RONJA, SINDBAR UND BRONO’S
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von Axel Neustädter
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Seit über 20 Jahren gibt es die Ladenkette Bruno’s schon. Autor Axel Neustädter hat nur die Hälfte ihrer Entwicklung mitbekommen. Ein Leben „ohne“ kann er sich trotzdem nicht mehr vorstellen.
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Als 1988 der erste Bruno’s-Store in Berlin eröffnete, herrschte Aufbruchstimmung in der schwulen Subkultur. Erasure landeten mit „ A little Respect“ einen Welthit, in der DDR wurde der Homo-Paragraph 151 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen, John Waters feierte mit Hairspray seinen ersten Erfolg im Mainstream-Kino. Und ich war zehn Jahre alt und fristete ein kindliches Dasein in einem Vorort von Hannover. Das Erotischste, was meine heimische Mediensammlung damals zu bieten hatte, war eine Illustration in „Ronja Räubertochter“, die die Räuber zeigte, wie sie splitternackt in den Schnee stürmten, um sich den Muff des Winters abzuwaschen. Und dann war da noch die Sindbad-Platte von Eterna, die mir meine Großtante aus Greifswald mitgebracht hatte, und auf der der Titelheld den aufregenden Satz aussprach: „Am Strand begegnete mir eine Schar nackter Männer“. Meine sehr bewusste und von heimlicher Sinnlichkeit geprägte Wahrnehmung dieser unbedarft drauflos gekritzelten, beziehungsweise dahingesagten Skizzierungen entblößter Männlichkeit ist für mich bis heute der lebendige Beweis dafür, dass kindliche Sexualität weder unterschätzt, noch tabuisiert werden sollte.
Wie ich wohl reagiert hätte, wenn man mich damals in jenen Laden mit dem kuscheligen Namen „Bruno’s“ geführt hätte, der über und über mit Memorabilia angefüllt war, die die maskuline Blöße in all ihren Erscheinungsformen präsentierte? Ich werde es nie erfahren. Der Laden sollte noch zweimal den Standort wechseln und zwölf Jahre Entwicklung durchlaufen, bis ihm das erste Mal die Ehre meines Besuches zuteilwurde. Zu der Zeit machte ich eine Journalistenausbildung in Hamburg und war mit meinem ersten festen Freund für ein Wochenende zu Gast in Berlin. Wir landeten am Nollendorfplatz. Und damit bei Bruno’s. Das gehörte dazu, das war schwul und der Laden atmete diese sexuelle Übersteuerung, die Berlin anderen deutschen Städten ohnehin voraushatte. Dem entsprechend kauften wir Cockringe (die billigen aus Gummi), Kondome und Gleitgel. Das war’s. Kein Gedanke an Bücher, die ohnehin zu teuer waren, kein Gedanke an Videos, mit denen es sich genauso verhielt. Abgesehen davon, dass deren praktischer Nutzen für uns gleich Null gewesen wäre. Wir waren ja nicht zum Lesen oder Fernsehen in die Hauptstadt gekommen.
Zwei Jahre später war meine Ausbildung vorbei. Die Beziehung auch. Also zog ich um. Nach Berlin. Nicht nach Schöneberg, sondern nach Friedrichshain, aber ich war trotzdem oft im Homokiez am Nollendorfplatz unterwegs. Einer nostalgischen Eingebung folgend, machte ich es zur Gewohnheit, Kondome und Gleitgel weiter bei Bruno’s zu kaufen. Gleichzeitig wurde es zum Hobby, mir unbekannte Homo-Spielfilme auf blauen Dunst zu erstehen. Diese Wundertütenkäufe führten dazu, dass ich mich durch Homo-Trash wie das Cazzo-Softcoredrama Gefangen, die grottige Schönlingsserie Dante’s Cove oder Eating Out quälte. Sie hatten aber auch unerwartete Entdeckungen zur Folge. Gaël Morels wundervolle Milieustudie Le Clan zum Beispiel, deren Schlusskapitel mich immer wieder zum Heulen bringt. Oder L’Homme de sa Vie, ein Film, den ich eigentlich nur mitnahm, weil mich das Weizenfeld auf dem Cover an jene Kindertage mit Sindbad und Ronja erinnerte, in denen ich im Sommer durch die Felder zum Freibad radelte, der mich in seiner existenzialistischen Atmosphäre dann aber dermaßen berührte, dass ich seitdem nicht wage, ihn ein zweites Mal zu gucken, aus Angst, er könnte mir nicht mehr gefallen. Ohne meine Besuche am Nollendorfplatz hätte ich diese Filme gar nicht kennengelernt. Genausowenig wie die Pornos, die ich mir im Laufe der Jahre ausgeliehen habe (in der Hardcore-Variante war Gefangen alias Eingelocht nämlich doch gar nicht schlecht).
Zwischendurch bringt mich der Laden sogar dazu, mich selbst neu kennenzulernen. Vor einem Jahr habe ich mir bei „Bruno’s“ zum ersten Mal eine Unterhose gekauft. So ein stylischer Jock aus dunkelgrünem Rippstoff mit abgesetzten Nähten. So was gab’s da früher gar nicht. War ein ganz ungewohntes Gefühl, in der weiß-blauen Tüte neben Kondomen und Gleitgel mal keine DVD, sondern ein Kleidungsstück rumzutragen. So wie es auch ein komisches Gefühl war, mit dem neuen, stylischen Jock das erste Mal zu einer Underwearparty zu gehen. Irgendwie fühlte ich mich total overdressed. Aber halt nur beim ersten Mal. Inzwischen ist das Ding eingetragen und zum Lieblingsteil in meiner Unterwäschekiste avanciert. Vielleicht kann man diese Entwicklung mit meinem Verhältnis zu „Bruno’s“ vergleichen. Wenn ich dahingehe, passt das irgendwie. Es ist immer ein vertrautes Gefühl dabei. Dieses Gefühl habe ich auch in den Filialen im Prenzlauer Berg, in Köln, München und Hamburg, am Nollendorfplatz ist es aber am stärksten. Mit dem Laden sind mittlerweile viele persönliche Geschichten verbunden. Er ist quasi meine eingetragene Unterhose.
Axel Neustädter hat mehrere Bücher in der „Lover Boys“-Serie (Bruno-Gmünder-Verlag) veröffentlicht. Zuletzt sind erschienen „Ungeniert umgepolt“ (2010), „Unkeusche Klosterschüler“ (2010) und „Durchtriebene Schulschwänzer“ (2011). Im Dezember erscheint „Nachts im Sportinternat“.
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