Madame X – Eine absolute Herrscherin (1978)
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Die Handlung von „Madame X – Eine absolute Herrscherin“ beginnt mit einem mythischen, unwiderstehlichen Ruf: Die Piratin Madame X, verkörpert von Tabea Blumenschein, lädt Frauen weltweit ein, ihre bürgerliche Enge gegen ein Leben voller „ Gold, Liebe und Abenteuer“ zu tauschen. Wer könnte da nein sagen? Mit ihrem Spielfilmdebüt schuf Ulrike Ottinger 1978 ein radikales Manifest des queeren, feministischen Kinos, dessen anarchischer Geist bis in die Gegenwart wirkt – und sehr wahrscheinlich weit darüber hinaus. Im 100. Teil und Abschluss der Artikelserie „Queer Cinema Classics“ nähert sich Toby Ashraf dem Film, wie es ihm besser kaum gerecht werden könnte: in Form einer fiktiven Podiumsdiskussion, deren Moderatorin kurzfristig abgesagt hat.

Bild: Ulrike Ottinger Filmproduktion
An alle Frauen. STOP. Biete Welt. STOP.
von Toby Ashraf
Die Bühne eines alteingesessenen, aber leicht in die Jahre gekommenen Traditionskinos in Berlin. Im Rahmen einer queer-feministischen Filmreihe ist nach der Vorführung von Ulrike Ottingers „Madame X – Eine absolute Herrscherin“ eine Diskussion geplant. Das interessierte Publikum ist nicht mehr ganz jung und hauptsächlich weiblich. Da die Moderatorin in letzter Minute abgesprungen ist, leiten die Teilnehmenden das Gespräch kurzerhand selbst.
Personen:
Gerda Buwár, eine Filmhistorikerin und Feministin
Sally Selfcare, ein junge Studentin der Filmwissenschaft und Content Creatorin
Raymond B. Spiegel, ein Professor der Medienwissenschaften mit Schwerpunkt auf Queer Cinema und Experimentalfilm
Gerda Buwár: Ich kann mich kaum erinnern, wie oft ich „Madame X“ in den letzten 48 Jahren seit seiner Berliner Premiere im Forum der Berlinale, bei der ich damals auch dabei war, gesehen habe. Lediglich kann ich feststellen: Ich entdecke immer wieder etwas Neues und Faszinierendes in diesen 146 Minuten. Wie geht es den anderen?
Sally Selfcare: Also, ich habe den Film heute zum zweiten Mal gesehen und das erste Mal im Kino und finde ihn weiterhin ziemlich anstrengend, aber auch wahnsinnig inspirierend. „Madame X“ ist irgendwie echt Punk. Sowas Ähnliches hat Lars Eidinger auch bei der Pressekonferenz von „Die Blutgräfin“ neulich bei der Berlinale gesagt, also, dass er Ulrike Ottinger weniger als Filmemacherin, sondern als Künstlerin sieht, und dass ihre Arbeitsweise eben Punk sei, sowas in der Richtung.
Raymond B. Spiegel: Man muss berücksichtigen, dass Ottinger nie Film studiert hat, sondern aus der bildenden Kunst kommt. Sie kam damals aus Paris, wo sie malte, über Konstanz nach Berlin und machte in den frühen 1970er Jahren schon wahnsinnig aufregende Kurzfilme. „Madame X“ ist im Übrigen ihr erster Langfilm. Auch das darf man nicht vergessen. Und dass das ZDF diesen Film, der ja nun wirklich in seiner Form sehr frei und im Inhalt radikal ist, damals finanzierte – heute undenkbar.
Buwár: Wohl war, obgleich es für den Film nur lächerliche 80.000 DM gab. Das ZDF bewies damals viel Mut für Experimente und förderte unter anderen auch schon Filme von Derek Jarman wie „The Garden“ und „The Last of England“, aber das nur am Rande. Hier nun also ein Piratinnenfilm auf dem Bodensee irgendwo zwischen feministischem Do-It-Yourself-Abenteuerfilm und queerer anarchischer Komödie. So könnte man es vielleicht etwas salopp beschreiben.
