Saleem Haddad: Flutlinien
Buch
Saleem Haddad hat seine Autorenkarriere mit einem queeren Selbstfindungstrip in der verglühenden Hitze des Arabischen Frühlings begonnen. „Guapa“ hieß sein Debütroman, der seit 2016 für anhaltende Begeisterung bei Publikum und Kritik sorgt und zum Stonewall Honor Book 2017 gekürt wurde. Jetzt hat der Autor „Flutlinien“ herausgebracht, seinen zweiten Roman, der wie der Vorgänger in der deutschen Übersetzung von Andreas Diesel erscheint. Erzählerisch holt Haddad diesmal deutlich weiter aus. Neben zwei markanten queeren Hauptfiguren steckt fast ein ganzes Jahrhundert irakischer Geschichte im neuen Roman. Armin Wühle hat seine ganz eigene Geschichte mit dem Buch. Für uns hat er sie aufgeschrieben.

Radikale Liebeserklärung
von Armin Wühle
Als ich Saleem Haddads Debütroman „Guapa“ zum ersten Mal las, habe ich das Buch zwischendurch an die Wand geworfen – so mitgenommen war ich, als die Hauptfigur Rasa auf der Hochzeit seines Geliebten auftaucht und schmerzvoll erfahren muss, dass die Beziehung unmöglich geworden ist. Ebenso litt ich, als Rasa in die USA migriert und dort statt Befreiung den Rassismus des Westens erfährt. Es gibt nicht viele Geschichten über queere Menschen aus der MENA-Region, die nicht vom white gaze eingefärbt sind, und das macht „Guapa“ so besonders. Zu Recht bekam das Buch herausragende Kritiken und wurde ein internationaler Erfolg.
Nun ist auch Saleem Haddads zweiter Roman „Flutlinien“ in deutscher Übersetzung erschienen – eine weitere hochpolitische, emotional mitreißende Erzählung über die MENA-Region. Dieses Mal nimmt uns der Autor mit in den Irak. Bei der Erwähnung dieses Landes denken viele an Krieg, an Saddam Hussein oder die Lüge von den Massenvernichtungswaffen – und eher selten an die dortige Kunstszene, an den Tigris, das Gilgamesch-Epos oder an queere Liebe. „Flutlinien“ wird das ändern.
Haddad erzählt eine Familiengeschichte, die sich über mehrere Jahrzehnte und Kontinente erstreckt: Wir erleben mit, wie das Künstlerpaar Haydar und Bridget im Bagdad der Sechzigerjahre zur Speerspitze einer neuen Kunstbewegung avanciert. Ein halbes Jahrzehnt später wiederum verkrachen sich ihre drei Töchter und ihr Enkel über der Frage, wie das künstlerische Erbe zu deuten ist – und damit ihre eigene Familiengeschichte, ihre Traumata, ihre Identität. Stellt man die Werke aus? Verkauft man sie? Oder lässt man sie, eingeschlagen in Schutzpapier, irgendwo im Keller verstauben?
Saleem Haddads Großonkel Jewad Selim war selbst ein bekannter irakischer Künstler. Somit drückt sich eine autobiographische Färbung durch die Zeilen, wie der Autor in seinem Nachwort selbst bestätigt. Dementsprechend engagiert, mitreißend und psychologisch erzählt Haddad vom Leben im Exil, von Identität und Verlust und vom Streit der Schwestern. Da ist zum einen Zainab, die die Familiengemälde aus dem Besitz ihrer Schwester Mediha stehlen und in Dubai ausstellen will. Dieses Anliegen wird gleichermaßen nachvollziehbar wie die Beweggründe Medihas, die die Bilder im Auktionshaus verscherbeln möchte, um endlich mit den schmerzhaften Erinnerungen an die Vergangenheit abzuschließen. Dabei geht es nicht nur um private Traumata. Die Familiengeschichte ist eng verwoben mit den politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen im Irak. So lernt man beim Lesen viel über den Kolonialismus, die panarabische Bewegung, die US-amerikanische Besatzung und über die irakische Kunstszene. Trotzdem verkommt der Roman nie zur Geschichtsstunde. Vielmehr bleibt die Erzählung trotz aller Dichte stets lebendig und fesselnd – eine Qualität, die nicht zuletzt Ishtar zu verdanken ist, der lesbischen dritten Schwester im Bunde.

