ECHT SEXY
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von Jan Künemund
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Gerade erscheint das bisherige Gesamtwerk des Filmemachers Travis Mathews, dessen Arbeiten bislang nur im Netz und auf Festivals zu sehen waren, auf einer DVD. Oberflächlich betrachtet sind das dokumentarische Inszenierungen von Jungs und Männern in ihren Schlafräumen, oberflächlich eingeordnet grenzt das an Pornografie, oberflächlich politisch korrigiert kann man das Voyeurismus (PUNKT.) nennen. Hier der Versuch, ein paar mehr Kontexte ins Spiel zu bringen.
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“See our reflection / Cast no reflection.” (The Chromatics, I Want Your Love)
Das Queer-Kino wurde im Schlafzimmer erfunden. Zumindest in privaten Räumen, die von Kenneth Anger, Maya Deren, James Bidgood, Andy Warhol oder Jack Smith, abgeschirmt von der heterosexuell dominierten Öffentlichkeit, mit Träumen, Begierden und Sehnsüchten dekoriert wurden. Ganze Südseelandschaften wurden im Wohnzimmer erschaffen, damit sich ein nackter Pink Narcissus darin räkeln, eine Garage mit rosa Vorhängen verhängt, damit ein jugendlicher Autoschrauber zum Paris-Sisters-Song „Dream Lover“ homoerotisch seinen Hot Rod streicheln konnte. In their rooms, in ihren Räumen, wurden Jungs und Männer ausgezogen, dem Privatkamerablick enthüllt und auf verschlungenen Wegen den gleich Fühlenden (und Sehenden) zugänglich gemacht.
Travis Mathews schlug vor einigen Jahren den Herausgebern der Zeitschrift „Butt“ für ein Videoprojekt auf ihrer Webseite vor, intime Porträts schwuler Männer in ihren eigenen Schlafzimmern zu drehen. Diese stellten dafür Kontakte zu ihren Abonnenten her, die sie liebevoll „Buttheads“ nennen. In bester Queer-Kino-Tradition also entstanden (und entstehen) Mathews Arbeiten als Szene-Projekt und erfanden ihren Vertriebsweg dabei gleich mit, ohne sich als Position auf dem Mainstream-Gebiet behaupten zu müssen. Das Format ist durch die Beschränkung auf den Netz-Vertriebsweg völlig frei, die Produktionskosten gering. Man denkt nicht zu Unrecht an die kreative und radikale Verwendung von 16mm, Super 8 oder Video durch Pioniere des queeren Undergroundfilms und kann das Netz durchaus in die Linie der vom kommerziellen Markt unabhängigen Queer-‚Cinema‘-Abspielorte einordnen wie die Filmkunstprogramme von Unis und Museen, Off-Theater-Bühnen, Gallerien und Festivals, in denen Zielgruppe und Kreative seit jeher zusammenkamen und kommen.
Zu Beginn der 1970er Jahre gab die Filmgruppe „Mariposa“ in gewissen Zeitschriften eine Anzeige auf. Darin suchten sie Schwule und Lesben, die in einem Film etwas über „gay lifestyle“ erzählen sollten. 1978 kam der Dokumentarfilm Word Is Out – Stories Of Some Of Our Lives auf Festivals und in einigen US-Kinos heraus. 26 Schwule und Lesben zwischen 18 und 77 erzählten darin warmherzig und offen, was es für sie bedeute, „gay“ zu sein. Das Ganze wurde im Talking-Heads-Stil gefilmt und schnörkellos zusammengeschnitten. Keine Verfremdungen, keine Formspielerei sollten ablenken vom hehren Projekt des Sichtbarwerdens: Schwule und Lesben bringen sich selbstbestimmt auf die Leinwand und senden wichtige Impulse nach innen und außen. Andere Schwule und Lesben sollten sehen, dass sie nicht allein sind und dass sie mitmachen können an der Konstruktion von „Gay Identity“ – und der Rest der Welt sollte sehen, dass die allgemeinen Stereotypen und Bilder über Homosexuelle völlig falsch sind, dass diese genau so nett, humorvoll, sozial und adrett sein können wie die Menschen, die ansonsten auf Leinwänden und im Fernsehen zu sehen waren. Und dass das auch – im Film – überhaupt nicht anders aussah.
