The Chronology of Water

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Der Werdegang von Kristen Stewart ist so einzigartig wie spektakulär: vom „Twilight“-Star und Teenie-Idol zur respektierten Arthouse-Schauspielerin und queeren Ikone. Mit „The Chronology of Water“, ihrer Interpretation der Memoiren der Schrifststellerin und Schwimmerin Lidia Yuknavitch, präsentiert sie nun ihr mit viel Spannung erwartetes Regie-Debüt. Arabella Wintermayr über einen aufregenden Film, der Kinokonventionen zu brechen versteht und dabei seine ganz eigene Sprache spricht.

Bild: eksystent filmverleih

Eine Frau schreibt sich frei

von Arabella Wintermayr

Ein Körper kippt nach vorn, und schneidet sich seinen Weg durch das Wasser. Der Badeanzug leuchtet kurz in grellem Orange auf, dann verschwindet er, unter der Oberfläche und mit ihm das Bild selbst, unter Flimmern und filmischem Rauschen. Dann flackert ein Abfluss auf, in dem das Wasser einer Dusche gerinnt, dann ein Rinnsal dünnen Blutes, das sich beimischt und schließlich ein starrer Blick, der aus tränenden Augen hervorsticht.

Weitere Bilder tauchen auf, wie ungebetene Gedanken: eine saubere Aneinanderreihung von Kieseln, nach Größe sortiert und mehrere Meter lang, nur unterbrochen von einem winzigen Söckchen, auf dem ein blauer Stein von fast unnatürlich perfekter Rundung liegt. Nichts davon wird erklärt, alles soll bereits Bedeutung sein. „The Chronology of Water“ beginnt nicht, sondern setzt ein, wie ein Strom, in den man unweigerlich hineingerät.

Fast reflexhaft sucht man nach Halt, nach einem erzählerischen Geländer, einem Namen, einem Datum oder einem Ort. Der Film verweigert eine solche Kartographie, und bietet stattdessen eine Stimme: „I thought about starting at the beginning, but that’s not how I remember it.“ Dieser Satz, so zeigt sich bald, soll eine Setzung sein, die sich der konventionellen Biografieform vollständig widersetzt. Denn in ihrem Regiedebüt, der Adaption der gleichnamigen Memoiren von Lidia Yuknavitch, akzeptiert Kristen Stewart das Chaos der Erinnerung nicht nur, sondern erhebt es zur Struktur.

Nichts „gestehen“, nichts verteidigen

Zumindest, wenn man den Werdegang von Kristen Stewart mit Spannung verfolgt hat, kann einen in diesen ersten formal entfesselten und visuell überbordenden Minuten eine feine Beklommenheit erschleichen. Zu verheißungsvoll ist die Wandlung, die sie in ihrer Karriere bereits vollzogen hat, zu groß damit die Fallhöhe: vom Status eines global vermarkteten Teenie-Stars des milliardenschweren Franchises, den sie mit widerwilliger Distanz (er)trug, hin zu einer respektierten Schauspielerin des Arthouse-Kinos.

Rolle für Rolle löste sich Kristen Stewart von Erwartungen, dem lästigen „Twilight“-Label, und schärfte ihr Profil im diffusen Widerstand dagegen. Irgendwo auf diesem Weg avancierte sie zur wohl interessantesten queeren Frau des Gegenwartskinos – mitunter auch gerade deshalb, weil sie sich dem klassischen Coming-Out-Narrativ entzog, und ihre sexuelle Orientierung weder „gestand“ noch verteidigte.

Mit dem Cover auf dem „Rolling Stone“, für das sie im Zuge ihrer Rolle im lesbischen Pulp-Thriller „Love Lies Bleeding“ in Lederweste und weißem Jockstrap posierte, irritierte sie allerdings nicht nur den Blick eines heteronormativen Publikums, sondern auch jene Teile der Community, die sich von braver Anpassung immer noch Akzeptanz versprechen – und unter queerer Sichtbarkeit vor allem den Anspruch verstehen, nicht aus dem vertrauten Bild zu fallen.

