Rückenwind: Interview mit Jan Krüger

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Zum Kinostart seines Films „Rückenwind“ (2009) erzählte uns Regisseur Jan Krüger, wie Filmemachen mit very low budget funktioniert, warum er gerne mit Laien dreht und wieso schwule Beziehungen bei ihm ambivalent sein müssen.

Foto: Edition Salzgeber

Landpartie

Interview: Thomas Abeltshauser

Wie ist die Idee zu Rückenwind entstanden?

Das erste Exposé war noch sehr viel weniger narrativ, ich wollte ganz impressionistisch Bilder und Szenen eines Ausflugs parallel mit Aufnahmen aus der Großstadt zeigen. Im Club, nachts am Märchenbrunnen, so eine Art Reigen, aber ohne durchgehende Geschichte. Die erste Idee war auch gar nicht, einen Spielfilm mit geschlossener Handlung zu erzählen, sondern eher eine offene Collage, einfach aus der Not heraus, mit wenig Geld und Zeit einen Film zu drehen. Als zweite Ebene hätten Zeitungsausschnitte und Tagebucheinträge den Film zusammengehalten. Das will ich auch noch mal probieren, aber so auf halbem Weg merkte ich, dass das über eine Länge von 70, 80 Minuten nicht trägt. Also habe ich angefangen, die Ausflugsgeschichte weiterzuspinnen. Da kamen dann das Haus und die anderen Figuren dazu und auch die Idee, den Film so psychedelisch enden zu lassen. Es wurde mir auch schnell klar, dass die Rückblenden in die Stadt irgendwie bemüht gewirkt hätten und ich habe sie dann ganz weggelassen. Ich habe mich mehr auf die Geschichte verlassen und auch auf das, was auf so einer Reise mit den Schauspielern passiert. Das hat so eine eigene Kraft entwickelt, dass die ganz abstrakten Momente – ursprünglich sollte man auch mal zehn Minuten nur Wassertropfen und krabbelnde Tierchen sehen, dazu Tagebuchaufzeichnungen vorgelesen – fast gar nicht mehr drin sind.

Das Ende ist aber noch ein Überbleibsel von diesem ursprünglichen Konzept, oder?

Ein bisschen, ja. Es gibt einen Roman von Hervé Guibert, „Das Paradies“, den ich in Motiven schon in dem Kurzfilm „Hotel Paradijs“ verwendet habe. Eine magische Geschichte, die mit dem Tod der imaginierten Freundin beginnt und dem Versuch, diese Liebesgeschichte zu rekonstruieren. Und dabei löst sich die Gewissheit auf, dass das alles so passiert ist. Daraus hatte ich die Idee, die Geschichte nicht von A bis Z zu erzählen und auch diese Realitätsverschiebung am Ende.

Wie detailliert war das Drehbuch?

Es gab ein Treatment von 30 Seiten, mit großem Zeilenabstand. Das war nicht viel. Zu Beginn standen noch nicht mal alle Drehorte fest. Bei einer größeren Produktion wäre mir der Arsch noch mehr auf Grundeis gegangen, aber wir waren nur fünf Leute und ich habe auch schlecht geschlafen, aber ich wusste, ich muss nicht alles kontrollieren, sondern kann es auch mal laufen lassen und kucken, was passiert. Das Drehbuch war sehr fragmentarisch und es gab auch keinen Ausstatter, wir mussten also die Orte so nehmen, wie wir sie vorfanden und uns darauf einstellen. Da muss man schon ein Risiko eingehen und vertrauen, dass es am Ende zusammenpasst.

Warum war es zeitlich und finanziell so knapp?

Die Produktionskosten waren so niedrig, weil wir den Ehrgeiz hatten, einen wirtschaftlichen Film zu machen, also einen Film, der sich durch die Kino- und DVD-Erlöse rechnet. Das hieß in diesem Fall 40.000 Euro. Und das bedeutet eine große Einschränkung, aber auch die große Freiheit, dass einem keiner reinredet und man keinen konventionellen Spielfilm erzählen muss. Ein Kompromiss war, dass es kein fertiges Drehbuch gab, denn das hätte mehr Zeit und auch mehr Geld gekostet. Ich habe dafür mehr Zeit fürs Casting verwendet. Mittlerweile habe ich dieses Selbstvertrauen, so zu arbeiten.

