CHARLIE, TRUST YOUR INSTINCTS!
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von Ulrich Kriest
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„Das traurige Leben der Gloria S. ist eine bitterböse, rabenschwarze Komödie über zwei starke Frauen, die sich gegenseitig verdient haben: Die eine ist Schauspielerin und sucht dringend einen Job; die andere ist Regisseurin und muss dringend einen Film über prekär lebende Frauen machen. Christine Groß und Ute Schall haben daraus eine durchgeknallte Farce über das falsche Bild vom wahren Leben und über glamouröse Überlebensstrategien gemacht. Zu sehen im Dezember in der L-Filmnacht.
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„Ich kenne das Leben / Ich bin im Kino gewesen.“ (Fehlfarben)
„So sind diese Leute.“ (Kameramann C.P.)
Wenn eine erfolgreiche Spielfilmregisseurin beschließt, einen Dokumentarfilm über soziales Elend zu drehen und dabei auf eine Gruppe prekär lebender Schauspieler trifft, dann hat das Resultat wechselseitiger Projektionen des Sozialen vielleicht nicht mehr viel mit dem Traum einer Abbildung des wahren Lebens zu tun, aber dafür sehr viel mit unseren medial vermittelten Vorstellungen von Realität: Das Lustige darin ist das Lustige daran.
Längst ist die Vorstellung einer prinzipiellen Differenz zwischen Spiel- und Dokumentarfilm obsolet. Eisenstein hat einmal gesagt, ihn interessiere diese Unterscheidung gar nicht, weil er nicht an der Wirklichkeit, sondern an der Wahrheit interessiert sei. Und Godard (oder Thome) haben gesagt, dass jeder Spielfilm auch die Arbeit der Schauspieler dokumentiere, die vor der laufenden Kamera eine Fiktion mit Leben erfüllen. Dass die Dinge in Zeiten von „scripted reality“ und „mockumentarys“ noch einmal etwas komplizierter liegen, das zeigt auf „wirklich“ höchst unterhaltsame Weise Das traurige Leben der Gloria S. von Christine Groß und Ute Schall. In der Extended Version ihres erfolgreichen Kurzfilms Ich muss mich künstlerisch gesehen regenerieren (2010) treiben die beiden Filmemacherinnen die Konfrontation zweier Szenen (Theater/Film) und zweier Haltungen (dokumentarisch/fiktiv) auf die Spitze. Was dabei nicht aus dem Blick gerät: die Reflexion auf das, wovon man vermutet, dass der Zuschauer es sehen will. Oder der Reflex darauf, dass es vielleicht politischer wäre, könnte man die Konventionen und Erwartungshaltungen überwinden. Aber kann man?
Im Falle der Figuren, denen wir in Das traurige Leben der Gloria S. begegnen, darf man das mit guten Gründen bezweifeln. Wie sagte schon Kant? Idealismus ohne Talent zahlt nicht die Miete. Davon weiß die Schauspielerin Gloria Schneider ein Lied zu singen. Mit ihren Schauspielkollegen macht sie Off-Theater, das so Off ist, dass es schon Off-Off-Theater ist: 3. Hinterhof links, 2. Untergeschoss. In der erfolglosen und tatsächlich auch künstlerisch nicht sonderlich begnadeten Truppe ist die Stimmung gereizt – und nach einer Abendvorstellung bleibt jedem Schauspieler kaum mehr als das Fahrgeld nach Hause. Man könnte natürlich noch mal wieder das Kommune-Modell vom Gemeinsam-leben-und-arbeiten aufwärmen, aber irgendwie fühlen sich dafür auch schon alle etwas zu alt. Glorias Krise kommt eine korrespondierende Krise entgegen: Die Filmemacherin Charlotte Weiss hat gerade ihren Spielfilm Die Terroristin abgedreht, einen sehr emotionalen Film über Ulrike Meinhof. So emotional, dass das politische Anliegen, der politische Diskurs vielleicht etwas zu sehr in den Hintergrund gerutscht ist. Besser gesagt: verschwunden ist. Und damit in eklatanten Widerspruch zu ihrem eigenen Anspruch an die Arbeit geraten ist. Was Charlotte auch deutlich spürt, weshalb sie zum eigenen Film, der offenbar ganz gut ankommt beim Publikum und bei der Kritik, auf Distanz geht. Mehr als unzufrieden mit ihrer aktuellen Situation sucht Charlotte eine kreative Herausforderung. Ihrer Produzentin schwant Schlimmes: „Du wirst doch deine künstlerische Krise anders bewältigen können als durch einen Dokumentarfilm. Lass diesen Kelch bitte an mir vorüber gehen!