Anders ausgedrückt: Durch die vergangenen Jahre nährte Kristen Stewart die Hoffnung, die langersehnte queere Filmemacherin ihrer Generation zu werden, die sich den braven Erwartungskorridoren entzieht – auch denen des lesbischen Kinos. Und genau deshalb schwingt in den ersten Bildern von „The Chronology of Water“ die leise Sorge mit: Könnte das ein Debüt sein, das zu viel auf einmal will, mehr gekünsteltes Manifest als lebendiges Kino ist?

Bild: eksystent filmverleih

Erinnerung, die Bewegung formt

Das Gegenteil ist der Fall. Zwar muss man sich zunächst an das gewöhnen, was man sieht und hört – an die dominante Off-Stimme Lidias (Imogen Poots), an die körnigen Texturen der Bilder, an eine Tonspur, die nie ganz zur Ruhe kommt: ein beständiges Rascheln, scharf ausgestoßenes Atmen, ein gelegentliches, kaum einzuordnendes Ächzen ist zu hören. Doch was zunächst wie ein beliebiges Übermaß an Eindrücken wirkt, ordnet sich rasch.

Aus dem vermeintlichen Durcheinander entsteht eine eigene Sprache: Die Bilder beginnen, miteinander zu sprechen, Geräusche antworten einander, Motive kehren zurück, nicht um sich zu wiederholen, sondern verschieben sich wie Wasserwellen, die nie dieselbe Form annehmen und doch denselben grausamen Ursprung verraten.

Der Ursprung dieser Wellen liegt früh – und er hat ein Gesicht, das der Film nur selten frontal zeigt. Es ist Lidias Vater (Michael Epp), um den sich vieles dreht, ohne dass er je vollständig umrissen würde. Stattdessen beobachtet Corey C. Waters‘ unerbittlich suchende Kamera die Teile des väterlichen Körpers, die sich in die Erinnerung der Tochter eingeschrieben haben: ein bebender Hals, bedrohlich große Hände, zuckende Bewegungen.

Seine Gewalt wird nicht ausgestellt, sondern nur so weit sichtbar gemacht, dass ihr Stattfinden unmissverständlich ist. „The Chronology of Water“ ist keine Missbrauchsgeschichte im klassischen Sinn, kein filmisches Protokoll der schmerzhaften Demütigung. Kristen Stewart interessiert sich nicht für das Ereignis, sondern für seine Nachwirkungen – für die Art, wie Erinnerung sich im Körper ablegt, wie sie Bewegungen formt, Entscheidungen unterläuft, Beziehungen färbt.

Auch die leise Mutter (Susannah Flood) blitzt darin auf, in kleinen, entlarvenden und doch Mitleid erzeugenden Momenten. Betrunken auf der Toilette sitzend sieht man sie etwa, durch die ins Gesicht fallenden Haare der Tochter betrachtet. Sie erscheint als tragische Figur, die den schönen Schein bewahren möchte und doch längst kapituliert hat. Ihr Alkoholismus wird wiederum als Teil eines stillen Einverständnisses mit dem Unausgesprochenen gezeigt, das Lidia dem Vater weiter ausliefert.

Und auch eine ältere Schwester (Thora Birch) gehört zu diesem Gefüge. Zunächst scheint sie eine Art Schutzwall für Lidia, eine zweite Präsenz im Raum. Doch ihr heimlicher Auszug verschiebt das Kräfteverhältnis im Haus. Mit ihrem Weggang ordnet sich die verhängnisvolle väterliche Aufmerksamkeit neu, richtet sich schließlich ganz auf die verbleibende Tochter.

Bild: eksystent filmverleih

Weit nach draußen treiben

Als Lidia das Elternhaus schließlich Richtung College verlässt, wirkt es zunächst wie ein klassisches Entkommen. Ein Stipendium, ein neuer Ort, ein anderes Leben vielleicht. Doch was sich über Jahre im Körper abgelagert hat, verschwindet nicht mit der Distanz, sondern drängt nun nach außen. Die Disziplin des Schwimmens, lange Rettungsleine und Richtschnur zugleich, reicht nicht mehr aus.

