INSTABILE BILDER
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von Biru David Binder
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„Dazed and Confused“ auf Isländisch – so könnte man, wie der Regisseur Baldvin Zophoniasson es in Anlehnung an Richard Linklaters großes Teenie-Cliquen-Porträt aus dem Jahr 1993 auch tut, „Jitters – Schmetterlinge im Bauch“ nennen, der im Januar in der Gay-Filmnacht läuft. Um ein schwieriges Coming-Out sind hier weitere schwierige Coming-Of-Geschichten von Jugendlichen angelegt, die in einer Welt zurechtkommen müssen, in der ihre Eltern täglich aufs Neue versagen.
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Der Titel ist cheesy, dafür treffend. Jitters, aus dem Englischen, im Plural, umgangssprachlich: Bammel; the jitters: Tatterich; das Verb to jitter deckt eine Bandbreite von „flimmern“ oder „zittern“ über „flattern“ und „bibbern“ bis „flackern“, „fluktuieren“ und „schwanken“ ab. Technisch bezeichnet der Singular Jitter eine „Bildinstabilität“ bzw. einen „Bildsprung“ (TV), eine „Bildschwankung“. Leuchtdioden können jitter-free ihren Dienst tun – der Film Jitters ist nicht „flimmerfrei“.
Er beginnt in schnörkelloser Ordnung: Die Kamera beobachtet zwei Jugendliche, die sich offensichtlich nicht kennen, Koffer (nicht die billigen) hinter sich herziehend auf ihrem Weg vom Bahnsteig nach draußen. Beide ordentlich gekleidet, ordentliche Frisur, weiß. Beide warten ordentlich geduldig, unabhängig voneinander, auf den Bus nach Manchester. Der eine heißt Gabriel, erfahren wir später, und wirkt so ordentlich, so zart, dass einem schwindelt, weil Blicke ihn verletzen könnten. Der andere heißt Markus, einer von Cocteaus Matrosen, wäre da nicht sein ordentlicher Gang und seine (imaginierten) Locken, die den venezianischen Jungen aus „Der Tod in Venedig“ (Buch, nicht Film) erblassen ließen.
Nation und Männlichkeiten, diese Konzepte, Diskurse und Dispositive, die uns als nachtblaue Brillen, die wir selbst nicht sehen, auf der Nase sitzen, zuweilen auch auf ihr herumtanzen. Diese Brille registriert die erste verbale Äußerung auf Isländisch im Debüt des 1978 geborenen Regisseurs Baldvin Zophoníasson als ein Ziehen nationaler Grenzen, als unspektakuläre Wellen in einem Teich, sagen wir: in einem Baggerloch, die ausschlagend das Ufer in abertausend Splittern erreichen. Auf ihrem Weg lassen sie das Konturierte, Feste, das Rigide, Harte eines abgesteckten Gebietes (Nation/Nationalstaat/Nationalität) gegen die eigene unaufhörliche Grenzwandlung in einer sich permanent wandelnden Welt mit weiteren Kinderstreichen (d.h. Grenzziehungen, -verrückungen, -korrekturen und so fort) anrennen, wie das Konturierte, Festgeformte, Harte (Männlichkeit/„Mann“) gegen das permanente Kontinuum von Geschlechtern sisyphosgleich anschreien („… und der Staub erhob sich über sein Haupt hinaus“). Einmal scheinbar affirmativ-national: „Ouuugh, aus Island!“, bemerkt die Englischlehrerin leicht quietschend mit Blick auf die beiden Jungs, als ob’s Perlen der Weisheit seien in denen sich etwas noch nie Gesehenes, zooartiges bewegte. Das andere Mal in der Stimme Markus’, der während des Kofferauspackens im Doppelzimmer vor sich hin mit anschließendem Blick zu Gabriel über die Schulter feststellt: „Das war typisch britisch … 8 o’clock, sharp!“ Und zieht damit die Grenze um sie beide, als das, was monströs zur Grenze gerinnt: Island/Isländer. Hier: zu Zweit Island, dort: Königreich und Verantwortung.
Weil der Autor sich am liebsten dort bewegt, wo nicht alle so aussehen wie er, fällt ihm Folgendes auf: Der ganze Film ist so „weiß“ (non-capitalized W), „weiß“ wie in Samuel Ray Delany’s „Dark Reflection“ (2007) ein Arzt auf die Frage Arnolds, wie viele Homosexuelle gibt es, mit „Einer auf fünfzigtausend!“ antwortet. Alles klart auf, und die Erde, tataah! Eine Scheibe! Der Film ist dem Autor zu weiß, wie sollte ein Mensch sich Anfang des 21. Jahrhunderts wohl fühlen, unter so vielen ordentlich wilden „weißen“ Superhelden des gesättigten Alltags, den uns der Film vorführt? Beauty is only the beginning of the terrible.
