„LEBEN SIE EIGENTLICH GERN?“
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von Christoph Meyring
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Im September sind zwei Filme aus dem übergroßen Fassbinder-Werk erstmals auf DVD erschienen: „Ich will doch nur, dass ihr mich liebt“ und „Despair – Eine Reise ins Licht“. Diese kurz vorzustellen ist für SISSY Ehrensache.
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Diese ebenso schlichte wie schwerwiegende Frage richtet die Psychologin Erika Runge am Ende von Rainer Werner Fassbinders 1976 ausgestrahltem (und jetzt in restaurierter Fassung bei Euro Video als DVD vorliegendem) TV-Film Ich will doch nur, dass ihr mich liebt an den wegen Totschlags zu zehn Jahren Haft verurteilten Peter Trepper (Vitus Zeplichal), und der weiß außer Kopfschütteln keine Antwort darauf. − Peter ist eigentlich ein guter Junge. Das sagen alle, denn Peter, der Maurer, hat für seinen Vater (Alexander Allerson) und seine Mutter (Ernie Mangold), die gemeinsam eine Gastwirtschaft im Bayerischen Wald betreiben, an den Wochenenden ein schönes Haus gebaut. Doch große Zuneigung bringt ihm das nicht ein. „Genau zwei Wochen“, so informiert uns einer von mehreren den Bilderfluss unterbrechenden Zwischentiteln, „liebten die Eltern ihn für seine Arbeit an dem Haus, dann war alles wie früher“, und das heißt, auch in seiner Kindheit umfing Peter nur Kälte. Vielleicht aber liebt ihn Erika (Elke Aberle), die Apothekenhelferin und ein gutes Mädchen ist, ja wirklich. Nachdem Peter und Erika geheiratet und in die winzige Wohnung nach München gezogen sind − ein Fortgehen, über das die Eltern ihre Freude kaum verbergen konnten − schuftet er hart auf dem Bau, um die Miete sowie die Raten für Möbel, Fernseher und die viel zu kostspieligen Geschenke an die junge Ehefrau finanzieren zu können. Sie schenkt ihm im Gegenzug einen Sohn, was die finanzielle Lage noch verschlimmert, bis schließlich der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht. Doch Peter ist körperlich wie seelisch mittlerweile ohnehin am Ende: Er geht nicht mehr zur Arbeit, streift nur noch ziellos in der großen Stadt umher und erschlägt schließlich in Verwirrung einen Gastwirt, der stark an seinen Vater erinnert.
Die affektgesteuerte Tat, auf die Fassbinders freudianisch angehauchtes und zudem durch die eigene Biographie beeinflusstes (die eigene, hassgeliebte Mutter hat sogar einen Kurzauftritt) Sozial-Psychodrama hinausläuft, basiert auf einem wahren Fall, den der Regisseur in der 1972 publizierten Studie „Lebenslänglich – Protokolle aus der Haft“ auffand. Seine in nur 25 Tagen abgedrehte Filmerzählung enthält mehrere, die Psycho-Logik unterstützende chronologische Sprünge und zeichnet sich durch eine brillante Kameraführung (Michael Ballhaus) aus, die die Situation des Eingesperrtseins dadurch zum Ausdruck bringt, dass sie die Charaktere häufig mit Mauern und Barrieren bedrängt oder in Spiegelrahmen und andere optische Begrenzungen einzwängt. Befremdlich für heutige Kinoaugen wirkt sicherlich die − an Brechts episches Theater erinnernde und zuweilen schon auf Elfriede Jelineks Popanzparaden vorausdeutende − Spielweise, die Fassbinder seinen Darstellern verordnete. Denn die agieren oftmals wie fleischgewordene, ferngesteuerte Sozialklischees oder somnambule Puppen, die wie weggetreten abgenutzte Sätze ausspucken. Manchmal stellt sich auch eine geradezu märchenhafte Atmosphäre ein, etwa wenn Ernie Mangold (als Mutter) ihren grundnaiven und nach Liebe hungernden Sohn mit den eiskalten Blicken einer Schneekönigin zurückweist − ein wohl nicht ganz unbeabsichtigter Effekt, trägt doch das Drehbuch bereits den Untertitel „Ein Märchen von den Zwängen“.
Um Zwänge geht es auch in Fassbinders − nun ebenfalls auf DVD erhältlicher − Nabokov-Verfilmung Despair (dt. Verzweiflung) aus dem Jahr 1978. Und deren Protagonisten, dem exilrussischen Berliner Schokoladenfabrikanten Hermann Hermann (Dirk Bogarde) könnte man ebenfalls zu Recht die Frage stellen, ob er denn eigentlich gerne lebt. Hermann nämlich, den bereits erste Symptome einer Schizophrenie heimsuchen, fühlt sich auch bedrängt und eingezwängt − durch seine geschäftlichen Verpflichtungen, durch seine strunzdumme Ehegattin Lydia (Andrea Ferréol), die zudem mit ihrem Cousin fremdgeht, und durch die um 1930 schon sehr erstarkte Nazi-Bewegung. Deshalb setzt Hermann, nachdem er auf einer Kirmes seinen exakten Doppelgänger namens Felix (Klaus Löwitsch) getroffen hat, einen ebenso raffinierten wie perfiden Plan ins Werk: Er schließt bei Herrn Orlovius (Bernhard Wicki) eine Lebensversicherung ab, tauscht mit Felix Kleidung und Papiere aus, erschießt diesen dann und setzt sich finanziell abgesichert in die Schweiz ab. Doch das perfekte Verbrechen ist ihm dennoch nicht gelungen, da er in seinem Wahn etwas Entscheidendes übersehen hat, das die Zuschauer von Anfang an gar nicht übersehen konnten.
Despair − Eine Reise ins Licht markiert in Fassbinders filmischem Werk eine wichtige Station, sofern es sich dabei um seinen ersten internationalen, in englischer Sprache und mit großem Budget (in den Münchner Bavaria-Studios) gedrehten Film handelt, in dem mit Bogarde und Ferréol zwei echte Weltstars mitwirken. Die sehr gelungene Ausstattung, zum Teil im Art-Deco-Stil, besorgte Oscar-Preisträger Rolf Zehetbauer. Obwohl es Fassbinder (und seinem Kameramann Michael Ballhaus) gelingt, Hermanns geistige Dissoziierung visuell durch allerhand Verschiebungen und Verzerrungen vortrefflich einzufangen und − nicht zuletzt in Form eines eigens produzierten Stummfilmstreifens − auch thematisch auf das Medium Film zu beziehen, erreichte Despair 1978 auf dem Filmfestival von Cannes keine allzu große Beachtung. Seinen internationalen Durchbruch schaffte das früh verstorbene Kino-Genie erst ein Jahr später mit Die Ehe der Maria Braun. Vielleicht ist der Grund für diesen Misserfolg darin zu sehen, dass der komplexe Film seine Zuschauer zu gesteigerter gedanklicher Mitarbeit herausfordert − in seiner heutigen Schnittfassung (119 Minuten) noch mehr als in seiner dreißig Minuten längeren, aber leider verschollenen Originalfassung.
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