Dries

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Der belgische Modemacher Dries van Noten gilt in seiner Branche als sensibler Stilist – und als einer der wenigen unter den namhaften Designern, die sich den Zugriffen der großen Labels ganz bewusst entziehen. Der deutsche Regisseur Reiner Holzemer hat über van Noten nun einen Dokumentarfilm gedreht. „Dries“ ist das Porträt eines äußerlich unauffälligen, künstlerisch jedoch überaus originellen Freigeistes.

Foto: Prokino

Stoff und Wirklichkeit

von Barbara Schweizehof

Das Wort „Fashion“ gefällt ihm nicht. Man höre dem Wort doch schon an, dass die Zeit dessen, was es bezeichnet, begrenzt und bald abgelaufen sei. Der belgische Modedesigner Dries van Noten würde den Begriff gerne ersetzen – durch etwas Zeitloses. Denn er selbst will keine kurzlebigen Produkte machen. Im Gegenteil, seine Modestücke sollen so funktionieren, dass man sie noch ein Jahr später herausholen, anziehen, mit anderen Sachen kombinieren kann, so dass Kleidung ein Teil der eigenen Persönlichkeit wird. Während er dies in die Kamera des deutschen Dokumentarfilmers Reiner Holzemer spricht, trägt Dries ein vollkommen unauffälliges blauweiß gestreiftes Hemd, wie von der Stange, ohne Krawatte, mit weißem T-Shirt darunter. Einen Modemacher stellt man sich eigentlich ganz anders vor – flamboyanter, exzentrischer, in jedem Fall feiner gekleidet.

Die ersten Bilder von Holzemers „Dries“ zeigen denn auch nicht den „Schöpfer“, sondern sein Werk: eine Modeschau mit Vogelgezwitscher im Hintergrund, bei der van Noten die Models über Moos beziehungsweise einen künstlerisch mit dieser Anmutung gestalteten Teppich schreiten lässt. Es handelt sich um Aufnahmen seiner Frühlingskollektion 2015, in die der Designer unter anderem eine Reminiszenz an John Everett Millais’ berühmtes Gemälde „Ophelia (1852) einbaute. Was sofort auffällt, sind die Stoffe, sowohl ihre Vielfalt, als auch die Tatsache, dass die Kleidung selbst von ihnen inspiriert scheint: eine Mode, die sich die Stoffe weniger „zurechtschneidet“, untertan macht, als vielmehr ihre Textur, ihre Farben und Muster erst recht herausbringt.

Das besondere Verhältnis, das van Noten zu Stoffen hat, zieht sich wie der sprichwörtliche rote Faden durch Holzemers filmisches Porträt. Sorgfältig nach Farben in Haufen sortiert, sieht man sie in Dries‘ Atelier herumliegen, durch riesige Panoramafenster beleuchtet, hinter denen die Stadt Antwerpen liegt. An anderen Stellen sehen die Zuschauer_innen , wie der Modemacher sich Inspirationen zu seiner Herrenkollektion sucht, in dem er einem Model verschiedene Stoffe überhängt, die auf den ersten Blick konträr, stilistisch widersprüchlich scheinen. Dann reist Holzemer mit nach Indien, wo Dries Stoffe herstellen lässt, und filmt die indischen Mitarbeiter, wie sie Pailletten und Perlen aufziehen. Dass er sich seine eigenen Stoffe bestellen und entwickeln lassen kann, sieht van Noten als großes Privileg an. Als Zuschauer_in spürt und begreift man, dass die Stoffe für ihn das sind, was für einen Maler Farben und für den Bildhauer der Stein ist: das Material mit dem er seine „Story“ erzählen kann, wie er einmal sagt.

