Lagerfeuer

Bones of Contention

Bones of Contention

Entlang von Spaniens Landstraßen, verdeckt von Pinienbäumen, liegen die Massengräber von über 120.000 anonymen Opfern der Franco-Diktatur. Unter ihnen sind auch zahlreiche Lesben und Schwule, die während des Regimes im Verborgenen leben mussten. Noch heute kämpfen die Hinterbliebenen dafür, die Überreste ihrer Angehörigen bergen und würdig bestatten zu dürfen. Besonders rätselhaft ist, was mit der Leiche des spanischen Dichters Federico García Lorca passiert ist. Die US-amerikanische Regisseurin Andrea Weiss („Paris Was a Woman“, „Escape to Life“) stellt in ihrem neuen Film die Frage, wie ein Land eine Vergangenheit ausgraben kann, die noch heute von oberster Stelle unterdrückt wird, und zeigt dabei den mutigen Kampf der queeren Community um Aufklärung, Gerechtigkeit und Sichtbarkeit. Jessica Ellen über ein poetisches filmisches Denkmal für die vergessenen Opfer unter Franco, das ab 21. Mai im Salzgeber Club zu sehen ist.
Wild Nights with Emily

Wild Nights with Emily

Jetzt als DVD und VoD: Emily Dickinson (1830-1886) gilt als eine der wichtigsten Dichterinnen der Weltliteratur – und als „Einsiedlerin“. Dass sie über Jahrzehnte eine leidenschaftliche Liebesbeziehung mit ihrer Jugendfreundin und späteren Schwägerin Susan Gilbert führte, wussten zu ihrer Lebzeit nur wenige. Auch nach Emilys Tod wurde die Beziehung streng geheim gehalten – u.a. von Emilys Verlegerin Mabel, die sogar die postum veröffentlichen Gedichte manipulierte und Emilys feurige Liebesbriefe an Susan an Männer umadressierte. Madeleine Olneks lustvolle Komödie „Wild Nights with Emily“ zeigt die leidenschaftliche lesbische Liebe einer quicklebendigen Dichterin und schildert beispielhaft, wie eine dezidiert weibliche, queere Lebensgeschichte bewusst manipuliert wurde, um in ein heteronormatives Narrativ zu passen. Unsere Autorin Anja Kümmel hat sich auf die willkommene Abzweigung von tradierten Bildern und Vorstellungen begeben.
Judy

Judy

Die vielfach preisgekrönte, privat vom Unglück verfolgte Schauspielerin und Sängerin Judy Garland (1922-1969), durch den "Zauberer von Oz" und den Song "Over the Rainbow" zur Legende geworden, avancierte schon zu Lebzeiten zu einer Schwulenikone. Rupert Goold widmet sich in seinem Biopic "Judy" der letzten Karriere- und Lebensstation des früh verstorbenen Hollywood-Stars. Unser Autor Andreas Wilink findet vor allem Bewunderung für das dramatische Spiel von Hauptdarstellerin Renée Zellweger, die sich mit großer Geste um ihren zweiten Oscar bewirbt.
Zehn Filme des Jahres

Zehn Filme des Jahres

Eine verbotene Liebe in Kenia. Fünf wilde Jungs auf einer verwunschenen Insel. Zwei fremde Schwestern, die sich gleichen. Französisches Wortgewichse in neuer Haut. Emily Dickinsons Ehrenrettung. Erinnerungen an das Begehren früherer Tage. Phantome aus Blut und Sperma. Die Befreiung des weiblichen Blicks. Genderrevolten in Genf. Und eine sagenhafte Grenzüberschreitung. Zu Silvester wagt sissy wieder einen Blick zurück – und freut sich über ein großartiges, vielgestaltiges queeres Kino-Jahr, das uns vor allem mit vielen starken weiblichen Perspektiven begeistert hat. Eine kleine Passage entlang zehn nicht-heterosexueller Filmhighlights der letzten zwölf Monate – wie gewohnt in Form kurzer Auszügen aus den Originalrezensionen unserer Autor*innen.
Buddies

Buddies

New York im Sommer 1985. Der 25-jährige schwule Schriftsetzer David will etwas gegen die Aids-Epidemie tun und meldet sich freiwillig bei einem Community-Programm an, das "buddies" an Menschen vermittelt, die von HIV betroffen sind. So lernt er den 32-jährigen Aktivisten Robert kennen, der nach seiner Erkrankung von Partner und Freunden im Stich gelassen wurde. In einem kleinen Krankenhauszimmer reden die zwei jungen Männer über ihr Leben, die richtige Haltung zum Schwulsein, über leidenschaftlichen Sex und die Angst vor dem Tod. Dann verschlechtert sich Roberts Zustand rapide… Arthur J. Bressan Jr.s "Buddies" war 1985 der erste Spielfilm über die Aids-Epidemie. Sein Kammerspiel ist eine zutiefst berührende Studie über Leben und Sterben zu Zeiten von Aids – und ein zeitloses Dokument schwuler Solidarität. Matthias Frings über einen Meilenstein des schwulen Kinos, den es jetzt in digital restaurierter Fassung als DVD und VoD gibt.
The Garden