Spiegel: Ich muss kurz fürs Publikum anmerken: Das Wort queer war damals noch nicht geläufig, also nicht als emanzipativer Begriff und auch nicht um ein Kino zu beschreiben. Das kam viel später. Vielfach wurde damals vom Frauenfilm gesprochen und natürlich war Ulrike Ottinger in einer lesbischen Beziehung mit Tabea Blumenschein, die die absolute Herrscherin spielt und dann unvergessen ist in „Bildnis einer Trinkerin“. Ich tue mich aber schwer, den Film einem Genre zuzuordnen, auch von einem lesbischen Film zu sprechen, kommt mir bei „Madame X“ reduzierend vor.
Selfcare: Ja, voll – geht mir auch so. Und der Begriff „Frauenfilm“ geht gar nicht, aber das fanden damals auch andere feministischen Filmemacherinnen. Ula Stöckl, Helke Sander und andere fanden es extrem despektierlich, dass ihr Geschlecht zum Genre gemacht wurde sozusagen. Und als queere Person sehe ich Ottinger jetzt auch nicht als ein Role Model für lesbische Frauen, dafür finde ich keine Statements, wo sie sich hinstellt und sagt: „Ich als Lesbe…“, obwohl sie ja den Ehren-Teddy bekommen hat.

Bild: Ulrike Ottinger Filmproduktion
Buwár: Eindeutige identitätspolitische Aussagen oder aktivistische Parolen sind nicht das künstlerische Programm von Ulrike Ottinger, das merkt man auch hier. Weder privat noch in ihrem Werk wird man da einfach fündig. Sie war schon immer sehr gekonnt darin, uneindeutig und verspielt zu bleiben. Das zeichnet sie sehr aus und macht ihre Filme ja auch so spannend und meist zeitlos. Ambiguitäten und Widersprüche aushalten war damals und ist heute wieder das Wort zur Stunde.
Selfcare: Aber die Feministinnen von damals haben den Film kritisiert, oder?
Buwár: Lassen Sie uns die Kritik ans Ende stellen. Ich würde vorerst den Versuch unternehmen, den Film, so es möglich ist, inhaltlich zusammenzufassen und noch einmal genauer hinzuschauen, wie er eigentlich gebaut ist.
Spiegel: Ich beginne mal. Also, die Exposition nimmt sich für heutige Verhältnisse sehr viel Zeit, fast eine halbe Stunde dauert das. Unterschiedliche Frauen mit verschiedenen Berufen und einer Lust auf Veränderung werden eingeführt – sehr komisch und ausgestellt augenzwinkernd. Alle erreicht dieselbe Nachricht – per Radio, Flugblatt oder Zeitungsannonce. Es ist die Botschaft der Figur „Chinese Orlando“.
Selfcare (liest von einem Zettel ab): „Chinese Orlando. STOP. An alle Frauen. STOP. Biete Welt. STOP. Voller Gold. STOP. Liebe. STOP. Abenteuer. STOP. Auf See. STOP. Call Chinese Orlando. STOP. “ Ich lieb’s voll (lacht).
Spiegel: Genau, danke. Ich muss auch immer wieder schmunzeln. Dieser oder diese Orlando, der dann auf dem Schiff wartet, auf das die Frauen alle kommen, wird im Übrigen von Ulrike Ottinger selbst verkörpert. Sie ertrinkt später beim Versuch, der von ihr angebeteten Madame X eine Blume aus dem Ozean zu fischen, halbnackt im Bodensee, und wird in die Tiefen gezogen.
Buwár: Ottinger ist also, wenn man das so lesen möchte, nicht Teil dieser Reise, inszeniert das Spektakel aber gleichzeitig als eine Art Farce. Madame X wird eingeführt als, ich zitiere, „die erfolgreichste und grausamste Piratin der Meere des Fernen Ostens“. Sie ist schön, brutal und narzisstisch und trägt fantastisch einfallsreiche Kostüme. Was aber bedeutet dieser Ausschluss von Ulrike Ottinger als Orlando? Jetzt schweife ich ab, pardon.