Die Befreiung gerät zur Entfesselung. Lidia stürzt sich in Affären, in Alkohol, in Drogen. Liebe erscheint kurz in der Gestalt von Philip (Earl Cave). Er ist sanft, zugewandt, beinahe rührend in seiner Unbedarftheit. Doch gerade diese Zärtlichkeit ist für Lidia schwer zu ertragen. Wer gelernt hat, dass Nähe bedrohlich ist, misstraut dem Frieden und sucht stattdessen die Eskalation. Lidia stößt ihn von sich und stürzt sich in Intensität, Reibung und Betäubung. Die Kamera bleibt dabei so körpernah, die Schnitte so hektisch wie zuvor: Taumelnde Schritte über den Campus sind zu sehen, verschwitzte Haut, eine Wiederbelebung nach einem weiteren Mal „zu viel“.

Und doch folgt aus dem Chaos kein reiner Absturz, sondern ein weiterer Versuch, Halt zu konstruieren, der nur wieder nicht trägt. Eine überstürzte Hochzeit am Strand, das Versprechen eines gemeinsamen Anfangs. Ein Kind ist unterwegs. Für einen Moment scheint sich die Erzählung zu beruhigen, als ließe sich ein anderes Leben tatsächlich festlegen. Doch das Kind wird nicht bleiben. Lidia hält es im Arm, beschreibt die rosa Lippen eines leblosen Leibes.

Spätestens hier gewinnt das Bild vom Anfang ein anderes Gewicht: das winzige Söckchen, der perfekt gerundete Stein. Was zunächst wie ein rätselhaftes Fragment wirkte, erweist sich als filmische Vorahnung. Immer wieder findet „The Chronology of Water“ derartige Bilder, die sich einbrennen wie Gedichte ohne Worte. Und dennoch liegt der vielleicht schönste Gedanke des Films im Schreiben selbst.

Eine Stimme, die nicht gefällig ist

Denn Schreiben wird zur zweiten Schwimmbewegung für Lidia: Erst schützt das Wasser, wenn auch nur leidlich, dann trägt die Sprache, dann aber tatsächlich. Bis es so weit ist, wird es allerdings noch viele Stationen brauchen. Kristen Stewart filmt diesen Prozess mit der gleichen Dringlichkeit, sie kommt ihr über das gesamte Debüt nicht abhanden. Begegnungen wie jene mit dem Autor Ken Kesey („Einer flog übers Kuckucksnest“) wirken nicht wie bleiern-logische Stationen einer zerdeuteten Biografie, sondern als weitere Eruptionen.

Er ermutigt sie nicht, eine Geschichte sauber zu erzählen, sondern ihre eigene Stimme zu riskieren – eine Stimme, die nicht gefallen muss. Mit dieser Erkenntnis verschiebt sich etwas Grundlegendes für Lidia: Der Körper, der zuvor nur Träger von Erinnerung war, wird selbst zum Schöpfer, durch seine Sprache. Und sie erobert ihn sich auch jenseits des Schreibens zurück – durch eine Sexualität, die nicht mehr Flucht oder Betäubung ist.

Eine Rückeroberung, die sich auch im Filmischen vollzieht: Kristen Stewart filmt weibliche Körper, als hätte das Kino sie zu lange geglättet. Hautunreinheiten, Blut, Schweiß, Haare – hier darf alles existieren, was sonst retuschiert wird. Das Queere und das Weibliche erscheinen als Selbstverständlichkeit. Nichts wird erklärt, nichts entschuldigt, nichts verharmlost. Es ist da.

„The Chronology of Water“ funktioniert als Film ganz ähnlich: Er spricht in seiner eigenen Sprache, erklärt sie nicht, sondern etabliert sie einfach und erschafft etwas so Eigenes. Alles fließt, alles kehrt zurück, alles verändert sich. Kristen Stewart zeichnet Kino in ihrem Debüt als umschließende Strömung. Spätestens wenn der Abspann läuft, kann man sich sehr gut vorstellen, wie viel das queere Kino – ebenso wie das weibliche – Kristen Stewart eines Tages zu verdanken haben wird.




The Chronology of Water
von Kristen Stewart
US/FR/LV 2025, 128 Minuten, FSK 16
englische OF mit deutschen UT und deutsche SF

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