DER MOMENT

von Antje Wagner

Zum Schreiben ist Antje Wagner angeblich gekommen, weil sie ihren Fotoapparat vergessen hatte. Nun schreibt sie in der SISSY über einen Filmmoment. Zuletzt erschienen von ihr das preisgekrönte Jugendbuch „Unland“ und der Thriller „Schattengesicht“. Aktuell arbeitet Antje Wagner an ihrem ersten Kinderbuch.



Ich sehe meine Liebe das erste Mal im Sommer 1992. Ich bin in Dresden. In hundertsechsundsechzig Minuten werde ich mein Herz verlieren. Ich bin nicht vorbereitet. Der Tag war heiß. Ich bin ewig gelaufen. Meine Füße sind müde, ich hab genug Sonne gehabt, genug Stadt gesehen. Ich möchte sitzen, irgendwo im Dämmer. Möchte ausklingen. Ich weiß nicht, wie ich dorthin gelangt bin, weiß nur, dass es eine Seitengasse ist, ein verschlissenes, von der Zeit zernagtes Eckgebäude.

Ein Kino. Ich werde es danach nie mehr finden. Nicht, weil es so versteckt wäre, sondern weil ich es nicht suche. Ich möchte keine Veränderung erleben, nicht sehen, dass aus der Bruchbude vielleicht ein Kino mit glitzerndem Tresen geworden ist, mit Popcorn in drei Geschmacksrichtungen und einem Saal, der nach Raumspray duftet.

Ich möchte die erste Begegnung so im Kopf bewahren, wie sie für mich war: unerhört. Als ich eintrete, riecht es nach Zwiebeln und zeratmeter Luft. Die Sitze sind hart, aus rohem Holz. Splittergefahr. Der Steinboden: warm. Er hat die Hitze des Tages gespeichert und wird sie im Laufe des Films abgeben. Er ist von kleinen, dunklen Flecken übersät, deren Ursprung mir ein Rätsel ist.

Das Kino ist zu einem Viertel gefüllt. Kurz bevor das Licht vergeht und der Film beginnt, drängt sich eine Katze durch die Sitzreihe, an meinem Fuß vorbei, gleich darauf eine zweite, die den Fuß einfach überspringt. Dann wird es dunkel, die Leinwand hell, und ich sehe sie zum ersten Mal. Es ist ein Moment …

… in Prag. Wir haben 1968. Die Zeit des Prager Frühlings. Tomas (Daniel Day-Lewis) ist Arzt, ein Charmeur, der die Frauen liebt. Sabina (Lena Olin), sirenenhafte Künstlerin, ist seine Geliebte. Teresa (Juliette Binoche) ist das Mädchen vom Land: fiebrig schön und wild entschlossen, dem Provinzmief zu entkommen. Als sie Tomas kennenlernt, der für einen Tag in ihren Dorfalltag hereinbricht, fasst sie einen Entschluss. Sie folgt ihm nach Prag, klingelt an seiner Tür. Und bleibt. Eine Ménage-à-Trois beginnt. Der Moment …

… nein, er ist noch nicht da, denn zuerst entsteht die Ahnung: dass (neben der historischen Geschichte) nicht von zwei, sondern von einer Frau erzählt wird. Dass die schillernde Sabina und die pausbäckige Teresa, zu der Tomas sich ebenso hingezogen fühlt, Facetten einer einzigen Frau sind – aufgeteilt in zwei Figuren. Und in diesem Moment …

… gehen Flämmchen im Dunkel auf. Rechts und links von mir. Zigaretten werden angesteckt, Glut wird am Boden zertreten. Jetzt weiß ich, woher die dunklen Flecken stammen.

All diese Unerhörtheiten – Katzen, die sich unter den Sitzen jagen, Rauchschwaden vor der Leinwand, das Zischen, wenn eine Bierflasche mit dem Feuerzeug geöffnet wird – mischen sich mit dem Geschehen im Film: eine dumpfe Kurklinik, stickige Politbüros, Sabinas lichtes Künstleratelier, Sabina, nackt bis auf Hut und Strapse in Tomas’ Bett, das Dröhnen der Panzer auf den Straßen, Schreie, Teresa, die die Geschehnisse fotografiert, die Russen marschieren ein. Und dann …

… der Moment. Nach der Flucht in die Schweiz. Nachdem die Katze sich an meine Wade drängt. Als Teresa sich beruflich auf Aktfotografie verlegt hat. Und ein Model sucht. Und zu Sabina geht: der Künstlerin, Freundin und Konkurrentin. Dieser Moment, als der Film Sabina und Teresa, das Doppelporträt, zusammenbringt. Er ist pure Verführung.

Wie sie Wein trinken, um sich Mut zu machen. Wie Sabina aufsteht und sich hinter einem dünnen Vorhang auszieht. Die Musik ist verstummt. Es gibt keine Geräusche mehr. Es gibt nur noch das Atmen. Und den Ton, der entsteht, als Teresa den Vorhang wegzieht. Der Blick durch den Sucher, dann das Klicken der Kamera. Und jäh passt alles zusammen: der Vorhang quer durch das Atelier, der sich in der Leinwand wiederfindet, die hier draußen quer durch unseren Blick geht. Das Atmen im Film und das Atmen hier, vor dem Film. Und das Klicken der Kamera, das brutal ist. Weil es Blicke sind, die hörbar werden, Berührungen, Augenschüsse. Sabina, von Teresa sanft zu Boden gestoßen, in verschiedene Positionen, und Klick. Das Geräusch eines Fingernagels auf nackter Haut. Sabina, die Teresa die Kamera aus der Hand nimmt. „Jetzt bist du dran. – Zieh dich aus.“

Der Film ist Romantisierung und wird der Brutalität der realen Ereignisse nicht gerecht. Doch nicht selten – das ist paradox – ist die Schwäche einer Sache zugleich auch ihre Stärke.

Ich jedenfalls sitze in einer Bruchbude und sehe meine Liebe. Sie wirft Bilder aus, die an mir zupfen, Worte und Lieder, flirrend, wie ein Lasso.

Die nächsten zwanzig Jahre werde ich ihr folgen. Werde nicht müde, sie immer wieder zu sehen, ihren Stimmen zu lauschen. Und meinem Herzen hundertsechundsechzig Minuten lang hinterherzuwinken.

 

 


 
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