dramaturgische Schlenker ein. „Du weißt, dass du schön bist, oder?“, fragt Raymond seinen Freund Ulysses, der sich endlich sorgenlos in Schale werfen kann. Diese Reifung der Hauptfigur zieht sich als visuelles Leitmotiv durch den ganzen Film. Einmal stiehlt Ulysses ein Pornoheft und sieht einen prächtigen Blumenstrauß, der kurz zuvor verwelkt war. Am Ende tanzt er buchstäblich erblüht durch ein Meer von Blättern. So wunderbar vordergründig dürfen nur Musicals sein.




Saturday Church
von Damon Cardasis
UK 2017, 82 Minuten, FSK 12,
englische OF mit deutschen UT,

Edition Salzgeber

Hier auf DVD.

vimeo on demand

VoD (deutsche Fassung): € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)

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