Welt am Wasser

von Tania Witte

Vier Frauen treffen an einem Wochenende in einer malerischen Brandenburger Seenlandschaft aufeinander und ihre Flirts, ihr Begehren, ihre Lebensweisheiten und Zukunftspläne fließen in- und durcheinander. Das größtenteils improvisierte Drama „Frauensee“ ist nach erfolgreicher Festivaltournee und der deutschen Erstaufführung bei den Hofer Filmtagen in der L-Filmnacht und in ausgewählten Kinos zu sehen. Unsere Autorin hat den Film beobachtet.



Sommer, irgendwo. Wir stehen in einem Boot, den Blick auf den Rücken der Bootsfrau geheftet. Vor uns teilt sich das Schilf. Fast erwarten wir, ein Kind in einem Weidenkörbchen zu erblicken, so bedeutsam scheint dieses Bild, das in bester Caspar-David-Friedrich-Manier ein Entree zu einer anderen Welt ist.
Einer Welt am Wasser.
Der Rücken vor uns gehört Fischwirtin Rosa (Nele Rosetz). Gemeinsam mit ihrem ebenso namen- wie wortlosen Angestellten (Enrico Weidner) ist sie auf der täglichen Tour über die drei Seen im brandenburgischen Hinterland, über die sie wacht. Sie holen den Fang ein, hämmern Pfähle ins Wasser und flicken die Reusen, die erboste Angler in regelmäßigen Abständen aufschneiden. Als Herrin über die Seen obliegt Rosa die Vergabe der Fischereilizenzen und damit die Entscheidung, wer wo und wie viel angeln darf – eine Position, die alteingesessene Angler der jungen Frau nicht zubilligen. Doch die Kämpfe um das Wasser werden subtil ausgefochten. Also steht regelmäßiges Reusen-Flicken an.
Auch außerhalb des Wassers läuft es mit der Kommunikation für Rosa nicht besonders gut. Zwischen ihr und ihrer Geliebten Kirsten knirscht es gewaltig, unausgesprochene Spannungen und Konflikte verunmöglichen einen liebevollen Umgang miteinander, Sex taugt nur bedingt als Lösung. Architektin und Karrierefrau Kirsten besitzt einen schicken Bungalow am Wasser, spricht, wo Rosa schweigt und schweigt, wo Rosa sprechen möchte. „Liebst du mich?“, will Rosa wissen. Und Kirsten geht still ins Bett.
Überhaupt wird viel geschwiegen in Frauensee, und weit mehr gezeigt als erklärt. Das mag daran liegen, dass es kein wirkliches Drehbuch, sondern lediglich ein siebenseitiges Exposé gab, aus dem das gesamte Ensemble binnen einer Woche gemeinsam die Charaktere entwickelte und die Handlungselemente generierte. Das ist Stärke und Crux des Filmes zugleich, doch dazu später mehr.
Zunächst folgen wir der Handlung – sind auch hier, wie im gesamten Film, Beobachtende und erleben, wie Rosa den beiden Studentinnen Evi (Lea Draeger) und Olivia (Constanze Wächter) begegnet.
Das Pärchen paddelt in Rosas Gewässern und tut mit schlafwandlerischer Sicherheit alles, was Rosa ihnen untersagt: Sie bauen ihr Zelt auf der naturgeschützen Insel so klischeegerecht und linkisch auf, dass man ihnen die trekkingaffinen Abenteuerinnen schwerlich abnimmt, vergessen dann ausgerechnet den Dosenöffner und klauen kurzerhand und ebenso naiv wie dreist einen Fisch aus Rosas Reuse, um ihn dann in bester Robinson-Crusoe-Tradition auf dem Stock überm Feuer zu grillen. Bevor sie ihn essen können, ertappt Rosa die wenig schuldbewussten Diebinnen und nach einem kleinen Schlagabtausch sitzen sie zu dritt ums Feuer, leeren eine Flasche Wein, rauchen Gras und essen gemeinsam den Fisch, jetzt, da er ja „eh schon tot“ ist. Sobald ihr Olivia den Rücken zuwendet, gräbt Evi, eine Spielerin par excellence, Rosa massiv an.
Als Rosa ihrer Freundin Kirsten am nächsten Tag die Geschichte erzählt, schlägt die aus einer Laune heraus und zwischen endlosen Business-Telefonaten vor, Evi und Olivia in den Bungalow einzuladen.
Der Rest der Handlung ist schnell erzählt: Zwischen Rosa und Kirsten knirscht es weiter und dass die Avancen der ebenso offensiven wie unbedarften Evi Rosas Ego gut tun, macht es nicht leichter. Es wird getrennt und geliebt, gestritten und geflirtet – ohne dass sich die Tiefe der Konflikte im Detail erschließt, aber vielleicht muss sie das auch gar nicht, denn die Schauspielerinnen sind in weiten Teilen überzeugend und Bilder des Kameramannes Fabian Spuck so schön, dass die Handlung des Films ebenso in den Hintergrund rückt wie die oft beiläufig eingefangenen Gespräche. Das Publikum darf wahrnehmen, ist Beobachter und Voyeur, ganz wie der Angler, der die Szenerie im Bungalow mit einem Fernglas bespäht.