Spiegel: Zurück zu den Frauen, die Orlandos Ruf folgen: Sie üben männlich konnotierte Berufe aus, sie sind Hausfrau oder Künstlerin und haben sprechende Namen. Da gibt es die Försterin Flora Tannenbaum, die australische Buschpilotin Omega Zentauri oder das Model Blow-up. Letzteres eine Anspielung an den Film von Michelangelo Antonioni, den Ottinger sicherlich kannte. In ihm spielt das Model ja Veruschka, die Ottinger später wiederum in ihrem herrlichen Film „Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse“ besetzt. Dann ist da die Psychologin Karla Freud-Goldmund, die Künstlerin Josephine de Collage, gespielt von der Künstlerin Yvonne Rainer, und die Hausfrau Betty Brillo – ein Verweis auf die Pop Art – gespielt von der wunderbaren Lutze. Die Parameter von Kunst und Feminismus werden also schon zu Beginn des Filmes miteinander verquickt und mit viel Humor angereichert. Sowas war damals neu und es war radikal.
Buwár: Und ist es immer noch. Also radikal und auch sehr lustig. Man muss bedenken, dass die unterschiedlichsten Ausprägungen feministischer und lesbischer Bewegungen, wie man sie heute in streitbarer Pluralität kennt, damals erst in der Findung und im Prozess gegenseitiger Abgrenzung waren – ein Phänomen, dass man von der Gründung der unterschiedlichsten Schwulenbewegungen kennt. Das Lesbische Aktionszentrum Westberlin ging 1972 aus der Homosexuellen Aktion Westberlin hervor und so weiter. Der Kampf gegen das Patriarchat einte zwar viele Feministinnen, Lesben und Schwule und dennoch gab es damals eben nicht die eine, homogene Bewegung – ganz im Gegenteil. Und da kommt nun Ulrike Ottinger mit Humor daher und ersetzt den Patriarchen zudem mit einer grausamen, lesbischen Matriarchin. Das muss man sich erstmal trauen!
Selfcare: Ja, ziemlicher boss move, auf jeden Fall. Ich muss aber auch sagen, dass die Figuren sich, sobald sie auf dem Schiff sind, ziemlich verlieren. Ihre Storylines sind ganz schön sloppy.
Buwár: Geht’s auch auf Deutsch?
Selfcare: Naja, der Film interessiert sich in seinem Verlauf nur in Ansätzen für die verschiedenen Frauen, so wie der gesamte Film sich als eine ziemlich offene Sound-Bild-Kollage entwickelt und weniger einer klassischen Handlung folgt. Das macht es manchmal schon schwer, am Ball zu bleiben oder zu verstehen, was jetzt eigentlich die Motivationen der Figuren sind, die ja auch oft ihre Kostüme und Rollen wechseln.

Bild: Ulrike Ottinger Filmproduktion
Spiegel: Auch das steht hier tatsächlich in meinen Augen nicht im Fokus, bzw. ist bewusst von Ottinger offengelassen. Aber gut, dass Sie die Machart betonen: Ottinger hat ja hier kaum, wenn überhaupt, synchronen Ton benutzt. Am Anfang hören wir Urwaldgeräusche im deutschen Wald, später dann Vogelschreie beim Zerteilen eines Fisches, und überhaupt werden die Bilder oft gegen die Tonspur gesetzt – eine experimentelle Form des Filmemachens, bei der ich, auch wegen der Kostüme und dem campen Verhalten der Figuren, dem Tanz und dem Performance-Charakter, an den schwulen Avantgarde-Filmemacher Jack Smith denken musste.
Buwár: Der Soundtrack besteht hauptsächlich aus Aufnahmen aus der Musikethnologischen Abteilung des Museums Dahlem, das Ottinger mit ihrem Aufnahmegerät besucht hat, will ich noch ergänzen.
Spiegel: Aber zurück zur Frage der Handlung: Ich verstehe schon, Frau Selfcare, dass dieser Film mit den Sehgewohnheiten ihrer Generation bricht, aber Handlungspunkte, wenngleich unorthodox erzählt, gibt es schon sehr deutlich.
Buwár: Zuerst gibt es den Auftritt des schönen Schiffbrüchigen, der bis zum Ende des Films bleibt. Ein geschminkter, flamboyanter junger Mann, der in verschiedenen Sprachen sprechen kann, taucht plötzlich auf dem Meer auf und wird ins Boot der Frauen geholt. Er ist ein babylonischer Außenseiter, wenn man so will, der an Bord einer psychologischen Analyse unterzogen wird.
Selfcare: Er heißt Belcampo, auch ein sprechender Name: schön und camp.
