ICH KOMME VORBEI UND FILME DICH

Interview: Hanno Stecher



SISSY: Deine Filme haben alle sehr unterschiedliche Entstehungsgeschichten. Fangen wir doch mal mit der San-Francisco-Folge von „In There Room“ und deiner Zusammenarbeit mit BUTT an …
Travis Mathews: Ich hatte die Idee dafür 2009. Ich war damals gerade zu den dokumentarischen Arbeiten zurückgekehrt, nachdem ich eine zeitlang Psychotherapeut werden wollte, und steckte meine ganze Energie ins Filmemachen. Auf der Webseite von „Butt“ gab es damals einen Aufruf für ein Videospecial im Zusammenhang mit einer Hoteleröffnung, man konnte selbst gedrehtes Material einreichen. Ich begann also, einfach ein paar Leute in ihrem Schlafzimmern zu filmen, ohne so recht zu wissen, wohin das führen sollte oder nach was für einem Schema ich verfahren wollte. Es war schnell klar, wie sich das zu einem ganzen Film mit unterschiedlichen Männern zusammensetzen lassen würde. Das Ergebnis schickte ich an „Butt“, und der damals zuständige Redakteur Adam Baran antwortete mir, dass es ihm sehr gut gefiele, es aber leider nicht so richtig in die Serie auf der Webseite passe. Trotzdem entwickelte sich daraus eine gute Beziehung zu „Butt“ und eine Freundschaft zu Adam, der mir dann vorschlug, einfach ein paar Folgen von In Their Room auf ihrer Webseite zu veröffentlichen. Was für mich toll war, denn was Cooleres als „Butt“ gab es ja damals nicht.

Du hast gerade gesagt, dass du bei den ersten Gehversuchen überhaupt noch keine Ahnung hattest, in welche Richtung das laufen würde. Aber hattest Du nicht zumindest eine abstrakte Idee davon, was oder wen du da zeigen wolltest?
Die Idee geht zurück auf einen Kurzfilm namens Men, den ich ein Jahr zuvor gemacht habe. Es war im Grunde ein voyeuristischer Wichsfilm, der in einem Badezimmer spielt, ein bisschen arty; er lief 2008 auch auf dem San Francisco Indie Erotic Filmfestival. Ich habe mich schon immer für diese semi-dokumentarischen „Zwischenmomente“ interessiert und weniger für klassisches großes Kino. Ich glaube, dass man viel über Menschen lernen kann, wenn man ihnen zusieht, wie sie alltägliche Dinge tun. Also habe ich meine Freundin Linda gefragt, ob sie nicht Lust hat, einfach einen Tag lang in meiner Wohnung abzuhängen. Sie kam vorbei und ich fing an, ihr verschiedene Dinge zur Beschäftigung zu geben, dirigierte das, was sie machte, also ein wenig. Aber sie spielte trotzdem sich selbst, und während sie das tat, begann sich in meine Kopf eine Art Erzählung um sie herum zu spinnen. Ich fand das wirklich spannend und ich denke, das hat das geprägt, was ich dann für „Butt“ gemacht habe.

Wie hast Du die Protagonisten von „In Their Room“ gefunden?
Es war einerseits Mund-zu-Mund-Propaganda unter meinen Freunden in San Francisco, außerdem habe ich Leute angeschrieben, die auf der Onlineseite von „Butt“ ein Profil als „Butthead“ haben.

Wonach hast Du die Leute ausgewählt? Hast Du auch welchen abgesagt?
Ich wollte Jungs, die bereit waren, sich vor der Kamera von ihrer verletzlichen Seite zu zeigen und sich nicht verstellen, um ein gutes Bild abzugeben. Sie sollten außerdem ein interessantes Schlafzimmer haben, das viel über sie aussagte. Diese Kriterien waren mir wichtiger als das Alter oder der Stil oder die Frage, wie sexy sie sind. Es ging mir darum, wirklich authentische Jungs und nicht die heißesten Typen zu zeigen. Wobei die meisten von ihnen doch ziemlich sexy sind.

Nach dem „In Their Room“-Projekt kam dann der Kurzfilm „I Want Your Love“, den eine Pornofirma gesponsort hat.
Ja, ich hatte bereits im Sommer 2009 das Drehbuch für einen Spielfilm mit diesem Titel geschrieben und eine Freundin von mir kannte Jack Shamama, der bei der Porno-Produktionsfirma NakedSword Produzent ist. Ich kannte weder Jack noch NakedSword und interessierte mich zu diesem Zeitpunkt auch nicht großartig für die Pornoindustrie; und die interessierten sich natürlich auch nicht für mich. Meine Freundin wollte uns aber vernetzen und lud mich zu einem Geburtstagsessen ein, zu dem auch Jack kam. Der hatte sich aus reiner Höflichkeit meine In Their Room-Sachen angesehen, weil er dachte, dass wir dann beim Essen etwas zu reden haben würden …

