On the Sea: Interview mit Barry Ward und Lorne MacFadyen
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In „On the Sea“ verliebt sich ein verheirateter Muschelfarmer in einen jüngeren Wanderarbeiter. Hauptdarsteller Barry Ward und Lorne MacFadyen erzählen im Interview über Männer mit Schutzpanzern, einen homophoben Bootsbesitzer und die Frage, ob ein heimliches Leben zwangsläufig auch verlogen sein muss.

Bild: Salzgeber
„Ich hätte den Film lieber vor 20 Jahren gedreht“
Interview: Sören Kittel
„Brokeback Mountain“ für Cowboys, „Freier Fall“ für Polizisten, „God’s Own Country“ für Schafzüchter – und jetzt „On the Sea“ für Muschelfarmer. Da ist fast ein eigenes Genre entstanden. Wie ist es, darin angekommen zu sein?
Barry Ward: Es gibt tatsächlich verschiedene Etappen, in denen der Film mit uns etwas gemacht hat: erst durch die Gespräche mit unserer Regisseurin und Drehbuchautorin Helen Walsh, dann den Dreh selbst und jetzt die ganzen Interviews und Fragen zu queerem Leben. Und erst jetzt beim Darüber-sprechen nehmen wir den Film auf eine Art auseinander, wie wir es während der Arbeit gar nicht getan haben und kommen ständig auf neue Themen. Beim Drehen ging es für mich zunächst um die konkreten Lebensumstände: die körperliche Arbeit, die Ehe, die Familie und dann diese Affäre. Meine Aufgabe war, all das alles zu verkörpern.
Lorne MacFadyen: Zur Vorbereitung haben wir all diese Filme gesehen, bis auf „Freier Fall“, und Bücher gelesen, unter anderem von Édouard Louis. Mein Charakter Daniel spricht nicht viel, über seine Vergangenheit erfahren wir kaum etwas. Deshalb musste ich mir eine Vorgeschichte erarbeiten. Denn man soll ja spüren, dass da ein richtiger Mensch auf der Leinwand steht. Für mich handelt der Film nicht nur von Männlichkeit sondern auch von Sexualität: Wie eng sind die Grenzen dessen, was als männlich gilt? Und wie bewegt man sich in einer Gemeinschaft, wenn man eigentlich die ganze Zeit außerhalb dieser Grenzen lebt?
Sie haben in einer realen Fischergemeinde gedreht. Wussten die Leute, welche Geschichte Sie da eigentlich erzählen, oder war es Euer Geheimnis?
Lorne: Wir haben es niemandem verheimlicht. Und dazu gibt es tatsächlich eine Geschichte: Wir hatten ein Fischerboot für den Dreh organisiert. Aber als dessen Besitzer erfuhr, worum es in dem Film gehen soll, schwule Muschelfischer, durften wir sein Boot nicht benutzen. Wir mussten kurzfristig ein anderes finden.
Barry: Weißt Du noch, wie das Boot hieß? „Ask Me“!
Lorne: Was? Ich habe den Film inzwischen fünfmal im Kino gesehen und mir ist das nie aufgefallen. Dabei stand ich selbst auf diesem Boot!
Schöner Name für eine Gaybar… Gab es darüber hinaus Ablehnung?
Lorne: Uns gegenüber hat niemand offen etwas gesagt. Wir wurden von der Gemeinschaft willkommen geheißen und hatten dort eine schöne Zeit. Viele Menschen aus der Gegend haben auch am Film mitgewirkt, sie sind im Hintergrund zu erkennen.
Lorne, du kommst selbst aus einem Fischerdorf auf der Insel Skye. Konntest du Barry erklären, wie Muschelfarmen funktionieren?
Barry: Ich habe inzwischen alles wieder vergessen. Lorne weiß viel mehr als ich.
Lorne: Ein bisschen habe ich gelernt. Viele meiner Freunde sind Fischer, die habe ich zur Vorbereitung auch um Hilfe gebeten. Interessant sind die Spannungen zwischen verschiedenen Formen der Fischerei. Beim Ausbaggern des Meeresbodens etwa wird dessen Ökologie zerstört. Darüber ärgern sich wiederum andere Fischer. Das steckt auch im Film: Daniel arbeitet auf so einem Schiff, obwohl er das eigentlich nicht möchte.
