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Don’t worry, weglaufen geht nicht: Interview mit Gus Van Sant

Don’t worry, weglaufen geht nicht: Interview mit Gus Van Sant

An dem Biopic über den querschnittsgelähmten Cartoonisten John Callahan (1951-2010), der im Nordwesten der USA als politisch höchst unkorrekter Outsider Artist eine Legende ist, hat Gus Van Sant seit Mitte der 90er Jahre gearbeitet. Ursprünglich sollte Robin Williams Callahan spielen. In "Don't worry, weglaufen geht nicht" schlüpft nun Joaquin Phoenix in die Rolle des Zeichners und schweren Trinkers – und spielt ihn überragend! Van Sants neuer Film erzählt vom Meistern des eigenen Lebens mit den Kräften der Kunst und – wie alle seine anderen Filme zuvor – von einer Gemeinschaft von Außenseitern, die hier als illustre Co-Mitglieder einer Alkoholikertherapie-Gruppe auftreten. Wir haben uns im Februar zur Premiere des Films auf der Berlinale mit Van Sant getroffen und mit ihm über seinen Einstieg in die Welt des queeren Kinos vor über 30 Jahren, die deutschen Einflüsse in seinem Meisterwerk „My Own Private Idaho“, seine Wahlheimat Portland und die Frage gesprochen, warum er „Brokeback Mountain“ eigentlich nicht selbst gedreht hat.
Porträt: Gus Van Sant

Porträt: Gus Van Sant

Gus Van Sant, Jahrgang 1952, gilt als einer der wichtigsten Filmemacher seiner Generation – und war Mitte der 80er Jahre einer der ersten offen schwulen US-Regisseure überhaupt. Sein kühner Debütfilm "Mala Noche" (1985) gilt als Wegbereiter, sein dritter Film "My Own Private Idaho" (1991) als Schlüsselfilm des New Queer Cinema. Seitdem wechselt Van Sant zwischen gefeierten Studio-Produktionen wie "Good Will Hunting" (1996) und "Milk" (2008) und Arthouse-Filmen wie "Elephant" (2001) und "Paranoid Park" (2006) hin und her. So unterschiedlich seine Filme auf den ersten Blick auch sein mögen – queere Perspektiven lassen sich in ihnen allen entdecken. Anlässlich des Kinostarts von Van Sants neuem Film "Don’t Worry, weglaufen geht nicht" wagen wir einen Rückblick auf das vielschichtige und verführerisch offene Filmwerk des Regisseurs. Ein Porträt von Christian Weber aus dem Jahr 2011.
Buchrezension: Queer Cinema

Buchrezension: Queer Cinema

"Alle fühlten sich den Anfängen einer Neuen Queeren Geschichtsschreibung verpflichtet, die in der Lage sein würde, das Jahrzehnt zu transformieren, voraus­gesetzt, die Tür bliebe lange genug geöffnet." Mit diesen Worten endet der 1992 publizierte Artikel "New Queer Cinema", in dem die Filmkritikerin B. Ruby Rich den Begriff für die große Erneuerungsbewegung des queeren Kinos in Nordamerika prägte. Bis heute sind die popkulturellen und akademischen Diskussionen zum Queer Cinema von ihrem Text beeinflusst. Die beiden Filmwissenschaftler_innen Dagmar Brunow und Simon Dickel haben nun den ersten deutschsprachigen Sammelband zum queeren Kino herausgegeben. "Queer Cinema" enthält die erste deutsche Übersetzung von Richs wegweisendem Text und folgt den Entwicklungs­linien queerer Filmwissenschaft von den 1990er-­Jahren bis in die Gegenwart. Beiträge von Filmemacher_innen wie Cheryl Dunye, Jim Hubbard und Barbara Hammer sowie Interviews mit Monika Treut und Angelina Maccarone stehen neben Grundlagentexten und theoretischen Zugängen, die an aktuelle Debatten um queere Zeitlich­keiten, die Bedeutung des Archivs, Medialität oder die Repräsentationspolitiken von Transgender anschließen. Maja Figge hat das Buch für uns gelesen – und sich dabei durch viele offene Türen treiben lassen.
Gute Manieren