Saleem Haddad – Foto: Emil Huseynzade
Ishtar hat sich in den Kopf gesetzt, dem Werk ihrer Eltern auf eine ganz eigene Weise ein Denkmal zu setzen: Eine mesopotamische Arche will sie bauen und damit in einer Art Kunstperformance den Tigris hinuntersegeln – eine Idee, die zum Zeitpunkt der Haupthandlung des Romans, dem Jahr 2014, reichlich absurd anmutet: Immerhin steht der IS gerade vor den Toren Bagdads. Aber Haddad erzählt mit einer solchen Empathie vom wahnhaften Aktionismus der Künstlerin, dass man am Ball bleibt.
Unterstützt wird Ishtar von ihrem Enkel Nizar, ein von seiner Arbeit als Kriegsreporter schwer traumatisierter Journalist, der sich kürzlich von seinem Partner Alfie getrennt hat. Eigentlich hat Nizar also ganz andere Probleme als das künstlerische Vermächtnis seiner Familie. Desillusioniert vom Zustand der Welt und der Unbeständigkeit der Liebe flüchtet er sich in Sex und exzessives Fitnesstraining:
In seinem eigenen Feed sah er, wie Nachrichten seine Timeline hinabtrieben wie den Lauf eines Flusses: Tod, Feuersbrünste, Kriege, Fluten, Hungersnöte, Sex. Unterernährte Kinder in Jarmuk, unterernährte Frauen in Beverly Hills. Nach links wischen, nach rechts wischen, Chatrooms, Saunen, ein Meer wechselnder Gesichter als Wichsvorlage, dem einen Mann einen blasen, einen anderen fisten. Was blieb ihm in dieser unkontrollierbaren Welt anderes übrig, als Kontrolle über seinen eigenen Körper auszuüben?
Dieses Gefühl der Überforderung durch die politische und mediale Gegenwart dürfte Vielen beim Lesen bekannt vorkommen – und es ist paradoxerweise einer der Gründe, warum sich Nizar der waghalsigen Expedition seiner Tante anschließt.
Wer „Guapa“ gelesen hat, könnte die Erwartungshaltung haben, „Flutlinien“ würde die Homosexualität von Nizar und Ishtar in den Fokus der Handlung stellen. Dass der Roman aber genau diese Erwartungshaltung untergräbt, ist seine große Stärke. Die Queerness von Haddads Figuren wird wunderbar beiläufig eingewebt. Das Thema Coming-out spielt zum Beispiel im gesamten Buch keine Rolle. Queerness wird in den Reihen der kosmopolitischen Familie sehr selbstverständlich behandelt – ein beiläufiger Kommentar darauf, dass Homophobie oft weniger mit der Herkunft als vielmehr mit dem Milieu und den gelebten Werten einer Familie zu tun hat.
Dieses Mal habe ich den Roman nicht an die Wand geworfen – und doch hat er mich tief bewegt, auch wegen seiner unaufgeregten Intersektionalität. Die Figuren in „Flutlinien“ lassen sich nicht in identitäre Schubladen pressen; ihre Queerness lässt sich nicht von ihrer Migrationserfahrung trennen. Umso mehr hat es mich gefreut, dass ich bei der deutschen Buchpremiere von „Flutlinien“ die Moderation übernehmen konnte. Passenderweise fand die Veranstaltung auf dem collecting:dreams Festival statt, Deutschlands erstem postmigrantischen, queeren Literaturfestival. Dabei habe ich in Saleem Haddad einen Autor kennengelernt, der sichtbar für seine Themen brennt. Die deutschen Textpassagen las Lobna Shammout, die in Hannover die Odyssey Galerie betreibt und nicht nur viele autobiografische Parallelen mit Haddad aufweist, sondern auch Teile der „Flutlinien“-Handlung lebt, indem sie die Werke ihrer Großeltern ausstellt. Im Gespräch mit Autor und Galeristin wurde der Roman plötzlich sehr real und ein Zitat daraus in all seiner schmerzhaften Komplexität greifbar: „Die Gemälde ihres Vaters waren mehr als nur Kunstwerke. Jedes enthielt einen Teil seiner Seele.“
Wer sich also für queere Literatur interessiert, die politisches Engagement über den selbstreferenziellen Rahmen hinausdenkt, kommt an „Flutlinien“ nicht vorbei. Der Roman gibt auf zahlreichen Ebenen Raum für Erfahrungen und Perspektiven, die in der Literatur häufig fehlen – in einer klaren, zugänglichen Sprache, die es problemlos ermöglicht, die 416 Seiten innerhalb weniger Tage zu verschlingen. Haddad erzählt hochaktuell, nuanciert, spannend – und hat mit „Flutlinien“ einen Roman geschrieben, der nicht nur wegen seiner komplexen Familiendynamik in Erinnerung bleibt, sondern auch als radikale Liebeserklärung an die Kunst.

Flutlinien
von Saleem Haddad
Aus dem Englischen von Andreas Diesel
416 Seiten, 28 Euro
Albino Verlag