Wenn „Butt“ seine Buttheads dazu aufruft, einen Filmemacher für eine Stunde in ihr Schlafzimmer zu lassen und ihm private und intime Gedanken und Handlungen zu enthüllen, scheint hier eine interessante Parallele auf. Und da das explizite „Butt“-Programm war, Entertainment von schwulen Männern für schwule Männer zu publizieren, durfte man ebenso mit Aussagen über den „gay lifestyle“ rechnen. Aber welche Szene ist das eigentlich, die sich hier ins Schlafzimmer schauen lässt? Und welche identitätspolitischen Impulse senden „Butt“ und Travis Mathews eigentlich nach innen, in die eigene Szene, und nach Außen, in die heteronormierte Gesellschaft?
Die Episode Will beginnt mit Küchengeräuschen, während man den einheitlichen In Their Room-Titel auf schwarz sieht. Dann ist die Kamera sehr nah auf dem Protagonisten, der in T-Shirt und Shorts auf seinem Bett sitzt, mit einem kleinen Hund spielt und – nicht in die Kamera – dabei erzählt, dass er den Hund aus dem Tierheim geholt hat und nun für immer behalten will. Will steht irgendwann links oben in der Ecke, dann gibt es einen Schnitt und Will legt, mittlerweile hat er kein T-Shirt mehr an, eine CD in eine kleine Audio-Kompaktanlage ein. Die Musik hört man nicht, stattdessen hängt die Kamera erst auf dem konzentrierten Gesicht, schließlich nur auf den Lippen von Will. Dann liegt er im Bett und beginnt zu erzählen, dass er noch nicht so genau weiß, ob Analsex was für ihn ist. Hier löst sich der Ton vom Bild und während die Erzählung weiterläuft, sieht man Will in seinem Zimmer beim virtuellen Tennis-Spielen. Mehrfach fängt die Kamera Details seines nackten Oberkörpers ein, zwischendrin gibt es eine genau kadrierte Einstellung mit Will im rechten Vordergrund, der Kompaktanlage im linken Teil des Bildes und einem an der Wand hängenden Plattencover der queeren Popband Hercules & Love Affair, letzteres ist scharfgestellt. Dann hört man tatsächlich auch Musik, immer mehr Einstellungen zeigen Will in seinem Bett, nur noch von der Decke geringfügig bedeckt, während er seine Erfahrungen mit Analsex direkt (in den wenigen On-Bildern) in die Kamera spricht. Ziemlich malerisch scheint in den letzten Bildern die Sonne durch das Fenster und gibt Wills Köper eine romantische Kontur. Auf dem Abschlusstitel liegen Geräusche, die nahelegen, dass Will jetzt masturbiert. Der Clip dauert 2 Minuten, 19 Sekunden. In wiederum 3 Minuten 51 lernt man Brontez kennen, einen viel exaltierteren Typen mit viel arty stuff an den Wänden, der kifft, Gitarre spielt und singt, sich mit Edding etwas auf seine schwarze Haut zeichnet und (unter anderem!) davon erzählt, dass er einfach zu faul für versauten Sex ist. Im intimsten Moment (der wieder dadurch gekennzeichnet ist, dass der Protagonist direkt in die sehr nahe Kamera spricht) hat sich Brontez nackt in eine Lichterkette eingewickelt und spielt mit seiner Vorhaut. Während Mathews ihn schließlich in fast embryonaler Stellung auf dem Bett liegend zeigt, erzählt Brontez auf der Tonspur, wie vermessen es ist zu erwarten, dass man einfach seinen Panzer ablegt, sich öffnet und sich dabei sicher fühlt.
