KURZER AUSBRUCH AUS REMOTE CONTROL

von Angelika Nguyen

Zwei ältere Damen, die einmal Schulfreundinnen und noch etwas mehr waren, führt das Schicksal wieder zusammen. Nun müssen sie, besser spät als nie, ihre Lebensentwürfe überdenken und Gefühle zulassen, die schon fast ein Leben lang darauf warten. Nach vielen Festivals und vielen Preisen (zuletzt dem Zuschauerpreis beim Festival Homochrom) ist „Herbstgefühle – 80 Egunean“endlich in der L-Filmnacht zu sehen.



Die Sicht auf die Geschichte von Axun und Maite beginnt mit dem Titel. Während die beiden jungen baskischen Filmemacher Jon Garano und Jose Mari Goenaga ihren Film schlicht 80 Tage nannten, gibt der deutsche Titel Herbstgefühle bereits eine Sichtweise und auch eine Ideologie vor, die der Film überhaupt nicht hat.

Herbstgefühle, das klingt nach den verzweifelten Namen von Altenheimen wie „Abendfrieden“ oder „Erfülltes Leben“, was vor allem eins impliziert: Du bist zwar noch da, aber es ist vorbei.

Das Alter der Figuren in 80 Tage ist zwar Teil der Geschichte, aber nicht ihr Thema. Axun und Maite sind Frauen um die 70, die eine ist verheiratete Hausfrau auf dem Lande, die andere ist Pianistin und lebt allein in der Stadt.
Ihre Liebesgeschichte wird vom Ende her erzählt, buchstäblich in der Nähe des Todes. Ausgerechnet beim Besuch zweier komatöser Patienten, Axuns Ex-Schwiegersohn und Maites Bruder, beginnt sie. Dort begegnen sich Axun und Maite, aber nicht zum ersten Mal. Denn sie kennen sich aus ihrer Jugendzeit, als sie beste Freundinnen waren.

Bevor der Film das entdeckt und bevor er die erotische Komponente der Beziehung freilegt, inszeniert er zwei gängige heterosexuelle Paarbeziehungen.

Gleich im ersten Bild weint im Auto eine junge Frau in einer Trennungssituation einem ungerührt weiter fahrenden Mann die Ohren voll bis zum tödlichen Unfall, eine Szene weiter sitzt ein altes Paar, Axun und Juan Mari, (die Vorsilbe „Ehe“ ist ebenfalls abgebildet), starr und ohne jedes Zeichen eines Austauschs auf einer Gartenbank, bevor das Telefonklingeln, nämlich die Nachricht vom Unfall, die Frau aufstehen lässt.

Aber nicht nur die Ehe ist erstarrt, auch die Beziehung Axuns zu ihrer Tochter in den USA wird in unbeweglicher Rollenverteilung, aufdringlich vonseiten der Mutter und genervt vonseiten der Tochter, beschrieben.
Es folgen die Schilderung des Ehealltags und die Krankenhaus-Besuche Axuns bei ihrem schwer verletzten Ex-Schwiegersohn. Nach der Entdeckung der alten Bekanntschaft mit Maite, der Frau, die Axun vom ersten Moment an anziehend findet, geraten die Krankenbesuche immer mehr zu einem Ausbruch aus Axuns enger Welt. Bald fährt sie täglich aus ihrem Dorf in die Stadt, wo das Krankenhaus ist. Maite und Axun unterhalten sich, lachen miteinander, erinnern sich, tanzen sogar in dem Krankenzimmer der zwei bewusstlosen Männer.

Die Spannung zwischen beiden wird langsam aufgebaut, ihr Unterpfand sind die sepiafarbenen Rückblenden in die Jugendzeit. Leider wird der Spannungsbogen zu viel verbal flankiert in Szenen, wo Maite in Gesprächen mit Dritten ihre Homosexualität und ihre mögliche Verliebtheit in Axun thematisiert.

Aber den Filmemachern geht es nicht nur um die lesbische Liebesgeschichte. Sie fragen sich auch, wie es dem zurück gelassenen Ehemann Juan Mari wohl geht, was aus der Ehe wird. So bekommt Juan Mari große Parts, in denen man ihn einsam und hilflos in der Küche sitzen oder an seinem Spielhaus basteln sieht, ohne dass er auch nur eine Sekunde lang denunziert wird.

Und so unbeweglich die Ehebeziehung von Juan Mari und Axun in der ersten Hälfte des Films beschrieben wird, so erwacht sie im zweiten Teil durch die Krise zu neuem Leben.

Es geht nicht darum, ein verfehltes Leben zu kritisieren, wohl aber die Alternative schonungslos als versäumt zu schildern. Den Trost des Satzes „Es ist nie zu spät“ unterläuft der Film, erlaubt sich in den 80 Tagen kein Happy End für die Liebe der beiden Frauen.

