Safe (1995)
Trailer • DVD/VoD
Aids-Metapher, feministisches Gegenkino, Pathogen-Thriller: Seit seiner Premiere im Jahr 1995 wird „Safe“ vom New-Queer-Cinema Wegbereiter Todd Haynes mit Leidenschaft analysiert und gedeutet. Fest steht: Der Film ist ein hermetisch verriegeltes Außenseiter:innen-Porträt, das um ein nicht greifbares Geheimnis kreist – und um eine Hauptfigur, die erst in totaler Isolation zur Selbstbestimmung findet. Maximilian Breckwoldt über einen Film, der Erlösung darin sieht, sich von den Erwartungen anderer zu befreien. Auch von denen des Publikums.

Bild: Criterion
Frau ohne Eigenschaften
Etwas stimmt nicht mit Carol White. Es beginnt mit einem zurückhaltenden Niesen und verkrampften Händen. Wenig später folgt ein Hustenanfall, während der Smog eines vorfahrenden Autos ihre Fahrerkabine erfüllt. Beim Stylen der neuen Dauerwelle läuft ihre Nase: Blut. Schließlich kollabiert Carol in einer chemischen Reinigung. Doch die Ärzte können nichts finden und Carol wird schwächer. Tagsüber bleibt sie im Bett und kann nachts doch nicht schlafen. Sie wandert ziellos durch die vielen Zimmer und den Garten der Villa, die sie mit ihrem Mann und dessen Sohn bewohnt. Einmal richtet dabei ein vorbeifahrendes Polizeiauto seinen Scheinwerfer auf sie. Ob alles okay sei? Ist es nicht. Carol hat keine Luft zum Atmen.
Es ist das Jahr 1987 und eine Krankheit ist in aller Munde. Ihr Name? Nicht etwa Aids, jedenfalls nicht vordergründig. Es ist die Moderne in all ihren toxischen Ausprägungen. „Are you Allergic to the 20th Century?“ fragt ein Aushang im Aerobic-Studio und bietet Carol eine Erklärung für ihre sonst unerklärlichen Symptome. „Umwelterkrankungen“ heißt das im Late-Night-TV. Carol beginnt zu recherchieren, findet eine Selbsthilfegruppe. Ihr urbanes Leben wird zur Herausforderung, das Haus verlässt sie nur noch mit mobilem Sauerstofftank. Die vermeintliche Rettung: eine Kommune Erkrankter auf einer naturbelassenen Farm nahe Albuquerque, geleitet vom charismatischen New-Age-Guru Peter. Dieser predigt Selbstliebe als einzigen Weg zur Genesung. Er sei das beste Beispiel: Kerngesund lebe er dank der Kraft positiver Gedanken ein erfülltes Leben mit HIV.
Viel wurde über Todd Haynes’ „Safe“ in den mehr als dreißig Jahren seit seiner Premiere in Sundance geschrieben. Roger Ebert las den Film als Pathogen-Thriller, den es nicht interessiere, was Carol nun wirklich fehle. Andrew Scahill verstand ihn als Aids-Metapher und als Kritik an den kultischen Strategien der internationalen Selbsthilfe-Subkultur – denn der verfielen in dieser Zeit eben auch viele Menschen mit HIV, die angesichts legislativer Ignoranz und humanmedizinischer Ratlosigkeit verzweifelt auf Heilung hofften. Und natürlich reflektiert „Safe“ auch die Beziehung zwischen Carol als Frau und ihrer Vorstellung, das Zentrum ihres Heims bilden zu müssen – und wie sie dieser Druck prägt. Es ist kein Zufall, dass Carol auf die Frage nach ihrem Kinderzimmer antwortet, sie erinnere sich nur an dessen gelbe Tapete.
„Safe“ ist Todd Haynes zweiter Spielfilm und, typisch für den Regisseur, ein hermetisch verriegeltes Außenseiter:innen-Porträt, das um ein nicht greifbares Geheimnis kreist. So wahrt die Kamera stets Distanz zu Carol, beobachtet sie aus der Ferne, mit einem fast wissenschaftlich scheinenden Interesse. Dem Publikum wird es bewusst schwergemacht, sich mit der Protagonistin zu identifizieren. Julianne Moore spielt die Figur dabei wie einen Hauch – eine passive Hausfrau, die gern Milch trinkt, und deren säuselnde Stimme keinen Hinweis auf ihr Innenleben zulassen möchte. Carol bewegt sich traumwandelnd durch die höhlenartigen Zimmer der Villa, wie auch durch die sonnendurchflutete Wüstenlandschaft um Albuquerque. Trotz ihres scheinbaren Drangs angepasst zu erscheinen, wirkt sie immer und überall deplatziert. Ihr Ehemann, ihre Ärzte, der Guru und die Mitglieder der Kommune versuchen sie wieder und wieder zu überzeugen, dass sie ihr helfen können. Doch es wird nur schlimmer.
Ließen sich Carols körperliche Reaktionen in diesem Sinne tatsächlich als Symptom einer Umwelterkrankung verstehen? Ausgelöst nicht etwa durch chemische Verschmutzung, sondern durch ein Umfeld, das ihr vorgibt, wer sie zu sein hat? Ein Körper der gegen die Versuche rebelliert, ihn in eine gesellschaftlich akzeptable Form zu bringen, wie bei Kafka oder Cronenberg.

