Jacob Israël de Haan: Pijpelijntjes – Die Jahre mit Sam
Buch
„Pijpelijntjes“ von Jacob Israël de Haan gilt als der erste niederländische Roman, der die Liebesbeziehung zweier junger Männer schildert. Die Erstausgabe des Buches im Jahr 1904 wurde als obszön, unmoralisch und verdorben herabgewürdigt und löste einen Skandal aus. Außerhalb der Niederlande wurde der überraschend zeitlose Text erst in den vergangenen Jahren neu entdeckt. Mit „Pijpelijntjes – Die Jahre mit Sam“ ist nun erstmals eine deutsche Fassung erschienen. Axel Schock über das literarische Debüt eines oft verkannten queeren Vorreiters.

„Widerliche, homosexuelle Obszönitäten“
von Axel Schock
Die europäische Literaturgeschichte kennt Bücher, deren Schicksal mindestens genauso spannend ist wie die Werke selbst. Beispielsweise das 1893 erschienene Lyrikdebüt des Basler Großbürgersohns Paul Sarasin oder eben Jacob Israël de Haans 1904 veröffentlichten Roman „Pijpelijntjes“. Sarasin hatte sein Bändchen mit Liebesgedichten seinem Großcousin „und treuen Freund Fritz Sarasin“ zugeeignet, de Haan seinen Roman dem „guten Freund A. Aletrino“ gewidmet. Von der Erstauflage beider Bücher haben kaum mehr als eine Handvoll Exemplare überlebt, und das hat auch mit den jeweiligen Widmungen zu tun. Sarasins Liebesbezeugungen wurden in seiner Familie gar nicht gut aufgenommen, deshalb kaufte er die gesamte Auflage auf und vernichtete die Bücher. Arnold Aletrino wiederum sah sich in de Haans Roman allzu gut erkennbar porträtiert, fürchtete um seinen Ruf als Arzt und Wissenschaftler und ließ seinerseits sämtliche Buchhandlungen durchkämmen, um jedes verfügbare Exemplar aufzukaufen, was tatsächlich gelang. Den Verleger dürfte der reißende Absatz gefreut haben. Nachgedruckt werden durfte das Buch jedoch zunächst nur in überarbeiteter Form. Erst mehr als fünfzig Jahre später wurde das skandalisierte Werk in den Niederlanden in der ursprünglichen Fassung neu veröffentlicht. Heute gilt es als der erste Roman in niederländischer Sprache, in dem unmissverständlich homosexuelles Begehren geschildert wird. Nun liegt „Pijpelijntjes“ erstmals auch in deutscher Übersetzung vor – ergänzt durch den Untertitel „Die Jahre mit Sam“.
„Pijpelijntjes“ erzählt die Geschichte der Studenten Joop und Sam. Die beiden leben zusammen im Amsterdamer Arbeiterviertel De Pijp, dem der Roman seinen Titel verdankt. Skandalös war der Roman in den Augen der Zeitgenoss:innen vor allem deshalb, weil sich die beiden Hauptcharaktere ihrer Gefühle nicht schämen. Ihre Beziehung wird mit der gleichen Selbstverständlichkeit behandelt wie die Sorgen, Nöte und Alltagsgeschehnisse der direkten Nachbarschaft und mit gleichsam naturalistischem Blick geschildert: Ob Hühner geschlachtet, Geburtstag gefeiert, die Haftentlassung eines Sohnes organisiert oder Klatsch verbreitet wird – Joop und Sam sind stets mittendrin und eng mit den Menschen des Viertels verbunden.
Die meiste Zeit verbringen sie in Joops kleiner Wohnung. Dass die beiden eine auffällig enge Freundschaft verbindet und sie auch die Nächte zusammen verbringen, entgeht den Nachbar:innen nicht, aber sie scheinen sich nicht daran zu stören. Im Gegenteil: Wenn Sam mal ein paar Tage nicht auftaucht – was durchaus öfter passiert –, macht man sich Sorgen.