Das hat einen Kitzel und schafft gleichzeitig eine Distanz, aus der das teils unmotiviert-absurde, teils unschlagbar authentisch wirkende Verhalten der vier Frauen eher analysiert denn mitgefühlt wird. Ein raffinierter Schachzug des Regisseurs Zoltan Paul, der auch in seinem dritten Spielfilm eine Obsession für Zwischenmenschliches erkennen lässt – eine Neugier auf Unausgesprochenes und Angedeutetes, auf das, was mitschwingt und ungreifbar scheint. Einzig in den Sexszenen zeigt sich das Manko dieser Methode, denn hier hält der Regisseur seine Zuschauerinnen und Zuschauer so sehr auf Abstand, dass wenig Chance für Empathie, sexuelle Spannung und Erotik bleibt. Der Status der Zuschauenden bleibt klar definiert: sie schauen zu.
Schauen zu und fragen sich, was diese vier ungleichen Menschen zusammenhält. Was wollen sie voneinander, die beherrschte, reflektierte Kirsten, die sich selbst bewusst aus ihrem eigenen Inneren ausschließt, die schweigsame, toughe Rosa, die Verbindlichkeit und Erdung sucht, die provokante und sexuelle aggressive Evi und ihre langjährige Geliebte Olivia, die immer um Ausgleich bemüht ist? Die Charaktere sind schnell und nachvollziehbar skizziert und doch werden scheinbar klare, romantische Rollenbilder überraschend verdreht. Es geht um die Suche und um das Lernen voneinander, um die Sehnsucht nach jugendlicher Leichtigkeit und die nach Verwurzelung in der Gesellschaft. Um eine Brücke zwischen den Altersgruppen. Das abgebrühte „been there, done that“ von Kirsten gegenüber der Unverdorbenheit, mit der die beiden Studentinnen das Leben erobern. Die Paare sind Spiegel und zugleich Reibungsfläche füreinander, stehen für Ziele und Verlorenes, für Möglichkeiten und Mut. Für Einsamkeit.
Frauensee ist eine Scheibe Leben, zeitlos, unaufgeregt und realistisch. Die improvisierten Dialoge sind mal bemüht und holperig wie in der Küchenszene zu Beginn des Films, dann wieder sind sie so echt, dass die Zuschauenden das Gefühl beschleicht, genau solche Dialoge genau so schon geführt oder gehört zu haben – wie bei der Lagerfeuerszene auf der Insel. Besonders Nele Rosetz alias Rosa und Therese Hämer als Kirsten glänzen – dennoch ist gerade ihnen hin und wieder das Ungewohnte an der Improvisationssituation anzumerken, mehr noch als Lea Draeger und Constanze Wächter, die sichtlich ungehemmter mit der Freiheit der Szenen umgehen. Die Atmosphäre am Set – Natürlichkeit statt durchgeplanter Szenen, das Miteinander und spürbar Nicht-Hierarchische – überträgt sich auf die Atmosphäre im Film, und vereinzelte linkische Momente gleicht die satte Bildsprache und die grandiose Kameraführung spielend aus. Frauensee besticht durch Bilder voller Rhythmus, die sich wiederholen und dadurch ihre Bedeutung verändern; Bilder, die sinnbildlich für den Gemütszustand der Charaktere stehen, für Stillstand und Bewegung.
Zoltan Paul nimmt sich Zeit, die Atmosphäre zu fangen. Er lässt die Protagonistinnen frei und langsam in einen feuchtfröhlichen Überschwang gleiten, in dem die Blase, in der sie sich befinden, auch virtuell sichtbar wird. Wieder ist es Rosa, die am Ende die Welten verbindet, als sie die anderen schlafend zurücklässt und sich in Abendkleid und Gummistiefeln auf ihr Wasser zurückzieht.
Frauensee ist ein stiller Film, in dem es mehr um das Beobachten geht, denn um das Verstehen – ein Beobachten, in dem sich die Anschauungen und Lebenssituationen der Frauen wie nebenbei erfassen und in weiten Teilen nachvollziehen, von den Figuren lösen und auf das Selbst übertragen lassen. Eine Einladung zum Nachdenken, Nachspüren, Nachblicken.

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Tania Witte ist Schriftstellerin, Kulturjournalistin und SpokenWord-Performerin und lebt in Berlin. Gerade ist ihr Roman „leben nebenbei“ erschienen. www.taniawitte.de


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Frauensee
von Zoltan Paul
DE 2012, 85 Minuten, deutsche OF
Edition Salzgeber, www.salzgeber.de

Im Kino in der L-Filmnacht im Januar, www.l-filmnacht.de
Kinostart: 24. Januar 2013


 

 


 
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