Gute Manieren

Die mysteriöse Ana engagiert die alleinstehende Krankenschwester Clara, damit die sich um ihr schickes Apartment in São Paulo und später um ihr noch ungeborenes Kind kümmert. Die beiden Frauen werden ein Liebespaar, doch mit dem Voranschreiten der Schwangerschaft verhält sich Ana immer merkwürdiger: Sie hat ständig Lust auf Fleisch und schlafwandelt bei Vollmond blutdurstig durch die Stadt. Nach der schaurigen "Geburt" ist Clara alleine mit Anas besonderem Sohn, der halb Mensch, halb Werwolf ist. Sie zieht Joel voller Liebe und Fürsorge auf, doch je älter er wird, desto stärker wird auch für ihn der Ruf des Mondes ... Mit betörend stilisierten Sets und einem traumhaften Lichtkonzept entwickeln die Filmemacher_innen Juliana Rojas und Marco Dutra aus der lesbischen Mütter-Kind-Geschichte ein gruseliges Großstadt-Märchen, das sozialkritisch von der Unterdrückung unerwünschten Begehrens erzählt. Beatrice Behn über einen herzzerreißenden queeren Ruf zu den Waffen, der gleich zwei folkloristische Figurenarchetypen von ihren heteronormativen Schranken befreit.
Die Misandristinnen

Die Misandristinnen

Jetzt auf DVD und VoD: Im neuen Film des kanadischen Kultregisseurs Bruce LaBruce („The Raspberry Reich“, „Otto; or, Up with Dead People“, „Gerontophilia“) geht es um eine queer-feministischen Terrorstinnen-Zelle, die „irgendwo in Ger(wo)many“ hinter der Fassade eines katholischen Mädcheninternats den Umsturz des Patriarchats vorbereitet, ehe ein verletzter Soldat ins Haus gelangt und die Ordnung der Frauen empfindlich stört. Nicht ohne Grund mögen bei der Geschichte manche an den jüngsten Film von Sofia Coppola, „Die Verführten“ (2017), denken. Beide Filme sind Remakes von Don Siegels Bürgerkriegsmelodram „The Beguiled“ (1971). Das ungleich geringere Budget seines Films kompensiert LaBruce mit der Besetzung von queeren Underground-Stars (wie Susanne Sachsse und Kembra Pfahler) und radikalen Regieeinfällen, die die Grenzen des guten Geschmacks bis aufs Äußerste ausreizen. Lukas Foerster wagt eine filmhistorische und queerpolitische Einordung.
Monika Treut: Female Misbehavior!

Monika Treut: Female Misbehavior!

Seit über 30 Jahren prägt die lesbische Regisseurin, Autorin und Produzentin Monika Treut mit ihren lustvoll-subversiven Spiel- und Dokumentarfilmen das queere Kino in Deutschland und der ganzen Welt. Die neue DVD-Box "Monika Treut: Female Misbehavior!" versammelt nun vier Schlüsselfilme aus dem Schaffen der unerschrockene Avantgardistin: ihren kühnen und von der damaligen Presse leidenschaftlich angefeindeten Debütfilm, das sadomasochistische Liebesdrama "Verführung: Die grausame Frau" (1985); das abenteuerliche Sex-Melodram "Die Jungfrauenmaschine" (1988); die in New York gedrehte Familienkomödie "My Father Is Coming" (1991); und den in San Francisco entstandenen und vielfach preisgekrönten trans*-futuristischen Dokumentarfilm "Gendernauts" (1999). Alle Filme wurden digital restauriert und werden von einem prallen Bonusprogramm ergänzt, das u.a. den Dokumentarfilm "Didn't Do It For Love" (1997) und die vierteilige Kurzfilmsammlung „Female Misbehavior“ (1992) beinhaltet. Erstmals ist damit Treuts bahnbrechendes Frühwerk vollständig in einer DVD-Edition vereint. Jan Künemund sprach mit Monika Treut, die vergangenes Jahr für ihr Lebenswerk mit dem Special Teddy der Berlinale ausgezeichnet wurde, über drei Jahrzehnte weibliche Kino-Lust, Gender-Science-Fiction und queere Pionierarbeit.
120 BPM – Gespräch mit Robin Campillo