Denn die Liebe dieser beiden ist alles andere als ein Kitschidyll. Generell ist „Pijpelijntjes“ weit davon entfernt, das Ideal einer seinerzeit schwer lebbaren Männerbeziehung herbeizufantasieren. Zwar beschwören Sam und Joop immer wieder ihre Liebe, doch was die gemeinsame Zukunft betrifft, gehen die Wünsche auseinander. Was auch immer jenseits inniglicher Küsse zwischen den beiden im Bett passiert, es wird bald deutlich: Joop will mehr und hat sexuelle Fantasien, die Sam ihm nicht erfüllen will oder kann. Joop drängt ihn auch nicht dazu. „Wenn mein Verlangen nach ihm zu stark wurde, gingen wir einander lieber aus dem Weg, als zu tun, was Sam nicht wollte. Oder er wurde plötzlich so wütend auf mich, dass er mich quälte und schlug. Dann ging er weg, bis wir beide uns beruhigt hatten und wieder friedlich zusammenleben konnten.“ Denn für Sam steht außer Frage, dass er eines Tages heiraten und die Erwartungen eines bürgerlichen – heterosexuellen – Lebens erfüllen wird.

Bild: Archiv
Jacob Israël de Haan schildert diese divergierenden Gefühlswelten und die daraus entstehenden Konflikte, ohne sie zu sezieren und zu erklären. Zwar fließen reichlich Tränen auf beiden Seiten, trotzdem ist Joop keineswegs eine tragische Figur, deren Liebe nicht aufrichtig erwidert oder wertgeschätzt würde. Zudem ist er kein Kind von Traurigkeit und alles andere als monogam: Joop flirtet auch in den besseren Tagen seiner Beziehung mit Sam ganz unverblümt mit anderen jungen Männern, verliebt sich allenthalben, ohne es zu verheimlichen, und weiß sehr gut darüber Bescheid, wo man sich notleidende und somit willfährige Jungs für sexuelle Dienstleistungen kaufen kann. Im damaligen Amsterdam ist es ein Leichtes, für einen Gulden einen Bettgefährten zu finden. Der Klassenunterschied macht’s möglich.
Die komplexe und keineswegs rosarote Liaison zwischen Sam und Joop mag für heutige Leser:innen einen Großteil des Reizes des Romans ausmachen. Zu de Haans Lebzeiten hingegen gab es dafür reichlich Kritik. Nicht zuletzt aus den eigenen Reihen. „Manche haben mir vorgeworfen, mein Buch sei nicht schmeichelhaft für Homosexuelle“, schrieb de Haan an einen Freund. „Aber was hätte ich anders machen können? Wäre ihnen lieber gewesen, ich hätte ein tendenziöses Werk verfasst?“ Ein tendenziöses Werk, das beschönigt oder idealisiert, hätte de Haans Verständnis von Kunst widersprochen.
Das vernichtendste Urteil kam allerdings ausgerechnet von de Haans Freund Arnold Aletrino, dem der Roman gewidmet war. Aletrino bezeichnete das Buch als die „Geschichte eines Homosexuellen mit allerlei Verderbtheit und Schmutz. (…) Aber das Schlimmste war, dass er für diesen Homosexuellen jemanden auserkoren hatte, an dem nicht nur wir, sondern alle meine Bekannten und Freunde mich persönlich erkannten.“
Aus diesen Worten ließe sich schließen, Altetrino wäre homosexuellenfeindlich gewesen, doch das war er keineswegs. Im Gegenteil. Er hatte sogar eine niederländische Übersetzung der Schriften Magnus Hirschfelds herausgebracht und auf einem kriminalanthropologischen Kongress die Gleichbehandlung von Homosexuellen gefordert. Zudem war er eng mit dem niederländischen Sexualwissenschaftler Lucien von Römer verbunden, der Befragungen unter Homosexuellen im Geiste Hirschfelds durchführte. Dass Sam im Roman ebenfalls eine enge Verbindung zu einem Wissenschaftler pflegt, der eine solche Studie verantwortet, war ein Grund, warum sich Aletrino in der Romanfigur porträtiert sah. Ein weiterer war, dass auch de Haan und ihn eine tiefe Freundschaft verband. Wie tief sie tatsächlich ging und ob sie sexueller Natur war, ist nicht bekannt, und angesichts der Tatsache, dass Aletrino rund zwanzig Jahre älter war als de Haan – also keineswegs mehr Medizinstudent, sondern etablierter Arzt – macht den Vergleich mit dem gleichaltrigen Paar Sam und Joop fraglich. Dennoch: In Aletrinos Augen ließen zu viele Details Rückschlüsse auf seine Person zu, etwa die Beschreibung seines dunklen Teints bis hin zu seiner Kleidung.
