Thelma

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Die schüchterne Thelma verlässt ihr konservatives Elternhaus in den norwegischen Wäldern, um in Oslo zu studieren. Als sie auf dem Campus Anja kennenlernt, entwickelt sich zwischen den beiden jungen Frauen eine starke Anziehungskraft. Doch plötzlich bekommt Thelma epilepsieartige Anfälle. Und es beschleicht sie das Gefühl, dass sie übernatürliche Fähigkeiten haben könnte… In seinem neuen Film erzählt Joachim Trier („Oslo, 31. August“, „Louder Than Bombs“) das sexuelle Erwachen einer jungen Frau als doppelbödigen Mystery-Thriller und findet für ihre Unterdrückung und das immer stärker werdende Begehren sinnlich-unheimliche Bilder. Für sissy haben sich gleich zwei Autorinnen von „Thelma“ betören lassen: Esther Buss liest den Film als feministische Wirkungsgeschichte, Beatrice Behn als lesbisches Quasi-Remake des Horrorfilmklassikers „Carrie“ (1976). Ein gar nicht so geisterhafter Film über die Befreiung aus der Hetero-Hölle.

Foto: Koch Films

Von entscheidender Wirkung

von Esther Buss

„Thelma“ ist das griechische Wort für „Wille“. Anders gesagt: Thelma ist die, die weiß was sie will. In der superkurzen Titelsequenz, die mit stroposkopartigen Lichteffekten aus dem Namen der Heldin eine Flickerfilm-Miniatur kreiert (eine Warnung für Menschen mit photosensitiver Epilepsie wird vorangestellt), geht „Thelma“ aus „El“ (Gott) hervor. Für einen Film, der um das (lesbische) Begehren, Wünschen und Wollen einer psychokinetisch begabten jungen Frau kreist, könnte der Name also kaum passender sein.

Schon in der folgenden Exposition unterläuft der norwegische Filmemacher Joachim Trier die Erwartungen an eine im Kino viel bemühte Initiationsszene. Trond nimmt seine kleine Tochter Thelma in der einsamen Natur mit auf die Jagd – ein Plot, der traditionellerweise den Söhnen vorbehalten ist. Anfangs überqueren die beiden einen zugefrorenen See, Thelma blickt auf Fische unter dem Eis, unter dem Eis wird auf Thelma zurückgeblickt. Später stapfen sie durch den schneebedeckten Wald. Als ein Reh zwischen den Bäumen auftaucht, richtet der Vater seinen Gewehrlauf zuerst auf das Tier und dann auf die ihm abgewandte Tochter, bevor er die Waffe senkt. Der Schuss – und die damit verbundene Lektion (oder die Kindstötung) – bleiben aus. Dafür erzählt Thelma viele Jahre später, dass der Vater, als sie klein war, ihren Finger gerade so lange über eine Flamme hielt, dass sie sich nicht verbrannte. „Denk daran“, habe er zu ihr gesagt „so ist es in der Hölle die ganze Zeit.“

Thelma ist von ihrem streng religiösen Elternhaus in den norwegischen Wäldern zum Bio-Studium nach Oslo gezogen. Wie sehr Trond und Unni noch über die Tochter wachen, zeigt gleich zu Beginn die gottähnliche Vogelperspektive auf den Uni-Campus: ganz im Modus einer Überwachungskamera wird Thelma in der anonymen Masse ausfindig gemacht und mit einer unheimlichen, sehr langsamen Zoombewegung ins Visier genommen. Andere Formen elterlicher Überwachung sind weniger allegorisch, aber kaum minder creepy, etwa die regelmäßigen Kontrollanrufe, bei denen Essgewohnheiten, neue Facebook-Freundschaften und Stundenpläne abgehört und kommentiert werden.

