Lebensbilder

Die Temperatur des Willens

Die Temperatur des Willens

Regisseur Peter Baranowski hat für seinen Dokumentarfilm "Die Temperatur des Willens" die Ordensgemeinschaft "Legionäre Christi" beim Missionieren und Demonstrieren, während intimer Zwiegespräche und bei öffentlichen PR-Events begleitet. Sein Film gewährt seltene Einblicke in die Denk- und Verhaltensmuster einer ultrakonservativen religiösen Vereinigungen und deren Überlebensstrategien in der heutigen Zeit – und zeigt den noch immer schwierigen Umgang mit dem Thema des sexuellen Missbrauchs innerhalb der eigenen Reihen. Von Dennis Vetter.
The Happy Prince

The Happy Prince

Rupert Everett hat fast zehn Jahre gebraucht, bis er „The Happy Prince“ endlich drehen konnte. Darin erzählt er als Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller das tragische Ende von Oscar Wilde und wird dabei von einem stargespickten Ensemble unterstützt. Ein großer, schöner und sehr schwuler Historienschinken, für den es keinen Teddy, aber schon einen Bayerischen Filmpreis gab. Von Paul Schulz.
Maria by Callas

Maria by Callas

Der Regisseur und Fotograf Tom Volf wirft einen neuen Blick auf Maria Callas. Über eine elegante Montage von privaten Aufnahmen, Mitschnitten ihrer Auftritte und TV-Interviews, aber auch gänzlich unbekanntem Material, wie etwa Nachrichtenaufnahmen von 1965, in denen glühende Fans ihrer Begeisterung freien Lauf lassen, spürt „Maria by Callas“ der unsterblichen Magie der Jahrhundert-Diva nach – und der Frage, wie sie zur universellen Identifikationsfigur für Außenseiter werden konnte. Ein Film über ein Leben im Wechselspiel von Verhüllung und Offenbarung, endlose Stunden des Schmerzes und eine alles verzehrende Liebe. Von Sascha Westphal.
Mein Leben mit James Dean

Mein Leben mit James Dean

In „Mein Leben mit James Dean“ ist ein junger Filmemacher mit seinem ersten Film, der von schwulem Begehren und Kinoleidenschaft erzählt, auf Kinotour in der französischen Küstenprovinz. Mit schrägem Humor und traumähnlichen Bildern verwandelt Dominique Choisy den selbstreferentiellen Komödienplot in eine beharrliche Liebeserklärung an das Kino. Denn das unerwartete Kulturevent infiziert die wenigen Menschen, die es aus unterschiedlichen Gründen ins Kino verschlägt, mit einer Sehnsucht nach Leidenschaft und Andersartigkeit, die schnell auch den Film darüber erfasst. Von Jan Künemund.
Monika Treut: Female Misbehavior!

Monika Treut: Female Misbehavior!

Seit über 30 Jahren prägt die lesbische Regisseurin, Autorin und Produzentin Monika Treut mit ihren lustvoll-subversiven Spiel- und Dokumentarfilmen das queere Kino in Deutschland und der ganzen Welt. Die neue DVD-Box "Monika Treut: Female Misbehavior!" versammelt nun vier Schlüsselfilme aus dem Schaffen der unerschrockene Avantgardistin: ihren kühnen und von der damaligen Presse leidenschaftlich angefeindeten Debütfilm, das sadomasochistische Liebesdrama "Verführung: Die grausame Frau" (1985); das abenteuerliche Sex-Melodram "Die Jungfrauenmaschine" (1988); die in New York gedrehte Familienkomödie "My Father Is Coming" (1991); und den in San Francisco entstandenen und vielfach preisgekrönten trans*-futuristischen Dokumentarfilm "Gendernauts" (1999). Alle Filme wurden digital restauriert und werden von einem prallen Bonusprogramm ergänzt, das u.a. den Dokumentarfilm "Didn't Do It For Love" (1997) und die vierteilige Kurzfilmsammlung „Female Misbehavior“ (1992) beinhaltet. Erstmals ist damit Treuts bahnbrechendes Frühwerk vollständig in einer DVD-Edition vereint. Jan Künemund sprach mit Monika Treut, die vergangenes Jahr für ihr Lebenswerk mit dem Special Teddy der Berlinale ausgezeichnet wurde, über drei Jahrzehnte weibliche Kino-Lust, Gender-Science-Fiction und queere Pionierarbeit.
I, Tonya

I, Tonya

Im Jahr 1994 kannte den Namen Tonya Harding ganz Amerika. Nicht unbedingt, weil sie als erste US-Einskunstläuferin den verflixt schweren dreifachen Axel in einem Wettbewerb gesprungen hatte. Sondern weil sie in den Medien als Mitverantwortliche an einem Anschlag auf ihre damals schärfste Konkurrentin Nancy Kerrigan galt, bei dem diese von einem Handlanger von Tonyas damaligen Ehemann mit einer Eisenstange attakiert und verletzt wurde. Über die lange Zeit als "Eis-Hexe" verrufene Harding hat Craig Gillespie nun ein Biopic gedreht und mit Margot Robbie als Tonya und TV-Star Allison Janney ("Mom", seit 2103) als deren Mutter LaVona raffiniert besetzt. Unser Autor Paul Schulz findet: „I, Tonya“ ist nicht das Camp-Meisterwerk, auf das einige vielleicht gehofft haben, sondern etwas viel Besseres – eine feministische Selbstbehauptung mit dem Baseballschläger.
Don’t Ever Wipe Tears Without Gloves