The Garden

Derek Jarmans "The Garden" (1990) ist ein subjektiver, höchst sinnlicher Strom von Bildern, der kühn die Möglichkeiten des Kinos austestet. Der Experimentalfilm kommt ohne Dialoge aus, lyrische Erzählstimmen und ein betörender Soundtrack von Simon Fisher-Turner bestimmen die Tonspur, über allem schwebt eine madonnenhafte Tilda Swinton. Jarman, der 1994 an den Folgen von Aids starb, verhandelt in dem Film nicht nur die eigene Sterblichkeit, er klagt auch wütend das repressive Klima gegen Schwule und Lesben unter der Regierung Margaret Thatchers in der Hoch-Zeit der Aids-Krise an – und hinterfragt kritisch die Rolle der katholischen Kirche in der Jahrhundert-langen Homosexuellen-Verfolgung. Knapp 30 Jahre nach seiner Uraufführung wurde Jarmans visionäres Meisterwerk vom British Film Institute digital restauriert und erscheint in dieser Fassung jetzt erstmals auch in Deutschland als DVD und VoD. Andreas Köhnemann über ein zeitloses Manifest queeren, filmischen Widerstands.
Celebration

Celebration

Paris, 2001. Yves Saint Laurent skizziert, bereits schwer von Krankheiten gezeichnet, die Entwürfe für seine letzte Kollektion. Unterdessen richtet sein Lebens- und Geschäftspartner Pierre Bergé eine Serie von Feiern aus, um das kolossale Werk des Modedesigners zu würdigen. Regisseur Olivier Meyrou begleitet Saint Laurent in den letzten Karrierejahren und wirft dabei vor allem ein Licht auf die diffizile Beziehung zu seinem Partner. "Celebration" wurde bereits im Jahr 2007 auf der Berlinale uraufgeführt, Bergé ließ die weitere Veröffentlichung des Films jedoch verbieten. Erst jetzt, zwei Jahre nach Bergés und über ein Jahrzehnt nach Saint Laurents Tod, darf "Celebration" wieder gezeigt werden – und läuft ab Donnerstag auch in den deutschen Kinos. Daniel Schreiber hat ihn für uns gesehen.
Before Stonewall

Before Stonewall

New York, Christopher Street, in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni 1969: Eine Gruppe Homo- und Transsexueller widersetzt sich in der Bar Stonewall-Inn entschlossen der Polizei, die das Lokal eigentlich räumen will. Ihr Aufstand und die sich anschließenden Unruhen und Demonstrationen in den folgenden Tagen gelten als Urknall lesbisch-schwulen Selbstbewusstseins – und als Wendepunkt im Kampf um Anerkennung und Gleichstellung, an den seitdem jährlich bei den Christopher-Street-Day-Paraden erinnert wird. Greta Schiller und Robert Rosenberg erzählen in ihrem preisgekrönten Dokumentarfilm "Before Stonewall" (1984) vom Leben und Alltag der US-amerikanischen Schwulen und Lesben vor jener Nacht in New York. Ihr Film ist reich an seltenem Archivmaterial und enthält neben Interviews mit bekannten Persönlichkeiten wie Allen Ginsberg und Audre Lorde vor allem Berichte und Annekdoten von Schwulen und Lesben aus der breiten Bevölkerung. Zum 50. Jahrestag der Stonewall Riots kommt Schillers und Rosenbergs tief bewegender "Kochbuchfilm zu unserer Geschichte" (Manfred Salzgeber) in neu restaurierter Fassung als DVD heraus und ist nun auch als VoD zu sehen. Matthias Frings über "Before Stonewall" und dessen historische Bedeutung.
Studio 54 – The Documentary

Studio 54 – The Documentary

Wilde Partys, Drogenexzesse und hemmungsloser Sex – das New Yorker Studio 54 war der berühmteste Nachtclub der späten 1970er Jahre. Mit seinen ausschweifenden Feiern zog er Weltstars wie Michael Jackson, Andy Warhol und Liza Minelli in seinen Bann. Mark Christopher hat in seinem legendären Spielfilm "Studio 54" (1998/2015) dem Club und seinem 1989 verstorbenen Co-Gründer Steve Rubell, dargestellt von Mike Myers, ein Denkmal gesetzt. Über 30 Jahre nach der Schließung des Clubs im Jahr 1986 erzählt Matt Tyrnauer nun in seinem gleichnamigen Dokumentarfilm vom Aufstieg und Niedergang des Mythos "Studio 54" – und konnte dafür u.a. erstmals den zweiten Gründer, Ian Schrager, für ein ausführliches Interview gewinnen. Andreas Köhnemann über das vielschichtige Porträt eines Urorts nicht-heterosexueller Partykultur, das im Juni exklusiv in der queerfilmnacht auf der großen Leinwand zu sehen ist.
Roads

Roads

Drei Jahre nach dem sensationellen Erfolg seines Film "Victoria" schickt Regisseur Sebastian Schipper in "Roads" zwei 18-Jährige auf einen Trip quer durch Europa. Der britische Shootingstar Fionn Whitehead ("Dunkirk") und der französischen Schauspieler und Stand-Up-Comedian Stéphane Bak ("Elle") spielen zwei Jungs, die sich auf ihrer Reise emotional immer näher kommen und in einer Welt im sozialen Umbruch erwachsen werden. "Roads" steht in der Tradition die Roadmovies und des Buddyfilms, denkt beide Genres aber neu, indem er der Beziehung zwischen seinen Hauptfiguren ihre sexuelle Ambivalenz lässt. Auch wenn der Film damit keine klassische schwule Romanze ist, so ist er doch ein berührender, queer-relevanter Film über eine lebensverändernde Liebe, findet unser Autor Andreas Köhnemann.