Lebensbilder

Before Stonewall

Before Stonewall

New York, Christopher Street, in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni 1969: Eine Gruppe Homo- und Transsexueller widersetzt sich in der Bar Stonewall-Inn entschlossen der Polizei, die das Lokal eigentlich räumen will. Ihr Aufstand und die sich anschließenden Unruhen und Demonstrationen in den folgenden Tagen gelten als Urknall lesbisch-schwulen Selbstbewusstseins – und als Wendepunkt im Kampf um Anerkennung und Gleichstellung, an den seitdem jährlich bei den Christopher-Street-Day-Paraden erinnert wird. Greta Schiller und Robert Rosenberg erzählen in ihrem preisgekrönten Dokumentarfilm "Before Stonewall" (1984) vom Leben und Alltag der US-amerikanischen Schwulen und Lesben vor jener Nacht in New York. Ihr Film ist reich an seltenem Archivmaterial und enthält neben Interviews mit bekannten Persönlichkeiten wie Allen Ginsberg und Audre Lorde vor allem Berichte und Annekdoten von Schwulen und Lesben aus der breiten Bevölkerung. Zum 50. Jahrestag der Stonewall Riots kommt Schillers und Rosenbergs tief bewegender "Kochbuchfilm zu unserer Geschichte" (Manfred Salzgeber) in neu restaurierter Fassung als DVD heraus und ist nun auch als VoD zu sehen. Matthias Frings über "Before Stonewall" und dessen historische Bedeutung.
Der Kreis

Der Kreis

Morgen startet rbb QUEER in die zweite Runde! Bis zum 15. August laufen dann wieder jeden Donnerstagabend queere Filme im rbb. Wie im letzten Jahr begleiten wir die Reihe mit einer Artikelserie. Den Anfang macht das preisgekrönte Schweizer Dokudrama "Der Kreis" (23h25 im rbb). Stefan Haupts Film über die gleichnamige Zeitschrift, die in den 1940ern bis in die späten 1960er Leser in der ganzen Welt hatte und das Medium einer der wichtigsten europäischen Schwulenbewegungen war, ist keine Geschichtsstunde. Er setzt, als Spielfilmversion einer wahren Geschichte, auf die exemplarische und doch ganz besondere Liebe zwischen Ernst und Röbi, die im Umfeld des Kreises zueinander fanden. In kurzen Dokumentaraufnahmen tauchen die beiden selbst im Film ihres Lebens auf – und bereichern die berührende Geschichte um die Dimension der eigenen Erfahrungen. Zur diesjährigen Eröffnung seiner queeren Filmreihe hätte sich der rbb am Abend des 50. Jubiläums der Stonewall Riots wohl keinen besseren Film aussuchen können. Sebastian Markt hat "Der Kreis" für uns besprochen.
It’s My Party

It’s My Party

Fast zwei Jahrzehnte war Regisseur Randal Kleiser in Hollywood zuständig für massenkompatible Familienunterhaltung, er machte mit dem Musical "Grease" (1978) Olivia Newton-John zum Weltstar und sorgte mit "Die blaue Lagune" (1980) für feuchte Teenagerträume. 1995 aber verfilmte er mit "It’s My Party" einen ganz persönlichen Stoff: die Geschichte seines Aids-kranken Lebensgefährten Harry Stein, der wenige Jahre zuvor nach einem Fest mit seinen Freunden seinem Leben ein Ende gesetzt hatte. Anlässlich der deutschen Erstveröffentlichung des Films auf DVD und Blu-ray geht Axel Schock der Frage nach, warum "It’s My Party" trotz eigentlich idealer Grundvoraussetzungen im Gegensatz zu "Philadelphia" ein so wenig beachteter Aids-Film geblieben ist.
Rocketman

Rocketman

In einem berührenden Text für den britischen Guardian hat Elton John vor kurzem beschrieben, wie viel ihm der Film "Rocketman", der seit gestern auch in den deutschen Kinos läuft, bedeutet. Dabei sei es gar nicht so einfach gewesen, ein Hollywood-Studio zu finden, das bereit war, sein an Sex und Drogen nicht gerade armes Leben einigermaßen authentisch zu verfilmen. Wohin ein gehemmter Umgang mit Homosexualität auf Produzentenseite führen kann, konnten wir unlängst im Freddie-Mercury-Biopic "Bohemian Rhapsody" beobachten. Andreas Köhnemann hat sich "Rocketman", der von Elton Johns Ehemann David Furnish co-produziert wurde, angesehen und findet, dass der Film weit aufrichtiger ist als "Bohemian Rhapsody", weil er sich traut, sich auf die Queerness seines Protagonisten voll einzulassen.
Helmut Berger, meine Mutter und ich

Helmut Berger, meine Mutter und ich

"Was macht eigentlich Helmut Berger?", fragt sich Bettina Vorndamme, Filmfan in den besten Jahren – und googelt los. Im Netz der Schock: Skandalauftritte, Dschungelcamp, Alkoholsucht! Der Schauspielstar aus "Die Verdammten" und "Ludwig II.", einstmals "schönster Mann der Welt", scheint nur noch ein Schatten seiner Selbst zu sein. Die Finanzcontrollerin aus Niedersachsen beschließt kurzerhand, den Niedergang zu stoppen. Mit Hilfe ihrer Tochter nimmt sie Kontakt nach Salzburg auf. Und kurz darauf sitzt die Schauspielikone tatsächlich auf dem Sofa ihres Bauernhauses und trinkt Kaffee aus Omas Sammeltassen. Filmemacherin Valesca Peters begleitet das Kennenlernen zwischen ihrer Mutter und dem eigenwilligen Schauspieler mit der Kamera – und nähert sich dem Menschen Helmut Berger dabei selbst immer mehr an. Entlang von Peters' Film und Bergers über 50 Jahre umspannenden Karriere spinnt unser Autor Sascha Westphal ein Geflecht aus Filmbildern, Gedanken und Figuren, in dessen Zentrum ein Schauspieler steht, der ein Geschöpf seiner eigenen Erinnerungen geworden ist. Jetzt gibt es "Helmut Berger, meine Mutter und ich" als DVD und VoD.
Männerfreundschaften