“ Doch Charlotte will das Elend des wahren Lebens dokumentieren, weiß nur leider nicht so recht, wo sie es suchen soll. Ihre Recherchen in Trabantenstädten bleiben erfolglos, auch, weil sie den Kontakt zum Elend scheut. Alleinerziehende Mütter, so stellt sich heraus, laufen nicht so mir nichts dir nichts auf der Straße umher. Charlotte entscheidet pragmatisch: Wenn man nicht genau weiß, was man will und wo man es finden soll, dann lässt man es zu sich kommen. Hier kommt Gloria ins Spiel, die zwar auch nicht so recht weiß, wie richtige Armut funktioniert (obwohl sie es doch wissen müsste!), meldet sich zum Casting und bereitet sich ein wenig auf die Rolle vor: „Die gucken immer ganz traurig, diese Leute!“
Bevor das Spiel mit der Inszenierung von Realität, die so banal und klischeehaft ist, dass man sie gerade deshalb für authentisch hält, in Gang kommt („So was kann man gar nicht inszenieren!“, behauptet die Filmemacherin einmal mit dem Brustton der Überzeugung), sei zumindest noch der Vollständigkeit halber darauf hingewiesen, dass der Film zumindest skizzenhaft versucht, noch eine weitere Realitätsebene einzubauen, die auf die konkrete Realität der Figuren verweist. Auf dieser Ebene ist Das traurige Leben der Gloria S. weitgehend ein Frauenfilm. Da ist die erfolglose, unter prekären Bedingungen lebende Schauspielerin Gloria, die, wiewohl sie in einer nicht unproblematischen lesbischen Beziehung lebt, sich als integraler Bestandteil einer zwar kaputten, aber strukturell der Norm entsprechenden Kleinfamilie inszenieren muss/will. Charlotte, die Filmemacherin, sucht wiederum den Kontakt zur sozialen Realität aufgrund einer diffusen Krisenerfahrung, weil ihre Parameter einer Erfahrung des Politischen nicht mehr zu greifen scheinen. Als „Realitätsprinzip“ fungiert die toughe Filmproduzentin von Lösch, die das fadenscheinige Spiel früh und instinktiv durchschaut (was Margarita Broich ein paar prägnante One-Liner beschert). Auch am Set fallen die Figuren immer mal wieder aus ihren Rollen und geben „Privates“ preis, wenn etwa die Schauspieler die Qualität ihrer Authentizität durch Flirts abschöpfen wollen.
Was sich im Folgenden ereignet, ist Mediensatire par excellence (und taugt zudem als kritische Reflexion auf überkommene Grundannahmen eines bloß naiven Dokumentarismus): Gloria erarbeitet sich mit den Mitteln eines entfesselten Method Acting eine ‚echte‘ Hartz-IV-Biografie, die ungefähr so aussieht: Vater, Mutter, Kind. Eine Familie. Und dann: Knast, Alkohol, Arbeitsamt, Alkohol, Schwangerschaft, Alkohol. Was vergessen? Klar: Vergewaltigung im Knast. Häusliche Gewalt. Hartz-IV. Ganz schön trostlos, aber so ist das Leben nun einmal. Oder zumindest manchmal. Charlotte, die es nicht besser weiß, akzeptiert dankbar, was Gloria ihr anbietet, und verteidigt ihr Projekt auch gegen sich schnell einstellende Einwände: das ‚wahre‘ Leben sei eben nicht so, wie man es aus dem Kino und dem Fernsehen kenne. Jetzt geht der Film entschieden dorthin, wo es weh tut. Weil Gloria sich eine brachiale Biografie erfindet, die genau das liefert, was sie als nachgefragt wähnt, ist sie rasch gezwungen, das