Taekwondo

Trailer • DVD / VoD

Seit seinem zweiten Film „Ausente“, der 2011 den Teddy-Award der Berlinale gewann, gilt der Argentinier Marco Berger als einer der wichtigsten queeren Regisseure Südamerikas. Sein neuer Film „Taekwondo“ (Co-Regie: Martín Farina) ist eine hyper-maskuline Beobachtungsstudie eines vermeintlich rein heterosexuellen Kumpelurlaubs. Ein Wechselspiel aus Anspielungen und Auslassungen, homoerotischer Zeigefreude und zurückgenommener Narration, derben Macho-Sprüchen und heimlichen Blicken.

Foto: Edition Salzgeber

Beefcake mit Schalldämpfung

von Carsten Moll

Ein Ferienhaus voller Männer, die selten mehr als Bart und Badehose tragen, klingt auch für Germán nach einer verlockenden Idee. Auf Einladung seines Taekwondo-Trainingspartners Fernando reist der Mittzwanziger daher aufs Land, irgendwo bei Buenos Aires, um hier den Sommer zu verbringen. In der elterlichen Villa, die einmal als Rehabilitierungszentrum für Raucher gedient hat, tummeln sich bereits Fernandos Freunde aus Kindheitstagen, für Germán allesamt Unbekannte. Für falsche Scheu bleibt dennoch kein Raum: Der Erste, der den Neuankömmling in der Küche begrüßt, ist ein stämmiger Kerl, der nichts anhat außer einem T-Shirt und Germán gleich mit nackten Tatsachen konfrontiert.

Eine große Sache will allerdings niemand aus dem frei baumelnden Penis machen: Fernando und sein langjähriger Kumpel sind längst vertraut miteinander, während Germán erfolgreich die Fassung bewahrt und so vor den anderen vorläufig weiterhin als straight gelten kann. Und selbst die Kamera blickt mit distanziertem Gleichmut auf das Genital.

„Taekwondo“, die erste Zusammenarbeit der Regisseure Marco Berger und Martín Farina, irritiert  mit einem Wechselspiel aus Anspielungen und Auslassungen, Zeigefreude und zurückgenommener Narration, Homoerotik und Macho-Sprüchen. Was die Clique um Fernando auf dem großzügigen Anwesen treibt oder wie viele Männer überhaupt Teil des Freundeskreises sind, bleibt erst einmal schwer zu erfassen. Die Figuren, die vor allem über ihre Körper definiert werden, muten bisweilen abstrakt an, so spärlich werden sie gezeichnet. Taekwondo mache er nur, weil er irgendeinen Sport ausüben wolle, erzählt Germán einmal am Pool. Ähnlich austauschbar bleiben die Hintergrundgeschichten aller Protagonisten sowie das argentinische Setting, das – bis auf den Mate-Tee aus Kalebassen und eine Cortázar-Referenz – an vielen Orten denkbar wäre.

Foto: Edition Salzgeber

So erscheint „Taekwondo“ mitunter wie eine Übung darin, wie vage und beliebig ein narratives Korsett sein kann. Wie fragil die Balance zwischen homoerotischem Blickfang und unverfänglicher Erzählweise sein kann, illustriert der Dokumentarfilm „Fulboy“ (2015) von Ko-Regisseur Martín Farina vielleicht ganz gut. In seinem Debüt begleitete der Filmemacher eine Fußballmannschaft bis unter die Dusche und verlor sich in einer belanglosen Ansammlung von Körperteilen. Der übermäßige Einsatz von Close-ups war derweil inhaltlich wie ästhetisch kaum zu rechtfertigen. Mit Marco Berger gelingt Farina nun allerdings der Spagat: „Taekwondo“ serviert dem Publikum deftige Beefcake-Häppchen mit dem abgeklärten Understatement des „New-Wave Queer Cinema“ und bietet dabei mehr Substanz als bloß ausgebeulte Unterhosen.

Wenn die Darsteller etwa gemeinsam, eng beieinander sitzend, in der Sauna schwitzen und viel glänzende Haut zeigen, erinnert das durchaus an den plakativen Sex einer Dolce-&-Gabbana-Werbung. Der Sprung zum Porno wäre kein sonderlich großer, doch Berger und Farina durchkreuzen solche Konnotationen ebenso gezielt, wie sie sie bedienen. Wie ein Widerhaken durchzieht ein nüchterner Realismus den Film und bewahrt den schwulen Traum vor dem Abheben. Eine bunte Kinderschaukel auf der Wiese oder der Besuch einer Nachbarin zeugen da zum Beispiel als Artefakte von Welten außerhalb des Mikrokosmos aus Männerhintern und unwidersprochenem Machismo.

Foto: Edition Salzgeber

Ebenso untergräbt der Dialog durch seine beinahe schon absurde Alltäglichkeit allzu eindeutige Sexfantasien. „Habt ihr Kakao gekauft?“, fragt da einer der Männer aus dem Arrangement schweißnasser Körper – und nimmt der Sauna-Szene somit zwar nicht vollkommen ihre erotische Spannung, aber macht doch deutlich, dass „Taekwondo“ nicht an einer Zuspitzung zu orgasmischen Höhen interessiert ist, sondern an der Erdung einer manchmal nur schwer zu fassenden Prämisse.

Wenn man so will, verkehren Berger und Farina geradezu die pornografische Syntax: Wo im Porno aus halbgar simulierter Realität sowie durchsichtigen Stichworten à la „Aber warum liegt hier überhaupt Stroh rum?“ Erregung im Superlativ konstruiert wird, da lässt das Regie-Duo Erwartungen, Wünsche und Erektionen angesichts der Routinen der Wirklichkeit zwar nicht zusammenbrechen, aber erteilt ihnen doch einen Dämpfer.

Foto: Edition Salzgeber

Wie vehement sich die Filmemacher nicht nur sexuellen, sondern auch dramatischen Höhepunkten verweigern, ist erstaunlich. Melodramatisches Potenzial oder folgenreiche Konflikte scheinen immer wieder unter der sommerlichen Oberfläche hindurch – „Taekwondo“ formuliert jedoch nichts aus und bewahrt sich so eine große Leichtigkeit. Durch seine unpointierte Erzählweise bietet der Film eine Art dramaturgischen Urlaub: die Möglichkeit sich gemeinsam mit den Protagonisten von Szene zu Szene treiben zu lassen.

Oftmals passiert da gar nicht viel – Berger und Farina inszenieren eine Ode an das Abhängen. Die Freunde schlafen, spielen Videospiele, gucken Fußball, lesen Salingers „Der Fänger im Roggen“ oder Hamsuns „Hunger“ – und gleich mehrmals wird Germán gezeigt, wie er gedankenverloren das Bauchhaar zwischen den Fingern zwirbelt. Der auffällige Sexappeal mag „Taekwondo“ anziehend machen, doch es sind solche feinen Beobachtungen, die den Blick schließlich halten. Anhand dieser Details entwerfen die Filmemacher ein glaubhaftes Hier und Jetzt, das frei vom Ballast der Vergangenheit zögerlich der Zukunft entgegen schwebt. Was Germán genau erwartet, bleibt bis zum Schluss schemenhaft. Da ist es nur stimmig, dass „Taekwondo“ seine aufregendsten und prägendsten Momente gar nicht beim Anblick nackter Haut erlebt, sondern wenn sich zwei Silhouetten im Dunkeln langsam näher kommen.




Taekwondo
von Marco Berger & Martín Farina
ARG 2016, 105 Minuten, FSK 12
spanische OF mit deutschen UT,
Edition Salzgeber




DVD: € 19,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)


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