ZÜRI, WAS LAUFT?
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von Simon Froehling
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Gleich vorweg: Der Tabubruch „Homos im HipHop“ – eine Musikrichtung, die bekanntlich für fette Bässe, geile Beats und heiße Bräute steht – funktioniert bei unsereins nicht. Was jedoch nicht weiter schlimm ist. Denn im Kern erzählt „Off Beat“, das bildstarke Spielfilmdebüt des jungen Schweizer Dokumentarfilmers Jan Gassmann („Chrigu“), eine manchmal berührende, oft beklemmende Brüdergeschichte, getragen von einer eingängigen Tonspur und angesiedelt in einem Zürich, das man so kaum kennt. Zu sehen im Dezember in der Gay-Filmnacht.
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Zuerst scheint die italienische Herbstsonne. Es sind die Lichtbilder einer heimlichen Liebe zwischen dem verlebten Produzenten Mischa, 46, und seinem sensiblen, zwanzig Jahre jüngeren Protegé Lukas, der als Schweizer Mundart-Rapper Karma Kameleon bereits bessere Tage erlebt hat. Zurück im winterkalten Zürich und gefangen in einer Beziehung, die nicht sein darf, übermannt Letzteren die Lust am Exzess in einer Szene, die sich selbst überholt zu haben scheint: Verkokst und sturzbetrunken kämpft sich Karma Kameleon durch ein Konzert in einem kleinen Kellerklub. Im Publikum schämt sich sein sechzehnjähriger Bruder Sämi, der unter dem Namen Samsonite selbst Rap-Ambitionen hegt – was Produzentendaddy Mischa natürlich nicht entgeht. Er will Sämi an Lukas Seite in die Band integrieren. Der pikierte große Bruder stürzt einmal mehr massiv ab und wacht im Spital auf, wo sich Mischa prompt von ihm trennt. Ohne Geld und Plan zieht Lukas zurück zur Mutter, die ihren älteren Sohn längst aufgegeben hat, während Mischa Sämi zu seinem Nachfolger aufbaut. Lukas’ Geschichte scheint sich zu wiederholen. Soll er sich seinem Bruder stellen, um Mischa zu beweisen, dass er es auch alleine schaffen kann? Oder muss er verhindern, dass Sämi dieselben Verletzungen erfährt wie er?
Was auf der Plot-Ebene manchmal etwas platt daher kommt und zu oft sehr oberflächlichen Dialogen führt, ist der Entstehungsgeschichte von Off Beat geschuldet, die bereits mit Gassmanns erstem abendfüllenden Dokumentarfilm beginnt. Ein kleiner Exkurs:
Chrigu verzauberte 2007 die Berlinale, wurde zum Überraschungserfolg auf Festivals weltweit und mit diversen Preisen ausgezeichnet. Es ist das überraschende Portrait von Christian „Chrigu“ Ziörjen, der im Alter von 21 Jahren gegen einen Tumor im fortgeschrittenen Stadium und für das Leben kämpft – begleitet von seinem besten Freund Jan, Jahrgang 1983, der Chrigus Filmaufnahmen und seine eigenen Bilder zu einem kraftvollen Film über Leben und Tod, Freude und Schmerz verarbeitet.
Bereits in Chrigu tauchen Mitglieder der HipHop-Band „Mundartisten“ auf – jener Formation, die nun den Soundtrack für Off Beat geliefert haben und in der seit 2001 auch der begnadete Rapper und Musiker Hans-Jakob Mühlethaler, alias Chocolococolo, mitmischt, der für Gassmanns ersten Langspielfilm direkt von der Konzertbühne weg gecastet wurde. Auch Manuel Neuburger, der in Off Beat als Sämi hervorsticht, ist mit der Welt des Raps aufgewachsen. Jan Gassmann in den Presseunterlagen über seine Hauptdarsteller: „So wird die Grenze zwischen der Figur, die sie spielen und ihrer eigenen Geschichte verwischt. Bei der Besetzung der wenigen professionellen Schauspieler haben wir darauf geachtet, dass sie sich mit ihren Rollen identifizieren konnten und ihre Geschichten Berührungspunkte aufwiesen.“ Dieses dokumentarische Prinzip hat sich auch in der Arbeitsweise niedergeschlagen: Räume „frei von Regeln“ habe Gassmann schaffen wollen. Das Set sei so gestaltet worden, dass es komplett und rundum bespielbar war. „Es wurde von den Darstellern während der ganzen Drehzeit belebt“, so Gassmann, „einige haben gar darin geschlafen.“ Wobei auf diesem belebten Set ohne Regeln immerhin ein Verbot galt: Scripts waren nicht erlaubt. Der Regisseur hat seinen Spielern die zu drehende Szene jeweils mündlich erzählt und die Figuren danach miteinander konfrontiert. Diese herangehensweise habe dem Filmteam „immer wieder dokumentarische Geschenke beschert“ – möglicherweise auf Kosten der Dialoge. Andererseits führen die Aufnahmen mit einer sensiblen Handkamera (Bildgestaltung: Ramòn Giger) und die Maxime, möglichst nur mit vorhandenem Licht zu drehen, zu eindrücklich düsteren, authentischen Stadtbildern, wie man sie aus der schönen sauberen Schweiz selten sieht. „Mich fasziniert das Unperfekte, Dreckige und selbst Erlebte viel mehr als die perfekte Kamerafahrt“, fasst Gassmann zusammen. Gepaart mit den Rapeinlagen, den Studiosessions und einem grandiosen Gesangsduell der beiden Brüder resultiert daraus ein dichter, oftmals poetischer Musik- und Milieufilm, der die tot geglaubten Keller einer geschichtsträchtigen Zürcher Subkultur wieder aufleben lässt.
Derweilen irrt Protagonist Lukas weiter durch besagte Stadt, versucht seine Karriere selber wieder in die Gänge zu bringen (was unter anderem zu einem tragikomischen Stelldichein mit Musikanten der Heilsarmee führt), versucht Mischa zurück zu gewinnen und gleichzeitig seinen Bruder vor diesem zu schützen, versucht seine Sexualität zu leugnen und sich in die schöne Maria zu verlieben, versucht immer wieder die richtigen Worte zu finden für sein Leid – und scheitert fast auf ganzer Linie, so dass man ihn mehr als einmal schütteln möchte und rufen: „Mischa, was lauft?“ – so wie Karma Kameleon sein Publikum einmal fragt: „Züri, was lauft?“
Trotz der Nähe, mit der die Kamera den Figuren auf ihren einsamen Wegen folgt, trotz der vielen starken Szenen, die ganz der Macht der Bilder vertrauen und nichts erklären, sondern nur zeigen wollen, und trotz eindrücklicher Schauspieler (auch Domenico Pecoraio in der Rolle des Mischa sei hier erwähnt) erscheint dieser Film fast so kalt wie die dargestellte winterliche Zürcher Nacht. Lukas’ Liebe zu Mischa bleibt wenig glaubwürdig und das weiche Innere des harten Rappers lässt einen erst dort mitfühlen, wo eine Versöhnung der beiden Brüder möglich scheint – womit wir wieder beim Kern der Geschichte und auch an ihrem beinahe schon pathetischen Ende angelangt wären, das Lukas doch noch als geläutert dastehen lässt.
Off Beat ist dort am stärksten, wo am wenigsten gesagt und umso leidenschaftlicher Musik gemacht wird. Ob er trotz Tabubruch Anklang findet bei einem Rap-affinen Kinopublikum, wird sich zeigen..
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