Pol Guasch: Auf den Händen brennt das Paradies

Buch

Schon in seinem preisgekrönten Debütroman „Napalm im Herzen“ beschwor der katalanische Autor und Dichter Pol Guasch einen Balanceakt auf mehreren Ebenen. Gegenwart und Science-Fiction, Prosa und Poesie, Liebe und Hass, Leben und Tod – All diese scheinbaren Gegensätze löste Guasch in einem Rausch aus Worten und Bildern auf, ohne sich davon abhalten zu lassen, die ergreifende Liebesgeschichte zweier junger Männer zu erzählen. Auch sein neuer Roman „Auf den Händen brennt das Paradies“ entzieht sich klaren Kategorisierungen. Anja Kümmel hat sich von der Nicht-Geschichte und Guaschs lyrischer Erzählkunst verzaubern lassen. 

Rohdiamant, geschliffen von Blicken

Von Anja Kümmel

Am Anfang braucht es einen Spark: Einen Funken, der die Wälder brennen lässt, einen Funken, aus dem eine ganz spezielle Verbindung erwächst. Ob diesem Funken ein zerstörerisches oder erneuerndes Potenzial innewohnt, ist offen. Wir wissen nicht, wie die Geschichte ausgehen wird. Was wir wissen, ist lediglich: Dass Líton, eine der beiden Hauptfiguren in Pol Guaschs zweitem Roman „Auf den Händen brennt das Paradies“ bereits tot ist, bevor sie losgeht. Das ist kein Spoiler, denn bereits auf Seite zwei verrät er das Material seines Sargs – unbehandeltes Kiefernsperrholz. Vierundzwanzig Jahre wurde er alt, oder vielleicht: wird er alt werden. Mit der zeitlichen Abfolge der Geschehnisse nimmt es der katalanische Autor nicht so genau. In achronologisch aneinander gereihten, multiperspektivisch erzählten Miniaturen lesen wir über Lítons kurzes Leben, wobei der Erzähler mal aus einem unbestimmten Früher, mal aus dem Jenseits zu uns zu sprechen scheint. Die Schlaglichter, die Guasch auf dieses Leben wirft, sind so präzise und sinnlich wie intensive Traumbilder, die einen noch lange nach dem Erwachen verfolgen, zugleich jedoch vage, was Ort und Zeit der Handlung betrifft.

Da ist zum Beispiel der militärisch organisierte „Dienst“, den Líton zusammen mit anderen jungen Männern zur Brandbekämpfung verrichten muss. Untrennbar damit verknüpft ist der Name René, „ein namenloser Junge, der alles war, wie ein Trugbild“, mit dem Líton eine heimliche Affäre beginnt. Und da ist Rita, die zweite Hauptfigur des Romans, die in ärmlichen Verhältnissen in einer Bergarbeitersiedlung aufwächst. Ähnlich wie Líton erfährt sie von ihrer Familie weder Liebe noch Rückhalt und wird von der Dorfgemeinschaft misstrauisch beäugt. Auf einer Party im Wald treffen die beiden schließlich aufeinander. Ihre Wege verschlingen sich für eine Weile aufs Innigste und driften irgendwann wieder auseinander. Das ist eigentlich auch schon der ganze Plot – wenn man überhaupt von einem Plot sprechen will bei diesem fragmentarischen Anti-Roman, der sich konventionellen Lesegewohnheiten vom ersten Kapitel an elegant entzieht. „Die Leute wollen, dass die Geschichten, die man erzählt, einer Ordnung folgen“, heißt es da. „Die Leute wissen nicht, dass geordnete Geschichten keine Geschichten, sondern Lügen sind.“ Spätestens nach diesen Sätzen weiß man, worauf man sich einlässt.

Wie schon in seinem gefeierten Debütroman „Napalm im Herzen“ siedelt der 1997 in Tarragona geborene Literatur-Shootingstar Pol Guasch auch seinen Zweitling in einer undefinierten Dystopie an, die sich diesmal jedoch weit weniger fern und gerade deshalb vielleicht umso verstörender anfühlt. Dürren folgen auf Überschwemmungen folgen auf Dürren. Die politischen Verhältnisse werden lediglich angedeutet, doch scheinen sich queere Menschen wieder einmal in Acht nehmen zu müssen. So gibt es in den Kasernen, in denen Líton und René ihren Dienst verrichten, die berüchtigte Baracke 13, in die unter anderem diejenigen verfrachtet werden, die „ein widernatürliches, gegen die Ordnung verstoßendes Verlangen bewiesen hatten“. Zudem rafft eine mysteriöse Infektionskrankheit, die stark an AIDS erinnert, reihenweise junge Männer dahin. Ob erst die Ausgrenzung oder die Epidemie da war, lässt Guasch offen. Was bleibt, ist die Erinnerung daran, wie schnell gerade gewonnene Freiheiten wieder umschlagen können in Marginalisierung und Stigmatisierung. Zugleich wirkt der Roman seltsam zeitlos, da weder Handys noch Internet noch popkulturelle Phänomene Erwähnung finden.

Mit knapp 180 Seiten ist „Auf den Händen brennt das Paradies“ ein schlankes Buch, und dennoch keins, das man innerhalb eines Tages lesen kann. Oder sollte. Der Roman steckt voller Sätze, die Zeit brauchen, um sich zu entfalten. Solche, die man sich laut vorliest und auf der Zunge zergehen lässt, und andere, die man mit geschlossenen Augen eine Weile auf sich wirken lassen möchte. Wie etwa diesen: „Es gibt das Schweigen dessen, der sich aus der Welt seiner Vorstellung vertrieben fühlt, und das Schweigen dessen, der die ganze Ewigkeit vor sich hat und nicht fürchtet, sich zu irren.“ Oder auch: „Ihr tanzt, ohne den Raum zu vergessen, den ihr erschaffen habt und der sich immer weiter auftut, sich immer weiter verdichtet, wie ein Rohdiamant, den eure Blicke schleifen.“ Nicht zuletzt solche Passagen verraten den Lyriker, der Guasch (auch) ist.

