ALS OB EIN STRAND ECKEN HÄTTE

von Paul Schulz

Im nächsten Jahr wird ein Film ins Kino kommen, der jedem Fan des nicht-heterosexuellen Kinos ein unvermutetes Glück verspricht: Stéphane Rideau („Wilde Herzen“, „Full Speed“, „Sommer wie Winter …“, „Brüderliebe“, „Sitcom“) in einer neuen Hauptrolle! Zwar ist auch Rideau nicht mehr das, was er mal war. Doch Paul Schulz stört das nicht. Eine Schwärmerei in miesem Französisch.



Ich weiß nichts über Stéphane Rideau. Ich kenn ihn ja gar nicht. Ich kenne nur seine Gang. Cédric und Christophe und Serge und Jimmy und jetzt auch Vassili. Ein bisschen jedenfalls, vom Sehen. Wenn Stéphane und ich uns in den letzten 15 Jahren getroffen haben, stand er immer genau hinter einem der Jungs und sagte nichts. Guckte bloß ab und zu rüber zu mir. Und sah mich nicht. Weil es so hell war, wo er war und so dunkel, da wo ich saß. Ich habe auch nichts gesagt und bloß geguckt. Und so lernt man halt niemanden kennen. Wer Stéphane ist? Woher soll ich das wissen? Und warum überhaupt? Und, wen kennt man schon wirklich? Was ich weiß: Es gibt seit „Sommer wie Winter …“ eine kahle Ziegelwand im herbstlichen Strandhaus meiner Seele, an der nichts weiter hängt als ein großes Bild von Cédric. Aus dem er rausguckt, als gäbe es kein Haus und keine Wand und kein Bild und keinen Rahmen. Als würde er da gleich raussteigen und dann würde es plötzlich warm und er würde mich an die Hand nehmen und wir würden am Meer spazieren gehen und er würde mir mal erklären, wie das wirklich geht mit dem Glücklichsein und dann würde ich ihn in den Dünen ficken bis wir beide satt und verliebt und müde sind. Passiert nicht, weiß ich auch. Ich bin zu alt und zu geistesgegenwärtig für so viel Gefühl und außerdem wären ja auch immer Christophe und Serge und Jimmy und jetzt eben auch Vassili dabei und würden dazwischenreden. Und David hätte seine bescheuerte Ratte mitgebracht und Christophe würde die ganze Zeit seine Familie schlecht machen und Vassili würde Angelo vermissen und irgendwann ein Messer rausholen und sich prügeln wollen. Und sie alle würden mich und Cédric nie alleine lassen, weil sie einfach nicht merken würden, dass da was ist, zwischen mir und ihm. Aber vielleicht auch nicht. So gut kenn ich die Jungs auch wieder nicht / dass ich sagen könnte / ob sie merken würden / dass sie stören bei der großen Liebe / die da gerade passieren würde.

Was ich über die Jungs weiß: Sie sind schön, alle, auf unterschiedliche Art und Weise. Und sie haben alle diese Augen, die Stéphane auch hat. Augen, denen man gerne zuguckt, während sie gucken. Augen, die, auch wenn sie mal ein Meter mal ein Meter groß werden, so aussehen können, als würden sie die kleinsten Dinge im Leben am schönsten finden. Augen, die mich anfassen wie große, warme, von Sport und ein bisschen zu viel Leben schwielige Hände. Die hinlangen können und mich am Hinterkopf packen und zu sich ranziehen. Augen die herumschreien können und schweigen, die sich kaum mal aus der Deckung ihrer mit den Jahren immer schwerer werdenden Lider trauen und wenn doch, sind sie so, dass man die Fresse halten und einfach nur in sie reinsteigen möchte, wie in ein warmes heißes Bad nach einem Tag, der so Scheiße war, das man einfach nur 20 Minuten in den chemisch verstärkten Piniendampf flennt und danach geht es einem besser.

Was ich noch weiß: Cédric und Christophe und Serge und Jimmy und jetzt eben auch Vassili sind schnell dabei, wenn es darum geht, ihre Kleider abzuwerfen und dann sind ihre Augen immer noch das Schönste an ihnen, aber ihre Ärsche und ihre Brust und ihr Bauch und ihr Schwanz sind auch schön. Unterschiedlich alt, unterschiedlich groß, unterschiedlich käuflich, aber immer schön. Sie können nichts dafür, das ist ja alles Stéphanes Schuld, weil der bestimmt, wann sie sich ausziehen und wie sie dann aussehen. Aber das macht auch nichts, sie finden das nicht so schlimm. Weil Stéphane ein bisschen ist wie ein älterer, freundlicher Zuhälter, der einsieht, dass seine Huren auch ein Privatleben brauchen, von dem er nichts weiß und das nur ihnen gehört. Und Stéphane lässt sie auch größtenteils in Ruhe. Weil: Im Moment hat er mit Vassili alle Hände voll zu tun. Seit der in Paris und den französischen Bergen all diese Leute umgebracht hat, und weil er ja blöd genug war, Angelo da mit reinzuziehen, und sich dann auch noch von den Bullen hat erwischen lassen, kriegt er sich gar nicht mehr ein. Und ich versteh ja auch, warum er sich so aufführt. Es ist eben schwierig, älter zu werden. Besonders, wenn da immer Cédric und Christophe und Serge und Jimmy sind, die aussehen wie seine jüngeren, knackigeren Brüder, und die Leute gucken ihn an und sagen nichts, aber sehen so aus, als würden sie denken: „Was ist denn mit dem passiert?“. Bloß, weil er ein bisschen fett geworden ist und jetzt diese kahle Stelle auf dem Kopf hat und sich den Rest seiner früher so schönen, wilden Haare immer so unglücklich in die Stirn kämmt. Als ob man dann nicht merken würde, dass es weniger sind als noch vor ein paar Jahren. Dabei will er doch eigentlich nur glücklich sein, mit Angelo, in dem großen Haus mit dem tollen Swimmingpool.