Foto: Prokino

Dries van Noten erscheint in Holzemers Dokumentarfilm als ehrgeiziger, aber zugleich bescheidener Handwerker und Künstler. Den spannenden Widerspruch, dass ein Modemacher, der von Berufswegen her auffallen, ja manchmal sogar schockieren und aufregen will, so besonnen und dazu noch durchschnittlich gekleidet auftritt, macht Holzemer leider nicht zum Thema. Stattdessen folgt er in seiner dokumentarischen Form van Notens besonnenen Ansatz: ruhig bleiben, an der Oberfläche die Konvention wahren, durch sorgsam zusammengetragene Details zum Ergebnis kommen.

Holzemer beobachtet van Noten bei den Wehen der Kreation zur neuen Kollektion, filmt ihn im privaten Kontext, etwa in der Küche und dem Garten seines schlossartigen Anwesens, in dem er mit seinem Lebens- und Geschäftspartner Patrick Vangheluwe wohnt, und lässt ein paar Modekritiker und -köpfe zu Wort kommen, wie etwa Iris Apfel, die mit ihren 95 Jahren apodiktische Urteile äußert: die Modeindustrie habe sich ihr eigenes Grab gegraben, aber Dries habe sie vor dem Tod bewahrt, oder so ähnlich. An der Oberfläche ist das alles auf fast irritierende Weise konventionell. Da wird Dries gelobt mit Sätzen, die man als Standardformulierung auf fast jeden Künstler anwenden könnte: dass er Leidenschaft hineinbringe, wo andere nur Waren verkaufen, dass er den Kontrast liebe, stets das Unerwartete tue, sich von allem, der hohen und der nicht so hohen Kunst, sowohl von Kitsch als auch von Haute Couture inspirieren lasse. Die Aufnahmen aus dem Privatleben sind ebenso glatt und generisch; Holzemer gelingt kein intimer Einblick, etwa in die Beziehungsgeschichte von Dries und Patrick.

Foto: Prokino

Trotzdem findet sich in den undramatischen, zur Seite gesprochenen Bemerkungen viel Interessantes. Etwa dass van Noten einer der letzten unabhängigen Modemacher ist, die noch nicht von einem großen Label geschluckt wurden. Dass er einige seiner Stoffe deshalb in Indien fertigen lässt, um die Leute dort in Lohn und Brot zu halten, und in seiner Firma ein Team um sich hat, dem er aktive Mitsprache zugesteht. Oder, so Dries, dass es heute in der Mode keine Revolution mehr brauche, die mit allem Alten abschließe und völlig von neuem anfange. Viel eher müsse man, besonders in der Herrenmode, mit subtilen Feinheiten arbeiten. Er achte etwa immer darauf, dass in seiner Herrenkollektion sowohl männliche wie weibliche Elemente auftauchen. Anekdotenhaft erhellend wird es, wenn Holzemer van Noten dabei filmt, wie er die Aufzeichnungen der Laufsteg-Präsentationen von früheren Kollektionen anschaut und kommentiert. Da erklärt er, wie eine davon, die von Francis Bacon inspiriert war, böse Kritiken auf sich zog. Die berühmte britische Modekritikerin Suzy Menkes habe eigens eine neue Farbbeschreibung für eine seiner Stoffe erfunden: „Spoiled Shrimp“.

Wie ein Mosaik setzt sich aus solchen Beobachtungen und Bemerkungen das Porträt eines besonderen Modemachers zusammen. Man bekommt eine Ahnung davon, wie viel Arbeit es gekostet haben muss, gerade als Belgier in einem Business zu bestehen, das seine Aufmerksamkeit anderswo konzentriert – in Italien, Frankreich, England – und wie anstrengend das Überleben in diesem Modebetrieb sein muss. Die ständige Anspannung zehrt sichtlich auch an van Noten. Der Betrieb sei ein Hamsterrad, in dem man keine Schau auslassen darf, um nicht „weg vom Fenster“ zu sein. Holzemers Film lässt einen als Zuschauer hoffen, dass Dries noch lange durchhält.




Dries
von Reiner Holzemer
DE 2017, 93 Minuten, FSK 0,
flämisch-englisch-französische OF mit deutschen UT
Prokino

Ab 29. Juni hier im Kino.

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