Garth Greenwell: Reinheit

Buch

Nach seinem gefeierten Debütroman „Was zu dir gehört“ lässt US-Autor Garth Greenwell seinen autobiografisch geprägten Ich-Erzähler erneut durch die sexuellen und emotionalen Untiefen des schwulen Lebens in der bulgarischen Hauptstadt Sofia geistern – diesmal im Erzählband „Reinheit“, der in der deutschen Übersetzung von Daniel Schreiber bei Claassen erschienen ist. Greenwell selbst sagt über das Buch, er habe etwas schreiben wollen, das gleichzeitig „hundert Prozent pornografisch und hundert Prozent hohe Kunst“ sei. Tilman Krause schätzt ein, inwieweit das gelungen ist, und enthüllt zugleich den verletzlichen Kern des Textes, den viele Kritiker im Angesicht seiner Drastik aus dem Blick verlieren.

Der ominöse Fetisch

von Tilman Krause

Ein Amerikaner in Sofia. Nein, das wird kein Musical werden wie einst „Ein Amerikaner in Paris“ (1951). Denn in diesem Buch geht es nicht unbeschwert und fröhlich zu, obwohl hin und wieder schon mal Momente des Glücks aufscheinen. Der traurige Grundtenor liegt vor allem an dem Ich-Erzähler, den der 1978 im US-Bundesstaat Kentucky geborene Garth Greenwell seinen Lesern nun schon zum zweiten Mal präsentiert. Und wieder erlebt man ihn in Sofia – of all places!

Dieser Ich-Erzähler ist ein Einzelgänger, Grübler, kurzum einer, der es mit sich schwer hat. Ein schwuler Außenseiter eben, wie man ihn in unserer Proud-to-be-gay-Epoche eigentlich nur noch selten in der erzählenden Literatur antrifft. Aber er ist nicht nur in dieser Hinsicht aus der Zeit gefallen. Er hat auch ein merkwürdig altertümliches „Amtsverständnis“. Er ist nämlich Lehrer am amerikanischen Gymnasium in Sofia, eine Respektperson, die allgemein als „Gospodar“, als Herr und Meister, angesprochen wird. Versteht sich von selbst, dass er strikt zwischen seinem beruflichen und privaten Leben unterscheidet. Von seiner Homosexualität dürfen Schüler und deren Eltern nichts wissen.

Und damit sind wir schon mittendrin in der ersten dieser Geschichten. „Mentor“ ist sie überschrieben, was ja ebenfalls ein klarer Hinweis auf das Selbstverständnis dieses Ich-Erzählers ist. „Mentor“ schildert einfühlsam und mit viel Sinn für Sofioter Lokalkolorit das Gespräch zwischen Lehrer und Schüler in einem Café. Doch, und damit kommt eben auch sofort die schwule Thematik ins Spiel, geht es nicht etwa um schulische Leistungen. Der junge Mann, mit dem den Lehrer eine special relationship verbindet, die aber keineswegs im Erotisch-Sexuellen liegt, vielmehr im gemeinsamen Interesse an der Literatur, will über etwas anderes mit dem Pädagogen reden. Und er hat sichtlich Mühe, auf das für ihn überaus heikle Thema zu kommen. Er hat nämlich soeben seine Homosexualität entdeckt!

Garth Greenwell – Foto: Max Freeman

Und nun kommt gleich ein weiterer schwuler Topos ins Spiel, der einen eher in die Welt von gestern zu führen scheint als in die Gegenwart: Das Objekt der Begierde des jungen „G.“ (alle Personen hier haben nur ein Initial, wohl um die vielleicht reale Person, die dahintersteht, zu schützen) – das Objekt der Begierde von G. also ist hetero. Lange war es sein bester Freund, aber nun hat es sich in ein Mädchen verliebt, und prompt erlischt sein Interesse an dem armen G. Der gibt sich nun dem Weltschmerz hin.

