On the Sea

Trailer • Im Kino

Mit harter Arbeit und bedingungsloser Disziplin hält der Muschelfarmer Jack den Familienbetrieb an der rauen Küste von Nordwales am Laufen. Über die Jahre hat er sich mit seiner Frau Maggie eine stabile Existenz aufgebaut, ohne sich dabei je recht fragen zu können, was er wirklich vom Leben will. Antworten bekommt er, als der jüngere Deckhelfer Daniel in der abgelegenen Gemeinde auftaucht und keinen Hehl daraus macht, wie attraktiv er Jack findet.

Bild: Salzgeber

In den Fängen der Tradition

von Janick Nolting

Der bedeckte Himmel lastet die meiste Zeit wie Beton auf den Figuren von „On The Sea“. Er zeigt sich mal hellgrau, mal dunkelgrau, mal schlohweiß oder seine düsteren Wolkengebilde gehen fast nahtlos über in den Nebel, der am Horizont die Sicht trübt. Das Naturschauspiel ist essenziell in Helen Walshs (“The Violators”) neuem Film. Es formt den stimmungsvollen Resonanzraum für eine Aufstellung von Figuren, die eigentlich, so würde man meinen, alle Freiheiten im Leben genießen sollten, die hinaus ins Offene ziehen, sich neu entwerfen müssten, aber die doch mit bleierner Schwere an ihr Hier und Jetzt gebunden bleiben. So, als drohe ihnen große Gefahr, würden sie doch einmal ihren angestammten Platz verlassen. Als seien die Natur und Wildnis, die sie in der nordwalisischen Einöde umgibt, unverrückbare Grenzen, hinter denen nur die Verlorenheit wartet.

Zugleich bringen die materiellen Verhältnisse weitere Unsicherheit mit sich. Ein Gefühl der Ohnmacht und Perspektivlosigkeit, das die bedrohliche Weite der Landschaften schluckt. Man kämpft dort mit der Zeit, mit dem Fortschritt. Jack, gespielt von Barry Ward, die Hauptfigur von „On The Sea“, pflegt noch die Traditionen seiner Familie. Seit drei Generationen betreibt sie die Muschelfischerei als beschwerliche Handarbeit. Gleich die beeindruckenden ersten Szenen tauchen in Jacks Alltag ein, der mehr wie eine ewige Qual und Strafe denn als erfüllende Berufung anmutet. Man harrt in den eiskalten Wellen der See aus, zieht Körbe stöhnend an Seilen durch Matsch und Tang. Die Kamera wackelt und stapft hinterher, als müsse sie selbst aufpassen, nicht im nassen Boden stecken zu bleiben. Das Handwerk des Muschelfangs wird hier zur physischen und psychischen Zerreißprobe.

Jack und sein Bruder Dyfan (Celyn Jones) haben mit den Finanzen zu kämpfen. Die Söhne spannt man in die Arbeit ein. Ist man zu hart oder zu nachsichtig mit ihnen? Man drängt sie in Richtung der Geschäftsübernahme, doch die Jugend hat offenbar andere Vorstellungen. Sie rebelliert gegen die Vorbestimmung. Es ist also ein Kampf zwischen den Generationen, den „On The Sea“ früh zeigt. Ein Film über Väter, die die Biografie ihrer Söhne schreiben wollen, weil es ihr starres Weltbild so verlangt. In Jacks Haushalt liegt der Konflikt in der Luft. Sein Sohn Tom (Henry Lawfull) soll mit bei der Ernte anpacken oder sich einen anderen Job für das Wochenende suchen. Und zwischen Jack und seiner Ehefrau Maggie (Liz White) herrscht bald ebenfalls angespannte Stimmung. Man begegnet dieser Frau, wie sie das Haus hütet. Sie sitzt an der Nähmaschine in einem Wohnzimmer mit großen, gläsernen Fenstern. Freie Sicht nach draußen. Nur ein paar einzelne Häuser in der Ferne. Überall karge, erschlagende Landschaft. Maggies Mann kommt heim. „Wie war der Fang?“, erkundigt sie sich. Es ist das düster schummernde, kühle Zerrbild eines erzkonservativen Idylls, das Helen Walsh hier inszeniert. Überhaupt hat man den Eindruck, dass es in „On The Sea“ selten so richtig hell wird, dass das Getrübte, Verfinsterte und Gräuliche die gesamte Weltwahrnehmung bestimmt.