… und sie haben ihm wahrscheinlich gefallen.
Ja, es gefiel ihm gut und er wollte mit mir zusammenarbeiten. Die wollten bei NakedSword nie, dass ich handelsüblichen Porno mache – das war für die von Anfang an ein Experiment, mit dem sie ein neues Publikum erreichen wollten. Sie erhalten regelmäßig Beschwerden von Leuten, denen ihre Pornos zu künstlich und mechanisch waren und die sich damit langweilten. Außerdem will niemand mehr bei all den kostenlosen Angeboten im Netz für klassischen Porno zahlen. Sie mochten meine Idee für den Spielfilm, wollten aber vorher noch einen Testlauf mit einer kurzen Szene daraus machen, um sich zu vergewissern, dass es auch wirklich ein Publikum dafür gibt. Ich glaube, sie trauten mir nicht richtig zu, Sex in einer natürlichen Art und Weise zu filmen, die zugleich spannend und sexy ist. Doch als der Film erstmal im Netz war, war er unglaublich erfolgreich, viel erfolgreicher als wir dachten. Wir erhielten gute Kritiken und nach meinem letzten Stand haben ihn mehr als drei Millionen Menschen angeklickt. Das Gute dabei war, dass ich nebenher genug Zeit hatte, den Spielfilm vorzubereiten, denn oft hat man bei Porno-Produktionen nur zwei bis drei Monate Zeit, um eine Idee umzusetzen. Außerdem wollte ich unbedingt, dass I Want Your Love ein ‚richtiger‘ Film werden würde, der einerseits expliziten Sex enthielte und andererseits auf klassischen Festivals wie Sundance oder der Berlinale laufen könnte. Ich fand auch, dass die Überschrift „Indiefilmemacher arbeitet mit Pornofilm-Pruduktionsfirma zusammen, um Erstling zu produzieren“ ziemlich gut klang.

Vor der Arbeit an dem Spielfilm kam aber auch noch die Berlin-Ausgabe von „In Their Room“, für die Du nach Deutschland gekommen bist.
Ja, die Idee dafür geht zurück auf einen Ratschlag eines Programmleiters bei Sundance, der auch das NewFest, das schwullesbische Filmfestival in New York, geleitet hat. Er meinte, wenn ich die Leute in Sachen I Want Your Love wirklich bis zum Erscheinen des Spielfilms am Ball halten wolle, wäre es clever, im Vorfeld regelmäßig Teaser-Material oder anderes Promomaterial zu veröffentlichen, um die Spannung zu halten. Daher dachte ich, dass es eine gute Idee wäre, eine neue Episode von In Their Room zu machen, die an einem anderen Ort spielt. Also bin ich letztes Jahr nach Berlin gereist und habe hier eine neue In Their Room-Folge gedreht.

Hast Du für die Berlin-Folge ein ähnliches „Casting“ gemacht wie in San Francisco?
Ich bin verdammt dankbar, dass es Gayromeo gibt. Ich hatte vorher noch nie davon gehört, aber alle, die ich gefragt habe, meinten, ich sollte mir einfach dort ein Profil zulegen und Leute anschreiben. Letztendlich habe ich dann wohl an die hundert Leute angeschrieben und mit ihnen Nachrichten hin und her geschickt, um ihnen irgendwie zu vermitteln, dass ich kein Verrückter bin. Es ist natürlich verdächtig, wenn man über so eine Plattform von jemandem aus einem anderen Land angeschrieben wird, der sagt, ich komme vorbei und filme Dich.

Gab es Dinge, die Du bei der Berlin-Folge anders machen wolltest?
Meine Idee war, einen 24-Stunden-Berlin-Film zu machen. Ich wollte einfach ein paar Typen 24 Stunden lang begleiten und sie dabei zeigen, wie sie andere Männer treffen, Freunde und Sexpartner. Ich wollte verschiedene Formen von Intimität filmen, vermittelt jeweils durch einen anderen Protagonisten: One-Night-Stands, längerfristige Beziehungen, Freundschaften … Ich habe aber schnell gemerkt, dass diese Idee zu ambitioniert war angesichts der kurzen Zeit, die ich in Berlin hatte. Also fing ich an, die Jungs einfach auf dieselbe Art und Weise zu filmen, wie ich es auch in San Francisco gemacht habe, stellte aber schnell fest, dass ich es langweilig fand, immer dieselben Fragen zu stellen und dass es auch die Protagonisten langweilte. Dann traf ich Toby, der vor allem im zweiten Teil des Films eine große Rolle einnimmt. Ich hatte ihn einmal gefilmt und er war sehr interessiert an dem Projekt und hatte Zeit und Lust, sich mehr zu engagieren und sich öfter mit mir zu treffen. Daher beschloss ich, mich mehr auf ihn zu konzentrieren.