Männerfreundschaften

Wie schwul waren eigentlich Goethe und seine Zeitgenossen? Inspiriert von Robert D. Tobins geistesgeschichtlicher Studie „Warm Brothers – Queer Theory and the Age of Goethe“ (2000) geht Rosa von Praunheim in seinem neuen Film Homoerotik und -sexualität in der Weimarer Klassik auf den Grund. Briefwechsel, Lyrik und dramatische Texten aus der damaligen Zeit inszeniert er mit Schauspielern an den Orten ihres Entstehens; Interviews mit Literaturwissenschaftlern und Historikerinnen kommentieren die teilweise skurrilen Re-Enactments. Dennis Vetter über eine amüsante und überaus politische Geschichts-Collage, die kritisch auf die Gegenwart deutet – und morgen in den deutschen Kinos startet.
Tackling Life

Tackling Life

Neu auf DVD und VoD: Die „Berlin Bruisers“, Berlins schwules Rugby-Team, sind leider die schlechteste Mannschaft der Stadt. Dennoch haben sie miteinander etwas aufgebaut, das über die Fantasien von Menschen, die die Wort-Kombination „schwul“ und „Rugby“ entweder widersprüchlich oder sexy finden, weit hinausgeht. Und über den sportlichen Ehrgeiz sowieso. Johannes List hat einen Film über den Einzelkampf im Alltag und den Teamgeist auf dem Trainingsplatz gemacht, der ein warmes Communitygefühl ausstrahlt. Können wir gut gebrauchen, findet Axel Schock.
Geniale Göttin – Die Geschichte der Hedy Lamarr

Geniale Göttin – Die Geschichte der Hedy Lamarr

Hedwig Kiesler, eine Wiener Schauspielerin aus jüdischer Familie, wird durch Nacktszenen in einem Film bekannt, flüchtet vor einem eifersüchtigen Ehemann, der ihr das Spielen verbieten will, landet in den USA und bekommt eine neue Identität verpasst: Hedy Lamarr, für einige Zeit das „schönstes Gesicht Hollywoods“. Doch wird sie zu Lebzeiten weder als dramatische Schauspielerin noch als visionäre Erfinderin eines Kommunikationssystems ernstgenommen. Im Kino startet nun ein unruhiges Starporträt, in dem ein schönes Gesicht noch einmal neu ausgeleuchtet wird, ohne den selbstgewählten Anspruch zu verfolgen, dahinter zu blicken. Von Dennis Vetter.
Don’t worry, weglaufen geht nicht: Interview mit Gus Van Sant

Don’t worry, weglaufen geht nicht: Interview mit Gus Van Sant

An dem Biopic über den querschnittsgelähmten Cartoonisten John Callahan (1951-2010), der im Nordwesten der USA als politisch höchst unkorrekter Outsider Artist eine Legende ist, hat Gus Van Sant seit Mitte der 90er Jahre gearbeitet. Ursprünglich sollte Robin Williams Callahan spielen. In "Don't worry, weglaufen geht nicht" schlüpft nun Joaquin Phoenix in die Rolle des Zeichners und schweren Trinkers – und spielt ihn überragend! Van Sants neuer Film erzählt vom Meistern des eigenen Lebens mit den Kräften der Kunst und – wie alle seine anderen Filme zuvor – von einer Gemeinschaft von Außenseitern, die hier als illustre Co-Mitglieder einer Alkoholikertherapie-Gruppe auftreten. Wir haben uns im Februar zur Premiere des Films auf der Berlinale mit Van Sant getroffen und mit ihm über seinen Einstieg in die Welt des queeren Kinos vor über 30 Jahren, die deutschen Einflüsse in seinem Meisterwerk „My Own Private Idaho“, seine Wahlheimat Portland und die Frage gesprochen, warum er „Brokeback Mountain“ eigentlich nicht selbst gedreht hat.
Porträt: Gus Van Sant

Porträt: Gus Van Sant

Gus Van Sant, Jahrgang 1952, gilt als einer der wichtigsten Filmemacher seiner Generation – und war Mitte der 80er Jahre einer der ersten offen schwulen US-Regisseure überhaupt. Sein kühner Debütfilm "Mala Noche" (1985) gilt als Wegbereiter, sein dritter Film "My Own Private Idaho" (1991) als Schlüsselfilm des New Queer Cinema. Seitdem wechselt Van Sant zwischen gefeierten Studio-Produktionen wie "Good Will Hunting" (1996) und "Milk" (2008) und Arthouse-Filmen wie "Elephant" (2001) und "Paranoid Park" (2006) hin und her. So unterschiedlich seine Filme auf den ersten Blick auch sein mögen – queere Perspektiven lassen sich in ihnen allen entdecken. Anlässlich des Kinostarts von Van Sants neuem Film "Don’t Worry, weglaufen geht nicht" wagen wir einen Rückblick auf das vielschichtige und verführerisch offene Filmwerk des Regisseurs. Ein Porträt von Christian Weber aus dem Jahr 2011.