Als die In Their Room-Clips zum ersten Mal auf der „Butt“-Webseite auftauchten und danach über andere Blogs im Netz weiterverbreitet wurden, war schnell klar, dass darin etwas Besonderes gelungen war. In diesen kurzen Skizzen verbirgt sich eine interessante Komplexität, die sich zum Teil in offenen Widersprüchen äußert: Dem expliziten Zeigen von Nacktheit, z.T. sogar Sex, und dem expliziten Reden darüber steht ein betont unaufgeregter und nicht-skandalisierter Ton gegenüber, in dem das Ganze inszeniert ist. Diese Inszenierung wiederum ist (wie durch die kleinteilige Beschreibung versucht wurde, deutlich zu machen) äußerst aufwendig – Kadrierung, Schnitt, das Verhältnis von Bild und Ton, die Auswahl der O-Töne, die Rahmungen durch die Titel, der Rhythmus sind ausgesprochen experimentell gesetzt, frei von dokumentarischem Purismus und ebenso frei im Umgang mit dem, was die Protagonisten von sich aus beisteuern. Immer wieder gibt es voyeuristische Momente, in denen die Kamera in Achselhöhlen lugt, auf Unterhosen fokussiert, Muskeln abfährt. Und trotzdem hat man das Gefühl, dass sich das nicht ausbeuterisch gegen die Protagonisten richtet, dass es sich vielmehr um ein komplizenhaftes Spiel handelt zwischen Geben und Nehmen, Selbstinszenierung und Kommentar, mit dem Ziel, Intimität und Verletzlichkeit, die Atmosphäre des Für-sich-Seins auf filmischem Wege erst herzustellen. Wir beobachten im eigentlichen Sinn keine privaten Situationen und sind auch nicht Zeuge, wie sich Intimität in Echtzeit entwickelt – Mathews vermittelt vielmehr ein über das Material hinausgehendes Bild von schwuler Sensibilität und Verletzlichkeit, das hinreichend fragmentarisch und komplex bleibt, um seine Protagonisten nicht zu verraten.
Durch die DVD-Veröffentlichung (die mit der Strategie, die Clips und Kurzfilme deutsch zu untertiteln, auch ein Signal setzt, Mathews’ Arbeiten als „Filme“ ernst zu nehmen) kann man die interessante Entwicklung des filmischen Werks verfolgen. Aus den In Their Room-Clips ist ein 20-minütiger Kurzfilm entstanden, den Mathews In Their Room SF genannt hat. Mit der erzählerischen Klammer der Stadt, in der die einzelnen Arbeiten entstanden sind, scheint eine „Tales-of-the-City“-Idee auf, eine Konstruktion, aus lauter Einzelporträts die queere Erzählung einer Stadt zu entwickeln. Mit wenigen dramaturgischen Eingriffen (z.b. werden Aussagen von Protagonisten über ihren Umgang mit Musik hintereinander geschnitten) behält Mathews sein Schlafzimmer-Intimporträt-Konzept bei, nimmt aber den „Butt“-Reihentitel ernst, der von „ihren Räumen“ spricht, behauptet also, dass es etwas gibt, das eine Gemeinsamkeit der Erzählungen stiftet. Vielleicht ist es aber nur der poetische Zugang zu seinem Material, der diese Einheit evoziert – somit wäre auch das San-Francisco-Porträt ebenso frei konstruiert wie die Porträts von Will oder Brontez. Interessanterweise schafft sich aber In Their Room SF durch seine Länge von 20 Minuten und den behaupteten Zusammenhang einen neuen Vertriebsweg – Queerfilm-Festivals auf der ganzen Welt luden den Kurzfilm ein und zeichneten ihn z.T. mit Preisen aus.
