DIE HERRIN VON SHIBDEN HALL
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von Jessica Ellen
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Empirekleider, Geheimschriften und nordenglischer Nebel sind genau das richtige für unsere Autorin. Wären diese Kostümdramen nur nicht immer so platonisch … Henry Kents Biopic über die ausgesprochen lesbisch orientierte Anne Lister geht einen Stiefelschritt weiter. „Die geheimen Tagebücher der Anne Lister“ werden vor der DVD-Veröffentlichung in der Januar-L-Filmnacht auch im Kino zu sehen sein.
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Anfang der neunziger Jahre stieß ich in einer Londoner Buchhandlung auf das Tagebuch einer erstaunlichen Frau, die zu ihren Lebzeiten nie daran gedacht hätte, es zu veröffentlichen. Anne Lister (1791–1840) lebte in Halifax, Yorkshire und wurde nach dem Tod ihres Bruders und Onkels Erbin des Landgutes Shibden Hall. Sie führte ihr Tagebuch in einer von ihr entwickelten Geheimschrift, die die Literaturwissenschaftlerin Helena Whitbread 150 Jahre später entschlüsselte und die Aufzeichnungen aus Annes emotional turbulentesten Jahren veröffentlichte. Ich las in einer Zeit, in der die historische Frauenforschung den Frauen des neunzehnten Jahrhunderts eine lesbische Identität und ein aktives Ausleben ihrer Sexualität generell absprach, fasziniert das Bekenntnis der damals 30-jährigen Anne: “I love and only love the fairer sex and thus, beloved by them in turn, my heart revolts from any love than theirs.” („Ich liebe und liebe nur das schönere Geschlecht und so, von ihnen gleichfalls geliebt, revoltiert mein Herz gegen jede andere Liebe, als die ihre.“)
Als ich vor kurzem erfuhr, dass Anne Listers Tagebücher von James Kent verfilmt worden waren, kannte meine Vorfreude keine Grenzen: Ich liebe sorgfältig recherchierte Historienfilme, besonders, wenn sie im frühen 19. Jahrhundert spielen. Keine Jane-Austen-Verfilmung, die ich nicht gesehen hätte. Schöne Frauen in hinreißenden, das Dekolleté betonenden Empirekleidern, einander leidenschaftlich, wenn auch platonisch zugetan, und eine starke Emanzipationsgeschichte in nebelverhangener nordenglischer Landschaft – Dramen ganz nach meinem Geschmack. Und Anne Lister, die unerschrocken lesbische Avantgardistin, krönt als das ultimative Sahnehäubchen die Torte …
Bei so hohen Erwartungen hätte ich auch enttäuscht werden können, aber das war glücklicherweise nicht der Fall.
Der Film setzt etwas früher als die Buchveröffentlichung an und führt fast beiläufig seine Protagonistinnen ein: Anne und Marian, die über den reichen, alten Witwer Charles Lawton lästern, von dem es heißt, er habe seine Frau umgebracht. Sie küssen einander zwischen alten Bäumen und träumen von einer gemeinsamen Zukunft. Doch kurz darauf folgt eine böse Überraschung für Anne: Marian heiratet eben diesen Mann, von dem sie sich einen entsprechenden Lebensstandard und ein respektables Erbe erhofft, denn Anne verfügt noch nicht über eigene Mittel, um ihr das zu bieten – so zumindest ihre Begründung. Ein Jahr lang kein Wort von M., die zu ihrem Mann nach Cheshire gezogen ist. Anne stürzt sich in das Studium von Sprachen, wehrt erfolgreich Versuche von Onkel und Tante ab, sie zu verheiraten, schläft mit ihrer Verflossenen Isabella, genannt Tibbs, was in dieser neue Hoffnungen weckt. Außerdem flirtet sie ein wenig mit der jungen Kaufmannstochter Miss Brown, doch diese ist ihr auf die Dauer zu naiv und uninteressant.
