Toro

Toro

In der Welt von Toro und Victor wird nicht viel geredet, da sprechen die Körper. Sport, Sucht, Sex (solange er keinen Spaß macht) sind ihre Kommunikationsmittel. Die naiv erträumte bromoerotische Zukunft, in der gemeinsam geschwiegen werden kann, liegt außerhalb der Bilder, die in der Gegenwart von harten Gegensätzen geprägt sind. Martin Hawies zweiter Film, uraufgeführt in der Berlinale-Sektion Perspektive, ist ein kontrastreiches Genrestück, in dem es kein Grau und keinen Zwischenton gibt. Von Alexandra Seitz.
Take Me for a Ride

Take Me for a Ride

Ein Lichtstrahl, der durch Baumkronen bricht; ein Sommerkleid, das im Wind weht; nackte Füße, die über feuchtes Laub wandern; das Rauschen des Meeres. Für ihr sinnlich-konzentriertes Coming-of-Age-Drama über zwei Einzelgängerinnen, die zu einem intimen Paar verschmelzen, findet die junge Regisseurin Micaela Rueda von Beginn an eine naturverbunden betörende Filmsprache. Die beiden Hauptdarstellerinnen Samanta Caicedo und María Juliana Rángel entwickeln die Beziehung zwischen Sara und Andrea ohne viele Worte, sondern mit zärtlichen Blicken, Küssen, Berührungen. Ein Film der leisen Zwischentöne und großen Empfindungen. Von Jessica Ellen.
Seashore

Seashore

Brasilien im Winter. Die Freunde Tomaz und Martin reisen in die Küstenstadt Porto Alegre, um dort Papiere für eine Familienerbschaft zu besorgen. Man merkt sofort: Die beiden kennen sich schon lange, haben eine besondere Vertrautheit, aber sind mittlerweile irgendwie voneinander entfremdet... In ihrem wunderbaren Debütfilm "Seashore", der soeben auf DVD erschienen ist, erzählen Marcio Reolon und Filipe Matzembacher vor einer sinnlich-spröden Strandkulisse und mit wenigen Dialogen von einer Reise, die zu einer allmählichen Wiederannäherung wird. Ihr Road Movie gerät durch seine authentisch agierenden Darsteller und einen bemerkenswerten Sinn für kleine Geste, Blicke und das Nicht-Ausgesprochene in natürliche Schwingung – und durch das politische Engagement, das ihm zu Grunde liegt. Von Toby Ashraf.
Happy End

Happy End

Die Begegnung zweier unterschiedlicher Frauen an einem außergewöhnlichen Ort. Im Spielfilmdebüt von Petra Clever und der „sistas inspiration“ paaren sich Zufälle mit bewährten Rollenfiguren, die im Licht einer narrativen Offenbarung gen Ende doch in neuem Glanz erstrahlen. „Happy End“ ist ein lineares Roadmovie, das nachdenklich, reflektierend, lustig und traurig zugleich sein kann – und das bereits kurz nach seiner DVD-Erstveröffentlichung im Jahr 2014 zu einem lesbischen Liebesfilm-Klassiker avancierte. Von Aileen Pinkert.
Esteros

Esteros

Papu Curottos Langfilmdebüt „Esteros“ ist eigentlich ein schwules Coming-out-Drama, wirkt aber zunächst wie ein Zombiefilm. Dabei erzählen der Regisseur und seine Drehbuchautorin Andi Nachon nur am Rande von schlurfenden Untoten. Ihrem Film mangelt es streckenweise schlicht an Lebendigkeit. Doch wer sich von dem anfänglichen Kleben an filmischen Konventionen nicht verschrecken lässt, wird mit unverhofften Wendungen belohnt – und mit schwelgerisch leichten Landschaftsimpressionen, die von einer Liebe erzählen, die dabei ist, sich zu befreien. Von Carsten Moll.
Auf den zweiten Blick

Auf den zweiten Blick

Eines Tages erhält der Grafikdesigner Dean eine E-Mail von seinem Ex-Freund Alex, von dem er 15 Jahre lang nichts gehört hat. Jetzt will Alex ihn wiedersehen. Nach einigem Zögern entscheidet sich Dean zu einem Treffen und lädt Alex in sein Ferienhaus nach Joshua Tree ein. Dort entflammt sofort die alte Leidenschaft, aber mit der Vertrautheit kommen auch die Zweifel von früher – und die Fragen nach den vielen Jahre dazwischen. Tim Kirkman („Loggerheads“) hat sich in seinem neuen Film auf ein hochemotionales Gedanken­experiment eingelassen – und spielt dabei gekonnt mit den visuellen Möglichkeiten des narrativen Kinos. Von Frank Brenner.
Siebzehn