Er kann sich einfach nicht vorstellen, jemals einen anderen zu lieben als seinen Hetero-Kumpel – wie manche Menschen mit 18 eben so sind. Als sein „Mentor“ zart andeutet, dass es noch andere Männer in seinem Leben geben wird, und dass man sie im Ausland, wohin G. demnächst zum Studium aufbricht, leichter als in Sofia kennenlernen kann, verlässt G. empört über so viel Frivolität das Lokal. Zerknirscht muss der sogenannte Mentor sich eingestehen, dass er seiner Rolle nicht gerecht geworden ist.

Hier bündeln sich, wie man im Laufe der Lektüre feststellen wird, prismenartig die Motive dieses in Moll getauchten Erzählbandes: Sofia als repressive, dazu, wie Greenwell rundheraus schreibt, „dreckige“ Stadt, Homosexualität als für die Betroffenen schwer zu akzeptierende, so gut wie nie zu glücklichen Beziehungen führende Lebensform sowie schließlich eine Sehnsucht nach dem, was dem gesamten Buch den Titel gibt: „Reinheit“.

Wieder so ein altmodisches Wort, auch wenn im Englischen „Cleanness“ nicht jenes idealistische Bildungsideal mitschwingt, auf das dieses Wort im Deutschen anspielt: „Rein bleiben und reif werden“ lautete eine zentrale Losung der Jugendbewegung. Eine ganze Welt von utopisch hochgestimmten Lebensentwürfen, spirituell, wenn nicht sogar religiös grundiert, sprach sich darin aus, die tief eingelassen in die deutsche DNA ist. Und das scheint, obwohl deutsche Geistesgeschichte offenbar für Greenwell keine Rolle spielt, auch die mentale Verfasstheit zu sein, aus der dieser skrupulöse Autor schöpft und die er auch seinem Protagonisten, dem Ich-Erzähler, angedeihen lässt.

Den kennen wir, wie oben angedeutet, bereits aus dem Roman „Was zu dir gehört“. Der machte Greenwell 2016 in Amerika mit einem Schlag bekannt. Und Hanser Berlin, der Verlag, der das Buch 2018 dem deutschen Publikum vorstellte (auch schon in der kongenialen Übersetzung von Daniel Schreiber, der nun „Reinheit“ übertragen hat), weihte mit der Präsentation von „Was zu dir gehört“ sogar seine Berliner Repräsentanz am Checkpoint Charlie ein! Aber dies nur nebenbei als Fußnote zur deutschen Rezeption, die ungewöhnlich stark war.

Doch zurück zu „Was zu dir gehört“ selbst. Im Kern erzählte das Buch vom on and off der Liebe seines Helden zu einem Sofioter Stricher. Aber abgesehen von den eindringlichen Schilderungen einer Gesellschaft, die wahrscheinlich so versehrt wie keine andere in Osteuropa auf den Trümmern des Sozialismus gewachsen ist, brachte der Autor hier eben auch auf subtile Weise ein Thema ins Spiel, das nun in „Reinheit“ wieder auftaucht, wenngleich auf mehrere Konstellationen verteilt: die Verfallenheit an einen Menschen, mit dem zu leben im Grunde unmöglich ist.

Im Mittelpunkt von „Reinheit“ stehen jedoch drei Texte, in denen schwule Liebeserfüllung zumindest für kurze Zeit realisierbar scheint. Gemeint ist die Beziehung des Ich-Erzählers zu dem jüngeren R. Aber ob es am Altersunterschied liegt oder an der Orientierungslosigkeit von R., so richtig stabil erscheint das Glück von Anfang an nicht, wenn der Ich-Erzähler schon bald ins Sinnieren kommt und feststellt: „Wir können uns nie der Authentizität unseres Begehrens sicher sein, denke ich, der Reinheit in Bezug auf uns selbst“. Da taucht er zum ersten Mal in diesem Buch auf, der ominöse Fetisch Reinheit. Und als die Beziehung in ihr Endstadium geht (ausgerechnet nach einem gemeinsamen Opernbesuch, denn der Ich-Erzähler ist als bildungsbürgerlich geprägter Schwuler natürlich Opernfan; R. hingegen ist diese Sphäre fremd), wird der Ältere auch ein bisschen konkreter: Irgendwie vermisst er seine Freiheit. Und außerdem braucht er in sexueller Hinsicht eigentlich etwas „Brachialeres“.