Wie hast Du die Darsteller gefunden?

Ich verfolge schon deutsches Kino und Fernsehen und da fallen mir Leute auf, die ich toll finde. Und ich kucke viel bei Casting-Agenturen. Jetzt hatte ich zunächst den Eindruck, dass ich mit diesem unfertigen Drehbuch und der schwulen Geschichte, in der es auch Nacktszenen geben sollte, Schwierigkeiten haben würde, gestandene Jungstars dafür zu finden. Die haben ja was zu verlieren und dem Druck wollte ich mich nicht auch noch aussetzen. Deswegen habe ich zuerst Laien gesucht, per Anzeige und im Internet, da haben sich 30 Leute gemeldet und davon haben wir 20 eingeladen und Probeaufnahmen gemacht. Aber das war schwierig, so ganz ohne Erfahrung. Also habe ich bei Schauspielschulen Leute angeschaut und bei kleineren Agenturen. Sebastian Schlecht, der den Johann spielt, habe ich an der HFF Potsdam gefunden, wo er im zweiten Jahr Schauspiel studiert, und Eric Golub ist mir in einem Musikvideo aufgefallen. Ich habe sie dann eingeladen und im Park rumtoben und Tango tanzen lassen. Da zeigt sich schon sehr viel, ob jemand einen anderen, den er nicht kennt, souverän anfassen kann. Das ist keine Kleinigkeit. Und die beiden konnten das, das war eine gute Kombination, auch in ihrer Unterschiedlichkeit.

Wussten sie, wie weit sie gehen müssen?

Sie wussten, dass es um eine schwule Beziehung geht. Wir haben das Drehbuch zusammen gelesen und uns dann überlegt, dass sie seit 6 Wochen zusammen sind, also schon oft miteinander geschlafen haben. Und diese Vertrautheit sollte man auch vor der Kamera sehen, da mussten sie innerhalb von ein paar Tagen hinkommen. Sich küssen und anfassen können, wie zwei Jungs, die schon oft zusammen im Bett waren. Ich will keinen steifen Schwanz sehen, habe ich gesagt, aber ich will schon, dass ihr euch auch mal nackt auszieht und berührt, weil das zur Geschichte gehört. Da muss man einfach sehr konkret sein, dann verschwindet auch das Anrüchige daran. Ich habe sie sich vorher nackt fotografieren lassen. Das hat eine Nähe geschaffen und den beiden auch Selbstvertrauen gegeben.

Wie schaffst du die Gratwanderung zwischen authentischer Intimität und Ausbeutung?

Das muss jeder für sich entscheiden, denke ich. Man muss bestimmte Grenzen akzeptieren, wenn es den Beteiligten unangenehm ist. Ganz wichtig ist auch sich selbst einzubringen. Zu erzählen, wie es mit dem eigenen Freund ist, zum Beispiel. Man darf nicht glauben, dass man die Schauspieler vorschicken kann und selbst schön in Sicherheit bleibt. Im Gegenteil, man muss sich zumindest im Gespräch entblößen und damit ein paar Tabus brechen. Und sehr genau hinschauen und sie auch ein bisschen pushen. Und den Schauspielern Feedback geben, ihnen sagen, was sie schon gut machen, um so Vertrauen zu schaffen.

Und deine eigenen Grenzen?

Ich könnte in meinen Filmen sicher noch viel weiter gehen, auch im sexuellen Bereich. Es gab in den letzen Jahren ja einige renommierte Regisseure, die echten Sex gezeigt haben, ob Lars von Trier oder Michael Winterbottom. Da ist aber nicht viel übrig geblieben, finde ich. Sex als expliziter Akt war weder ein ästhetischer Durchbruch noch eine besondere Befriedigung beim Kucken. Larry Clark hat immer was Schlüpfriges, aber auch sehr Hochglanz, diese glatten Jungs, wie eine Art Dirty-„Bravo“. Ich bin noch ziemlich weit davon entfernt, Leute bei echtem Sex zu zeigen. Es hat für mich auch nichts mit Schauspiel zu tun, sondern mit der Kontrolle von Körperfunktionen. Ist das die große Herausforderung? Ich will keine erigierten Schwänze sehen und nichts, was irgendwo reingesteckt wird. Man kann auch ohne das erotisch erzählen. Der Schlüssel liegt doch darin, spielerischer zu sein, auszuprobieren und nicht darin, immer noch expliziter zu werden.

