Boom! (1968)
Trailer • DVD/VoD
Elizabeth Taylor als überlebensgroße, aber sterbende Superdiva auf einer einsamen italienischen Insel: Joseph Loseys Tennessee-Williams-Verfilmung „Boom!“ aus dem Jahr 1968 gilt zwar als einer der großen finanziellen Flops der Filmgeschichte, hat aber heute eine ergebene, vor allem queere Fangemeinde. Denn wer sich fragt, was der Begriff „camp“ eigentlich bedeutet, findet hier Antworten. Michael Kienzl über einen faszinierenden, sonderbaren Klassiker, dessen maßlose Schönheit auch im Scheitern steckt.

Foto: Universal
Alles nur Erinnerungen
von Michael Kienzl
Im Jahr 1968 glaubte die Welt genau zu wissen, wer Elizabeth Taylor ist: ein großer Hollywood-Star, den man nur mit exorbitanten Gagen vor die Kamera locken konnte, eine Fashion-Ikone mit Hang zum maßlosen Luxus sowie die womöglich schönste Frau der Welt, die oft ihre Ehemänner wechselte. Wenn Regisseur Joseph Losey („Accident“) die Schauspielerin in seinem Film „Boom!“ (in Deutschland auch bekannt als „Brandung“) zum ersten Mal auftreten lässt, spielt er genüsslich mit den Publikumserwartungen an dieses Image. Ein wenig erinnert Taylors Figur gar an die mächtige Pharaonin Cleopatra, die sie ein paar Jahre zuvor in dem gleichnamigen Leinwandspektakel verkörpert hatte.
Zu Beginn folgt die Kamera einem in Turban und Kaftan gekleideten Diener, der auf einem Silbertablett einen Cocktail durch ein großzügiges Anwesen trägt. Taylor, für die das Getränk bestimmt ist, sehen wir erstmal nur von hinten. Während sie sich bäuchlings auf einem Bett räkelt, knetet ein Masseur ihren nackten Rücken, ein dekorativ platziertes Hündchen hechelt in die Kamera. Als die mit einem opulenten Diamantring geschmückte Hand der Hausherrin nach dem Cocktail greift, verkrampft sie sich plötzlich vor Schmerz. Das Dilemma seiner Hauptfigur hat Joseph Losey damit etabliert: Flora Goforth ist eine Frau, die alles hat. Doch durch eine nicht näher bestimmte tödliche Krankheit, wird alles mit einem Mal wertlos.
Flora ist wie eine Karikatur von Taylors damaligem öffentlichen Image: eine schwerreiche Schriftstellerin, die sechs Ehemänner überlebt hat und wie eine Königin aus vergangenen Zeiten auf einer entlegenen italienischen Insel wohnt, wo sie ihre Angestellten wie Sklaven behandelt. Dass sie dem Tod ins Antlitz blickt, versucht sie mit mäßigem Erfolg zu verdrängen. Wenn sie einer Assistentin ihre blumig formulierten Memoiren diktiert, steckt darin auch der verzweifelte Versuch, die Kontrolle über die eigene Existenz zu behalten. Diese verliert sie endgültig mit der Ankunft des mysteriösen Dichters Christopher Flanders (Richard Burton). Er behauptet, sie zu kennen, aber seine Absichten bleiben nebulös. Später erfährt Flora, dass man ihn den „Engel des Todes“ nennt, weil er schon mehrfach kranke Leute besuchte, die kurz nach seiner Ankunft verstarben.
Der offen schwule Dramatiker Tennesse Williams (1911-1983) hat für „Boom!“ sein Theaterstück „The Milk Train Doesn’t Stop Here Anymore“ als Drehbuch adaptiert. Ungewöhnlich an dem aufwändigen und hoch budgetierten Film ist, dass bereits der Vorlage kein Erfolg beschieden war. Die erste Bühnenproduktion des überwiegend allegorisch und abstrakt bleibenden Kammerspiels wurde von der Kritik verrissen und schon nach wenigen Wochen wieder abgesetzt. Der Autor und Schauspieler Noel Coward berichtete, dass er die Inszenierung nach nur zwanzig Minuten verließ. Interessanterweise steht Coward in „Boom!“ nun selbst vor der Kamera: Als sarkastische Tratschtante, die von Flora nur „The Witch of Capri“ genannt wird, kommentiert er mit giftigen Bonmots das Geschehen. Queer konnotierte Figuren waren bei Tennessee Williams nicht selten, das Publikum kannte sie etwa aus „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ und „Plötzlich letzten Sommer“; beides Stücke, die ebenfalls mit Elizabeth Taylor verfilmt wurden – wegen des berüchtigten Hays Codes, der Hollwood damals streng heteronormative Züchtigkeit verordnete, hatten die queeren Charaktere in den beiden Werken nur noch wenig mit ihren Originalen zu tun
Wie „The Milk Train Doesn’t Stop Here Anymore“ war auch die Verfilmung ein gigantischer Flop und beendete Williams‘ langjährige Erfolgswelle in Hollywood. Dabei hielt er selbst den Film für die gelungenste Leinwandadaption eines seiner Stücke – möglicherweise auch, weil er entstand, als der Hays Code gerade abgeschafft wurde. Tatsächlich ist „Boom!“ ein äußerst sonderbarer Film, der mit Erwartungen und Schauwerten spielt, aber nie ganz damit herausrückt, was er im Schilde führt.