Was er damit sagen will, verkünden wortreich zwei Geschichten in diesem Buch, die von der Kritik bisher am stärksten hervorgehoben wurden. Und in der Tat sind sie in ihrer krassen Schilderung von S/M-Praktiken ziemlich ungewöhnlich und auch ausgesprochen überraschend, wenn man bedenkt, dass sich der Ich-Erzähler sonst eher als zaudernden, hypersensiblen Zeitgenossen einführt. Doch in seiner Lust an der Unterwerfung ist ihm keine Demütigung und kein physischer Schmerz zu viel. Aber bei aller Begeisterung für eine Beschreibung von extremer Sexualität, die das Kunststück fertigbringt, an keiner Stelle pornografisch zu werden, übersieht die Mehrzahl der Bewunderer, dass sowohl die Szene, die den Ich-Erzähler als Masochisten, wie auch die, welche ihn in der Rolle des Sadisten zeigt, vor dem Hintergrund einer tiefen Verzweiflung beschrieben sind.

Das Bedürfnis nach körperlicher Qual antwortet in „Reinheit“ – im Zufügen wie im Erleiden – offenbar auf eine tiefe Traumatisierung in der Kindheit, vor allem durch einen autoritären, gewalttätigen Vater. Das wird aber nur angedeutet. Entscheidend ist, dass die erste Szene abgebrochen wird, weil der Erzähler auf einmal „aufwacht“ und das aggressive Rollenspiel doch nicht mehr erträgt. Die zweite Szene endet mit einem heftigen Tränenausbruch. Beides soll wohl signalisieren, dass der Ich-Erzähler auch durch das SM-Szenario letztlich nicht glücklich wird. Und dass auch dieser Versuch, die vielbeschworene „Reinheit“ auf dem Wege der absoluten Erniedrigung, beziehungsweise des absoluten Erniedrigtwerdens, herzustellen, nicht gelingen kann.

Trotzdem wird klar: Der Held ist nicht im Stande, davon zu lassen. Er wird „es“ wieder tun. Er wird bei allem Harmonie- und Zärtlichkeitsbedürfnis zwanghaft das Gewalttätige begehren. Das ist starker Tobak für ein schwules Selbstbild, demzufolge emanzipierte Homosexuelle inzwischen Herr im eigenen Haus sind, was ihre Triebe und ihr Sexleben angeht. Nein, wir sind es nicht, scheint dieses streckenweise so bedrückende, dann aber auch wieder so zartfühlende Buch zu sagen. Und darin liegt vielleicht ein nicht geringer Verdienst: Daran zu erinnern, dass die „Hunde im Souterrain“, als die Thomas Mann die eigene Homosexualität erlebte, gewaltig an der Kette zerren können, an die man sie gelegt hat, Dämonen gleich, die auch mit den Instrumenten der Zivilisation nur schwer einzuhegen sind.

Es sind, mit anderen Worten, die Nachtseiten des schwulen Lebens, denen sich Garth Greenwell widmet. Er hat sie dieses Mal nicht in einen stringenten Plot wie in „Was zu uns gehört“ gepackt. Er hat sie vielmehr, als wollte er den Charakter des schwer zu Bändigenden betonen, in mal mehr, mal weniger miteinander verbundene Geschichten gegossen. Sie sind nicht alle gleich interessant, auch sprachlich nicht auf einer Höhe, aber als Ganzes genommen bilden sie ein überzeugendes und auch beunruhigendes schwules Panorama ab.




Reinheit
von Garth Greenwell
Aus dem Amerikanischen von Daniel Schreiber
Gebundenes Buch, 304 Seiten, € 23,00
Claassen Verlag

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