zu tun, was sie auch sonst nicht gut kann, aber häufig macht: improvisieren. Einmal sitzt Gloria in der Küche und ihr gegenüber das Filmteam. Was macht die durchschnittliche, traurige Hartz-IV-Empfängerin, die morgens in der engen Küche ihrer kleinen Wohnung sitzt? Sie kocht sich einen Kaffee, führt Selbstgespräche und ist sehr, sehr traurig: „Na, dann trinke ich mal meinen Kaffee … Elf Uhr erst, der Tag dehnt sich … Vielleicht ruft ja noch jemand an … Vielleicht das Arbeitsamt … und hat einen Job für mich … aber erst mal trinke ich noch einen Schluck Kaffee.“ Das sei doch nun wirklich total authentisch, findet Charlotte und bricht den Dreh erst ab, als Gloria unvermittelt beginnt, mit ihren konventionellen Off-Theater-Mitteln die Szene ins Absurde zu weiten und zu extemporieren. Charlotte hat also offensichtlich eine recht genaue Vorstellung davon, wann Authentizität umschlägt ins Inszenierte. Andererseits – und auch hier ist Das traurige Leben der Gloria S. sehr genau – schreiben sich die Konventionen und Kunstfertigkeiten des Spielfilms immer deutlicher in den Dokumentarfilm ein: Szenen werden geprobt, Kamerabewegungen antizipiert, kunstgewerbliche Filmzitate eingebaut, Einstellungen abgebrochen – und schließlich wird sogar konkret in Glorias Leben eingegriffen, damit der Film keinen Schaden nehme. Andererseits versucht Gloria längere Zeit ihr richtiges Leben aus ihrem dokumentierten Leben herauszuhalten, was dem Film eine gewisse Warhol’sche Qualität verleiht. An einer Stelle, als Gloria das Filmteam einmal bewusst ausschließt, damit ihr „Spiel“ nicht auffliegt, heißt es bezeichnenderweise über den nicht-dokumentierten Zwischenfall: „Spannender als das, was die ganze Zeit gewesen ist, wird’s wohl schon gewesen sein.“ Trotzdem – so eine Biografie braucht eine dramaturgische Entwicklung – hat Gloria über kurz oder lang ihre ganze Theatergruppe in ihr zweites „Leben“ integriert: der gewalttätige Ex-Mann, die schwangere Tochter, deren Freund, dazu noch jemand für die Hartz-IV-Deko. Doch so dilettantisch und überzogen – der „kleinkriminelle Freund“ der „Tochter“ rekurriert bei seiner Darstellung natürlich auf Taxi Driver! – die Schauspieler auch agieren, so steht und fällt das ganze Projekt doch mit dem Engagement des Filmteams. Die lange verdeckte Machtfrage wird virulent, als der Schwindel durch einen Zufall auffliegt. Jetzt improvisiert das indignierte Filmteam: Während sich Glorias „Familie“ vom Projekt verabschiedet, schlüpft die hartgesottene Filmproduzentin Margarete von Lösch kurzerhand in die Rolle der strafenden Behörde, die die Hartz-IV-Empfängerin Gloria ordentlich an die Kandarre nimmt: „Das riecht hier aber nach Zugewinn!“ Gloria wird verdonnert, ihr Honorar durch einen Arbeitseinsatz auf einer Ex-LPG abzuarbeiten. Das Filmteam kann ihr leider nicht helfen: Schließlich drehe man ja eine Dokumentation, da müsse schon aus Gründen der Authentizität jede Wende des Schicksal mitgemacht werden. Das Problem: Wenn es jetzt „Danke! Aus!“ heißt, dann gilt das lediglich fürs Filmteam – die Protagonistin muss weiterarbeiten. Am Schluss dann der Film Das traurige Leben der Gloria S. auf der „Berlinale“: Bilder von starker Authentizität erzählen vom wahren Leben, von wirklichen Schicksalen, von den Problemen, Träumen und Wünschen einfacher Menschen, Bilder, denen in der Post-Produktion die Farben entzogen wurden, kunstfertige, ambitionierte Bilder, elegant montiert, aber schonungslos. Unterlegt von repetitiven Klavier-Stakkato. Bilder, die man nicht so schnell vergisst.
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