Foto: Universal
Taylor und ihr damaliger Ehemann Burton waren zu der Zeit Dauerthema in den Klatschspalten. Ihren Ruf, exzessiv, streitlustig und trinkfreudig zu sein, untermauerten die beiden zusätzlich mit ihrer Rollenwahl – am wohl bekanntesten als toxisches Ehepaar in Mike Nichols‘ Edward-Albee-Adaption „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ (1966). Auch wenn Taylor und Burton in „Boom!“ miteinander reden, ähnelt das weniger einem Dialog als einem Aufeinanderprallen gegensätzlicher Kraftfelder. Besonders Taylor ist dauererregt, schreit, droht und fuchtelt exaltiert herum, bis sie sich wieder erschöpft und mit gesenktem Haupt irgendwo abstützen muss. Mit symbolischer Dramatik hört man im Off ständig, wie die wilde Meeresbrandung gegen die Felsen klatscht. Die Lautmalerei des Filmtitels bezeichnet Burton ergriffen flüsternd als „the shock of each moment of still being alive“. Von solchen Erschütterungen, ausgelöst von zwei Charakteren, die sich in einem schier endlosen Kreislauf miteinander kollidieren und gegenseitig abstoßen, ist der gesamte Film geprägt. „Boom!“ dreht sich um Macht, Verführung, um schmerzhafte Konfrontationen und die selbstzerstörerische Weigerung, Gewissheiten anzunehmen. Es geht um Archaisches und Existenzielles, um Leben, Tod, Liebe und Sex – gewissermaßen also um alles und manchmal vielleicht um nichts. Die Tragik bleibt diffus, die großen Themen werden nie konkret.
Diese beharrliche Rätselhaftigkeit dürfte einer der Hauptgründe für die Irritation sein, die der Film damals beim Publikum hervorgerufen hat. Wie auch das ganze Drumherum: Taylor, die damals bereits zum zweiten Mal mit Burton verheiratet war bestand auf die Besetzung ihres Gatten. Der Film verliert dadurch eine große Portion Realismus, denn während Taylor für die aus dem Leben scheidende Flora sichtlich zu jung wirkt, ist der damals 42-jährige Burton für die Rolle des enigmatischen Verführers eigentlich zu alt – besonders verführerisch kommt er jedenfalls in dem Film nicht herüber.