Als Thelma die Chemie-Studentin Anja kennenlernt, löst die Begegnung eine Art  erotischen Schock aus. Vögel knallen gegen die Scheiben der Bibliothek, bevor ein Zittern den Körper der jungen Frau erfasst, das sich zum scheinbar epileptischen Anfall steigert. „’Seizure’ comes from being seized by supernatural forces, the gods or the devil“, heißt es in einem Youtube-Clip über das bei Thelma diagnostizierte Symptom psychogener nichtepileptischer Anfälle. Der behandelnde Arzt, der die Patientin einem Epilepsietest unterzieht, vermutet ein nicht verarbeitetes Trauma, eine physische Reaktion auf eine mentale Unterdrückung.

Foto: Koch Films

Je mehr sich Thelmas Begehren artikuliert, desto stärker kommen auch ihre übernatürlichen Kräfte zum Ausdruck. Flackernde Lampen und sich selbst anschaltende Stereoanlagen gehören zu den harmloseren Begleiterscheinungen. Bei einem gemeinsamen Tanztheaterbesuch im Osloer Opernhaus, wo es zum ersten intensiveren Körperkontakt mit Anja kommt, bringt Thelma eine Deckenlampenkonstruktion gefährlich zum Schwingen. Wenig später ist das Objekt der Begierde auf mysteriöse Weise verschwunden. Spätestens hier fragt man sich, ob das Coming-out-Drama vielleicht doch nur der Anzünder bzw. Teilchenbeschleuniger eines Mystery-Thrillers ist – und nicht andersherum.

Der norwegische Filmemacher Joachim Trier hat sich – in Zusammenarbeit mit dem Drehbuchautor Eskil Vogt – durch seine Charakterstudien „Reprise“ (2006), „Oslo, August 31st“ (2011) und „Louder Than Bombs“ (2015) einen Namen gemacht hat. „Thelma“ bleibt dem Figurendrama treu, sucht aber ansonsten die Nähe zum Genrekino – mit teils sehr expliziten Anleihen an Hitchcock, De Palma und Cronenberg. Mit Olivier Assayas’ „Personal Shopper“ (2016) teilt der Film außerdem den extrem fokussierten Blick auf eine einsame junge Frau, die ihre (sexuelle) Identität sucht, das Motiv des Verschwindens wie auch die dramaturgische Einbettung von Google-Reflexen und digitalen Kommunikationsmedien. Dabei lässt Trier die Grenzen zwischen mentaler Krankheit, unterdrückter Sexualität, Mystery und Religion (elementare Gewalten wie Wasser und Feuer sind im Spiel, zudem Vögel und Schlangen) bewusst ineinanderfließen. Mitunter scheint sich der Regisseur zwischen einer bedeutungsoffenen Atmosphäre der Beunruhigung und allzu greifbaren Erklärungsansätzen nicht entscheiden zu können. Und auch die slick inszenierten erotischen Phantasien wirken wie stilbesessene Ausbrüche aus dem nordic noir.

Foto: Koch Films

Bei aller Verquastheit kommt der Film jedoch hartnäckig immer wieder auf das Sujet weiblicher Selbstermächtigung zurück. Historische Vorläufer für Thelmas psychogene Attacken, deren Gefährlichkeit und Gewalt erst allmählich enthüllt werden, findet Trier etwa bei den Hysterikerinnen des 19. Jahrhunderts, deren Anfälle die feministische Forschung als Formen des Widerstands innerhalb der symbolischen Ordnung deutete. Ein buchstäbliches „Coming out“ inszeniert Trier, wenn Thelma am Haus ihrer Eltern ins Wasser geht, sie dann aber im Schwimmbad in Oslo wieder auftaucht, wo Anja sie am Beckenrand mit einem zärtlichen Kuss empfängt. Das ist gleichermaßen albern wie befreiend. Trier hat offensichtlich Spaß darin, die Tropen des Horror- und Mysteryfilms – Dunkelheit und Schwere – mit überraschenden Wendungen ins Leichte und Seichte aufzubrechen.