Wie bist du überhaupt zum Film gekommen? Du hast zuerst ein sehr unschwules Physikstudium absolviert.

Ach ja? Da müsstest du erstmal eine statistische Erhebung in einem Physikjahrgang machen! Ich habe schon immer gern gelötet – falls du einen Kalauer für die Überschrift brauchst. Im Ernst: Zu Beginn des Studiums hatte ich mein Coming-out und es hatte viel mit Sendungsbewusstsein zu tun, sich auseinanderzusetzen und mitzuteilen. Es war dann aber eher Zufall, dass ich von der Kunsthochschule in Köln hörte. Die Bewerbung war ziemlich aus dem Bauch heraus und auch blauäugig, weil ich zuvor noch nie was mit Film gemacht hatte. Ich glaube, ich wurde ausgewählt, weil ich bereit war, mich sehr persönlich einzubringen. Das waren dann vier nicht leichte Jahre, weil ich künstlerisch nicht vorgebildet war. Ich habe mich dann aber ganz bewusst gegen die Technik entschieden, ich habe bis heute glaube ich nie einen Special Effect verwendet. Ich wollte ja eben nicht Ingenieur werden und das sieht man als Gegenbewegung auch meinen Filmen an.

Deine Filme handeln oft von schwulen Beziehungen, die ambivalent sind. Was interessiert dich daran?

Ich lasse sie oft wie bei einem Laborversuch durch eine dritte Person in Frage stellen, will sehen, was da passiert. Ich versuche, in Menschen reinzugucken, auch in die Schauspieler selbst, lege auch ihre Gefühle jenseits der Figur offen. Die sind oft sehr nah an ihnen selber, teilweise tragen sie ihre eigenen Klamotten. Vielleicht auch, um es mit mir abzugleichen. Das Zeigen von schwulen Beziehungen hat wie ich finde auch eine politische Komponente, da steht schon eine gesellschaftliche Haltung dahinter. Schwules Leben ist in der öffentlichen Darstellung und Wahrnehmung furchtbar normiert. Als müsste man einen Glücksbeweis antreten, aus der Kränkung des Coming-outs heraus. Aber es schränkt total ein, wenn man immer stark und selbstbewusst sein muss in seinem Auftreten. Auch als Schwuler hat man Schwächen und Krisen, selbst wenn man in einer funktionierenden Beziehung ist. Aber dahinter guckt man im populären Film nicht, da endet es eben damit, dass zwei zusammenkommen, aber was danach passiert, wird selten gezeigt. Mir geht es nicht darum zu zeigen, dass es keine Diskriminierung mehr gibt – das würde ich auch nie behaupten. Aber es interessiert mich ganz persönlich mehr, was nach einer ersten ‚Befreiung‘ kommt. Was für spezifische Themen und Schwierigkeiten es auch in ‚emanzipierten‘ schwulen Beziehungen gibt.

Zum Beispiel?

In „Rückenwind“ sind es zum Beispiel zwei Jungs, die ihre Rollenverteilung finden müssen. Die gleiche Geschichte mit einem Jungen und einem Mädchen würde vielleicht anders aussehen. Ich glaube, Fragen der Macht und Überlegenheit werden unter Jungs anders verhandelt. Oder Sex. Es gibt z.B. kaum Geschichten, in denen es darum geht, dass zwei Jungs vielleicht ganz unterschiedlich Lust auf Sex (oder Lust auf unterschiedlichen Sex) haben. Das sind spezifische Themen jenseits der Frage, ob es richtig und gut ist, schwul zu sein.




Rückenwind
von Jan Krüger
USA 2009, 75 Minuten, FSK 12,
deutsche OF,
Edition Salzgeber




DVD: € 19,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)


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