Plötzlich alles anders

Lesbisch schwule Filmtage Hamburg 2018

Lesbisch schwule Filmtage Hamburg 2018

Nach fünf prall gefüllten Festivaltagen mit 65 Filmvorstellungen und insgesamt 123 Lang- und Kurzfilmen sind am Wochenende die 29. Lesbisch schwulen Filmtage Hamburg zu Ende gegangen. Den Jurypreis des größten und ältesten queeren Filmfestivals Deutschlands hat in diesem Jahr der libanesische Essayfilm „Room for a Man“ von Anthony Chidiac gewonnen. Eine lobende Erwähnung ging an den Dokumentarfilm „Silvana“ des schwedischen Regiekollektivs von Olivia Kastebring, Mika Gustafson und Christina Tsiobanelis. Den Publikumspreis erhielt das lesbische Liebesdrama „My Days of Mercy“ von Tali Shalom-Ezer mit Ellen Page und Kate Mara in den Hauptrollen. Für sissy waren Britta Voß, Nilufar Karkhiran-Khozani, Doreen Kropp und Klaus Braeuer auf dem Festival unterwegs und präsentieren uns hier ihre Entdeckungen.
Girl

Girl

Bei seiner Weltpremiere im Mai in Cannes wurde "Girl" erst mit stehenden Ovationen gefeiert und dann mit der Queer Palm und der Caméra d'Or – dem Preis für den besten Erstlingsfilm – ausgezeichnet. Mit traumwandlerischer Sicherheit erzählt der junge belgische Regisseur Lukas Dhont darin die Geschichte der 15-jährigen Lara, die mit ihrem Vater und kleinem Bruder nach Brüssel zieht, um sich an einer renommierten Akademie zur Ballerina ausbilden zu lassen. Neben dem Einstieg in die neue Schule beschäftigt Lara vor allem die bevorstehende Hormonbehandlung. Denn mit ihrem 16. Geburtstag darf sie, die als Junge geboren wurde, aber sich schon immer als Mädchen gefühlt hat, endlich offiziell mit der Anpassung ihres biologischen Geschlechts beginnen. Dhonts großer Wurf besteht darin, dass er einen Film weniger über eine Transition, als, sehr viel subtiler und grundlegender, über einen Penis gemacht hat, findet unser Autor Philipp Stadelmaier. Und ist dabei vor allem von Victor Polster beeindruckt, dem kühnen Lara-Darsteller, der in Cannes mit dem Darsteller-Preis der Sektion "Un Certain Regard" geehrt wurde und diesen erst annahm, als das Festival einwilligte, ihn geschlechtslos zu verleihen. Im Oktober ist "Girl" als Special in der queerfilmnacht zu sehen, am 18. Oktober startet er regulär in den Kinos.
Blau ist eine warme Farbe

Blau ist eine warme Farbe

Zum Abschluss von rbb QUEER ist heute Abend Abdellatif Kechiches hochgelobtes Liebesdrama "Blau ist eine warme Farbe" zu sehen. 2013 wurde der Film in Cannes spektakulär mit der Goldenen Palme ausgezeichnet, die nicht nur an den Regisseur, sondern explizit auch seine grandiosen jungen Hauptdarstellerinnen Léa Seydoux und Adèle Exarchopoulos ging. Barbara Schweizerhof spürt der besonderen Sinnlichkeit des Films nach, erinnert aber auch an die Diskussion um das Fehlen von lesbischer Teilhabe am Dreh, das damals vor allem die queer-feministische Filmkritik erhitzte.
Dating My Mother

Dating My Mother

Danny ist schon längst mit der Schule fertig, lebt aber noch immer bei seiner Mum in New Jersey und hat keinen richtigen Plan für die Zukunft. Die Tage verbringt er mit ausgeklügelten Yogaübungen, halbherzigen Grindr-Dates und zarten Versuchen, ein Filmdrehbuch zu schreiben. Eigentlich ist seine Mutter auch seine beste Freundin. Doch als Joan sich bei einer Dating-Plattform anmeldet und einen neuen Mann fürs Leben kennenlernen möchte, gerät Dannys heile Helikopter-Kind-Welt aus den Fugen ... Mike Roma verpackt seinen rasant geschriebenen Debütfilm als Komödie über die Risiken und Nebenwirkungen von Online-Dating. Für unseren Autor Frank Brenner ist „Dating my Mother“ aber auch eine berührende Mutter-schwuler-Sohn-Geschichte, die nur deswegen so komisch ist, weil sie sich nur unweit vom wahren Leben entfernt.
God’s Own Country

