Cabaret (1972)
Trailer • DVD • VoD
Schmierereien an Hauswänden, zunehmende antisemitische Gewalt und Verschwörungstheorien im direkten Umfeld der Hauptfiguren: Gegen all das feiert Sally Bowles in Bob Fosses Verfilmung von Christopher Isherwoods Roman „Cabaret“ an, um die hässliche Wahrheit noch für eine Weile zu verdrängen. Andreas Köhnemann über einen Klassiker, der so lebenslustig wie finster ist – und dessen queeren Geist auch Hollywood nicht austreiben konnte.

ABC Circle Films
Rausch vor dem Untergang
Jeder Song ein Evergreen, jeder Tanz mitreißend, jedes Outfit ikonisch, jede Figur prägnant gezeichnet und gespielt: Das Musicaldrama „Cabaret“ aus dem Jahr 1972 hat das Label „Kultfilm“ wahrlich verdient. Die Drehbuchautorin Jay Presson Allen schuf auf Basis von Christopher Isherwoods autobiografischer Geschichtensammlung „Leb wohl, Berlin“ (1939) und der daraus entstandenen Stücke „I Am a Camera“ (1951) von John Van Druten und „Cabaret“ (1966) von Joe Masteroff einen lustbetonten, geistreich-humorvollen und zugleich melancholischen, bitterernsten Plot, den der ursprünglich vom Broadway kommende Star-Choreograf und -Regisseur Bob Fosse mit seinem Kameramann Geoffrey Unsworth brillant und rauschhaft-wild in Szene setzte.
In seinem fragmentarischen Roman, der sechs Texte versammelt, schilderte der 1904 in England geborene Isherwood nach eigenen Erfahrungen die letzten Tage der Weimarer Republik in Berlin. Dort wird gefeiert, geraucht, getrunken und geliebt; im Hintergrund des dekadenten Treibens greift indes der Nationalsozialismus um sich. Unter den sehr präzise porträtierten Personen, die den Protagonisten umgeben, sticht Sally Bowles besonders hervor. Eine junge Frau, die unbedarft wirkt und doch genau weiß, was sie will. Die „sich offenkundig keinen Deut darum schert“, was die Leute von ihr denken – und die mit ihrer extravaganten Erscheinung alle Blicke auf sich zieht.
Die spätere Journalistin und Aktivistin Jean Iris Ross (1911-1973), die Anfang der 1930er Jahre eng mit Isherwood befreundet war, sich als Cabaret-Sängerin verdingte und von einer glamourösen Filmkarriere träumte, diente dem Schriftsteller als Vorbild für seine energiegeladene Heldin. Ross selbst kritisierte nach der Buchveröffentlichung die naive und apolitische Anmutung, die sie in der nach ihr geformten Figur sah. Als fiktive Gestalt ist Sally in ihrer Schlagfertigkeit und in ihrer beschriebenen Aura trotzdem auf jeden Fall spannend und einzigartig. Für Fosses Leinwandadaption gelang mit Liza Minnelli als Darstellerin dann ein absoluter Casting-Coup.
Zum einen schon allein deshalb, weil Minnelli die Tochter der Schauspielerin und Sängerin Judy Garland (1922-1969) war, die vor allem durch ihre Verkörperung der jugendlichen Dorothy im Fantasy-Musical „Der Zauberer von Oz“ (1939) zur unsterblichen Hollywood-Legende und bereits zu Lebzeiten zu einer Art Schutzpatronin queerer Männer wurde. In den 1950er Jahren avancierte die von ihr interpretierte Dorothy zum Code unter queeren Männern: Die Bezeichnung Friend of Dorothy wurde als verschleierndes Synonym für gay verwendet, weil sich die Protagonistin im Laufe ihrer magischen Technicolor-Reise mit einer Gruppe von Außenseitern (der Vogelscheuche, dem Zinnmann und dem Löwen) anfreundet und alle direkt so akzeptiert, wie sie sind. Garlands Anziehung auf queere Männer dürfte unter anderem an ihrem Schauspielstil liegen. Denn der erfüllt in seiner Übertreibung das Camp-typische Verlangen nach Künstlichkeit und eignet sich dadurch perfekt, in Drag-Acts imitiert zu werden – so bemerkte es zumindest einst der britische Autor Richard Dyer.
Neben ihrer Film-Persona übt(e) Garland auch als öffentliche Person einen speziellen Reiz auf die queere Szene aus. Zeit ihres Lebens litt sie darunter, Dinge verbergen zu müssen, um in einem System – in ihrem Fall dem US-Filmstudiosystem – als funktionierendes Rädchen angesehen zu werden. Ihr Körper wurde durch Medikamente manipuliert und malträtiert, ihre eigene Biografie wurde von anderen, mächtigen Leuten diktiert und in der Liebe wurde sie stets enttäuscht. Insbesondere in Zeiten, in denen Homosexualität noch kriminalisiert wurde, bot Garland in ihrem Schmerz, der in ihren späteren Leinwand- und Bühnendarbietungen immer exzessiver ausagiert wurde, vor allem für schwule Männer eine Identifikationsfläche.

