Lola und das Meer

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Ab jetzt im Salzgeber Club: Lola ist 18, hat pinke Haare und macht gerade ihr Diplom als Veterinär-Assistentin. Als ihre Mutter stirbt, sorgt ihr Vater dafür, dass sie die Trauerfeier verpasst, weil er Lolas Trans-Outing vor zwei Jahren noch immer nicht annehmen kann. Doch Lola ist entschlossen, ihrer Mutter den letzten Wunsch zu erfüllen und deren Asche an der belgischen Küste zu verstreuen. Widerwillig machen sich Vater und Tochter auf die gemeinsame Reise. Für ihre einfühlsame Darstellung wurde Hauptdarstellerin Mya Bollaers als erste trans Person mit dem belgischen Filmpreis Magritte ausgezeichnet. Ebenso eindrucksvoll spielt für unsere Autorin Barbara Schweizerhof aber auch der französische Kinostar Benoît Magimel („Die Klavierspielerin“) – als Lolas Vater, den die Tochter nach und nach aus der toxisch-männlichen Reserve lockt.

 

Foto: Salzgeber

Alles über meinen Vater

von Barbara Schweizerhof

Als erstes fallen ihr die rosa gefärbten, langen Haare ins Auge. Sie erinnern tatsächlich an eine andere Lola – die von Franka Potente aus Tom Tykwers „Lola rennt“ (1998). Mit ihr hat die junge Skaterin in „Lola und das Meer“ noch etwas anderes gemein: den Bewegungsdrang. Die ersten Bilder von Laurent Michelis Film zeigen Lola in Zeitlupe auf ihrem Board. Sie fliegt gleichsam durch die Luft – mit einem konzentrierten, leicht entrückten Ausdruck im Gesicht, mit einem kraftvollen Körper und grazilen Armen, die sich tänzerisch in der Luft bewegen. Aber schon in diesen ersten Szenen, die eigentlich Lebensfreude und Agilität signalisieren, gelingt es der jungen belgischen Schauspielerin Mya Bollaers ihrer Figur zugleich einen Aspekt des Gehemmtseins und Introvertierten zu verleihen. Man spürt als Zuschauer*in, dass diese Lola es nicht leicht hat, dass sie sich behaupten muss.

Lola wohnt in einem Heim. Warum das so ist, wird klar, als sie zur Trauerfeier ihrer soeben verstorbenen Mutter nach Hause fährt. Nicht nur, dass der Vater sie dazu gar nicht eingeladen hat. Er will sogar, dass sie sofort wieder geht. „Schämst du dich nicht, derart verkleidet hier zu erscheinen?“, herrscht er sie an. Und aus den wenigen, zornigen und bruchstückhaften Dialogsätzen zwischen den beiden entsteht ein komplexes Bild von Lolas Herkunft und Gegenwart: Ihr Kampf um die Transgender-Identität führte zum Bruch mit dem Elternhaus.

Es war der Vater, der sie voller Unverständnis und Ressentiment mit 16 aus dem Haus warf, woraufhin ein Freund ihr dabei half, das richtige Heim und die Unterstützung durch Sozialarbeiter zu finden. Zu ihrer Mutter pflegte Lola weiter Kontakt, den diese aber vor ihrem Ehemann verheimlichte. Der Film beginnt mit dem Tod der Mutter ein. Dieser bringt nun Vater und Tochter zwar zusammen, aber auf antagonistische Weise: Sie sprechen sich gegenseitig das Recht zu trauern ab – und streiten bald bitter um den Verbleib der Urne. Mehr durch Zufall als durch Planung kommt es schließlich dazu, dass sie gemeinsam ans Meer fahren, um dort die Asche zu verstreuen.

„Lola und das Meer“ ist nach „Even Lovers Get the Blues“ (2016) der zweite Film des belgisches Regisseurs und Drehbuchautors Laurent Micheli. Er packt darin ein paar eher klischeehafte Elemente zusammen: das tapfere Transgender-Mädchen, der verständnislose Vater, der sich „beschämt“ fühlt, nun keinen Sohn mehr als eine Art Lebensleistung vorweisen zu können, die offenbar grundgütige, wenn auch in ihrem Bekenntnis zu Lola ängstliche Mutter (es gibt im Film keine direkten Szenen mit ihr), der gemeinsame Road-Trip, von dem man weiß, dass er Vater und Tochter auf die eine oder andere Weise zusammenbringen wird. Andererseits aber wird das schematische Handlungsskelett mit einer solchen Menge an authentischen und stimmungsreichen Details aufgefüllt, dass das Ganze zu einer einzigartigen und fesselnden Erzählung wird.