Beide können Marian nicht ersetzten, und als die plötzlich wieder schreibt und ein Treffen zu zweit in Aussicht stellt, ist Anne nicht zu halten. Aber sie wird wieder enttäuscht: Ehemann Charles hat sich angeschlossen. Schließlich schafft M. es, Anne zu ihrem Geburtstag zu besuchen. Sie kaufen sich Verlobungsringe und versprechen sich ewige Treue. Tibbs ist eifersüchtig und fängt an zu trinken, was schließlich auch zu einem Zerwürfnis zwischen ihr und Anne führt. M.s Ehemann, gar nicht so kränklich wie von ihr behauptet, schöpft Verdacht. Ein abgewiesener Freier, dem es natürlich nur um Annes Land und die darin vermuteten Kohlevorkommen geht, hat ihm etwas zugeflüstert. Nichts scheint mehr möglich, da nehmen die Ereignisse auf Shibden Hall eine unerwartete Wendung: Annes Onkel stirbt, und sie wird mit ihrer gebrechlichen alten Tante Herrin des Anwesens. Sie drängt Marian, sich endlich von Lawton zu trennen und mit ihr zusammen zu leben. Doch Marian weigert sich. Sie möchte, dass alles so bleibt wie es ist, weil sie Angst vor dem Gerede der Leute und dem Verlust der Reputation hat, vor der sozialen Ausgrenzung, die das zur Folge hätte. Jetzt hat Anne endgültig genug von der Hinhaltetaktik ihrer Liebsten und trennt sich von ihr.
Anne möchte selbst Kohle fördern, doch dazu fehlt ihr das nötige Kapital. Da kommt ihr sehr gelegen, dass die junge und zudem attraktive Anne Walker in Halifax ein riesiges Vermögen geerbt hat und sich vor Mitgiftjägern kaum retten kann. Aus der reinen Geschäftsverbindung wird Freundschaft und schließlich eine Lebensgemeinschaft. Die gute Gesellschaft von Halifax hat ihren Skandal; man nennt Anne Lister, die schon immer als gebildeter, aber auch exzentrischer „Blaustrumpf“ galt, „Gentleman Jack“, und irgendein Neider setzt eine Annonce in die lokale Zeitung, die die Hochzeit zwischen einem „Mr. Jack Lister“ und Miss Anne Walker verkündet. Die beiden Frauen lassen sich nicht beirren. Endlich ist Annes Wunsch nach einer Lebensgefährtin, die zu ihr steht, in Erfüllung gegangen.
Noch einmal taucht Marian bei ihrer Ex auf; ihr Mann vergnügt sich mit anderen Frauen. Jetzt möchte sie ihre „Fredi“ – so hatte sie Anne in den gemeinsamen Zeiten zärtlich genannt – zurück, glaubend, dass diese nur auf ihre Rückkehr gewartet hätte. Aber sie irrt sich. „Ich heiße Anne“ ist die kühle Reaktion.
Im Nachspann erfahren wir, dass Miss Lister und Miss Walker viel auf Reisen gingen. Eine Leidenschaft, die Anne das Leben kosten sollte. Sie starb mit nur neunundvierzig Jahren in einem kaukasischen Dorf an einem Fieber, und ihrer Gefährtin blieb nur noch, die tote Anne nach Yorkshire zu begleiten, wo sie begraben wurde.