ABC Circle Films
Aber Liza Minnelli ist natürlich nicht nur aufgrund ihrer Herkunft die ideale Besetzung für Sally, die sich wenig bescheiden als „a most strange and extraordinary person“ charakterisiert. Angeregt durch ihren Vater, den berühmten Regisseur Vincente Minnelli, entwickelte sie selbst Teile des Looks der Figur, mit dem sie Popkulturgeschichte schreiben sollte. Sie ähnelt mit ihren knallrot bemalten Lippen, ihrem dramatischen Augen-Make-up und ihrem tiefschwarzen Bubikopf dem Stummfilm-Star Louise Brooks in den Kinoklassikern „Die Büchse der Pandora“ und „Tagebuch einer Verlorenen“ (beide aus dem Jahr 1929) von Georg Wilhelm Pabst – und gemahnt so an den als hedonistisch und unbekümmert geltenden Frauentypus des Flapper in der frühen Swing-Ära. Auch ihre exaltierte Körpersprache, wenn sie voller Schwung durch Räume zu schweben scheint, erinnert an Brooks’ Leinwandauftritte.
Zu Minnellis Gespür für den richtigen Stil und für die passende Mimik, Gestik und Proxemik von Sally kommen ihre gesanglichen Fähigkeiten. Isherwood hielt Minnelli seinerzeit für „zu talentiert“, um die Rolle angemessen spielen zu können, da er Sally in der literarischen Vorlage als mediokre Sängerin beschrieben hatte. Es gelingt Minnelli allerdings, ihr stimmliches Talent und ihre hohen Entertainment-Qualitäten eindrücklich zu demonstrieren und trotzdem nachvollziehbar zu vermitteln, dass Sally als Künstlerin eher dem Glanz des Vergangenen nachhängt, statt einer triumphalen Zukunft entgegenzusehen.

ABC Circle Films
So etwa in Sallys Performance von „Mein Herr“ im schummrigen Kit-Kat-Club in einem der von Charlotte Flemming designten Kostüme. Sally trägt hier ein knappes schwarzes Outfit, bestehend aus einem Neckholder-Top, kurzen Shorts, Strumpfbändern, Schnürstiefeln sowie einer schräg sitzenden Melone mit lilafarbenem Hutband auf dem Kopf. Der Look hat Elemente des Glam-Rock-Chics der Seventies und baut somit einen zur Entstehungszeit des Films aktuellen Trend ein; in erster Linie entspricht er aber dem historisch weitgehend akkuraten Erscheinungsbild einer Unterhaltungskünstlerin in den beginnenden 1930er Jahren. Sally liefert in Minnellis Interpretation zwar (anders als im Roman) eine wunderbare, ganz und gar nicht mittelmäßige Show; sie repräsentiert in ihrem Auftreten aber dennoch eine Ära, die im Zuge des Aufstiegs der Nazis längst zum Scheitern verurteilt und dem Untergang geweiht ist.
Sally ist hier eine Figur, die stets darum bemüht ist, eine Fassade aufrechtzuerhalten – von einem fröhlichen Dasein, in dem sie von Party zu Party eilt, sich „himmlisch amüsiert“ und gewiss bald Ruhm erlangen wird. Sie imaginiert sich als Heldin einer A-Star-Is-Born-Erzählung. „Cabaret“ ist indes trotz seiner wuchtigen Musiknummern beinahe so etwas wie die Antithese zu einem klassischen Musical, zu dem auch der diabolisch-verführerische Humor des legendären Club-Conférenciers (Joel Grey) nicht passen würde. Träume bleiben in dieser Story unerfüllt – und den Liedern, so sexy, schön, laut oder albern sie auch klingen mögen, wohnt durchweg etwas Schwermütiges, Schmerzvolles inne, da immer klarer wird, dass düstere Zeiten bevorstehen.
Plakate und Schmierereien an Hauswänden, Radiomeldungen über nationalsozialistische Gewalttaten, zunehmende antisemitische Vorfälle und Verschwörungstheorien im direkten Umfeld der Hauptfiguren. Gegen all diese überdeutlichen Warnsignale feiern Sally und das Personal sowie die Besucher:innen des Kit-Kat-Clubs kräftig an, um die hässliche Wahrheit einfach noch für eine Weile verdrängen zu können – bis die zunächst als „dumme Rowdys“ unterschätzten Nazis dann schließlich im Publikum sitzen. Und alles zu spät ist.