God’s Own Country

rbb is coming out! Unter dem Titel rbb QUEER präsentiert der TV-Sender erstmals eine eigene Filmreihe jenseits der Hetero-Norm. Vom 19. Juli bis 13. September laufen immer donnerstags kurz vor Mitternacht neun queere Filme, sieben davon als TV-Erstausstrahlung. Einen passenderen Auftaktfilm als das schwule Liebesdrama "God's Own Country" (heute, 23:30 im rbb) hätte sich der rbb für seine mustergültige Intiative kaum aussuchen können. Matthias Frings über einen Film, "der nicht fragt, was fehlt, sondern was geht".
Call Me by Your Name

Call Me by Your Name

Luca Guadagninos Verfilmung von André Acimans gleichnamigen Roman aus dem Jahr 2007 erzählt vielschichtig, handwerklich makellos und tief berührend die Geschichte einer ersten Liebe im Italien Anfang der 80er. Seit „Brokeback Mountain“ (2005) war keine schwule Romanze mehr so anschlussfähig für Heteros, wie die vielen Auszeichnungen für den Film, vier Oscar-Nominierungen und die riesige internationale PR-Kampagne von Sony Pictures belegen. „Call Me by Your Name“ ist aber auch ein explizit queeres Erweckungsdrama, das unsere ganz eigenen Erfahrungen von Begehren und Angst, Erinnerung und Verleugnung, Lust und Trauer filmisch durchdekliniert. Heute startet der Film endlich auch in den deutschen Kinos. Von Christian Weber.
Sieben Filme des Jahres

Sieben Filme des Jahres

2017 war ein großartiges Jahr für das nicht-heterosexuelle Kino! Nachdem im Februar mit Barry Jenkins' Meisterwerk "Moonlight" erstmals – und trotz einiger Bühnenunruhen – ein offen schwuler Film mit dem Oscar für den besten Film ausgezeichnet worden war, liefen fast im Monatsrhythmus mitreißende queere Filme in den deutschen Kinos an: von Sebastián Lelios mit dem Teddy ausgezeichnetem Porträtfilm "Eine fantastische Frau" über die transsexuelle Marina und Francis Lees rauhem Liebesfilm "God's Own Country" bis zu Robin Campillos in Cannes gefeiertem Aids-Aktivismus-Drama "120 BPM". Wir haben für Euch unsere sieben Lieblingsfilme zusammengetragen und stellen Sie in Schlüsselmomenten und den Worten unserer Autor_innen noch einmal vor. Die Reise durch das queere Filmjahr führt uns in ein Dinner in Miami und in die Hochmoore Schottlands, auf eine Polizeistation in Santiago de Chile und die Untiefen der Wälder Nordportugals, in die Wildnis Montanas, ins gentrifizierte Brooklyn und in ein Schlafzimmer in Paris.
Der Moment: Teorema

Der Moment: Teorema

Christoph Klimke, Jahrgang 1959, lebt als Schriftsteller und Dramaturg in Berlin. Zuletzt sind von ihm der Gedichtband "Fernweh" (2013) sowie ein langer biographischer Essay zum politisch-künstlerischen Engagement Pier Paolo Pasolinis erscheinen, "Dem Skandal ins Auge sehen" (2015). Auch Klimkes persönlicher filmischer Moment führt ins Werk des 1975 ermordeten italienischen Dichters und Filmemachers: zu "Teorema" (1968), Pasolinis visionärer Filmparabel über einen rätselhaften jungen Mann mit strahlend blauen Augen, der sämtlichen Mitgliedern einer Mailänder Industriellen-Familie die Köpfe verdreht.
Concussion

Concussion

Durch eine heile, aber nicht wirklich eingespielte Vorstadt-Regenbogen-Familie geht ein kleiner Riss. Ausgelöst durch eine Gehirnerschütterung („concussion“), begreift eine der beiden Mütter in Stacey Passons abgründigem Debüt, dass ihre Welt zu klein geworden ist, dass eine größere aber vielleicht auch nicht so anders aussehen würde. Der von der New-Queer-Cinema-Veteranin Rose Troche produzierte Film wurde auf der Berlinale 2013 mit einem Special-Teddy ausgezeichnet und steht für ein noch immer hochaktuelles Thema im nicht-heterosexuellen Kino: dass Glücklichwerden auch nach der Emanzipation und rechtlichen Gleichstellung kein Automatismus ist. The Moms are not all right. Von André Wendler.
God’s Own Country – Interview mit Francis Lee

God’s Own Country – Interview mit Francis Lee

Morgen startet "God's Own Country", das vielgelobte und -prämierte schwule Liebesdrama des Engländers Francis Lee, in den deutschen Kinos. Patrick Heidmann hat sich für sissy vorab mit Lee über dessen eigene Jugend in den rauen Berglandschaften von Yorkshire unterhalten, über die Arbeit mit seinen ungemein wandlungsfähigen Hauptdarstellern und warum der oft bemühte Vergleich mit "Brokeback Mountain" auf seinen Film nur bedingt zutrifft.