Zu fest ist Axun in ihrem Leben, zu sehr braucht sie es, gebraucht zu werden, als Fürsorgerin des Ehemannes, als Gegenpart der Tochter, ja sogar vom bewusstlosen Ex-Schwiegersohn. Axun in verschiedenen Rollen, nur nicht als Axun.

Maites Leben wirkt dagegen wie ein Paradies der Selbstbestimmung: große weitläufige Wohnung nur für sich, der geliebte Beruf, Freundeskreis, Führerschein, offene Homosexualität.

In der vielleicht schönsten und wichtigsten Szene des Films, am 34. Tag und kurz vor der erzählerischen Wende, beschreibt Axun ihr Dilemma, aber nur auf einer Insel und nur angetrunken: „Wenn ich bei dir bin, Maite, bin ich irgendwie nicht ich, aber gleichzeitig fühle ich mein wirkliches Selbst.“

Und da endlich geht’s zur Sache. Maite küsst Axun in einem Arrangement wie damals in der Sepia-Erinnerung. Axun küsst sekundenlang zurück, entschließt sich dann zur Abwehr. Der dramatische Ausbruch der lange verschlossen gehaltenen Gefühle findet auch metaphorische Entsprechungen: Das Boot der beiden hängt seeuntüchtig in den Seilen, als sie zum Steg zurück kommen, Axun schließlich fällt ins Wasser und Maite springt hinterher. Die sexuelle Konnotation der klatschnassen Körper, der unmittelbare physische Kampf zwischen beiden nach all den Gesprächen, Berichten, Diskussionen wirkt befreiend. Eine wirklich erotische Szene.

Für eine totale Ablehnung Axuns jedenfalls sind Maites Charme und vor allem ihr uneingeschränktes Verlangen zu stark. So begehrt zu werden ist unwiderstehlich. Aber Axun findet sich nicht zurecht.

Einmal, mitten im Drama, scheint plötzlich alles spielerisch und leicht, als könnten die Figuren sich das Ende ihrer Geschichte selbst aussuchen. „Ich will nicht, dass es so endet“, sagt Axun zu Maite. „Dann lass es uns nicht so beenden“, sagt Maite. Und sie fahren zu Maite und verbringen vermutlich eine Liebesnacht miteinander.

Was aber erst nur aussieht wie der Kampf ums Coming-Out, kann mit fortschreitender Filmerzählung auch als Test für die heterosexuelle Ehe gelesen werden. So erzählt der Film den Ausbruch vielschichtig. Als Juan Mari den Mann schlägt, von dem er glaubt, er sei der Liebhaber Axuns, kommt in diese alte Ehe noch einmal richtige Leidenschaft und eine Ahnung auf, warum Axun sich einst in Juan verliebte. Zu den großen Momenten des Films zählt, wenn Juan Mari, der alte verzagte Mann, um sein Letztes, Wichtigstes kämpft: um seine Ehefrau. Die für ihn kocht, ihm das Einweckglas öffnen kann, die in der Küche hantiert und tröstliche Geräusche macht, wenn er allabendlich die Fernbedienung des Fernsehers anschaltet.

„Ich brauche dich“, bringt er über sich zu sagen, als sie ihn verlassen will. Das Remote Control dieser Ehe hat in letzter Minute doch noch funktioniert. Und Axun kehrt heim von einer Affäre, die Juan nie durchschaut hat.

Aber das Ende ist nicht das Ende.

Die Autoren erlauben sich einen Kunstgriff und zeigen entgegen dem Titel den 984. Tag, an dem die beiden Frauen sich zufällig wiedertreffen.
Kein Ja, kein Nein, aber ein: Vielleicht. Mitten in der Szene blendet der Film aus.

Nach den Darstellerinnen haben die Filmemacher lange gesucht. Itziar Aizpuru als Axun kann ihrer Figur eine großmütterliche, sehr konventionelle Ausstrahlung genauso präzise wie die Irritation und das Sehnsüchtige mitgeben. Mariasun Pagoagas androgyner selbstsicherer Charme als Maite wiederum erinnert glattweg an Vanessa Redgrave. Gefragt, wie sie auf die Idee für einen lesbischen Liebesfilm über 70-jährige Frauen gekommen seien, sagten die beiden Regisseure, die einzige Vorgabe für sie wäre gewesen, es sollte von älteren Menschen handeln und Baskisch sollten sie sprechen. Ansonsten hätten sie keine Randgeschichte, auch keine kämpferische Emanzipationsgeschichte erzählen oder ein Coming-Out beschreiben wollen, sondern eine universale Geschichte. Ein Stück Normalität.

 

 


 
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