Ich habe das Gefühl, dass Du in der Berlin-Folge auch nicht nur die warmen und verspielten Momente und Seiten der Protagonisten zeigen wolltest. Es gibt auch „kältere“ Momente, in denen man spürt, dass manche von ihnen sich einsam fühlen oder mit Problemen zu tun haben. Zumindest ist das meine Wahrnehmung.
Mir geht es ja, wie gesagt, letztlich darum, authentische Menschen zu porträtieren. Klar gibt es da auch diese Seite. Ein Beispiel dafür ist die Begegnung zwischen Luc und Toby. Die hatten vorher nur Fotos voneinander gesehen und eingewilligt, sich zum Sex zu treffen. Als sie sich bei Toby zuhause kennen lernten, gingen irgendwie alle davon aus, dass sie jetzt eine rauchen, einen Whiskey kippen und dann rummachen würden, während ich sie einfach filme und sehe, wo es hinführt. Was am Ende passierte, ist, dass die beiden eine ziemlich lange und aggressive Diskussion anfingen, die fast eine dreiviertel Stunde dauerte, bevor sie dann doch Sex hatten. Es gibt sogar eine Version von In Their Room Berlin, die nur zeigt, wie sie sich erst streiten und dann Sex haben. Ich fand diesen Schnitt großartig, es war eine fiese und zugleich sehr intensive Sache, aber irgendwie kam diese Version nicht so gut an, die Leute wollten sich das nicht komplett ansehen. Aber ich hoffe, dass etwas davon noch in der neuen Version zu spüren ist.

Sind das nicht Momente, in denen Du das Gefühl hast, in etwas zu Privates einzudringen? Fühlst Du Dich dabei nicht wie ein Voyeur?
Immer, ich fühle mich eigentlich nie richtig wohl dabei. Ich denke ständig, oh Gott, sollte ich jetzt wirklich hier sein, soll ich das wirklich filmen? Aber ich habe als Mensch etwas sehr Entwaffnendes und gehe mit den Protagonisten sehr respektvoll um, es ging mir nie darum, jemanden schlecht aussehen zu lassen. Wenn ich einen guten Tag habe, denke ich, dass meine Porträts für viele Zuschauer, die vielleicht nicht so offen ihre Sexualität leben können, auch etwas Heilsames haben und ihnen helfen, sich weniger allein zu fühlen. Ich denke, es hat etwas sehr Kraftvolles, Männer von ihrer verletzlichen Seite zu zeigen.

Haben die Männer in „In Their Room“ denn eigentlich sonst noch etwas gemeinsam? Ich habe das Gefühl, und Du hast es ja auch schon angedeutet, dass es Dir um mehr geht, als nur darum, einzelne Menschen zu porträtieren.
Ja, was ich an dem Projekt nach wie vor spannend finde, ist, dass es mal ein wirklich interessantes Zeitdokument werden könnte mit all diesen verschiedenen Männern, die ja schon bestimmte Interessen und eine gewisses Perspektive auf bestimmte Dinge teilen. Wobei ich mich da scheue, irgendwelche Schubladen aufzumachen. Aber ich fand schon, dass es gerade auch zwischen den Männern in San Francisco und Berlin viele Ähnlichkeiten gibt. Ich glaube, das hat vor allem damit zu tun, dass geografische Distanzen heute an Bedeutung verlieren, weil so viele Menschen durch das Internet Zugriff auf dasselbe Material haben.

Du hast ja schon angedeutet, dass man bei NakedSword nach Alternativen zu klassischem Porno gesucht und Dich gefunden hat. Aber wie wichtig ist es Dir denn selbst, Dich mit Deiner Arbeit von herkömmlichen Sex-Produktionen abzugrenzen und eine andere Form von Sexualität zu zeigen?
Im Netz kann man ja ziemlich genau nach dem suchen, worauf man steht. Das ist zwar praktisch, aber auf Dauer ja auch langweilig. Ich glaube, dass etwas anderes auch geil sein kann. Beispielsweise, weil man das Gefühl hat, die Person, die man da sieht, zu kennen oder sie zumindest als authentisch empfindet. Ich glaube, das macht viele Menschen ziemlich an – mich zumindest.

Ich dachte ja immer, man geht bei Figuren in Pornos lieber auf Distanz, damit man mehr in sie hineinprojizieren kann?
Das mag für viele so sein. Die fühlen sich sicherer, wenn sie keine Verbindung mit sich selbst zulassen.

Wie ist das denn mit den Filmfestivals, sind die eher zögerlich mit Deinen Filmen? Wie ist denn da gerade der aktuelle Stand in den USA, zeigen die Festivals überhaupt Filme mit expliziten Sexszenen?
Ich habe die Erfahrungen gemacht, dass vor allem schwule Filmfestivals traditionell von ihrem Programm her immer auch Filme mit expliziten Inhalten unterbringen wollen. Die hatten also bisher weniger Probleme, auch wenn es einige Ausnahmen gab. Ich glaube auch, dass es weltweit derzeit ein größeres Interesse daran gibt, mehr Sexualität zu zeigen, da kommen ständig neue Sachen raus, die die Grenze dessen, was man in einem herkömmlichen Spielfilm zeigen kann, immer wieder neu in Frage stellen. Und größere Festivals wie Sundance versuchen gerade, mit Biss und Relevanz ihr Profil zu schärfen, dadurch nehmen sie derzeit auch wieder mehr an, was an bestimmten Normen kratzt.

 

 


 
IMPRESSUM -- MEDIADATEN -- HOME