Mathews war da allerdings schon zwei Schritte weiter. Zum einen verließ er San Francisco und übertrug seine Methode auf eine andere Stadt (Berlin) und erweiterte dabei gleichzeitig die Dramaturgie, die Erzählungen verschiedener Protagonisten zu einer Stadt-Erzählung zu kompilieren, zum anderen entwickelte er seine Themen der schwulen Sensibilität und der spezifischen Sexyness ‚realer‘ Situationen in einem Spielfilmprojekt weiter, zu dem er vorab einen eigenständigen Kurzfilm als Teaser drehte (I Want Your Love). Seinem filmemacherischen Zugriff bleibt er sich bei beidem treu. Obwohl die Berlin-Ausgabe von In Their Room einige ikonische Stadtbilder (U-Bahnen, Straßenszenen) bemüht und generell das Klischee der atmosphärischen Rauheit und Kälte Berlins weiterschreibt, nimmt er sich doch wieder überraschende Freiheiten gegenüber den dokumentarischen Vorlagen: Ganz unhinterfragt reden alle Berliner in dem Film Englisch (was aber in einer Queer-Metropole so absurd auch wieder nicht ist) und am Beispiel eines Protagonisten konstruiert der 60-Minüter einen gesamten „sexuellen Tag“, der bei der morgendlichen Gay-Romeo-Session anfängt und beim One-Night-Stand mit einem Fremden in der eigenen Wohnung endet. Was in der Beschreibung ziemlich gewollt erscheint, entwickelt als im Konzept schon mitgedachten Überschuss interessante Reflexionen über Fremdheit und Intimität, Offenheit und Selbstschutz, etwa wenn die Nacktheit beim Sex plötzlich Narben früherer Selbstverletzungen sichtbar macht und das Reden darüber den Sex unterbricht.
Die explizite Sexszene dieses Films verweist auf Mathews Spielfilmprojekt I Want Your Love, der zusammen mit dem Kurzfilmteaser einen weiteren Diskurs aufmacht: Ist das jetzt Kunst oder Pornografie (blöd, aber nicht selten gefragt)? Dass Mathews sich diese Filme von der Pornoproduktionsfirma NakedSword finanzieren lässt, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie ihn wahrscheinlich nötiger brauchen als er sie. Beide zusammen reagieren auf das Überangebot sowohl kühl kalkulierter Gay-Feelgoodmovies (im Spielfilmbereich) wie auch steriler, immergleicher schwuler Pornografie, die vom tatsächlichen schwulen Leben seit jeher weit entfernt ist, aber offensichtlich auch als Projektionsfläche nicht mehr taugt. Mathews’ Ansatz bzw. Frage ist hier: Ist es nicht sexy, Männer beim Sex zuzusehen, die man vorher kennen gelernt hat? In Interviews spricht er viel über Authentizität, über Ehrlichkeit und Verletzlichkeit von Männern, die man sonst nicht zu sehen bekomme und die daher aufregend sei. Natürlich profitiert er dabei von der Kultur virtueller sozialer Netzwerke, die private Aussagen provozieren und gleichzeitig den postmodernen Performancedruck kanalisieren, und ihrer allgemein schizophrenen (weil umfassenden, aber genervten) Verwendung. Wenn, wie „Butt“ im nicht unumstrittenen Ausblenden des Queer-Diskurses klargemacht hat, zum Schwulsein auch (die gerne vom schwulen Mainstream verschwiegene) schwule Sexualität gehört, ist es für Mathews selbstverständlich, sie zu zeigen. Und damit konstruiert er Bilder für das Schwulsein nach dem Coming-Out, mit dem die meisten Filme ansonsten aufhören. – Ich bin schwul! – Und wie?
Todd Verow (der auch Kunstfilme für Pornoproduktionsfirmen dreht) wird gerne mit den Worten zitiert: „Pornografie ist, wenn der Betrachter masturbiert. Kunst ist, wenn der Künstler masturbiert. Warum masturbieren wir nicht gemeinsam?“ Und das kann man mit Anger, Genet, Jarman und Cadinot tatsächlich fragen. Man kann die Szene, die Mathews’ Protagonisten repräsentieren, als sehr speziell und nicht auf einen gemeinsamen schwulen Lifestyle übertragbar finden. Aber die Neu-Bebilderung und Neu-Interpretation von schwuler Sexualität wirkt nach innen und außen: sie heischt nicht nach Toleranz und Normalisierung, sondern verlässt den Bereich des Privaten. Wie Klaus Walther so schön in seiner „Butt“-Rezension schrieb: „Wenn alle vom Arschficken reden, alle Arschficken sagen und nicht Analverkehr, dann ist das keine private Sexpraktik mehr, sondern wird als Kulturtechnik erkennbar.“
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