LÜCKENFÜLLER

von Hanno Stecher

Die Teddy-Jury der diesjährigen Berlinale war begeistert: „Als der fesselndste, topaktuelle Film in der Auswahl, befindet die Jury, dass der Film den Geist des Award zelebriert.“ Vielleicht hat auch sie die Leerstellen der Erzählung mit eigenen Seh(n)süchte aufgefüllt – um nichts anderes geht es nämlich in „Ausente“. Ab dem 12. Januar läuft der zweite Spielfilm von Marco Berger im Kino an.



Ein baumelnder Fuß, feine Brusthaare, eine Hand, Augen, Zehen, ein behaarter Bauchnabel, Achselhaare. Zu unheilvoller Kontrabassmusik nähert sich der argentinische Regisseur Marco Berger im Vorspann zu Ausente in verschiedenen Einstellungen dem Körper seiner Hauptfigur, dem Schüler Martín (Javier De Pietro). Irgendwann filmt die Kamera dann aus weiterer Entfernung und das Körperpuzzle entpuppt sich als Examination des jungen Mannes durch einen Schularzt, was den voyeuristischen Charakter der Bilder noch unterstreicht. Die Anfangssequenz weckt Begehrlichkeiten, der junge Mann wird zum Objekt und bleibt gleichzeitig völlig abstrakt. Sie lädt den zentralen Protagonisten von Ausente, einen sechzehn Jahre jungen Mann, sexuell auf. Dieser bleibt allerdings nur für einige kurze Szenen Objekt der Begierde. Bald reißt er das Ruder herum und bestimmt selbst das Geschehen.

Die Story von Ausente, dem Film, mit dem Berger bei der diesjährigen Berlinale den Teddy gewonnen hat, folgt entlang der ersten zwei Drittel einer Art queerem Lolita-Motiv: Ein junger Mann täuscht während des Schwimmunterrichts Schmerzen im Auge vor. Sein Ziel ist es, von seinem Lehrer, einem eher unauffälligen, ruhigen Mann namens Sebastián (Carlos Echevarría), zum Arzt gefahren zu werden. Der Lehrer willigt ein, was eine längere Auto-Odyssee nach sich zieht, da sich Martín nach dem (natürlich unnötigen) Besuch des Krankenhauses eine Ausrede nach der anderen einfallen lässt, um nicht nach Hause zu seiner Familie zurückkehren zu müssen. Er setzt sich durch: Diese Autofahrt endet in der Wohnung des Lehrers, der sich nach Absprache mit seiner Freundin entschlossen hat, den Schüler trotz der Gefahr eines Disziplinarverfahrens bei sich übernachten zu lassen. Damit ist Martíns Plan offensichtlich aufgegangen, während sich Sebastián alle Mühe gibt, angesichts der sich plötzlichen einstellenden Intimität, seine Autorität zu untermauern. Eine nächtliche Szene, in welcher sich Martín schließlich in sein Zimmer schleicht und seinen schlafenden Körper berührt, zeigt schließlich, wie groß seine Obsession gewesen sein muss.

In seiner Inszenierung erinnert das alles an einen Thriller mit dem bekannten Motiv des unbescholtenen Menschen, in dessen Leben sich unverhofft ein Fremder einnistet, der die Freundlichkeit seines Gastgebers ausnutzt. Doch hier führt Ausente den Zuschauer in die Irre, um bald eine zweite, noch tragischere Seite zu offenbaren: Kurz nach der Konfrontation zwischen Lehrer und Schüler (Sebastián findet heraus, dass der Schützling ihn bewusst getäuscht hat und stellt ihn zur Rede) dreht sich die Erzählung um 180 Grad und Berger rollt alles Geschehene noch einmal neu auf. Plötzlich wird klar, dass die intime Begegnung mit dem Jungen bei Sebastián mehr Spuren hinterlassen hat als bislang verraten. Tiefe Spuren. Und so widmet sich der zweite Teil des Films den Leiden eines Mannes, in dem unverhofft eine Sehnsucht geweckt wurde, die sich nie einlösen lassen wird. Was der Film vorher spannungsvoll als ein Zu-viel an (vor allem körperlicher) Nähe kommuniziert hat, ist nun plötzlich ein Viel-zu-wenig.

Das Grundmotiv von Ausente, das schrittweise Erwachen von Begehrlichkeiten in einer Beziehung zwischen zwei nicht als schwul identifizierten Männern einerseits, sowie das Fehlen eines Kanals für diese Begehrlichkeiten andererseits, findet sich auch schon in Bergers Debütfilm Plan B. Hier kommt ein junger Heteromann auf den gewagten Plan, seiner Exfreundin den Freund auszuspannen, nachdem er erfährt, dass dieser sich auch für Männer interessiert. Nach ersten erfolgreichen Anbahnungsversuchen entwickeln die beiden frisch angefreundeten Kumpel tatsächlich Gefühle zueinander. Wobei Berger die Veränderung der Beziehung von der klassischen Jungsfreundschaft zu etwas, was darüber hinaus geht, in vielen kleinen Stationen erforscht. Wie auch bei Ausente liegt die Stärke des 34-Jährigen dabei in der Genauigkeit, in welcher der das Aufkeimen von Begierden in Gesten, Blicken und sonstigen unterschwelligen Kommunikationsmitteln nachforscht und zugleich die Strategien zeigt, mit welchem das eigene Verlangen in Schach gehalten wird.

Während Plan B jedoch eine (wenn auch fast unerträglich langsame) schrittweise Annäherung der beiden Männer zeigt und man den Film eine Art diskrete Romanze nennen könnte, bleibt bei Ausente alles virtuell. Allerdings ist es diese Abwesenheit von Nähe und Sex, welche die eigentliche Spannung des Filmes ausmacht und das Begehren sowohl auf der Leinwand als auch beim Zuschauer sogar noch verstärkt. Dabei entzieht sich Berger, der den Film ursprünglich als Kurzfilm über eine ähnliche Geschichte zwischen einem 12- und einem 18-Jhrigen anlegen wollte, jeglicher moralischen Wertung oder Einordnung. Das Thema Altersunterschied ist daher für den Film letztlich zweitrangig, viel mehr geht es ihm darum, abzubilden, wie zwei Menschen mit gesellschaftlichen Normen umgehen, und wie diese Normen ihr Handeln und ihre Gefühle bestimmen. Bleibt dahingestellt, was die Teddy-Jury mit „topaktuell“ gemeint hat, „fesselnd“ ist Ausente tatsächlich allemal.

 

 


 
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