Foto: Salzgeber

Um das zu erreichen, verschafft Micheli seinen Hauptdarsteller*innen den nötigen Raum. Wobei sich „Raum“ hier unmittelbar in Zeit übersetzt – in die Länge, mit der die Kamera auf den Gesichtern verweilt, die Aufwallung von Zorn genauso geduldig verfolgend wie die Entstehung eines Lächelns. Dass Vater und Tochter nicht gut miteinander sprechen können, hat auch mit der sozialen Schicht zu tun, aus der sie kommen. Sportlehrer habe er werden wollen, verrät er Lola an einer Stelle während der Fahrt, als das Bestehen bestimmter Abenteuer die beiden in einen Zustand des Waffenstillstands versetzt hat. Aber als die Mutter schwanger geworden war, hätte er eben doch das väterliche Geschäft, einen Handwerker-Laden, übernehmen müssen. Lola lacht ihn dafür aus, aber ohne Bösartigkeit: Sie könne in ihm so gar keine Sportlehrer-Figur erkennen. Dass er sich ihren sanften Spott gefallen lässt, geht tiefer, als es im Wortgeplänkel zum Ausdruck kommt: Über Körper und Körpergefühl zu sprechen, ist zwischen ihnen tabu, der Scherz über seine offensichtliche Unsportlichkeit ein erster vorsichtiger Eisbrecher.

Mya Bollaers ist wunderbar als Lola. Sie spielt mit einer Durchsichtigkeit, die die Emotionen ihrer Figur deutlich macht, ohne dass sie in Worte gefasst werden müssen. Die junge trans Schauspielerin wurde verdientermaßen für ihre Darstellung bei den Magrittes, den belgischen Oscars, als „Vielversprechendstes Nachwuchsdarstellerin“ ausgezeichnet und markierte damit in Belgien einen Meilenstein. Wie auch, dass „Lola und das Meer“ mit sieben Nominierungen 2019 zu den drei meistausgezeichneten belgischen Filmen des Jahres gehörte. Dass Benoît Magimel als Darsteller des Vaters dabei leer ausging, erscheint nicht ganz richtig. Denn nicht nur ist es sein Gegenspiel, das Bollaers ganz buchstäblich strahlen lässt. Magimels Auftritt ist das zentrale Element, das dem Film Energie und Spannung gibt.

Foto: Salzgeber

Was für den Film als Ganzes gilt, trifft auf seine Figur im Besonderen noch viel mehr zu: Er beginnt als Klischee des homo- und transphoben Mannes, der ablehnt, was er nicht kennt, und die Schuld dafür ganz bei der Trans-Tochter sieht, die ihn gewissermaßen um seinen Sohn und damit auch um seinen Stolz gebracht hat. Aber Magimel stattet dieses Beispielsstück toxischer Männlichkeit mit einer individuellen Geschichte aus und verleiht ihr so authentische, nachvollziehbare Dimensionen. Im Ungeschick seines Umgangs mit Anderen – und seien es auch „nur“ die flämischsprechenden belgischen Landsleute an der Küste – erkennt man den Mann aus einfachen Verhältnissen, der im Leben dem folgte, was man von ihm erwartet hat, und reflexhaft dasselbe von anderen verlangt. Die Trauer, die er als Witwer empfindet, und die Tatsache, dass er dieses Gefühl bei seiner entfremdeten Tochter wiedererkennt, öffnet ihn nach und nach dafür, Lola als diejenige zu sehen, die sie ist. Einem echten Happyend mag seine Sturheit im Wege stehen, aber gleichzeitig scheint genau diese Sturheit auch das zwischen Vater und Tochter Erreichte zu sichern. Auf sehr eindringliche Weise bleibt „Lola und das Meer“ damit als zugleich melancholischer und optimistischer Film in Erinnerung.




Lola und das Meer
von Laurent Micheli
BE/FR 2019, 90 Minuten, FSK 12,

französische OF mit deutschen UT,
Salzgeber

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)


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