De Haan war vom Entsetzen des Freundes wohl überrascht, gleichwohl zeigte er Verständnis für dessen Tilgungsaktion. Die Freundschaft ging dadurch allerdings in die Brüche.
In einem Brief an einen befreundeten Schriftsteller äußert sich Aletrino nunmehr deutlich distanzierend über de Haan: „Er ist ein gescheiter Kerl, der seine Prüfungen … rasch und hervorragend absolviert hat und jetzt Jura studiert. Aber er ist ein zutiefst degenerierter Mensch ohne jegliches Moralempfinden, zudem bisexuell mit überwiegend homosexueller Neigung. Wenn man ihn sieht, glaubt man, einen Verrückten vor sich zu haben, so seltsam wie er sich kleidet und verhält.“
De Haan ließ sich von dieser Entwicklung nicht entmutigen, sondern überarbeitete den Roman in Windeseile. Er änderte die Vornamen seiner Hauptfiguren, strich Joops Ambitionen als Lyriker und einige Handlungselemente und ersetzte die Widmung durch ein Catull-Zitat. Mit dieser revidierten Fassung sah Aletrino seinen Ruf unbeschädigt und war zufrieden. So fand diese veränderte Version von „Pijpelijntjes“ nun tatsächlich den Weg in den Handel und zur Kritik. Letztere war teilweise vernichtend. Der Prediger und Schriftsteller George Frans Haspels etwa lobte in der protestantischen Zeitschrift „Onze Eeuw“ („Unser Jahrhundert“) zwar de Haans „meisterhafte Sprache“ – „Dieser Autor … schafft es mit seiner trockenen, prägnanten Wortkunst, uns seine Figuren und ihre Umgebung mit erstaunlicher Schärfe zu schildern, ohne uns mit den langatmigen, allzu präzisen Beschreibungen heutiger Schriftsteller zu langweilen“ –, aber die Vorgänge, die de Haan beschreibe, seien nichts anderes als „widerliche, homosexuelle Obszönitäten“. Es bliebe einem nichts anderes, als das Buch mit einer Zange aus dem Zimmer zu tragen und es in den Kanal zu werfen. Diese harsche Einschätzung teilten offenbar auch De Haans damalige Arbeitgeber. Infolge der Veröffentlichung des Romans verlor er sowohl seine Stelle als Aushilfslehrer wie auch als Kolumnist bei der Tageszeitung „Het Volk“.
Doch auch davon ließ sich Jacob Israël de Haan nicht beirren. Wie zum Trotz veröffentlichte er 1908 seinen zweiten Roman „Pathologien“, in dessen Zentrum eine noch weitaus delikatere, nämlich von S/M-Dynamiken geprägte Männerbeziehung stand. Im weiteren Verlauf seiner literarischen Karriere widmete er sich dann anderen, weniger kontroversen Themen. Er entdeckte den Zionismus für sich und siedelte 1919 nach Palästina über. Dort entstanden hunderte von Gedichten, in denen er seine erotischen Erlebnisse mit arabischen Männern – stets verknappt auf vier Verszeilen – verarbeitete. Nur wenige Wochen, nachdem 1924 eine Sammlung dieser „Kwatrijnen“ erschienen war, fiel Jacob Israël de Haan in Jerusalem einem Attentat zum Opfer – eine Folge seiner politischen Agitationen als Journalist und Anwalt, im Rahmen derer er nunmehr die Zionisten attackierte. Die Ermordung führte dazu, dass seine Verdienste als Pionier der homosexuellen Literatur zuweilen ins Hintertreffen gerieten. „Pijpelijntjes – Die Jahre mit Sam“ ist eine Einladung sie wiederzuentdecken.

Pijpelijntjes. Die Jahre mit Sam
von Jacob Israël de Haan
Aus dem Niederländischen von Oliver Knechten
268 Seiten, 24 Euro
Männerschwarm Verlag