Von Thelmas Großmutter, die wie ihre Enkelin mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestattet sein soll und die deshalb von ihrem Sohn in einer psychiatrischen Klinik ruhiggestellt wurde, heißt es einmal, sie habe geglaubt, dass sie Dinge „bewirke“. Zieht man einmal die spektakulären Effekte der Psychokinese ab, bleibt etwas sehr Einfaches, aber Essentielles  übrig, nämlich Handlungsmacht. Mit den Worten der lesbischen Filmemacherin Maria Lang gesprochen: „Thelma“ erzählt, wie „eine vom Wünschen ins Handeln kommt“.


Foto: Koch Films

Satans jüngste Tochter wird erwachsen

von Beatrice Behn

„Thelma“ beginnt mit einer Prelude voll aufgeladener Bedeutung: Ein Vater und seine kleine Tochter gehen jagen. Im Wald ein Reh. Der Vater greift zur Flinte und zielt, seine Tochter steht neben ihm. Die Augen fixieren das Tier neugierig. Sie hat keine Angst, dem Sterben zuzusehen, keine Angst die Wahrheit von Leben und Tod, Macht und Ohnmacht zu erkennen. Und sie hat keine Angst vor dem Vater, der inzwischen die Waffe nicht mehr auf das Reh, sondern auf das Mädchen richtet.

Zehn Jahre später. Eine phänomenale Supertotale auf einen Platz in Oslo. Menschen wimmeln, die Musik ist sanft, aber leicht unangenehm. Es ist etwas Unheimliches in diesem Bild, etwas, das sich dieser Exposition noch entzieht, die es verorten, erkennen will. Der Zoom verrät schließlich die Quelle des leicht entrückten Schauderns: Thelma. Sie ist das Mädchen aus dem Wald, nun erwachsen und auf den ersten Blick eine schüchterne, junge Frau, die erstmals in der Großstadt unterwegs ist. Sie hat eben begonnen, an der Uni Biologie will zu studieren. Nichts scheint ungewöhnlich an ihr zu sein und doch ist da etwas Beunruhigendes. Etwas an Thelma stört, als ob in ihr eine leichte Phasenverschiebung zu Gange wäre, die man geradeso erahnen kann und sie doch nicht einzuordnen weiß. Thelma weiß das. Und ihre Eltern wissen es auch. Täglich rufen sie an, erwarten einen Tagesbericht, kontrollieren ihren Stundenplan online. Die Mutter übt ihre Kontrolle über Krankheit, Angst und emotionale Erpressung aus, der Vater über eine unausgesprochene Gesetzlichkeit, die ihm Macht verleiht. Ein leichter Akt, er hat eine ganze patriarchale Gesellschaftsstruktur auf seiner Seite, die ihm die Erlaubnis gibt, die Frauen seiner Familie zu kontrollieren. Außerdem ist er Arzt und hat damit Autorität und Mittel. Und zur Sicherheit hat er für Thelma ein weiteres Vater-Gesetz etabliert: die Familie ist äußerst christlich orthodox, der Vater der familieninterne Priester, der die Beichte verlangt, die Gesetze Gottes interpretiert und nutzt, wie er sie braucht. Unter dem Deckmäntelchen der Liebe und Fürsorge versteht sich. Eine heilige väterliche Dreifaltigkeit umgibt Thelma also. Doch nun ist sie erstmals aus dem Haus. Eine Chance zur Selbstentfaltung tut sich auf.

Foto: Koch Films

Doch „Thelma“ befreit sich von den Konditionen, die das Genrekino solchen Hexen-Frauen auferlegt. Die Figur weigert sich, zum Abjekt, zum Monster, zum Bösen, zu einer weiteren Carrie zu werden, welche sich moralisch schuldbar macht und so zu einer Form des „Anderen“ abgewertet und abgesondert werden kann. Denn solche Monster, solche „bösen Frauen“ sind es, die der Film und das Publikum zu bestrafen suchen und damit auch immer erfolgreich sind. Doch Thelma ist ein widerständiges, widerspenstiges Weib, das sich nicht den (Genre)-Regeln unterwirft, sondern ihre eigenen sucht. Im Gegensatz zu Carrie, die diesen Regeln vollends ausgeliefert war, besitzt Thelma eine mächtige Waffe: die Erkenntnis. Es ist einerseits ihr Bewusstsein, dass ihre Kräfte und ihre Geschichte eingebunden sind in Jahrhunderte und Generationen von Frauen, die widerständig, mächtig, eigenständig sind. So wir ihre Großmutter, die sie alsbald vom Vater sediert in einem Altersheim findet, denn auch sie hatte Kräfte. Thelma weiß, sie ist nicht allein, sie ist kein Monster, sondern eine weitere Verwirklichung weiblicher Macht, die seit Menschengedenken reguliert, verboten oder zerstört wurde. Und dies stets im Namen des Vaters, sei es der tatsächliche oder der metaphorische.