Buwár: Belcampo war auch das Pseudonym des niederländischen Schriftstellers Herman Pieter Schönfeld Wichers, der oft bizarre und humoristischen Kurzgeschichten geschrieben hat und genau wie Ulrike Ottinger ein Reisender war. Aber ob er hier Bezugspunkt war, weiß ich nicht. Er wird jedenfalls Dinge gefragt wie: „Hatten Sie jemals Unannehmlichkeiten wegen ihres sexuellen Verhaltens?“ im Rahmen dieses absurden Verhörs von Karla Freud-Goldmund, das als Verweis auf die Kriminalisierung homosexueller Männer gelesen werden kann. Der Paragraph 175, der bis 1994 homosexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte, existierte zur Entstehung des Filmes, wenn auch in abgeschwächter Form, noch.
Spiegel: Diese Szene, wie auch die ganze Figur der Psychologin, kann auch als Kritik an der damals auch unter Feministinnen immer populärer werdenden Psychologie Freud’schen Schlages gesehen werden. Die Filmwissenschaftlerin Laura Mulvey bezieht sich ja in ihrer bahnbrechenden feministischen Analyse zum männlichen Blick „Visuelle Lust und narratives Kino“ sehr stark auf Freud. Das war 1975, in der Zeit als der Film entstand. Hier also: kaum Kommunikation in Form klassischer Dialoge, ein Abgesang auf das klassische Kino und ein Abgesang auf eine psychologische Deutung dieses Films, wenn man so will. „Against Interpretation“ im Sinne von Susan Sontag, sage ich da nur. Das erschien 1966, kurz nach „Notes on Camp“ von ihr. Würde als Referenz passen, aber da müsste man Ulrike Ottinger selbst fragen, ob sie das damals gelesen hat.
Selfcare: Gegen Interpretation passt zum Film, aber nicht zu unserem Gespräch. „Gegen Repräsentation“ würde passen. Hier gibt es ja bei aller Queerness kaum eine stabile oder rational agierende Figur, die als Vorbild dienen könnte. Belcampo scheint auch irgendwie verrückt und genau wie die zu Piratinnen werdenden Frauen, hat er was Kriminelles.
Buwár: Man wird nicht als Piratin geboren, man wird dazu gemacht – frei nach der Losung des konstruktivistischen Feminismus (allgemeines Gelächter).

Bild: Ulrike Ottinger Filmproduktion
Selfcare: Belcampo taugt jedenfalls nicht als positive, schwule Identifikationsfigur und wir hören dann auch ein Lied im Film, da heißt es in etwa: „This is extremely outlaw. The misfits – this is what I was looking for“.
Spiegel: Damit greift Ottinger ja etwas auf, das Rosa von Praunheim, der bereits 1975 in ihrem Kurzfilm „Die Betörung der blauen Matrosen“ mitspielte, in seinem Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ 1971 begann, nämlich zu sagen: Macht es euch nicht in eurer Opferhaltung oder im allzu Privaten gemütlich, sondern seid unangepasst, seid Misfits, also Außenseiter, unbequem und gegen die unterdrückende Gesellschaft. „Madame X“ ist eigentlich das, was erst viel später geprägt wurde, nämlich New Queer Cinema, in dem es oft auch um criminal queers, Politik und formale Experimente geht.
Buwár: Das sehe ich ähnlich, denn mehr Außenseitertum, als Piratin sein auf Hoher See, geht kaum, und Ottinger zieht ja auch hier die Konfliktlinien innerhalb der eigenen Reihen. Wie Praunheim sagt sie, so interpretiere ich das: Wir müssen uns erstmal mit uns selbst beschäftigten und Macht- und Ohnmacht-Strukturen bei uns erkennen und benennen. Dazu gehört auch Kritik.
Selfcare: „Biete Welt“ ist die Werbung von Orlando an die Frauen. Damit war ursprünglich vielleicht die große, weite Welt gemeint, aber letztlich sind dann alle doch mit sich selbst beschäftigt, wie Sie ja auch sagen.
Buwár: Eine „Welt voller Gold“, bietet Orlando. Das wäre der zweite, sagen wir mal „Handlungspunkt“ im Film: Die Frauen kapern eine Luxusyacht. Da kommt dann eine andere, neue Welt ins Spiel. Was sagt ihr dazu?