Alles wäre einfacher, wenn sich Gaël Morel nicht vor 17 Jahren in einen Jungen verliebt hätte, der François hieß und den es nicht mehr gibt, weil Stéphane für die naive bisexuelle Unschuldsnummer inzwischen wirklich ein bisschen zu verheiratet und zu hetero und zu sehr Vater ist. Danach wollten Lifshitz und Ozon dann, dass David und Cédric dazukommen und Morel hatte aber schon Jimmy und Christophe eingeladen und es war immer zu voll und es haben vier Leute in einem Bett schlafen müssen und François ist dann irgendwann einfach aus Stéphanes kleiner Pariser Wohnung ausgezogen, ohne seine neue Adresse dazulassen. Dumm gelaufen. Es ist wohl nicht immer schön da, aber wo sollen sie hin.

Wenn ich dann alle zwei Jahre mal kommen darf, um im Dunkeln zu sitzen und zu gucken, hat Morel immer schlechte Laune, legt pathetische Musik auf und ist auch sonst ungeheuerlich französisch. Ob er trinkt, weiß ich nicht, aber ich halte die Verhältnisse ohne Alkohol jedenfalls nicht aus. Schon, weil Cédrics Englisch so schlecht ist und mein Französisch auch und wir uns deshalb nie wirklich unterhalten können und ich ganz wuschig werde, weil er ja immer noch genauso aussieht wie auf dem Bild in meinem Kopf und Lifshitz die ganze Zeit so tut, als wäre das nicht Dorian-Gray-mäßig unheimlich, sondern eben bloß Kino und deswegen ganz normal. Ozon hat niemand von ihnen in letzter Zeit gesehen, denn der fühlt sich längst zu Höherem berufen und geht zum Lunch mit der Deneuve. Was, wenn er davon erzählt, immer klingt, als würde er sie dabei teeren und federn oder als wäre er ein ganz anderer Regisseur, weil er „Lynch avec Catherine“ sagt, statt „Lansch“ wie jeder normale Mensch. Aber ich schweife ab.

Weil, die eigentliche Frage ist ja: Wird das nochmal was mit mir und Cédric? Ich habe da so meine Zweifel. Er hat noch nie viel geredet und wenn er was sagt, kann ich die Dialoge inzwischen mitsprechen und überhaupt, er kann seine Jugendliebe Mathieu einfach nicht vergessen. Stéphane hat inzwischen auch keine Lust mehr, mich Cédric sehen zu lassen, weil ihn meine Verliebtheit irgendwie anstrengt und er findet, wir würden jetzt seit 2000 aneinander vorbei leben und ich sollte endlich mal erwachsen werden und mir was Reelles suchen. Damit hat er ja auch nicht ganz Unrecht.

Das Beruhigende ist, ich bin mit diesem ganzen Quark nicht alleine. Jedes Mal wenn ich einem meiner wahren Freunde gegenüber erwähne, dass ich Cédric für das Allertollste überhaupt halte, ernte ich Seufzen und andächtiges Nicken und dann kommen die Geschichten darüber, wie sie selber immer an französischen Stränden herumlaufen und denken, gleich kommt er um die Ecke und alles wird gut. Als ob Strände Ecken hätten oder schon jemals irgendwo alles gut gewesen wäre. Aber weil das eben nicht so ist, habe ich dann immer gleich jemanden, den ich auch in die schlechtesten französischen Schmonzetten mitschleppen kann, solange Stéphane Rideau mitspielt. Weil wir dann gemeinsam im Dunkeln sitzen können, während er im Hellen steht und mit diesen Augen guckt und aussieht, als müsste man ihn nur ein wenig straffen und ihm ein paar Haare ankleben und dann würde er wieder genauso aussehen wie Cédric und wir alle wären plötzlich wieder jung und verliebt und einfach nur sowas von soweit und genau richtig füreinander. Auch wenn wir sonst nichts voneinander wissen.

Mehr zum Kinostart von „Unser Paradies“ in der nächsten SISSY.

 

 


 
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