Pol Guasch – Foto: Maria Ródenas

Von Kapitel zu Kapitel springt der Roman zwischen den Zeiten und Erzählstimmen hin und her. Oft weiß man zunächst nicht, wer gerade spricht oder an wen sich die jeweilige Figur wendet. Weil sich der Text so chaotisch, so widersprüchlich und bisweilen unberechenbar dreht und windet wie das Leben selbst, ist bei der Lektüre einiges an Aufmerksamkeit gefragt. Dafür belohnt er uns mit unvergesslichen Momentaufnahmen, die sich so tief einbrennen, als hätte man sie selbst erlebt. Etwa Ritas und Lítons gemeinsamer Besuch eines Gewächshauses, bei dem sie zum ersten Mal lebende Bienen sehen. So eindringlich ist dieses Erlebnis beschrieben, dass man meint, das Summen des Schwarms in den eigenen Ohren, die Vibration im eigenen Körper zu fühlen. Oder ihre erste Begegnung, tanzend im zuckenden Licht, „sein Gesicht und dein Gesicht und auf ihnen schwarze und weiße Flecken wie Schnipsel aus Nacht und Tag, Nacht und Tag, Anfang und Ende“ – dieses Bild wird sich wie ein Refrain durch den Roman ziehen.

Ein „Thema“ lässt sich bei solch einem Buch kaum scharf umreißen. Queerness, rechter Backlash, Prekarität, Klassismus, Klimakrise – auf all diese zeitgeistigen Schlagworte verweist Guasch, ohne sie jedoch im Zeitgeist zu verorten, und entgeht gerade deshalb Klischeefallen. Man könnte auch sagen: Er spricht von der Gegenwart, ohne von ihr zu sprechen. Stattdessen erschafft er einen faszinierenden Text voller dunkler Flächen, eine Art Chiaroscuro aus Worten, aus dem hier und da ein überhelles Strahlen hervorblitzt. Wenn dieser Text etwas will, im Angesicht der Dringlichkeit eines nahenden Endes, dann vielleicht dies: affektive Landkarten entwerfen, in denen Codes sich aufzulösen beginnen, zwischenmenschliche Beziehungen sich fließender gestalten können, andere Formen des Liebens, Begehrens und sich Verbindens möglich werden.

Ritas jugendliche Schwärmerei für die gleichaltrige Bäckerstochter endet in einem bitteren Verrat. Aber heißt Ritas Schmerz nun, dass es mehr war als Freundschaft, vielleicht gar Liebe? Wie sie von ihrer Mutter weiß, ist die romantische Liebe nicht ohne Leid und Gewalt zu haben. Später trifft Rita auf Fèlix aus dem Nachbartal. Eine Weile lang finden sie aneinander Halt – aber sehen sie einander wirklich, oder sind sie sich gegenseitig nur ein Spiegel der eigenen Angst vor Einsamkeit?

Ähnlich ist es bei Líton und René. Aus schnellem Sex in den Latrinen der Kasernen erwächst bald eine enge Beziehung, eine Romanze wie herausgefräst aus einem alten Film: Am Nationalfeiertag fahren die beiden mit dem Motorrad aufs Land, machen im Schatten von Strohballen ein Picknick mit Käse und Brot und Wein, erzählen einander Lügen, von denen sie denken, dass der andere sie hören will. Derweil schlägt neben ihnen eine Schafherde eine Schneise durch ein Sonnenblumenfeld: „Hinter ihnen wurde der Weg erschaffen, wie die Sonne den Nachmittag erschaffen hatte und der Bauer die Erde, und wie Líton und René mit ihren Wörtern sich selbst erschaffen hatten. Als ob sie beteten.“

Die im Zentrum stehende Beziehung zwischen Líton und Rita, die sich wohl, in Ermangelung besserer Begriffe, am ehesten als „Freundschaft“ bezeichnen lässt, löst sich hingegen von der Übermacht vorgegebener, seit Generationen in uns eingeschriebener Narrative. Einerseits bietet die Offenheit dieser Verbindung, die Guasch bis in ihre feinsten Verästelungen auslotet, ungeahnte Freiräume. Andererseits erschwert das Fehlen fester Vorstellungen, Erwartungen und Konzepte aber auch das Sprechen über den Schmerz und die Trauer nach dem Verlust der Freundschaft, weil es (noch) kein Vokabular dafür gibt. Trotzdem wäre es einem Autor wie Guasch allzu simpel, und wahrscheinlich zu naiv, nach dem Scheitern der Familie und der romantischen Liebe die Freundschaft als rettendes Narrativ zu präsentieren. „Wir wurden Freunde“, sagt Rita an einer Stelle. „Das heißt, dass es uns für eine Weile gelang, unsere Traurigkeit unter Begeisterung zu verstecken.“

Mit anderen Worten: Es gibt sie, die hoffnungsvollen, ja beinahe utopischen Momente, inmitten der Apokalypse. Aber kann es wirklich gelingen, in die Welt eines anderen einzutauchen, um der eigenen zu entfliehen? Wir wissen nicht, wie die Geschichte ausgehen wird. Nur eins wissen wir: Wer sich nicht anstecken lässt, wird es nie herausfinden.


 

Auf den Händen brennt das Paradies

Von Pol Guasch
Aus dem Katalanischen von Kristen Brandt
180 Seiten, 22 Euro

Wallstein Verlag