Die ordentliche Welt der beiden Englischschüler aus Island gerät ins Zittern, als sie sich an einem Abend nach der Kneipe atemholend unter einem Baum zu küssen beginnen. Das Ganze ist unspektakulär, dauert nicht lange, vielleicht eine Bildstörung. Der Aufschlag dann, aus der dünnen Luft dieses Nicht-Ortes einer School of English lässt, zurück in Island, scheinbar auf sich warten. Jitters schwenkt auf die Freundesgruppe Gabriels, deren Mitglieder alle, ihn mit eingeschlossen, in ihren jeweiligen jugendlichen Sommerferienalltagen Ordnung ins Chaos ihrer Lebenszeit zu bringen versuchen – zwischen generalsgetreuer Inquisition (die Mutter Gabriels nach dessen Rückkehr), enervierenden Fragen nach dem Namen des leiblichen Vaters an die Mutter, deren namenloser Bettgefährte morgens aus der Wohnung herausstolpert (eine Freundin Gabriels) oder der totalen Überwachung durch die am Küchenfenster festgeschraubte Großmutter der besten Freundin und Verehrerin Gabriels, die, kaum den Ferienjob als Kassiererin begonnen, schon Opfer eines Raubüberfalles wird.
Gabriel, mit der Freundin, die auf der Suche nach ihrem Vater ist, auf dem Weg, sich ein Zimmer anzuschauen, trifft eines Morgens auf Markus. Der ist auf dem Weg zu seinem ersten Friseursalonjob und bietet Gabriel einen Versuchshaarschnitt an. Als Gabriel dann auf einer der Sauf- und Knutschparties schwankend auf der Suche nach Markus durch den Flur einer verwischten Wohnung tastet, um diesen dann eine Lady vögelnd vom Türrahmen aus anzustarren, äußert sich das Schwanken in Gabriel in nichts weiter als seinen geöffneten Augen in seinem ordentlichen, ruhigen Gesicht, das sich, eine Träne verlierend, aufs ordentlich gemachte Bett sinken lässt. Da möchte ich diesen Engel packen und schütteln, wenn Engel das mit sich machen ließen (zweifelhaft).
Aber vielleicht sind die Leben um Gabriel herum in ihrer Brüchigkeit genau so staunenswert und erschreckend wie der Moment, in dem Gabriel zu erkennen scheint, dass „man“ sich nicht „nicht verhalten“ kann, weder zu den Leben um einen herum, noch zu seiner Begierde und einer Zeit, die letzteres immer irgendwen zumindest dies einmal herauszuschreien verlangt („Gabriel ist schwul!“), denn das, worum eine Grenze gezogen wird, sei es Begierde oder Gebiet, verliert in seiner Präzisierung an Schrecken. Aber weil wir immer nur bewegte Leben leben können, ist es mit einer Präzisierung nicht getan (siehe Butlers „Iteration“). Da wir wissen, dass nichts wiederholt werden kann, ohne dass sich die Wiederholung ändert und die Wiederholung selbst die Differenzen (und alle ihre Wiederholungen) verändern (G. Deleuze, „Differenz und Wiederholung“), ist es ein Rennen für die Katz, an dem wir uns nicht „nicht beteiligen“ können.
Mit Gabriel gelingt eine Figur, die das schon begriffen hat, bevor sie sich selbst als beteiligt sieht, als Akteur, im Schweigen, die beste Freundin in den Armen, im Krankenhausflur, beim ersten Kuss. Das ist dem Alter der Hauptfigur, Gabriel, zwar abnehmbar, aber fast zu schön, um wahr zu sein. Was, wenn dieses Wissen nicht vor dem Erleben des Todes eines geliebten Menschen schützt? So komplett gar nicht?
Eine Freundin aus Gabriels Gruppe stirbt. Spielt das Horrormeisterwerk Kokuhaku (Geständnisse, Regie: Nakashima Tetsuya, Japan 2010) den Fall von Rache an zwei minderjährigen Mördern einer Schulklasse durch, so verhält sich Jitters wie die andere Seite der Münze: Was, wenn es nicht zur Eskalation bei den Hinterbliebenen kommt, verziehen wird? Wie funktioniert verzeihen und wie leben Menschen miteinander „nach“ dem Verzeihen? Jitters zeigt die Vielfältigkeit an mehr (Väter, Mütter, Großmütter) oder weniger (Gabriel und Gleichaltrige) sinnfreien Möglichkeiten und einmal mehr (glücklicherweise), wie wenig Alter und Reife miteinander zu tun haben können.
Zusammengefasst, hier handelt es sich um einen Film, für den Zuschauende zwischen, sagen wir, vierzehn und neunzehn Jahren sein sollten, damit der Spaß daran am größten ist – gleich, wie ernsthaft Chaos und Ordnung im Film erzählt werden (Filmeschauen darf nicht, sondern sollte nach Möglichkeit Spaß bereiten). Dafür wurde Jitters verdientermaßen ausgezeichnet. Seine Hauptfigur ein Held, der zwar scheinbar nichts mit Bruno’s „Superhelden“ („mit Superausstattung“) gemein hat, dafür wohl aber für eine Mehrheit aller jugendlichen Zuschauenden als Identifikationsfigur dienen kann. Ich bezweifele nur, dass die Mehrheiten in duftigen Betten eines kuscheligen Schlafzimmers ihre späte Adoleszenz verbringen, sei’s drum. Coming-Out ist in dieser coming of age-Geschichte dezentral. Und gerade das macht Jitters zu einer spannenden Bildstörung, die vielleicht in Klassenzimmern ausgetestet werden sollte.
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