Das ist mir beim Anschauen entgangen.
Lorne: Wenn man sich damit nicht auskennt, bemerkt man es vermutlich nicht. Es ist ziemlich subtil.
Barry: Der Film verträgt mehrmaliges Anschauen!
Lorne: Wir waren damit auch bei einem Umweltfilmfestival in Portugal. Dort drehten sich viele Fragen um diese ökologischen Aspekte. Das war schon interessant: Man sah denselben Film plötzlich durch eine völlig andere Brille. Niemand stellte eine Frage zur Sexualität, es war wie der Elefant im Raum, der nicht angesprochen wurde.
Wie körperlich mussten Sie sich auf die Rollen vorbereiten?
Lorne: Ich kam aus einem etwas ausschweifenden Urlaub und musste zunächst etwas Gewicht verlieren. Daniel sollte kräftig aussehen, als könnte er diese Arbeit tatsächlich machen. Aber wir wollten keine unrealistischen Muskel-Körper. Bei meiner Rolle Daniel kam hinzu: Er wirkt anfangs sehr selbstbewusst, er spricht auch mal mit den Fäusten. Ich habe mir seinen Körper als Schutzpanzer vorgestellt. Er musste sich durchs Leben kämpfen. Im Verlauf des Films wird er allmählich weicher.
Barry: Ich wollte dagegen etwas ungesund und dünn aussehen. Es gibt diese Szene, in der Jack sich im Spiegel betrachtet. Da sollten die Rippen sichtbar sein. Aber eine drastische körperliche Veränderung war das nicht.
Und dann standen Sie mit diesen Körpern im walisischen Wetter…
Lorne: Wir haben im März gedreht. Es war sehr, sehr kalt.
Barry: In meiner Erinnerung waren wir eigentlich die ganze Zeit nass!
Lorne: Barry kam gerade von einem Dreh auf einem Gletscher und meinte trotzdem, Wales sei kälter gewesen.
Barry: Etwas mehr Fell hätte uns auf jeden Fall gutgetan.
Eine der intensivsten Szenen für mich spielt trotzdem drinnen: Es ist das Gespräch darüber, ob Jacks bisheriges Leben eine Lüge war. Er besteht darauf, dass seine Ehe keine Lüge gewesen sei. Aber kann beides wahr sein?
Barry: Absolut. Damit diese Liebesgeschichte funktioniert, muss man verstehen, was Jack hat und riskiert. Er und Maggie kennen sich fast ihr ganzes Leben. Ihre Beziehung ist warm, liebevoll, sicher. Sie sind gut miteinander. Sexuell ist da vermutlich nicht mehr viel, aber Zärtlichkeit und Fürsorge sind vorhanden. Das mussten wir in wenigen Szenen vermitteln. Und in diese Welt kommt Daniel.
Lorne: Für Daniel hat die Begegnung zunächst ein ganz anderes Gewicht. Er zieht von Ort zu Ort, hat viele eher oberflächliche Beziehungen. Jack ist anfangs einfach „noch so ein Typ“. Für Jack dagegen erschüttert diese Begegnung das ganze Leben. Erst später wird deutlich, dass Daniel mit seinem eigenen Leben auch nicht völlig zufrieden ist. Auf dem Boot erzählt er, wie einsam er manchmal ist.

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Beide wünschen sich also etwas vom Leben des anderen: Der gebundene Mann will Freiheit, der freie Mann Geborgenheit.
Lorne: Genau. Daniel treibt umher. Ein Teil von ihm wünscht sich Zugehörigkeit, etwas, das ihn verankert. Dazu kommt diese unterliegende Sterblichkeit, die im Film nur kurz eine Rolle spielt. Sie ist für mich nicht einfach da, um alles trauriger zu machen. Sie macht die gemeinsame Zeit umso kostbarer. Wenn man nicht mehr viel Zeit hat, wie möchte man diese Zeit verbringen? Findet man Trost darin, verwurzelt zu sein, oder darin, frei zu sein?