Bild: Criterion
Mit dem experimentellen Frühwerk Haynes‘ eint „Safe“ ein kritischer Blick auf die Pathologisierung von Andersartigkeit innerhalb vermeintlich vertrauenswürdiger Strukturen: so wie Krankheit schnell Isolation bedeutet, als Folge der Infektionsangst einer Gesellschaft. Doch in ihrem Status als Ausgestoßene finden Haynes‘ Protagonist:innen erst die Freiheit, selbstbestimmt leben zu können – wie Carol, die sich aus ihrer passiven Haltung emanzipiert. Für Haynes steht fest: Krankheit ist ein Symptom. Und das gesellschaftliche Ringen um Kontrolle über das Individuum ist ihr Ursprung.
Haynes erster Langspielfilm „Poison“ (1991) etwa besteht aus einer konfrontativen Montage dreier stilisisch sehr unterschiedlicher Kurzfilme: „Hero“, im Stil einer Achtziger-Tabloid-TV-Show gedreht, zeichnet das Bild eines Siebenjährigen, der seinen gewalttätigen Vater erschießt, aus dem Fenster klettert und in den Himmel fliegt; „Horror“, eine in Schwarz-Weiß gedrehte Pulp-Geschichte, folgt einem Chemiker, der die Essenz des menschlichen Sexualtriebs synthetisiert und dabei eine ansteckende Krankheit entfesselt; „Homo“, angelehnt an die traumhaften Vorstellungswelten Jean Genets, ist ein Gefängnisfilm und bildet das Begehren eines Mannes gegenüber einem Mitgefangenen ab – der seine Annäherungsversuche abweist, um selbst nicht wieder zum Opfer zu werden.
Mit der Zeit beginnen sich die drei Erzählebenen zu überschneiden. Die Audiospur der einen Geschichte überlagert das Bild der anderen, Themen spiegeln sich. Immer geht es um Formen von Begehren, die korrigiert werden sollen, wenn sie nicht in ein reproduktives Regime passen. Und nicht allein die Geschichte des Chemikers stellt eine medizinische Perspektive auf den Ausdruck dieser Begehrensstrukturen dar: Auch das scheinbare Verlangen des Siebenjährigen nach Betsrafung wird von der Schulpsychologin analysiert. Der Häftling muss gegenüber den Wärtern seine sexuellen Beziehungen zu Männern offenlegen, die sie in seiner Akte vermerken.

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Freiheit wird zur Folge eines nicht aushaltbaren äußeren Drucks – die Möglichkeit zur radikalen Selbstbestimmung im Moment selbstgewählter Isolation: ein Kind, das in den Himmel fliegt; ein von Krankheit gezeichneter Doktor, der von seinem Balkon in eine gaffende Menge springt; ein Mann, der lieber auf der Flucht stirbt, als im Gefängnis zu bleiben.
Und wie steht es um Carol White? Obwohl sie mehrere Monate unter Anweisung ihres Gurus versucht, sich selbst zu heilen, verschlechtert sich ihr Zustand. Sie ist überzeugt, es läge am nahegelegenen Highway und dem Wind, der Aerosole in Richtung ihres Bungalows trägt. Sie besucht jedes Seminar, jeden Liederkreis und scheint, zumindest vordergründig, ernsthafte Verbindungen in der Gemeinschaft aufzubauen. Sie adaptiert die Sprache, die ihr vorgegeben wird, und referiert bei einem Besuch ihres Mannes über den Zusammenhang von Selbstliebe, Eigenverantwortung und einer Umwelt, die krank macht.

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Zum Abschied lässt sie sich dann nur widerwillig von ihm umarmen. Sein Parfüm bereite ihr Kopfschmerzen, sagt sie, dabei trägt er gar keins. Ihre Symptome treiben Carol weiter in die Isolation. In letzter Konsequenz bezieht sie einen abgeriegelten Bunker. Die Wände sind mit Porzellan verstärkt, ein eigenes Lüftungssystem sorgt dafür, dass nichts hereinkommen kann. So existiert Carol allein in der Dunkelheit abseits all jener Personen, die versuchen, ihrem Leben Sinn und Form zu geben. Die vorgeben, ihre Krankheit zu verstehen und sie anweisen, sich zu bessern. In der letzten Szene erhebt sie sich von ihrem Feldbett und tritt vor den Spiegel, der sie zum Schluss endlich in Großaufnahme zeigt. Allein mit sich selbst, die Augen fest auf die Zuschauer:innen gerichtet, flüstert sie: „I love you… I love you… I love you“.
So endet der Film und befreit Carol endlich von den erwartungsvollen Blicken seines Publikums, und dessen falscher Hoffnung auf eine Resolution.

Safe
von Todd Haynes
US 1995, 119 Minuten, FSK 16,
englische OF mit deutschen UT,