Foto: Koch Films

Doch es ist eine zweite, tief emotionale Erkenntnis, die Thelma davor schützt, zum gänzlich Anderen, zum Monströsen gemacht zu werden. Und diese entspringt aus ihrer Liebe zu Anya. Es gibt eindeutige Parallelen zwischen dem Genrekino, das mächtige Frauen zu bösen Monstern macht, und der gesellschaftlichen Stigmatisierung von queeren Menschen. Beide arbeiten damit, einen Menschen von der Gesellschaft abzuspalten, ihn als anormal und gefährlich zu deklarieren, ihm negative Eigenschaften zuzuschreiben, Angst zu schüren und so aus dem Subjekt ein Objekt zu machen, dem die Menschlichkeit genommen wird, und das so verurteilt, bestraft, zerstört werden kann.

Die Liebe zu Anya und auch ihre sexuelle Sehnsucht nach ihr, die der Film nie voyeuristisch ausnutzt, sondern auch hier ganz bei Thelma bleibt, geben ihr eine Möglichkeit, sich den normativen Strukturen ihrer Umwelt zu entziehen. Die Eröffnung einer queeren Welt, in der sie sich auch in Sachen Liebe, Freundschaft und Sexualität nicht den heteronormativen Regeln unterwerfen muss, um emotionalen Halt zu erlangen, erlaubt ihr eine Freiheit, die Carrie nicht hatte. Gefangen in der Hetero-Hölle, in der Jungs sie verspotten oder vögeln wollen (gern auch beides gleichzeitig) und in der Mädchen sie mit Tampons bewerfen, um ihre Weiblichkeit zu schmähen, und sie erst recht als Konkurrenz sehen müssen, mit denen man um die gleichen Männer buhlt, war es Carrie unmöglich, Erkenntnis zu erlangen.

Foto: Koch Films

Für Thelma ist es zwar anfangs schwierig, ihre homosexuellen Bedürfnisse in Einklang mit ihrer christlichen Erziehung zu bringen, doch sie spürt sofort die Erleichterung. Es ist die Erleichterung, die wir alle kennen, wenn wir zum ersten Mal auf andere treffen, die so sind wie wir. Es ist die Befreiung, die man empfindet, man selbst sein zu können und zu wissen, dass es andere Welten als heteronormative gibt. Es ist das wunderbare Gefühl, nicht als das „Andere“ abgesondert zu werden, sondern Teil zu haben. Geliebt und begehrt zu werden. Kurzum: es ist Thelmas Queerness, die sie ebenfalls bemächtigt, denn sie findet eine Gesellschaft, in der sie sie selbst sein kann und die Gesetze des Vaters ihre Macht verlieren.

Ein kluger Schachzug, den Trier hier anwendet, um innerhalb der Coming-of-Age-Geschichte Thelmas die unterdrückenden Strukturen von Religion und Gesellschaft, von Patriarchat und Familie auszuloten. Eine queere, ermächtigte Frau, die noch dazu Erkenntnis und Geschichtsbewusstsein hat – das ist, so Triers These, die ultimative Angst des Patriarchats, denn diese Frau ist wahrlich befreit und entzieht sich auf jeder Ebene den regulierenden Gesetzen.




Thelma
von Joachim Trier
NO 2017, 116 Minuten, FSK 12,
deutsche SF, OF mit englischen UT,

Koch Films

Ab 22. März hier im Kino.


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