Foto: Universal
Doch trotz seines Misserfolgs fand „Boom!“ mit den Jahren zahlreiche glühende Verehrer. Der als „Pope of Trash“ bekannte Regisseur John Waters kürte ihn gar zum „best failed art film ever“. Am nächsten kommt man der Faszination dieses größenwahnsinnigen Projekts, wenn man es als konsequent camp versteht: Der Film ist überladen und prätentiös, künstlich und theatralisch, seltsam und verrückt, und nimmt sich bei all dem auch noch ziemlich ernst. Er besticht mit einer Schönheit, die im Scheitern steckt, und ist doch kein Film, der nur gut ist, weil er so schlecht wäre: dafür ist „Boom!“ handwerklich zu souverän gemacht.
Faszinierend ist „Boom!“ zunächst vor allem wegen seiner Hauptdarstellerin. Taylor gibt den Inbegriff einer auf- und abgetakelten Diva: konfrontativ, schlagfertig, selbstverliebt, launenhaft, auf melodramatische Weise wehleidig. Das hat eine gewisse Lächerlichkeit, aber doch stets mit einem perfekten Gespür für große, opernhafte Auftritte. Viele schwule Männer (aber nicht nur sie) lieben die Unverfrorenheit solcher Heldinnen, die sich selbstbewusst jeden Raum nehmen, den sie betreten und dabei vollste Aufmerksamkeit einfordern. Und Elizabeth Taylor gab ihren queeren Fans die ihr entgegengebrachte Liebe nicht nur zurück, indem sie immer wieder solche Rollen übernahm – auch privat zeigte sie sich als ally, der schon in den 1980er Jahren die Öffentlichkeit für AIDS sensibilisierte und Betroffene mit einer eigenen millionenschweren Stiftung unterstützte.
Taylor brilliert in „Boom!“ auch deshalb, weil der Film sie ideal zur Geltung bringt. Sie trägt extravagante Roben vom Modehaus Tiziano of Roma, für das damals ein noch junger Karl Lagerfeld schneiderte. Besonders ein angeblich vom japanischen Kabuki-Theater beeinflusstes Kostüm, das Flora bei einem Dinner präsentiert, ist wie von einem anderen Stern: purer, extravaganter, glitzernder Überschwang, gekrönt von einem mächtigen Kopfschmuck, der an einen explodierten Igel, einen Kronleuchter oder Andersens Schneekönigin denken lässt. Floras erfolglose Versuche, Christopher zu dominieren, offenbaren sich auch in ihrem Drang, ihn zu verkleiden. Erst steckt sie ihn in einen rosa Bademantel, später in ein altertümliches Samurai-Gewand.

Foto: Universal
Der nicht nur heimliche Star des Films ist das prächtige Produktionsdesign von Richard MacDonald. Floras aus der Zeit gefallene, einsam auf einem Berg thronende Villa wirkt wie eine verwinkelte Höhle, nur nicht dunkel, sondern in ein leuchtend mediterranes Weiß getaucht – interessante Randnotiz: In Japan, das offensichtlich die Kostüme beeinflusst hat, ist nicht Schwarz, sondern Weiß die Farbe von Trauer und Tod. An diesem entrückten Ort, an dem es statt Türen nur im Wind flatternde Seidenvorhänge gibt, werden die Stile wild gemischt. Antike Säulen treffen auf psychedelische, an Marc Chagall erinnernde Wandgemälde, barocke Verzierungen auf minimalistisch futuristisch geschwungene 60er-Jahre Möbel. Joseph Loseys souveräne Regie vermittelt an diesem außergewöhnlichen Set mehr Dynamik, als der Stoff eigentlich hergibt. Seiner abwechslungsreichen Inszenierung gelingt es allein durch die Platzierung und Bewegung der Darsteller Spannung entstehen zu lassen, während die Räume mit einer mysteriösen Atmosphäre gefüllt werden.
Die Ansammlung eklektischer Details macht Floras Villa zu einem allegorisch utopischen Ort, einem kultivierten Schlaraffenland, in dem es grenzenlosen Luxus gibt, das aber letztlich von der menschlichen Vergänglichkeit eingeholt wird. Hier zählt deshalb nur die absolute Gegenwart, oder wie Flora das Leben an sich bezeichnet: alles nur Erinnerungen, außer jenem aktuellen Moment, der so schnell vergeht, dass man ihn kaum einfangen kann.

Boom!
von Joseph Losey
UK 1968, 139 Minuten, FSK 16,
englische OF mit deutschen UT, deutsche SF