Love, Simon

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Simon ist schwul, nur weiß das noch keiner. Als sich ein Junge im Blog der Highschool anonym, aber mit E-Mail-Adresse outet, beginnt Simon mit ihm eine romantische Brieffreundschaft. Bis ihre Mails von einem Mitschüler entdeckt werden. „Love, Simon“, der heute in den deutschen Kinos startet, klingt wie eine Mainstream-Romcom aus Hollywood. Und ist auch eine, aber eben mit einer queeren Hauptfigur. In dieser Hinsicht ist Greg Berlantis Film bahnbrechend – und gehört ganz nebenbei auch noch zum Schönsten, was es dieses Jahr im Kino zu sehen gibt. Paul Schulz über ein quietschbuntes und saukomisches schwules Märchen für Zuschauer_innen jeden Alters.

Foto: 20th Century Fox

Just Like You

von Paul Schulz

Die Pressevorführung von „Brokeback Mountain“ wird mir für den Rest meines Lebens unvergesslich bleiben. Auch wegen des Films. Der ein auf den ersten Blick erkennbares Meisterwerk ist, wie inzwischen alle wissen. Aber vor allem, weil eine befreundete Filmkritikerin – damals Anfang 40, butch, tough – so geweint hat. Sie saß einige Reihen links vor mir allein im Dunkeln, und ich konnte im Gegenlicht der Leinwand sehen, wie die Umrisse ihrer Schultern in ihrem schwarzen Ramones-T-Shirt  in den letzten 20 Minuten des Films fast durchgängig flatterten, unterbrochen nur von sehr vernehmbaren Schnäuzern in ein immer nasser werdendes Taschentuch. Ich verstand sie gut, habe aber von Romy Schneider weinen gelernt und lasse mir in Momenten höchster Ergriffenheit also einfach stumm die Tränen die Wangen runterrollen, während ich den Blick stur nach vorne richte, das sieht im Kino keiner. Wir haben uns nach dem Film nicht weiter unterhalten, das war nicht nötig. Ich sah selber ein bisschen aus wie ein verheultes Rehkitz und manchmal muss man Filmkritik eben einfach Filmkritik sein lassen und zugeben, dass man gerade sehr dabei war und jetzt erstmal wieder zuheilen muss, bevor man sich inhaltlich auseinandersetzen kann.

Zur ersten Pressevorführung von „Love, Simon“ habe ich, weil ja auch ich inzwischen Anfang 40 bin und mir Teenager oft fremd sind, eine queere Freundin mitgenommen, die sieben Jahre alt war, als „Brokeback Mountain“ in den deutschen Kinos lief. Ich dachte, sie könnte an bestimmten Stellen vielleicht dolmetschen. Konnte sie nicht. Was daran lag, dass sie nach fünfzehn Minuten damit begann, sich in Tränen und Rotze aufzulösen und für die verbleibenden anderthalb Stunden des Films auch nicht wieder aufhörte. „Love, Simon“ ist, das muss man wohl spätestens jetzt dazu sagen, eine Mainstream-Romcom mit einer schwulen Hauptfigur.

Und als solches ein Novum. Ja, wir haben 2018 und es hat vor diesem Film trotzdem noch nie eine große Hollywood-Studio Produktion gegeben, die das von sich behaupten konnte. Die Handlung ist schnell erzählt: Simon ist 18 und, so sagt er, „ganz genau wie Du“, außer, dass er ein „riesiges Geheimnis“: „Ich bin schwul.“ Als ein Junge sich im Blog seiner Highschool anonym, aber mit E-Mail-Adresse outet, beginnen Simon und „Blue“ sich Mails zu schicken und sich über ihr Leben in und außerhalb des Schranks auszutauschen. Der steht für beide im gutbürgerlichen Vorort einer nicht näher bezeichneten US-Metropole. Simon hat liberale Eltern, eine nette kleine Schwester und einen Freundeskreis, in dem er sich aufgehoben fühlt, inklusive seiner heimlich in ihn verliebten besten Freundin Leah. Er ist Mitglied der Theatergruppe seiner Schule, trägt Hoodies und Jeans und ist, so wie ihn Teenieschwarm Nick Robinson hier spielt, rein äußerlich der Inbegriff des „All American Boy“. Als er in der Schulbibliothek aus Versehen seinen Mail-Account offen lässt, stößt der Schultrottel Martin zufällig auf den Schriftverkehr zwischen Simon und „Blue“ und beginnt, Simon damit zu erpressen. Denn Martin möchte gern mit Abby ausgehen, mit der Simon befreundet ist. Nach diversen Romcom-typischen Verwicklungen, wird am Ende alles gut. Also eigentlich kein Grund für Tränen, oder?