Selfcare: „Madame X war von dem unvorstellbar geschmacklosen Luxus degoutiert“, heißt es aus dem Off, als sie die Yacht betritt. Auch so ein Superzitat. Sie entschließt sich mit Hilfe der anderen dazu, Bares, Gold und Preziosen, also so Wertgegenstände, zu erbeuten. Nachts findet dann der Übergriff der Frauen auf die Yacht statt, nachdem es zwischen den beiden Schiffen vorher freundlich zuging; Alles etwas schräg erzählt, ehrlich gesagt. Die Piratinnen dezimieren dann die Besatzung und Lady Divine, die im Rollstuhl sitzt, endet im Meer, andere werden erschossen. Alles ganz schön brutal.
Spiegel: Die Gewalt ist hier sicherlich eine Chiffre. Man darf nicht vergessen, dass sich um Lady Divine auf der Luxusyacht ranghohe Machthaber versammeln, und zwar „die Prominenz aus Regierung, Wirtschaft und Diplomatie“. „Die dicke Wirtschaftswunderzigarre ging nicht aus“, heißt es da wortwörtlich. Das kann meinen: Hiermit ist Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg gemeint. Der geschichtsvergessenen Dekadenz will man ein Ende setzen, sich die Schätze zurückholen. Hier sind marxistische Lesarten möglich, oder auch Anspielungen an die erste Generation der RAF. Holger Meins machte ja auch Filme mit Helke Sander an der DFFB, bevor er in den Untergrund ging. Alles kann gemeint sein: entweder ein sympathisierendes Bild von linken Terrorakten, oder die Kritik daran, oder beides.
Selfcare: Jetzt holen sie aber sehr weit aus mit Ihren Deutungen! Mein Problem ist, dass dabei eine Frau im Rollstuhl ertrinken muss.
Spiegel: Ihre Wokeness in allen Ehren, aber wir sind hier eher bei John Waters angesiedelt als in einem Seminar über Intersektionalität. Ob diese Meuterei jetzt mehr Überfall, Tanz, Happening oder Witz ist, finde ich schwer festzulegen. „Madame X“ ist voller Momente der übersteigerten Provokation oder auch des Camp: Man nehme nur die Hausfrau Betty Brillo, die anfangs in schlechtem Englisch sagt „My son was homosexual of course!“, gerade so als käme sie aus Waters‘ Film „Female Trouble“, auf den später wiederum die Feministin Judith Butler Bezug nimmt. Aber, um Ihnen entgegen zu kommen mit ein bisschen Kritik: Dieses unschuldige und neugierige Spiel mit Kulturen und Ethnien, wie es Ottinger nicht nur hier macht, wäre heute so nicht mehr denkbar, ganz klar. Sie selbst spielt einen chinesischen Orlando, andere Figuren sind asiatisch geschminkt oder heißen Noa-Noa. Nicht zu vergessen: Der Film soll auf den „Meeren des Fernen Ostens“ spielen. Generell ist der Umgang mit dem Anderen spielerisch, vielleicht exotisierend, aber keineswegs kolonial, auch wenn man dem Film heute Aneignung vorwerfen würde.
Selfcare: Das mache ich auch nicht. Es geht hier ja in vielerlei Hinsicht um Fantasy und nicht um das Imitieren irgendwelcher Realitäten oder um ein koloniales, kulturelles Einverleiben.
Buwár: Das sehe ich auch so, und man sollte hier auch etwas vorsichtig sein mit den politischen Kampfplätzen. Auch in Bezug auf die Gewalt und das Sterben im Film muss man sehen: Gerade zum Ende hin sind die Akte der Tötung und Selbsttötung eher performative Handlungen und als solche inszeniert. Ich sehe hier eher ein absurdes Theater und eine metaphorische Tragödie und keineswegs den Versuch, eine Realität abzubilden. Am deutlichsten sieht man das doppelbödige Spiel bei der versuchten Tötung der Gallionsfigur der Madame X – die Doppelgängerin der autoritären Führerin überlebt das Attentat. Was bedeutet das alles? Hier geht es nicht um Wirklichkeiten. Reden wir noch aber noch kurz über die schwulen Figuren des Filmes.

