Wer sich versteckt,
ist nicht da


von Silvia Hallensleben

Die gefährdeten Schwulen, Lesben und Transgender in Uganda träumen vom Schutzraum eines „gay village“, politische und kirchliche Hetzredner von einem „Anti-Homosexualitäts-Gesetz“. Die dokumentarische Zustandsbeschreibung „Call Me Kuchu“ von Malika Zouhail-Worall und Katherine Fairfax Wright hört spätestens in dem Moment zu träumen auf, als ihr wichtigster Protagonist brutal ermordet wird. Die differenzierten Aufzeichnungen aus der Kampfzone bewegten die diesjährige Teddy-Jury (Preis für den besten Dokumentarfilm) und wurden den Cinema-fairbindet-Preis ausgezeichnet. Ab dem 20. September ist dieser Film mit begleitenden Veranstaltungen in deutschen Kinos zu sehen.



Ein sonniger Garten in Kampala, eine dicke Cremetorte und feiernde Menschen – der neunte Jahrestag einer schwulen Partnerschaft wird begangen. Doch die Stimmung ist gespannt, die Gäste haben auf allzu offensichtliche Outfits verzichtet. Denn in Uganda ist wie in vielen afrikanischen Staaten Homosexualität verboten und verpönt. Ja, 2009 wurde ein Gesetzesentwurf im Parlament eingebracht, der homosexuelle Praktiken im Höchstfall mit dem Tod ahnden soll und auch diejenigen mit Haft bedroht, die abweichendes Sexualverhalten anderer nicht anzeigen – Verwandte eingeschlossen.

Die Weltöffentlichkeit schreckte bei diesen Nachrichten auf, auch die Filmemacherinnen Malika Zouhail-Worall und Katherine Fairfax Wright in New York, die beide unabhängig voneinander schon in Afrika gearbeitet hatten. Bald saßen sie im Flugzeug nach Kampala – mit Filmausrüstung und ohne Budget. Ihr Interesse galt weniger der Repression selbst als dem trotzigen Überleben und Erstarken einer lebendigen LGBT-Community unter solch feindseligen Bedingungen. Wichtigster Partner der Filmemacherinnen dabei war der Lehrer David Kato Kisule, der sich selbst den ersten offen Schwulen in Uganda nannte und nach einigen Lehrjahren in Südafrika nach Uganda zurückkehrte, um dort die SMUG (Sexual Minorities Uganda) zu gründen, die für schwullesbische Rechte kämpft. Sein Komplementär ist Naome Ruzindanda, die nach fünf Jahren Ehe ihre lesbische Identität entdeckte und 2004 die Coalition of African Lesbians gründete.

Call Me Kuchu (so nennen sich Schwule in Uganda selbst) begleitet David, Naome und einige ihrer Mitstreiter im Alltag, aber auch beim Verfahren gegen das Blatt „Rolling Stone“, das mit dem gleichnamigen Popmagazin leider nur das Trägermedium Papier gemein hat. Das Revolverblättchen aus Kampala hat nur eine Auflage von etwa 2.000 Stück, wurde aber weltberüchtigt mit einer das Regierungshandeln begleitenden homophoben Hasskampagne, die neben der Schlagzeile „Hang them! They’re after our Kids!“ hunderte Ugander zwangsoutete – mit Foto und Adressangabe. Und als 2010 Bombenattentate Kampala erschütterten, wurden die angeblichen „Homo-Generäle“ und „Sodomie-Experten“ umgehend zu deren terroristischen Urhebern erklärt.

David Kato Kisule klagte gegen den „Rolling Stone“ und seine Methoden, die viele Menschen zur Flucht zwang, nachdem sie von Nachbarn bedroht wurden. Die Filmemacherinnen sympathisieren verständlicherweise mit den Aktivisten, sprechen aber auch mit der anderen Seite: Giles Muhame etwa, der Managing Editor des Hetzblatts, berichtet mit offensichtlichem Vergnügen von der Praxis seiner Reporter, durch verdeckte Beobachtung homosexuellen Umtrieben auf die Schliche zu kommen. Pastor Maale, zentraler kirchlicher Anti-Gay-Aktivist, predigt seine Hasstiraden über die imperialistische „homosexuellen Agenda zur Zerstörung der traditionellen Ordnung“ in die Kamera. Dass die homophoben Umtriebe selbst massiv von der US-amerikanischen Rechten und evangelikalen Predigern wie Lou Engle unterstützt werden, ist dabei kein Problem. Doch es gibt auch andere Christen wie Bischof Senyonjo, der einen Schutzraum für Schwule und Lesben schaffen will und außen an seiner Kirche in großen Lettern zu „Love for all, hatred for none“ aufruft. Für sein Engagement wurde er von der anglikanischen Kirche Ugandas exkommuniziert.

Die Kamera von Katerhine Fairfax Wright ist dicht an den Situationen und Menschen und beobachtet genau und präzise, ihre manchmal fast impressionistische Montage schafft mit vorsichtiger Musikunterstützung Atmosphäre und evoziert die wechselnden Gemütslagen der Aktivisten ebenso intensiv wie die Stimmung hysterischer Hexenjagd im Land. Den vielstimmigen Kommentar geben Radio- und TV-Mitschnitte aus Uganda und aller Welt. Die LGBT-Aktivisten gewinnen den Prozess, doch nur wenige Wochen später wurde David Kato in seiner Wohnung erschlagen, angeblich ein Raubüberfall. Glauben tut das von seinen Freunden keiner. So wird Call Me Kuchu ungeplant auch zu einer beeindruckenden Hommage an den vermutlich von Homophoben ermordeten Kämpfer. Selbst Davids Beerdigung wurde vom aggressiven Mob mit „Schwule, bereut!“-Rufen gestört. Auf den T-Shirts seiner Mitstreiter stand dagegen „A luta continua“: Der Kampf geht weiter.

 


 

 


 
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