Foto: 20th Century Fox

Doch. Denn ja, „Love, Simon“ ist eine relativ typische Romcom – aber eben nur dem äußeren Anschein nach. Das Autorenteam Elizabeth Berger und Isaac Aptaker hat aus der Romanvorlage, dem  Jugendbuch-Bestseller „Nur drei Worte“ (2015) von Becky Albertalli, etwas Schlankes gemacht, das aber genauso viel Bums, Intelligenz und Seele hat, wie das Buch. Und dann ist da der offen schwule Mega-Produzent Greg Berlanti, der hinter den Serienhits „Arrow“ (seit 2012), „The Flash“ (seit 2014), „Supergirl“ (seit 2015) und „Riverdale“ (seit 2017) steckt. Und der hier nicht nur produziert, sondern auch Regie geführt hat. Das hat er vor 18 Jahren schon mal gemacht, bei „The Broken Hearts Club“, einer romantischen Indie-Komödie mit acht schwulen Hauptfiguren. „Weil ich dachte, sonst würde es so etwas nie geben“, erklärt er heute in Interviews. „Das Gleiche galt für ‚Love, Simon‘“. Als Berlanti das Drehbuch in die Hand bekam, passierte etwas, was vielen Queerlinge jeden Alters mit „Love, Simon“ passieren dürfte: Er erkannte sich wieder. Und besprach dieses Gefühl mit seinem Ehemann, dem ehemalige Profi-Fußballer Robbie Rogers. Die beiden haben einen fünfjährigen Sohn. „Und ich wollte einfach meinem Kind irgendwann zeigen können: Guck mal, so ähnlich war das bei Papi“, berichtet Berlanti.

Foto: 20th Century Fox

Dieser Plan wird wahrscheinlich voll aufgehen. Was gleich mehrere Dinge über „Love, Simon“ aussagt. Ja, der Film ist für Kinder jeden Alters gemacht. Für die, die sich wiedererkennen wollen. Und die, die verstehen wollen, oder sollen. Er dreht Gefühle jeder Art ganz weit auf. Die Botschaften sind einfach, verständlich, und stellenweise ist das Ganze sehr didaktisch, und zwar nicht nur, weil der Film hauptsächlich in einer Schule spielt. Große Fragen wie die nach verschiedenen Formen von schwuler Identität, heterosexueller Solidarität, nach Hautfarbe und Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse werden smart oder humorvoll gestreift, aber nie ausdiskutiert. Die Absurdität des Coming-outs wird in einer Fantasie-Sequenz gespiegelt und so besser erklärt, als das Seiten von Dialog könnten. Das Ganze ist ein schönes, kluges, stellenweise saukomisches, multikulturelles Märchen.

Foto: 20th Century Fox

Und ist das irgendwie schlimm? Nein, gar nicht. Der Marketingslogan zum Film verspricht: „Jeder verdient eine große Liebe“. Was ja stimmt. Besonders im Kino. Aber die großen filmischen Romanzen für LGBTIQ* enden eben immer noch oft damit, dass die Figur, mit der wir uns identifizieren sollen, am Ende tot an einem Zaun hängt, elegant abgewiesen in einer Spielzeugabteilung herumsteht oder in einem windschiefen Wohnwagen traurig und einsam ein Jeanshemd streichelt.

In „Love, Simon“ gibt es am Ende das ganz große Glücksversprechen: den Hollywood-Filmkuss. Auf einem Riesenrad, vor Feuerwerk, während unten hundert heterosexuelle Teenagern stehen und dem schwulen Paar zujubeln. Gefragt, warum sie denn die ganze Zeit geflennt hat, antwortete meine jugendliche Begleiterin übrigens: „Freudentränen. Sowas Schönes hab ich im Kino einfach noch nie gesehen.“ Und vielleicht hat sie damit sogar recht.




Love, Simon
von Greg Berlanti
US 2018, 105 Minuten, FSK 12,
deutsche SF & englische OF mit deutschen UT,
Twentieth Century Fox

Ab 28. Juni hier im Kino.

 

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