DER TORNADO
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von Ulrich Ziemons
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Man täte dem am 6. September verstorbenen George Kuchar etwas Unrecht, würde man ihn darauf reduzieren, John Waters’ erklärter Lieblingsregisseur und ein Pionier der Camp- und Bad-Taste-Filmkultur gewesen zu sein. Tatsächlich umarmte er sein kreatives Leben lang mit kauzigem Abstand eine schrecklich-schöne Welt aus Pop und Naturkatastrophen. Ulrich Ziemons hatte das Glück, Kuchar noch kurz vor seinem Tod kennenzulernen.
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In dem 1983 von David Hallinger gedrehten Portrait The Comedy Of The Underground führt der Filmemacher George Kuchar durch seine kürzlich neu bezogene Wohnung im Mission District von San Francisco. Das Apartment ist voll von Figuren und Objekten, kitschigen Staubfängern, Spielzeug-UFOs, Madonnenstatuen und Georges eigenen Gemälden. Für George ist es ein Schutzraum vor der „craziness“, die draußen lauert.
28 Jahre später, im Juli diesen Jahres, treffe ich ihn zum ersten Mal persönlich in eben dieser Wohnung. Eigentlich hatte sie sich kaum verändert, der hölzerne Wal hing immer noch im Bad, die Stehlampe, an deren Schirm der Button des Kuchar-Fanclubs in Madison, Wisconsin befestigt war, existierte noch. Vollgestopfter war sie, die Polstermöbel von den Hauskatzen zerkratzt, die Bibliothek der UFO-, Bigfoot- und Tornadobücher angewachsen. George war noch derselbe verschmitzte, jungenhafte Gastgeber wie in dem Film aus den 80er Jahren.
Doch wie sein Apartment war auch er älter geworden, inzwischen sichtlich gezeichnet von einer Krebserkrankung, die ihm seit längerem zu Schaffen machte. Das alles wusste ich schon, bevor ich selbst in der Wohnung stand, die Veränderungen des Apartments und seines Bewohners hatte ich über die Jahre in Georges Video-Diaries beobachten können, einer Videoserie, in der er seit 1985 in unzähligen Arbeiten sein Leben dokumentierte, seine Freunde, seine Kollegen und Studenten und eben auch seine Wohnung. Als er 1985 seine Videokarriere begann, war George Kuchar bereits eine feste Größe in der US-amerikanischen Underground- und Avantgarde-Filmszene. Seit den späten 50er Jahren hatte er, zunächst mit seinem Zwillingsbruder Mike, auf 8 und 16mm Film die Prototypen des Camp Cinema gedreht: schrille Hommagen an das Genrekino Hollywoods, besetzt mit Schulfreunden und Verwandten, inszeniert in der elterlichen Mietwohnung in der Bronx, mit dickem Make-up, exaltierten Performances und knalligen Titeln – etwa A Lust For Ecstasy, Pussy On A Hot Tin Roof oder Hold Me While I’m Naked. In den 70er Jahren zog er von New York nach San Francisco, lehrte am Art Institute und drehte weiter Filme, immer wieder in Zusammenarbeit mit Curt McDowell, dem queeren Underground-Pornographen, für den er auch das Drehbuch zum Klassiker Thundercrack! schrieb. Als McDowell, sein Student und Liebhaber, an HIV/Aids erkrankte, dokumentierte George dessen letzten Tage in Video Album 5/The Thursday People.
Mit dem Camcorder trat in Kuchars Arbeit das Dokumentarische in den Vordergrund, auch wenn er an „Realität“ nicht sonderlich interessiert war. Doch statt wie in seinen Filmen seine persönlichen Obsessionen und Dramen in Fiktion zu überführen, fand er mit Video einen Weg, seinen Alltag unmittelbarer zu dramatisieren. Seine Faszination für Wetterphänomene zum Beispiel verarbeitete er in der Weather Diary-Serie, die seine jährlichen Urlaube im Tornado-Staat Oklahoma dokumentiert und idiosynkratische Naturbeobachtungen mit intimsten Details von Georges Psyche und Verdauung verknüpft. Sein Blick war der eines liebevollen Voyeurs, George filmte aus der Sicherheit seines Apartments, seines Motelzimmers, versteckt hinter Fenstern, und schrieb sich selbst in jedes einzelne Bild seiner Diaries ein – sei es als Protagonist, wenn er die Kamera am ausgestreckten Arm auf sich selbst richtet, oder als Erzähler, der mit humorvollen Kommentaren aus dem Off den improvisierten roten Faden seiner „pictures“ spinnt.
Sein letztes Tornado-Video, Hot Spell, drehte er im Mai 2011, es sollte sein letztes Video überhaupt bleiben. Einen Monat nach meinem Besuch unterzog er sich im Krankenhaus einer Behandlung und kehrte nicht wieder in sein Apartment zurück. Am 6. September starb George Kuchar in einem Hospiz in San Francisco. Er hinterlässt eine überbordende Film- und Videographie, mehr als 300 Titel, eine Schatztruhe voll schmerzhaft intimer, wundervoll verrückter, bombastischer No-Budget-Produktionen, einen der persönlichsten Kinoentwürfe in der Geschichte des Mediums.
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