Editorial

 

sissy wird zehn und entdeckt neue Seiten

 

Wie die Zeit vergeht: Anfang nächsten Jahres feiert sissy tatsächlich schon ihren zehnten Geburtstag!

Als sie im März 2009 zum ersten Mal als kostenloses Printmagazin in Kinos und Buchläden auslag und in den Briefkästen der ersten Abonnent*innen steckte, wusste niemand so genau, was die Leser*innen von ihr halten würden. Ein gedrucktes Heft, das vierteljährlich erscheint und sich in ausführlichen, mitunter essayistischen Texten mit nicht-heterosexuellen Kino- und DVD-Veröffentlichungen beschäftigt, ging schon damals steil gegen einige Trends der Medienwelt. Gerade mit dieser Widerspenstigkeit und Leidenschaft hat sissy aber in kurzer Zeit viele Fans und treue Leser*innen gesammelt.

27 Ausgaben später legte sie Ende 2015 eine kleine Kreativpause ein, ehe sie Ende 2016 als Online-Magazin zurückkehrte. Seitdem bietet sissy an dieser Stelle einen Überblick über das aktuelle nicht-heterosexuelle Filmprogramm auf Leinwänden und Bildschirmen jeder Größe. Denn mit der Handvoll queerer Hollywoodfilme, die es mittlerweile in eine breitere Öffentlichkeit schaffen, hat sich das Nachdenken und Schreiben über nicht-heterosexuelles Kino nicht erübrigt. Die meisten und tollsten Filme werden noch immer kaum besprochen und laufen als „Nischenangebot“, dem die Nische selbst wenig Aufmerksamkeit schenkt. Das will sissy ändern – mit weitem Blick und großem Herzen, eigenwillig und mit eigenem Unterhaltungswert, streitbar und debattierfreudig, begeistert und begeisternd.

Kurz vor ihrem runden Geburtstag hat sich sissy nun eine besondere Erweiterung ausgedacht, die stilecht gegen den Trend geht: Ab sofort stellt sie nicht nur Filme, sondern auch Literatur vor. Die Idee, die dahinter steckt, geht auf ihre Gründungsgeste zurück: Viele Feuilletons behandeln nicht-heterosexuelle Themen noch immer stiefmütterlich; und queere Medien haben oft nur einen begrenzten Platz, um über kulturelle Neuerscheinungen zu berichten. So finden auch viele großartige nicht-heterosexuelle Bücher in der Presse wenig bis gar keine Beachtung. Das wollen wir mit engagierten Texten ändern – und unseren Buch-Rezensent*innen dabei jenen „Raum für freie Erkundungen“ geben, den sissy schon im Editorial ihrer ersten Print-Ausgabe für ihre Autor*innen entworfen hat.

Dabei machen wir prinzipiell keinen Unterschied zwischen Roman oder Sachbuch, Lyrikband oder Erzählsammlung, Essay oder Anthologie – queere Figuren, Erzählweisen und Denkansätze lassen sich schließlich in allen literarischen Gattungen finden. In Anbetracht der schieren Masse der Buchveröffentlichungen, die man als nicht-heterosexuell verstehen kann, werden wir uns bei den Literaturbesprechungen aber, anders als bei den Filmen, auf eine Auswahl beschränken.

Ehe Anfang nächsten Jahres ein breites nicht-heterosexuelles Literaturspektrum folgen wird, startet sissy ihre neue Sparte zunächst mit einem schwulen Fokus. Neben den neuen Büchern des New Yorker Beststeller-Autors David Sedaris („Calypso“) und des arrivierten französischen Romanciers Philippe Besson („Hör auf zu lügen“) sowie einer Anthologie über den Aktivisten Andreas Meyer-Hanno („Große Oper“) stellen wir den ersten Kurzgeschichtenband des jungen kanadischen Schriftstellers Daniel Zomparelli („Die Welt ist schlecht und du bist echt unausstehlich“) und den jüngsten Sammelband aus der streitbaren Kreischreihe („Freiheit ist keine Metapher“) vor. In den kommenden Wochen werden weitere Besprechungen folgen.

Gerade zum Start der neuen Sektion freuen wir uns ganz besonders auf Eure Anmerkungen und Kommentare! Ihr erreicht uns unter redaktion@sissymag.de.

Jetzt aber erst mal viel Spaß beim Erkunden der sissy – vor allem ihrer neuen Seiten!

 

Eure sissy
Dezember 2018