Siebzehn

Im April ist es in der queerfilmnacht schon kurz vor den Sommerferien. Die Internatsschülerin Paula ist heimlich in Charlotte verliebt. Doch die ist mit Michael zusammen. Und dann bekommt Paula auch noch von Tim den Hof gemacht. Paula muss sich entscheiden, ob sie ihren eigenen Gefühlen folgt oder denen der anderen. Regie-Debütantin Monja Art zeigt in ihrem herrlich unkonventionellen Coming-of-Drama "Siebzehn" das Teenagersein in der niederösterreichischen Provinz als Achterbahnfahrt der Gefühle und in einer Ansammlung von amourösen Minidramen. Draußen hört man Blasmusik, ein Mähdrescher zieht seine Bahnen, und mit etwas Glück kommt bald ein Bus. "Sensibel, entschlossen, wunderbar", lobte die Jury des Max-Ophüls-Preises, als sie "Siebzehn" im Januar auszeichnete. sissy spürt der jugendlichen Sehnsucht nach – und entdeckt ein Verlangen von unaufgeregter Gewaltigkeit. Ein Film über all das, was plötzlich geschehen könnte. Von Tania Witte.
Mapplethorpe: Look at the Pictures

Mapplethorpe: Look at the Pictures

„Ich möchte eine Geschichte sein, die man sich nachts erzählt, in den Betten auf der ganzen Welt“, wünschte sich einst Robert Mapplethorpe (1947-1989), Enfant terrible der New Yorker Künstlerszene der 80er, erotomanischer Bilderästhet und Wegbereiter der Fotografie als Kunstform. Über 25 Jahre nach seinem frühen Aids-Tod gibt es nun einen ersten umfassenden Dokumentarfilm über sein skandalumwittertes Leben und seine bestechend schöne, berüchtigt kontroverse Fotokunst. Der Porträtfilm, den man sich jetzt auch auf DVD anschauen kann, zum Beispiel nachts im Bett, ist zwar inhaltlich vielschichtig, aber formal erstaunlich brav geraten. sissy begibt sich auf eine Passage – vorbei an schwulem SM-Sex und floralen Stillleben, Liebhaber-Akten und High-Society-Porträts. Von Matthias Frings.
I Am Not Your Negro

I Am Not Your Negro

Als der große schwule US-Schriftsteller James Baldwin im Dezember 1987 starb, hinterließ er ein 30-seitiges Manuskript mit dem Titel „Remember This House“. Das Buch sollte eine persönliche Auseinander­setzung mit den Biografien dreier enger Freunde werden, die alle bei Attentaten ermordet wurden: der Bürgerrechtler Martin Luther King, Malcolm X und Medgar Evers. In seinem neuen Dokumentarfilm „I Am Not Your Negro“ schreibt Raoul Peck („Der junge Karl Marx“) Baldwins furioses Fragment nun im Geiste des Autors filmisch fort und verdichtet es zu einer beißenden Analyse der Repräsentation von Afroamerikanern in der US-Kulturgeschichte. Für seinen mitreißenden Essay wurde Peck für den Oscar nominiert, mit dem Panorama-Publikums-Preis der Berlinale ausgezeichnet und weltweit mit Kritikerlob überschüttet. sissy hat sich die Frage nach der queeren Perspektive des Films gestellt – und empfiehlt, genau hinzusehen und hinzuhören. Von Sascha Westphal.
Ira Sachs

Ira Sachs

"Wenn Martin Scorsese der wichtigste Autorenfilmer des New Yorks der 70er und 80er war", schrieb vor kurzem das US-Magazin Vulture, "und Spike Lee jener der späten 80er und 90er, dann wird Ira Sachs nach und nach der maßgebliche Auteur des heutigen New Yorks". Seit seinem vierten Spielfilm "Keep the Lights On" agiert Sachs in der Tat wie kein zweiter Regisseur als ein künstlerischer Seismograf seiner im sozialen Wandel befindlichen Wahlheimatstadt. Anlässlich der DVD-Veröffentlichung seines jüngsten Films "Little Men" erinnert sich sissy an Sachs’ in queeren Kritikerkreisen berüchtigten Debütfilm und an seine Generationen-umspannende New-York-Trilogie, die ihm letztes Jahr sogar eine "mid-career retrospective" im Museum of Modern Art bescherte.