Bild: Ulrike Ottinger Filmproduktion
Spiegel: Über die queeren Männer, ja. Ein Matrose der Luxusyacht überlebt die Meuterei und wird danach von Belcampo betört. Beide werden von den Piratinnen entdeckt und auseinandergebracht. Der Matrose wird über ein Floß von Bord gebracht in einer Szene, in der sich Vieles nicht erklärt: Belcampo versucht erst den Seilzug, mit dem das Floß abgelassen wird, an sich zu reißen, ist dann selbst auf dem Floß, in der nächsten Einstellung aber wieder tanzend auf dem Schiff zu sehen. Betty Brillo landet unerklärlicher Weise auch auf dem Floß, kann aber wegschwimmen. Naja, sagen wir so: Mit etwas mehr Budget wäre diese Szene sicherlich etwas klarer gewesen. Wer jetzt hier gegen wen ist, und ob die Frauen die schwule Liebe stört, oder sie der Matrose von der Yacht stört, ist relativ nebulös. Klar hingegen ist, dass Frank Ripploh im Film in einer winzigen Rolle mitspielt, und zwar unter dem Pseudonym Peggy von Schnottgenberg. Ripploh kennt man als Regisseur eines weiteren Meilensteins der queeren deutschen Filmgeschichte: „Taxi zum Klo“. Er hat auch bei „Die Betörung der blauen Matrosen“ mitgespielt und später bei Elfi Mikesch. Warum ich das erzähle? Die Netzwerke von Ottinger gerade auch um schwule Männer in Westberlin, die Aktivisten waren, oft Aktivisten des Kinos, sollte man bei einer queeren Betrachtung auch immer erinnern: Alf Bold, Wieland Speck, Gerhard Hoffmann, und eben Frank Ripploh und Rosa von Praunheim sind Teile des filmischen Universums von Ottinger, wie so viele andere.
Buwár: Und damit haben wir jetzt doch einen guten Bogen hinbekommen zur Filmemacherin Monika Treut, die 1981 in der „Frauen und Film“ einen leidenschaftlichen Nachtrag auf „Madame X“ geschrieben hat und mit den Worten beginnt: „Die selbstverständliche Leichtigkeit, mit der schwule Männer im „Taxi zum Klo“ fahren können, ist hierzulande den lesbischen Frauen – nicht nur in der Filmwelt – erheblich erschwert. Solange Frauen, Feministinnen, Lesben oder alle zusammen sich im Wesentlichen fern der Machtzentren von (Kino-) Politik bewegen, ist das auch kein Wunder.“
Selfcare: Den Text habe ich auch gelesen und fand ihn toll! Treut analysiert darin ja ziemlich gut, dass es im Film und eben in der Figur der Madame X immer um Verführung und Macht geht. Und sie sagt an einer Stelle, dass das Abenteuer der Frauen immer auch Parodie des Abenteuers ist. Aber zurück zum Zitat: Hat sich viel getan in der Kinopolitik seitdem?
Spiegel: Also „Frauen, Feministinnen, Lesben“ wie Treut es trennt, sind sicher nicht mehr fern der Macht und vor allem in der Filmgeschichte alles andere als unsichtbar, aber sicherlich herrscht hier kein Gleichgewicht zur Repräsentation von schwulen Männern.
Selfcare: …und nicht-binären Menschen, transidenten Geschichten, People of Colour…
Buwár: Das wäre jetzt eine ganz neue und extrem wichtige Diskussion, aber ich denke wir haben die Geduld des Publikums schon genug strapaziert. Ulrike Ottinger hat mit 83 gerade ihr Herzensprojekt „Die Blutgräfin“ – Sie hatten es erwähnt – auf der Berlinale präsentiert. Das ist doch, fast 50 Jahre nach „Madame X“, eine Sensation, und das sollten wir feiern.
Spiegel: Absolut. Ich finde wie sollten versöhnlich enden.
Selfcare: Da habe ich noch ein weiteres Lieblingszitat, den letzten Satz des Filmes, der würde passen.
Buwár: Her damit!
Selfcare: „Alle Unzufriedenheit, die in Ihnen steckte, einte sich zu einem machtvollen Ganzen und mit günstigem Wind segelte man davon“.
Buwár: In dem Sinne: Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Madame X – EWine absolute Herrscherin
von Ulrike Ottinger
DE 1978, 146 Minuten, FSK 16,
deutsche OF