Don’t Ever Wipe Tears Without Gloves

Seit "Engel in Amerika" (2003), Mike Nichols wegweisender TV-Verfilmung von Tony Kushners gleichnamigen Theaterstück, sind eine ganze Reihe sehenswerter und großformatiger Period-Pieces über die verheerenden Anfangsjahren von HIV/AIDS in die Kinos gekommen. Mitreißend erzählten allein in den letzten beiden Jahren das australische Biopic "Holding the Man" (2016) und das französische Gruppenportät "120 BPM" (2017) von Liebe, Tod und Widerstand im Angesicht der Epidemie. Bereits 2012 lief im schwedischen Fernsehen der Dreiteiler "Don't Ever Wipe Tears Without Gloves", die Verfilmung einer Romantrilogie des Comedians und Autors Jonas Gardell um eine Gruppe von schwulen Freunden im Stockholm der 80er Jahre. Nun ist die Mini-Serie, die in Skandinavien als Standardwerk zum Thema gilt, auch in Deutschland auf DVD und Blu-ray erschienen. Paul Schulz ist von der Energie des Schauspielensembles begeistert. Doch ist der Film wirklich für ein queeres Publikum gemacht oder nicht vielmehr eine Parabel über schwules Leben für Heterosexuelle?
Professor Marston and the Wonder Women

Professor Marston and the Wonder Women

Patty Jenkins' "Wonder Woman" war einer der großen Überraschungserfolge des Kinojahres. Ihr Film über die weltweit wohl bekannteste Superheldin stach beinah jede andere Comic-Adaption mit männlichem Personal aus und machte die israelische Hauptdarstellerin Gal Gadot zu Hollywoods neuem Shooting Star. Regisseurin Angela Robinson ("Spy Girls – D.E.B.S.", "The L-Word") erzählt in dem Biopic "Professor Marston and the Wonder Women" nun die hochspannende Lebensgeschichte des Psychologie-Professors und Wonder-Woman-Erfinders William Marston a.k.a. Charles Moulton, der mit seiner Frau und einer gemeinsamen Geliebten in einer Dreierbeziehung lebte – was in den USA der 40er Jahre als reichlich unerhört galt. Unser Autor Patrick Heidmann ist vor allem von Robinsons unvoreingenommem Blick auf Polyamorie begeistert.
Deutschland im Herbst

Deutschland im Herbst

Vor genau 40 Jahren, am Morgen des 18. Oktober 1977, fanden die Beamten im Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses Stuttgart-Stammheim die Leichen der drei inhaftierten Linksterroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe. Die Suizide der drei Führungsfiguren der Roten Armee Fraktion (RAF) bildeten das Ende eines Herbsts des Schreckens, der mit der Verschleppung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer am 5. September begann und mit der Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut" durch vier palästinensiche Terroristen am 13. Oktober seinen Höhepunkt erreichte. Bereits wenige Wochen nach dem "Deutschen Herbst" vereinten die Spitzen des deutschen Autorenkinos ihre kreativen Kräfte, um in einer beispiellosen Gemeinschaftsaktion und gegen die eigene radikale Verunsicherung den collagenhaften Episodenfilm "Deutschland im Herbst" zu drehen. Kluge, Schlöndorff, Reitz, Böll und Biermann – alle waren mit dabei. Die provokanteste, weil persönlichste Episode stammt aber von Rainer Werner Fassbinder. Zur längst überfälligen Erstveröffentlichung des Films auf Blu-ray hat sich Fritz Göttler "Deutschland im Herbst" noch einmal angesehen – und vorbei an Fassbinders verzweifelter Ratlosigkeit einen revolutionären Kern entdeckt, der das System ganz gewaltfrei destabilisiert.
Tom of Finland

Tom of Finland

Das heiß ersehnte Biopic über den finnischen Künstler Touko Laaksonen (1920-1991), besser bekannt als Tom of Finland, Meister des hypermaskulinen Comics und Ikone der Schwulenkultur, spaltet seine Zuschauer_innen. Während er in Finnland einen riesigen Hype ausgelöst hat, als Film des Jahres gefeiert und offiziell ins Oscar-Rennen geschickt wird, gibt es in Deutschland, wo der Film seit Donnerstag im Kino zu sehen ist, einiges Unbehagen von Seiten der Filmkritik, insbesondere bei queeren Autor_innen. Für sissy hat sich Peter Rehberg den Film angesehen – ein ausgewiesener Kenner von Tom of Finlands Werk und Autor des preisgekrönten Essays „Happy Homos. Über Tom of Finlands schwule Superhelden“ (2011).