Wie schön du bist

TrailerDVD / VoD

Braucht große Kunst echte Gefühle? Was ist Schönheit? Und was eigentlich Liebe? Joseph Graham stellt in seinem amourösen Episodenfilm „Wie schön Du bist“ die ganz großen Fragen. Sein Reigen um vier emotional verwundete Großstädter, die im Lauf einer Nacht zueinanderfinden, erzählt von Writer’s Block und kreativer Potenz, unerfüllter Sehnsucht und größter Lust, nie enden wollender Einsamkeit und plötzlicher Gemeinschaft.

Foto: Edition Salzgeber

Als wäre Sünd’ ihr Kuss

von Frank Brenner

„Philadelphia“ – das wäre auch ein guter Titel für Joseph Grahams Film gewesen. Aber so heißt ja schon Jonathan Demmes Aids-Drama aus dem Jahr 1993, das seinerzeit zwei Oscars gewann und für die Darstellung von homosexuellen Charakteren in Mainstreamfilmen wegweisend war. Obwohl „Wie schön Du bist“ überwiegend in geschlossenen Räumen spielt, ist der Film auch eine Liebeserklärung an die Metropole im US-Bundesstaat Pennsylvania, die von Graham immer wieder an prägnanten Orten in Szene gesetzt wird. Die kunstvoll ineinander verwobenen Geschichten des Films werden ganz klar in Philadelphia verortet. Vier schwule Protagonisten stehen dabei im Mittelpunkt, ihre Namen bilden die Kapitelüberschriften des Films. Die vier zugehörigen Episoden sind aber nicht strikt voneinander getrennt, sondern überlagern und beeinflussen sich gegenseitig.

Da ist zunächst der Schriftsteller Brian, der unter einer Schreibblockade leidet und seine letzten Ersparnisse zusammen kratzt, um sich in seiner Stammbar einen anzusaufen. Dort macht er Bekanntschaft mit dem attraktiven Chris. Es kommt zum Sex zwischen den beiden in Brians heruntergekommener Wohnung. Aber danach sucht Chris, offenbar von Selbsthass geplagt, schnell wieder das Weite und lässt Brian, der sich vor allem nach zärtlicher Nähe sehnt, irritiert zurück. An einer anderen Ecke der Stadt treffen wir Jim, ein Modelltyp, der dem Maler und Bildhauer Drew als Muse dient. Die beiden Männer haben zwar leidenschaftlichen Sex, doch in der Beziehung fühlt sich Jim ausgenutzt und zum reinen Lustobjekt degradiert. Nachts sucht er auf den Straßen von Philadelphia das schnelle Abenteuer und trifft dabei auf Brian. Nach einem Quickie in Drews leerem Atelier macht sich Jim eilig aus dem Staub. Auch hier bleibt Brians Bedürfnis nach Nähe unbefriedigt. Danach begegnen wir Bob, einem in die Jahre gekommenen Künstleragenten, der in einer Stretchlimousine durch die Nacht fährt und nach Gesellschaft sucht. Die findet er in Gestalt des herumstreunenden Jim, der sich vor Bob zunächst als heterosexuell ausgibt, ihm aber trotzdem ins Restaurant und später in seine Wohnung folgt. Dort öffnen sich die beiden Männer einander und finden dabei Trost und Verständnis beim jeweils anderen. In der vierten Vignette zeigt der Film Drew, der vor einer verschlossenen Tür in einer bewegenden Rede an seinen Freund Jim sein Innerstes nach außen kehrt. Erst am Ende merkt er, dass Jim, seine große Liebe, gar nicht da war, um ihn zu hören.

Küsse spielen eine wichtige Rolle in Joseph Grahams Film. Für Brians erste Begegnung mit Chris in der Bar greift die Kamera Brians subjektiven Blick auf, als er Chris’ Lippen eindringlich betrachtet, während dieser sein Bier trinkt. Später ist es ein nicht erwiderter Kuss von Brians ehemaligem Liebhaber Dan, der ihn auf den Boden der Tatsachen zurückholt und ihm bewusstmacht, dass die alte Liebe für immer vorbei ist. Und Jim sinniert über das Küssen, wenn er auf einer verwaisten Theaterbühne „Romeo und Julia“ probt und daraus rezitiert: „Sie dürfen Himmelswonne rauben ihren Lippen, die sittsam in Vestalenunschuld stets erröten, gleich als wäre Sünd’ ihr Kuss.“ Diese sinnliche Poesie, die sich am Ende des Films auch in einem aus dem Off gesprochenen Text Brians widerspiegelt, macht die romantische Glaubwürdigkeit von Grahams Film aus. Der Regisseur scheut sich aber gerade nicht, auch den Sex zwischen seinen Protagonisten ausgiebig zu zeigen. Im Spannungsfeld zwischen lyrischer Andeutung und körperlichem Exzess findet er so zu einer eindrucksvollen Reflektion über verschiedene Formen homosexuellen Begehrens im urbanen Raum, die alle den gleichen Fluchtpunkt haben: die Sehnsucht, nicht allein zu sein.



Wie schön du bist
von Joseph Graham
USA 2016, 91 Minuten, FSK 12,
englische OF mit deutschen UT,
Edition Salzgeber




DVD: € 19,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)


↑ nach oben