ABC Circle Films
Wie die musikalische Gestaltung folgt auch die zentrale Liebesgeschichte, die sich in „Cabaret“ entfaltet, keinem Mainstream-Muster. In der autobiografischen Buchvorlage ist der Protagonist Christopher schwul. Während die 1961 uraufgeführte Filmadaption der Truman-Capote-Novelle „Frühstück bei Tiffany“ (1958) zwecks Hollywood-Tauglichkeit aus dem schwulen Helden der Vorlage kurzerhand ein heterosexuelles Love-Interest machte, zeigt Fosses Film die männliche Hauptfigur Brian Roberts, gespielt von Michael York, als sexuell ambivalent. Der idealistische Sprachwissenschaftler beginnt nach einigem Hin und Her eine romantische Beziehung mit Sally, fühlt sich jedoch ebenso zu dem aristokratischen Kosmopoliten Maximilian von Heune, verkörpert von Helmut Griem, hingezogen – einem verheirateten Mann, der sowohl Sally als auch Brian Avancen macht.
„Doesn’t my body drive you wild with desire?“, fragt Sally Brian an einer Stelle. Isherwood kritisierte die Darstellung von Brian als „bisexual Englishman“; Brians homosexuelle Neigung werde als unanständige, aber komische Schwäche behandelt, über die man sich lustig machen könne. Die sexuelle Ambivalenz von Brian und Maximilian führt allerdings zu einer sehr ungewöhnlichen und interessanten Dreiecksbeziehung, die in einem kurzen Glücksmoment zu dritt während eines gemeinsamen Wochenendausflugs ihren Höhepunkt erreicht. In dieser Sequenz tanzen Sally und Maximilian in dessen Schloss cheek to cheek miteinander. Der angetrunkene Brian nimmt die beiden in Augenschein. Er taumelt im Bogen um sie herum (macht auch einmal durch einen Scherz auf sich aufmerksam) – bis Maximilian den Außenstehenden in den Engtanz miteinbezieht. Das Trio dreht sich etliche Male im Kreis; nach einem Cut sind die Gesichter der drei noch immer rotierenden Figuren dicht an dicht in Großaufnahme zu sehen: Aus cheek to cheek wird cheek to cheek to cheek. Ein Kuss zu dritt schimmert als Möglichkeit auf – doch letztlich lösen sich die drei wieder voneinander.
Als es an späterer Stelle zu einem Streit zwischen dem Paar Brian und Sally kommt, folgt ein Wortwechsel, der den Humor des Films auf den Punkt bringt. „Screw Maximilian!“, exklamiert Brian darin zornig, als Sally auf Maximilian zu sprechen kommt; „I do“, kontert Sally – und Brian erwidert: „So do I.“ Bob Fosses „Cabaret“ ist tragisch und amüsant, finster und erhellend. Und ganz sicher voller wildem Verlangen.

Cabaret
von Bob Fosse
US 1972, 124 Minuten, FSK 16,
englische OF mit deutschen Untertiteln, deutsche SF
Erhältlich als DVD und VoD