120 BPM – Gespräch mit Robin Campillo

Anfang der 1990er engagierte sich Robin Campillo in Paris selbst bei der Aids-Aktivistengruppe ACT UP. 25 Jahre später hat er über diese Zeit einen tief berührenden Film gedreht, der nicht nur der Verzweiflung und Trauer, sondern auch dem leidenschaftlichen Widerstand und der unbändigen Lebensfreude der Gruppe ein Denkmal setzt. Anlässlich des Kinostarts von "120 BPM" im November letzten Jahres haben wir Campillo zusammen mit der europäischen HIV/Aids-Forschungsgruppe EUROPACH ins Berliner Friedrichshain-Kreuzberg-Museum eingeladen. Im Gespräch mit den beiden Sozialwissenschaftlern Todd Sekuler (Humboldt-Universität, Berlin) und Agata Dziuban (Jagiellonen-Universität, Krakau) erinnerte sich Campillo an ausufernde Gruppendiskussionen, wütende Demonstrationen und schmerzlich vermisste Freunde – und erklärte, warum er schon lange mit dem politischen Aktivismus aufgehört und seine Widerständigkeit auf andere, filmische Bahnen gelenkt hat. Zum DVD- und VoD-Start von "120 BPM" zeigen wir hier eine Zusammenfassung der regen Runde, an der sich auch viele der anwesenden HIV/Aids-Aktivisten und -Forscher beteiligten.
120 BPM

120 BPM

Paris, Anfang der 1990er. Seit fast zehn Jahren wütet Aids in Frankreich, doch noch immer wird über die Epidemie in weiten Teilen der Gesellschaft und der Politik geschwiegen. ACT UP, eine Aktivistengruppe von Betroffenen, will auf die Missstände aufmerksam machen und schreckt auch vor spektakulären Protestaktionen nicht zurück. Der französische Regisseur Robin Campillo, der sich selbst jahrelang bei ACT UP engagierte, hat über diese Zeit nun einen großartigen Spielfilm gemacht – und damit dem französischen Aids-Aktivismus ein längst überfälliges filmisches Denkmal gesetzt. Durch die berührende Liebesgeschichte zwischen Nathan und Sean, zwei Mitgliedern der Gruppe, entfaltet "120 BPM" eine geradezu revolutionäre Kraft: In einem historischen Moment, in dem für HIV-Positive und deren Freunde das Politische von persönlicher, ja existentieller Bedeutung ist, begegnen die beiden der gesellschaftlichen Ignoranz und der Angst vor dem Tod mit rasendem Widerstand und einem unbändigen Willen zu leben. "120 BPM" wurde im diesjährigen Wettbewerb von Cannes uraufgeführt und u.a. mit dem Großen Preis der Jury und der Queer Palm ausgezeichnet. Jetzt ist Campillos Meisterwerk, das viele für den wichtigsten queeren Film des Jahres 2017 hielten, auch auf DVD und VoD zu sehen. Sascha Westphal hat sich mitreißen lassen.
Mein wunderbares West-Berlin

Mein wunderbares West-Berlin

Neu auf DVD: Mit einer Fülle von spektakulärem Archivmaterial und mitreißenden Interviews setzt Jochen Hick in seinem großartigen Dokumentarfilm "Mein wunderbares West-Berlin" der schwulen Mauerstadt ein persönlich eingefärbtes Denkmal. Wir haben gleich drei Autoren aus mehr oder weniger unterschiedlichen Generationen gebeten, sich "Mein wunderbares West-Berlin" anzusehen. Frank Brenner, geboren 1974, hätte den Film gerne schon im Geschichtsunterricht behandelt. Toby Ashraf, Jahrgang 1982, lässt sich von der Offenheit der befragten Protagonist*innen berühren. Und für Hans Hütt, der 1953 zur Welt kam und selbst in West-Berlin gelebt hat, legen sich über Hicks Filmbilder Erinnerungen an alte Gefährten und die eigene Spur.
Queercore: How to Punk a Revolution

Queercore: How to Punk a Revolution

Regisseur Yony Leyser erzählt in seinem neuen Dokumentarfilm die Geschichte jener lose verbundenen Gruppe von nordamerikanischen Punk-Künstler_innen, die in den 1980er und 90er Jahren ihre queeren Identitäten radikal ins Zentrum der eigenen Arbeiten rückten – und sich damit nicht nur gegen die damals von heterosexuellen Männern dominierte und latent homophobe Punk-Bewegung auflehnten, sondern auch gegen den allzu angepassten schwulen Mainstream. "Queercore", der ab Donnerstag im Kino läuft, gewährt spannende Einblicke in eine Szene, über die man hierzulande wenig weiß, erinnert unseren Autor Peter Rehberg aber auch etwas zu sehr an eine Geschichtsstunde. Läuft das klassische Bildungsformat des Films vielleicht sogar an zentralen Ideen der Bewegung vorbei?