Interessant ist an dem Film vor allem, wie er das Spiel und den Selbstbetrug einer Familie seziert. Man sieht Darstellerinnen und Darsteller bei einer nuancierten, empathisch beobachteten, permanent mit sich selbst ringenden Verkörperung von Rollen zu. Aber es ist immer auch eine Verkörperung, die von der Fragilität und Konstruktion der Rolle in einem künstlich errichteten Gefüge und System erzählt. Wie in einem Automatismus gehen die erwachsenen Charaktere ihrem Alltag nach, verdrängend oder aktiv bekämpfend, dass ihre Nachkommen andere Pläne haben könnten. Ja, sie scheinen noch nicht einmal mit ihren eigenen Fantasien und Ambitionen im Reinen zu sein. Der Kirchenbesuch als Pflichtveranstaltung der Identitätsstiftung darf dabei ebenso nicht fehlen, um zu der überschaubaren ländlichen Gemeinschaft zu gehören, der man ehesten am Abend beim Kneipenbesuch begegnet. Genau an dieser Stelle wird die Ordnung erneut erschüttert.

Bild: Salzgeber

Jack sieht dort einen Hilfsarbeiter namens Daniel (Lorne MacFadyen) in einer Schlägerei. Er fordert seinen Lohn und wird direkt des Hauses verwiesen. Zwischen Jack und Daniel wird sich später eine geheime Affäre entwickeln. Der Muschelfarmer gibt sich der Attraktivität des fremden Eindringlings hin. In Jack scheint ein verdrängtes Begehren zu schlummern. Und Helen Walsh nimmt sich besonders in einer markanten Szene Zeit, genau zu verfolgen, wie der Fischer innerlich zerrissen zaudert, wie er seinem Liebhaber zunächst nur den Rücken zudrehen kann, um sich befriedigen zu lassen, wie er letztlich doch nachgibt. Dann, wenn die Vorhänge am Fenster zugezogen sind. Nichtsdetotrotz sind die homoerotische Spannung zwischen den Männern und ihre Liebschaft noch nicht einmal der zentrale Gegenstand, für den sich der Film interessiert. Eine klassische Romanze ist „On The Sea“ nur zu einem geringen Teil. Dafür bleibt die Beziehung zwischen Jack und Daniel ohnehin zu ambivalent. Helen Walsh, die auch als Romanautorin berühmt ist, nutzt die geheime erotische Annäherung vielmehr, um die Fertigung der Welt, die sie porträtiert, nur noch weiter zu entlarven und zu dekonstruieren.

Bild: Salzgeber

Der zwischenmenschliche Akt, diese Welt krampfhaft in ihren Idealen und Normen mittels Aus-, Abgrenzungen und (Selbst-)Disziplinierungen aufrechtzuerhalten, verschmilzt mit dem Bild der beschwerlichen Arbeit, mit der der Film beginnt. Er mutet dem Publikum zu, Nähe zu einer Figur zu entwickeln, bei der das Tumbe und Nachdenkliche, das Grobe und Sanfte nicht immer eindeutig zu trennen sind. Genau das macht die Konfrontation so packend! Und es zeugt von großem Geschick in der Schauspielführung und beim Entwerfen all der Charaktere, dass daraus kein herabschauendes Vorführen geworden ist, sondern eine neugierige Alltagsstudie, die in ihrer angespannten Ruhe und Bedächtigkeit ihre Kraft entfaltet.

„On The Sea“ ist ein Film der gehemmten Emotionen, für die die Figuren einfach keine gemeinsame Sprache untereinander finden. Also kapselt man sich nur noch mehr voneinander ab. Wiederholt gibt es kurze Andeutungen einer Eskalation. Die Brüder springen am Esstisch auf. Da scheint noch etwas Unaufgearbeitetes aus der eigenen Kindheit und Elternbeziehung in der Luft zu liegen. Oder es sind solche bedrohlichen Vorzeichen wie der Wind, der die trocknende Kleidung vor dem Haus aufbläht. Wieder die Natur! Am Ende, um den Kreis zu schließen, ist der Film vor allem ein Melodram über Menschen, die sich viel zu spät einem Gegenentwurf zu ihren Zwängen und ihren sorgsam versteckten Sehnsüchten öffnen. Und selbst wenn es einem dann gelingt: Wo will man hin? Wem vertraut man sich an? Es ist ein Horror des Verlassens und Verlassenseins. Tage und Woche vergehen. Das Thema Krankheit schlägt obendrein zu. Man landet in einem Dazwischen, jenseits der zerfallenen alten Familienordnung, aber auch jenseits eines neuen Lebens- und Liebesmodells.  Nichtdestotrotz beharrt Helen Walsh auf der Zärtlichkeit und Nähe als Option und Perspektive, die sich in die erdrückenden, naturalistischen Bilder einschleichen und in dem bewegenden Schlussbild ihren Höhepunkt finden.



Interview mit den Hauptdarstellern Barry Ward und Lorne MacFadyen



On the Sea

von Helen Walsh

UK 2025, 111 Minuten, Englische OF mit deutschen UT

Edition Salzgeber

Ab 5. November hier im Kino

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