Ich habe viel von Annes Tagebüchern im Film wieder gefunden. Nicht nur von den Ereignissen, die sie beschreiben, sondern auch vom Geist, aus dem sie entstanden: sowohl dem der Autorin als auch dem Zeitgeist. Anne, der als Frau keine Universität offen stand und die sich nur dem Selbststudium widmen konnte, gehörte als erstes weibliches Mitglied überhaupt dem Führungskomitee der „Literary and Philosophical Society“ an. Ihr Schreiben ist von einem großen Bedürfnis nach Selbsterkenntnis geprägt und zitiert programmatisch Rousseau, den sie besonders schätzte: “I know my own heart and understand my fellow man. But I am unlike anyone I ever met.” („Ich kenne mein eigenes Herz und verstehe meine Mitmenschen. Aber ich gleiche niemandem, den ich je getroffen.“) An anderer Stelle schreibt sie: “I am resolved not to let my life pass without some private memorial that I may hereafter read, perhaps with a smile, when time has frozen up the channel of those sentiments which flow so freshly now.” („Ich bin entschlossen mein Leben nicht vorbeiziehen zu lassen, ohne einige private Erinnerungen, dass ich sie später lesen möge, vielleicht mit einem Lächeln, wenn die Zeit die Kanäle jener Gefühle hat gefrieren lassen, die jetzt so frisch noch fließen.“)
Es dürfte nicht leicht gewesen sein, die Tagebucheintragungen für den Film in fein geschliffene, scharfzüngige Dialoge in der Sprache des neunzehnten Jahrhunderts zu verwandeln – Wortgefechte, aus denen die schlagfertige Anne meist als Siegerin hervorgeht, die selbst in ihren Niederlagen zwar manchmal die Fassung, aber nie ihre Würde verliert. Dabei ist der Film keineswegs zu dialoglastig geraten, sondern entfaltet seine Wirkung gleichermaßen durch die Bilder, die Situationen und ProtagonistInnen, die zwar in den restriktiveren Bedingungen einer anderen Zeit agieren, aber uns doch modern genug erscheinen, dass wir uns in ihnen erkennen. Bei der Besetzung wurde nicht auf Prominenz gesetzt, sondern auf fähige, aber nicht international bekannte SchauspielerInnen; auch das eine richtige Entscheidung. Anne ist ein eher herber Rotschopf, meist sehr beherrscht, aber manchmal geht das Temperament mit ihr durch – dann rennt sie z. B. durch Moor und Heide der Kutsche entgegen, die ihre peinlich berührte Liebste bringt. Notfalls kann sie auch mit Pistolen umgehen, gibt diese Fertigkeit auch gern weiter und lässt sich selbst von bezahlten Raufbolden nicht einschüchtern. Marian dagegen erscheint von Kopf bis Fuß ladylike, mit Porzellanteint und einem Gesicht wie gemalt – fast überirdisch schön, aber eben auch feige und opportunistisch. Tibbs wiederum ist eine Figur sehr von dieser Welt, nicht aus Äther, sondern aus Erde; dunkel, fast grob.
Der Gegensatz zwischen den Charakteren wird in der Schlussszene auf den Punkt gebracht: Anne und ihre Lebensgefährtin sind in einem Gewächshaus mit dem Umtopfen von Pflanzen beschäftigt, die Hände voller trockener Erde, als Marian aus dem Nichts wie ein Luftgeist auftaucht – und abgewiesen wird.
Ein Genuss ist es auch, wie die Kleidung Annes allmählichen Emanzipationsprozess, der sie immer rationaler und pragmatischer werden lässt, spiegelt. Anfangs sind die schwarzen Kleider – ihr Markenzeichen – noch konventionell, mitunter sogar ziemlich offenherzig, später werden sie immer männlicher – hochgeschlossene Jacke mit Jabot und einem Zylinder, der auf Annes wilden, aber nun streng zurückgenommenen Locken thront.
Der Enge der Innenräume, Abbild gesellschaftlicher Konventionen, in denen selbst die gestohlenen Momente von Intimität zwischen den Frauen immer gestört werden, steht die Weite der Landschaft gegenüber. Dahin flüchtet Anne, um unbeobachtet zu sein und zu sich zu finden, bevor die Gefühle dem Tagebuch anvertraut und in Form gebracht werden. Aber das bedeutet eben auch, da draußen allein zu sein – ohne die ersehnte Nähe zur Geliebten.
Ich hatte es schon geahnt, jetzt bin ich mir sicher: Die geheimen Tagebücher der Anne Lister ist mein persönlicher Favorit für den Film des Jahres.
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