Die Ehefrau bekommt ebenfalls viel Raum. Wie haben Sie diese Beziehung mit Liz White entwickelt?
Barry: Eine meiner liebsten Szenen wäre beinahe gar nicht gedreht worden. Die Konfrontation zwischen Jack und Maggie war aus der Drehbuchfassung gestrichen worden. Liz bat Helen, sie wieder aufzunehmen. Ich glaube, selbst am Drehtag sagte sie noch: Lasst uns die Szene einfach drehen, damit ihr sie habt. Darin erfährt Jack, dass Maggie von der Affäre weiß und plötzlich hat das, was zwischen Daniel und Jack geschieht, Folgen für alle anderen: Ehefrau, Sohn, dessen Freundin. Das ist großes Drama! Es war eine sehr gute Entscheidung, die Szene zu drehen.
Auch der Sohn reagiert heftig.
Barry: Der Sohn ruft das über die Straße. Aber was meint er: Feige, weil er seine Frau hintergeht? Oder meint er, weil er sich nie geoutet hat? Ich habe Helen gesagt, wie wichtig ich diesen Ruf des Sohnes finde. Er trifft mich immer noch!
Brokeback Mountain ist etwas über 20 Jahre alt, ist es heute leichter oder schwieriger, solche Rollen anzunehmen?
Lorne: Für mich hat es sich überhaupt nicht wie ein Risiko angefühlt. Das Drehbuch war so gut. Riskanter finde ich, etwas zu machen, für das ich keine Leidenschaft empfinde, oder eine Figur zu spielen, der ich nicht gerecht werden kann. Außerdem: Vor 20 Jahren wurden viel weniger solche Filme gedreht. Heute gibt es ganze Festivals dafür.
Barry: Ich hatte ebenfalls keinerlei Bedenken. Wenn überhaupt, hätte ich ihn lieber vor 20 Jahren gemacht. Da wäre es gewagter gewesen, auch riskanter. Heute fühlte sich das für mich vollkommen sicher an.

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Ist das Label „queerer Film“ überhaupt passend?
Barry: Für Festivals kann das helfen, klar. Gleichzeitig kann das Etikett ihre Möglichkeiten begrenzen. Ich würde mir wünschen, dass diese Grenzen durchlässiger werden. Es ist schließlich einfach auch gutes Kino mit wunderbaren Bildern.
Lorne: Manche Menschen denken bei einem solchen Etikett vielleicht sofort: Das ist nichts für mich. Wenn sie einfach einen Film namens „On the Sea“ sehen, entdecken sie womöglich ganz unterschiedliche Zugänge. Auch der Bruder, die Ehefrau oder der Sohn könnten jeweils einen eigenen Film tragen.
Die beiden begegnen sich ganz ohne Dating-Apps. Was verändert es an einer Liebesgeschichte, wenn Anziehung ausschließlich im direkten Kontakt entstehen muss?
Lorne: Filmisch sieht es einfach nicht gut aus, wenn Begegnungen nur auf einem Bildschirm stattfinden. Und natürlich sind direkte Interaktionen im Bild spannender. Gespräche über Apps lassen sich nur schwer auf die Leinwand übertragen.
Trotz aller Enge wirkt das Dorf im Film nicht feindselig, ist „On the Sea“ vielleicht sogar ein Liebesbrief an diese Art die Fischer?
Barry: Weder Liebesbrief noch Abrechnung, würde ich sagen. Wenn überhaupt, ist der Film ein Liebesbrief an die Zukunft. Die jungen Menschen sind die offensten und akzeptierendsten Figuren. Alte Vorstellungen sterben aus, Dinge verändern sich, zum Glück.
Lorne: Für mich ist die Geschichte zwischen Daniel und Jack wie eine Blume, die durch Beton wächst. Wir haben diese raue, graue Welt – und trotzdem findet das Leben einen Weg hindurch.
sissy-Besprechung zu „On the Sea“: „In den Fängen der Tradition“ von Janick Nolting

On the Sea
von Helen Walsh
UK 2025, 111 Minuten, Englische OF mit deutschen UT
Edition Salzgeber
Ab 5. November hier im Kino.