A Single Man (2009)

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So glamourös kann Sterben aussehen: In seinem Regiedebüt „A Single Man“ inszeniert die Design-Ikone Tom Ford den letzten Tag im Leben eines trauernden schwulen Literaturprofessors als sehnsüchtigen Bildertraum in ästhetischer Perfektion, weit weniger nüchtern erzählt als in der Romanvorlage von Christopher Isherwood. Andreas Wilink über einen Film, der im Schönen bereits den Schatten seines Schwindens sieht.

Bild: Wild Bunch

Zerstörtes Herz

von Andreas Wilink

Christopher Isherwoods schmaler, autobiografisch gefärbter Roman „A Single Man“ von 1964, im Deutschen auch als „Der Einzelgänger“ bekannt, lässt sich als Einübung ins Sterben beschreiben und zusammenfassen. Das klingt düsterer, als es sich liest und – mehr noch – als es sich anschauen lässt in der exquisit luxuriösen Verfilmung durch Tom Ford aus dem Jahr 2009. Denn das allmähliche, kaum merkliche, aber unaufhaltsame Sterben des erst 58 Jahre alten George Falconer, eines um seine verlorene Liebe trauernden Literaturprofessors, macht uns über lange Strecken nur wenig schwermütig. Das liegt wohl auch an einer Fantasie vom Ideal Kaliforniens, die diesen „lauwarmen Wintermorgen“ freilich nur matt und wie hinter einem Schleier beleuchtet. Allerdings ließe sich das auch umgekehrt betrachten: Denn das paradiesische Dreamland und seine lächelnde banale Sinnlichkeit – sprechen sie denn nicht dem Menschen in seiner Sterblichkeit, in seinem Vergehen und seinem Vergeblichen geradezu Hohn?

Tom Ford, der als Modedesigner von Hause aus ein Ästhet, auch ein Ästhetizist des Kinos wurde, lässt seinen Debütspielfilm mit einem Traum- und Trugbild beginnen, das doch seine eigene Wirklichkeit besitzt. Ein Unterwasser-Bild mit einem schwebend schwerelos versinkenden männlichen Körper. Ein umgekehrtes Ophelia-Motiv und ein Vorhinweis: Ein junger Mann, Opfer eines Verkehrsunfalls, ist zu Tode gekommen, Georges Lebensgefährte Jim, die Liebe seines Lebens. George erwacht am Morgen aus dem Schlaf mit diesem Bild, mit diesem Verlust, der ihn begleiten wird.

Isherwood teilt Georges Geschichte aus der Perspektive des auktorialen Erzählers mit. Der Autor schaut auf seinen Helden, scharfsichtig, nüchtern, nahezu klinisch, man könnte irrtümlich meinen: mitleidlos. Bis hin zu dem sich rundenden Kreisschluss, wenn im Organismus des schlafenden George, nach einem Tag, der sein letzter gewesen ist, ein Atherom plötzlich die Gefäße verschließt und die Funktionen, sein Herz, sein Gehirn, seine Individualität – dieses einzigartige Ich – mit einem Schlag ausschaltet. Isherwood endet mit dem ungeheuren, krassen, an Gottfried Benns brutale Lyrik erinnernden Satz über das, was nun von George übrig bleibt: „Das ist jetzt dem Müll in der Tonne hinter dem Haus verwandt.“ Punktum. So gnadenlos weit geht Tom Ford nicht. Er mildert das Ende.

Im Film sagt George „Ich“. Er ist der Ich-Erzähler. Herr seines Schicksals. Möglichweise interessierte Ford mehr die Frage nach der Differenz oder dem Einklang von Fiktion und Realität des Lebens. Dem Sog des träumerisch glücklich Gewesenen – das in Rückblenden aufgerufene Zusammensein mit Jim – kann folglich der gegenwärtige Zustand und kann eine (un)mögliche Zukunft nicht standhalten.

Bild: Wild Bunch

Der schon vor dem Krieg in die USA übergesiedelte Engländer George, den Colin Firth mit britisch-lässiger Gediegenheit und Noblesse darstellt, dem er Haltung gibt, Würde und eine wehe Melancholie, beginnt seinen Tag – lesend auf der Toilette. Von wo aus er die lärmenden Nachbarskinder von Mr. und Mrs. Strunk beobachtet und seine Gedanken anstellt über all diese ‚normalen’ Leute, Ehepaare, Familien, die ihre Grillabende veranstalten, zu denen sie George einladen, von dem sie wissen, dass er nicht kommen wird und dass er zu ihnen und ihren Routinen nicht gehört. Was George ganz recht ist. Ihre genormte Trivialität und ihr Unbehagen ihm gegenüber sind sein Freibrief, seine Arroganz, seine pessimistische Gleichgültigkeit, sein zu entrichtender Preis. Die Strunks, und wie sie alle heißen, haben die Zweisamkeit von George und Jim (Matthew Goode) gesehen, aber nicht kommentiert. Jims Fortbleiben, seinen Tod, hat George still für sich behalten. Er will den anderen seinen Kummer nicht geben. Auch Jims Verwandtem nicht, als der ihn telefonisch in Kenntnis setzt über das geschehene Unglück. George bleibt allein mit seiner in ihrem Begriffsinn nach innen gerichteten Erinnerung, der Leerstelle nach 16 Jahren, dem zerstörten Herzen.

Isherwood und Ford begleiten George durch seinen Tag, wobei der Film die einzelnen Stationen, Orte und Begegnungen umformatiert. Bei Tom Ford ist alles, angefangen bei Georges gläsernem Bungalow, mindestens eine Stufe eleganter, jünger, schöner, wohlhabender. Die Perfektion von Sound, Style und Setting der Sixties  – man denke an Hitchcocks „Vögel“, „Vertigo“ oder „Marnie“ in ihren Signalfarben (das Filmplakat von „Psycho“ gerät deutlich ins Bild) – irritieren mit ihrem Geschmackskult allerdings auch.

