SECHSFACH VERLIEBT
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von Richard Garay
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Im Februar wird es wieder eine Gay-Kurzfilmnacht geben: ein Programm mit sechs Filmen, das in sechszehn Kinos bundesweit gezeigt wird. Also ein nicht-heterosexuelles Kinoereignis, auf das man in der SISSY unbedingt hinweisen sollte. Aber wie schreibt man über sechs einzelne Beiträge, die auf den ersten Blick nicht viel mehr gemeinsam haben, als dass sie kurz sind? Unser Autor schwärmt und verzweifelt.
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Ich habe jetzt keine Lust, schon wieder über das Format „Kurzfilm“ an sich zu schreiben: dass man sich da ausprobieren, etwas auf den Punkt bringen, sich Freiheiten angesichts des überschaubaren Aufwands nehmen kann, dass das alles per se knackig, experimentell, jugendlich rüberkommt, weil Kurzfilme ja oft von FilmstudentInnen gemacht werden, die ihr ganzes überschäumendes Talent in die kurze Form bringen, bevor es ernst wird und Richtung Spielfilmdebüt geht. Das stimmt hier zwar alles, aber damit wird man keinem der sechs Filme gerecht.
Wie also kriege ich diese sechs tatsächlich großartigen Kurzfilme unter einen Hut und in einen Text?
Aufzählungen. Zunächst mal sechs Namen für sechs Hauptfiguren: Lucho, Jérémie, Joe, Greg, Maurice und Bobby. Alles Jungs, klar. Typisch. Und schwul, allesamt. Lucho und Maurice sind ziemlich jung, sie sind zwar schon interessiert, aber da passiert noch nichts. Bei Jérémie passiert zum ersten Mal was, Maurice hat schon einen Freund und Bobby schon ein gebrochenes Herz. Joe ist 20, Designstudent und ein bisschen pervers; der erlebt ein erstes Mal der etwas anderen Art. Aber aus lauter Namen kann man noch keine Schwärmerei machen.
Sechs erste Bilder. Eine gegenüberliegende Hauswand in sepiafarbener Abendsonnenstimmung, geöffnete Fenster. In einem kann man einen attraktiven Jungen in geöffnetem Hemd und gelben Shorts sehen – aus der Beobachterperspektive von Lucho, der sehr interessiert hinschaut. Ein anderer Junge in der Dusche, hinter dem jemand zärtlich seinen Namen flüstert: „Jérémie!“ Das stellt sich, spätestens mit dem Eintreten der Mutter ins Badezimmer, als erotische Fantasie heraus. Joe schaut dagegen direkt im ersten Bild ängstlich und erregt zu uns auf. Seine Wangen sind leicht gerötet, seine Sommersprossen treten deutlich hervor, seine Augen sind herausfordernd und ängstlich zugleich. Es ist Tim, dem dieser Blick eigentlich gilt. Joe hat Tim gerade kennen gelernt und möchte gerne was mit ihm anstellen – beziehungsweise möchte er, dass Tim was mit ihm anstellt. Ein anderer Junge tanzt in Slowmotion zu Gesängen der Fidschi-Inseln, hat eine blöde Sonnenbrille und einen noch blöderen Strohhut auf und – natürlich – ein Fidschi …, nein, ein Hawaihemd an. Offensichtlich hat er eine gute Zeit. Maurice dagegen sehen wir im ersten Bild seiner Geschichte auf dem Fahrrad. Nicht zum letzten Mal, denn Maurice ist immer unterwegs und will immer weg – ohne tatsächlich einen Schritt weiter zu kommen. Im letzten ersten Bild fällt Schnee vom schwarzen Nachthimmel, durch den schließlich Bobby tritt und kurz zögert. Er befindet sich vor einer Schwulenbar und überlegt sich, ob er mit seinen ewigen Zweifeln und seinem so maßgeblich gebrochenen Herzen diesen Raum voller Männer betreten soll (was er natürlich wenige Augenblicke später macht). Erste Bilder voller Erwartungen, voller Spannungen und mit angespannten und erwartungsfrohen Helden darin.
Sechs erste Sätze. „Wird es weh tun?“ Das ist so gemeint, wie man es in einem Filmprogramm mit schwulen Jungs erwartet. „Hallo, wie war’s in der Schule?“ Naja, so ein erster Satz kommt auch nicht gerade unerwartet. „Jérémie!“, das hatten wir schon, da stöhnt jemand den eigenen Namen. Aber „Hast du schon das mit Chichi gehört?“ ist hintergründiger – er etabliert, in einem Gespräch zwischen Nachbarin und Mutter, die Gerüchteküche, die Sozialkontrolle und das Lauern auf vermeintliche Schwächen der Mitmenschen. Diese Chichi soll schwanger sein. Und Lucho soll – aber das weiß außer uns noch keiner – auf Jungs stehen. „Mach dich nicht lächerlich!“ sagt sein Vater zu Greg, und er weiß genau warum. Greg ist ein unkontrollierbares Bündel nicht ausreichender Männlichkeit, für seinen Vater ein ständiger Quell der Unsicherheit und des Ärgers. Dass Greg sich am Ende als „Franswa Sharl“ (eigentlich „Françoise Charles“, aber er ist Australier und kann das nicht aussprechen) für den Beauty-Contest der „Miss Fidschi“ anmelden und in einer aufreizenden Choreographie dem Vater vor die Urlaubskamera hüpfen wird, ahnt dieser jetzt schon, will es aber noch nicht wahrhaben. Schließlich der programmatischste unter den ersten Sätzen, und der ist für Bobby: „Wahre Liebe ist noch niemals reibungslos verlaufen.“ Behauptet ein Erzähler mit einer völlig emotionslosen Stimme, während Bobby durch den Schnee tritt. Und dann begleitet er Bobby kühl durch seine Träume und Ängste, bis Bobby schließlich das Gerede über ihn zum Schweigen bringt und endlich glücklich ist und die wahre Liebe erkennt, die ihm begegnet.
Aber was fangen wir jetzt mit all diesen Jungs, Bildern und Sätzen an? Kann man mit diesen ziemlich willkürlichen Vergleichen tatsächlich das Staunen, den Witz, die Verwirrung und das Angemacht-Sein beschreiben, das mich hier in sechs verschiedenen Geschichten ergreift? Muss ich nicht einfach das Besondere erwähnen, das jede einzelne davon auszeichnet? Die durchgeknallte Fischi-in-den-80ern-Szenerie in Franswa Sharl zum Beispiel oder die verstörende emotionale Zerrissenheit, die sich am Ende von L’Ami enthüllt, nachdem man zuerst eine nette kleine Gay-Teenie-Romanze zu sehen glaubte? Die Geschichte einer Erniedrigung, die sich am Ende als Kick entpuppt (Spring), die großartige Beziehung eines Jungen und seiner Mutter, die es beide nicht erwarten können, flachgelegt zu werden (Cappuccino), die glasklar in den Bildern durchgespielte Liebesbeziehung, die der Held durch sein unsicheres Geschwätz beinahe verhindert (Bedfellows), schließlich das erotische Spiel zweier Nachbarn, das zur Katastrophe führt (Blokes).
Jetzt schreibt man hier gerne sowas wie „eine Reise durch …“, „ein Mix aus …“ oder betont ein Spektrum oder eine Spannbreite. Ich kann nur einen Kinoabend empfehlen, der zwar aus unterschiedlichen Teilen besteht, der sechs Anfänge hat, sechs Pointen und sechs Helden, den man aber trotzdem nicht durch sechs teilen möchte. Dazu hat am Ende zu viel erlebt. Im besten Fall: sich sechsmal verliebt.
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