„A Single Man“ spielt am 30. November 1962 – womit auch das Jahresdatum der Kuba-Krise markiert ist, als Angst, Paranoia und Endzeitstimmung den Alltag beherrschten. Georges Rendezvous’ an diesem Tag sind konkret, aber auch symbolisch, archetypisch aufgeladen (und so inszeniert sie Tom Ford auch): Sie repräsentieren und bedeuten Lebendigkeit, Jugend, Erotik und Begehren, Einsamkeit, den Tod. Aber sie werden uns nicht direkt vermittelt als Bilanz – und von George auch nicht so begriffen. Geht hier ein Mann in mittleren Jahren zielbewusst seinem Ende entgegen? Nicht bei Isherwood, wohl aber bei Tom Ford, der sogar einen Suizid mit Revolver insinuiert, den George jedoch nicht nur mangels Ungeschick unterlässt. Der Versuchung und Verführung des Todes gibt er nicht nach – und findet für einen Moment zurück ins Leben. Somit widerfährt George ein Tag wie jeder andere, der dennoch ein besonderer ist, weil der Tod es so will. Das ist der Schock, den wir – die Überlebenden – zu verkraften haben. Und dabei verspüren: George, das bin auch ich.

Bild: Wild Bunch

George steht in einem ironisch reflektierten Verhältnis sich selbst gegenüber: ein Intellektueller. Grüblerisch, räsonierend, sein Inneres und die zivilisierte Mitwelt auslotend wie der alte Goethe bei Thomas Mann in „Lotte in Weimar“. Wie der deutsche Dichter ist auch George eine formale Existenz. Er bringt sich, wenn er in die Welt hinaustritt, in Form. Da geht es um Selbstvergewisserung, Stabilisierung und Stilisierung, um Rollenspiel: das gesellschaftliche und soziale Ich. George macht sich fit gemäß der für einen Homosexuellen notwendig in Fleisch und Blut übergegangenen Ich-Strategien – und gemäß Peter Sloterdijks Formel, dass der „homo artista“ im Training zu bleiben habe.

George ruckelt sich zurecht, besonders, wenn er den College-Campus betritt und im Hörsaal zur Autorität wird. Dort begegnet er einem seiner Studenten, Kenny Potter, der mit ihm – das ist nicht zu viel gesagt – einen Flirt beginnt. Der findet seine Fortsetzung, wenn sich die beiden Männer abends in einer Bar ‚zufällig’ wiedertreffen, über Erfahrung und Erkenntnis debattieren, sich an den Strand begeben, um sich nackt in die Wellen des Pazifik zu werfen und dann in Georges Haus einzukehren. Dass Tom Ford diesen schlaksigen Jüngling mit dem schönen Nicholas Hoult in seiner flauschig geföhnten Weichheit besetzt, gehört auch in die Kategorie der ästhetischen Höherstufung. Die hat jedoch ihren Grund. Tom Ford scheint – ebenso wie in den extremen Kamera-Einstellungen von Augen, Mündern, Gliedmaßen – die Idee herauspräparieren zu wollen, dass auf dem Schönen bereits der Schatten seines Schwindens liege.

Ebenso und noch mehr gilt dies für Georges Abendessen mit seiner langjährigen Freundin und Vertrauten Charley. Bei der Lektüre des Buches stellt man sie sich vor wie etwa Shelley Winters’ Mutter-Figur in Kubricks / Nabokovs „Lolita“, etwas forsch und anstrengend, ganz und gar unglamourös. Julianne Moore hingegen, grazil, exaltiert und flirrend, hat die Anmutung der späten Marilyn Monroe, wie sie Bert Stern in seinem berühmten „Last Sitting“ in eben demselben Jahr 1962 porträtiert und hinter Chiffon halb verborgen verewigt hat.

Bild: Wild Bunch

Tom Ford inszeniert und verwandelt Georges Geschichte entlang einer solchen konsequent gezogenen Schönheitslinie: treibt bei einem ausgedehnten Blickkontakt und Dialog mit einem attraktiven Spanier (Jon Kortajarena) vor dem Drugstore die Fieberkurve in die Höhe, lässt hingegen die Krankenvisite bei der moribunden Doris aus, die für Isherwood ein weiteres Memento Mori in diesem Reigen letzter Begegnungen und letzter Riten darstellt.

Mehr als eine Klammer bildet bei Ford das lustvoll-vitale Eintauchen im Meer. Dieses „Ertrinken / Versinken / Unbewusst / höchste Lust“, wie es in Isoldes Liebestod aus Richard Wagners „Tristan“ heißt, ist visuell und dramaturgisch das Leitmotiv. Auf Jims Tod antwortet Georges finales Kampfspiel mit dem berauschend strömenden Element des Wassers. Darin ist alles erhalten: Geburtsvorgang, Liebesekstase, Todeserfahrung.

„Nach mancherlei Sommern stirbt der Schwan.“ Mit dem Zitat von Aldous Huxley beginnt George seine akademische Vorlesung – und will damit bei den Zuhörenden Aufmerksamkeit und Wirkung erreichen. Das poetisch melodiöse „After many a summer dies a swan“ könnte auch Motto zu diesem wunderbar leicht erzählten Roman und zu diesem hinreißend, richtiger: beklemmend schönen Film sein.




A Single Man
von Tom Ford
USA 2009, 101 Minuten, FSK 12,
englische OF mit deutschen UT, deutsche SF

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