Looping

Trailer • DVD / VoD

In „Looping“, dem Regiedebüt der Filmuni-Babelsberg-Absolventin Leonie Krippendorff, spielen Berlinale-Shootingstar Jella Haase („Lollipop Monster“, „Fack Ju Göhte“), Lana Cooper („Love Steaks“) und Marie-Lou Sellem („Exit Marrakesch“) drei Frauen, die sich in einer Psychiatrie kennenlernen und ineinander verlieben. Unsere Autorin Tania Witte wünscht sich zwar mehr Dialoge, schwärmt aber von magischem Schauspiel und betörenden Bilder.

Foto: Edition Salzgeber

Sicher vor der Realität

von Tania Witte

Leila ist 19 und hat sich irgendwo auf dem Weg zwischen dem Selbstmord ihrer Mutter und dem Herumreisen mit dem Autoscooter-Betrieb ihres Vaters aus den Augen verloren. Ihre beste Freundin Sarah gefällt sich derweil in der Rolle des begehrten Sexobjekts. Dass allerdings auch Leila sie begehrt, nimmt sie nicht ernst. So stolpert Leila ziemlich einsam durch ihre Welt, tanzt und trinkt allein und zeigt der Stripperin im Pornokino ihre Brüste, als die sich nicht für sie ausziehen will.

Eine Dreiviertelflasche Wodka später gabelt sie ein LKW-Fahrer auf, der zunächst sehr nett ist und sie dann vergewaltigt. Am nächsten Morgen wacht Leila in der Notaufnahme auf. Wie sie dort hingekommen ist, was genau mit ihr geschah – es bleibt im Blackout der Nacht verborgen.

„Das, was Ihnen da passiert ist …“, beginnt der Arzt, dann geht sein Telefon und Leila wird entlassen – unter der Auflage, sich freiwillig in eine Psychiatrie einweisen zu lassen. Ja, wirklich: Die junge Frau wird vergewaltigt und landet statt bei der Polizei in der Psychiatrie. Schluck.

Immerhin fährt ihr Vater sie hin, in die Klinik an der Nordsee. „Ich versteh nicht, was plötzlich los ist“, bricht es aus ihm heraus. „Willst du’s wissen?“, fragt Leila zurück. Er schweigt, schenkt ihr aber seine Wollmütze. Eine ebenso liebende wie dysfunktionale Kleinstfamilie.

In der Klinik, die stilistisch irgendwo zwischen den 1960ern und den Depressionsfarben von Ikea angesiedelt ist und in der „Einige Jahre, Andere nur kurz“ bleiben, herrscht Leere. Leilas Leben scheint auf ‚hold‘ gesetzt. Der strikte Therapiealltag solcher Kliniken, die Medikation, das ganze Drumherum wird nur angerissen. Das Leben der Patientinnen, ausschließlich Frauen, erinnert an ein Ferienlager – Kiffen, nächtliche Ausbrüche zum nahegelegenen Club und Einbrüche in die Schwimmbäder leerstehender Ferienhäuser inklusive.

Dass Leila und ihre Zimmergenossinnen – die 35-jährige Frenja und die 52-jährige Ann – irgendwann die Betten zusammenschieben und eine Affäre zu Dritt beginnen, kommt dennoch überraschend. Alles ist smooth und warm und herzlich, keine Ausbrüche, nur hin und wieder Ängste, wenn Ann mal wieder abhaut, weil sie nicht schlafen kann – oder auf den richtigen Moment wartet, um ihr Leben zu beenden. Darüber hinaus ist es ein sicherer Ort, utopisch und surreal. Von den wirklichen Problemen, von der Zerrissenheit und der Verzweiflung, die jede einzelne der drei Frauen umtreiben muss, sickert wenig in die gezeigte Realität des Klinikalltags.

In Flashbacks und Rückblenden wird deutlich, dass Leilas Panikattacken und Bettnässen etwas mit dem frühen Verlust ihrer Mutter zu tun haben müssen, dass Frenja bei ihren Ess-Brechattacken eigentlich ihr ‚großes Herz‘ auskotzt und dass Ann, die laut Frenja ohnehin „nicht gesund wird“, vermutlich mit den Folgen eines frühkindlichen sexuellen Missbrauchs kämpft. Ob sie heilen? Frenja verlässt die Klinik, aber vielleicht kommt sie wieder. Auch Leila geht. Ob Anns Trauma zu bearbeiten ist? Es bleibt offen.

Foto: Edition Salzgeber

Ohnehin ist an diesem dialogarmen Film gerade das spannend, was nicht gesagt wird. Dieser Balanceakt gelingt leider nicht immer. Während Leilas Vater auch mit wenigen Strichen gelungen skizziert ist, wird bei Frenja jede Linie so oft nachgezogen, dass ihre Unsichtbarkeit den Zuschauenden quasi ins Hirn gegraben wird. So tief, wie auch Frenjas Leben verkratzt wird, bis die nur noch frisst und kotzt, nachts am Kühlschrank, und alle schauen weg. Und doch: Ihr Charakter bleibt – der Stellvertreterwut auf Frenjas Familie, ihren Mann, ihren Freundeskreis, aber vor allem Frenja selbst zum Trotz – seltsam blass.

„Looping“ erinnert an ein Erholungsheim von der Realität, an einen mehrwöchigen oder ‑monatigen Drogentrip in einem Safe-Space, der in einer heiklen Umgebung angesiedelt ist: An einem Ort, an dem angebrochene Menschen aufeinandertreffen und der Schmerz das verbindende Element ist, entsteht naturgemäß unverhältnismäßige Nähe. Dass diese – oft ungesunde – Nähe in einer lesbischen Dreierbeziehung endet, scheint weit hergeholt, auch wenn man sich und den drei Frauen wünschen würde, dass sie ihren Schmerz um den kontinuierlichen Missbrauch und die Leere, denen sie in der ‚echten‘ Welt allesamt ausgesetzt sind, durch Sex und Zärtlichkeit auffangen, auffüllen könnten.

Foto: Edition Salzgeber

Durch die großen inhaltlichen Lücken wirkt „Looping“ häufig konstruiert. Zu vage, zu unklar, zu mysteriös bleiben die Charaktere, zu viel wird angedeutet und zu wenig gewinnen die Figuren an Kontur. Was nicht an den Schauspielerinnen liegt, ganz im Gegenteil! Es ist das Drehbuch, das kränkelt. Es wird kaum gesprochen, nie vertieft und die längsten, bedeutungsschwangeren Sprechpassagen pendeln zwischen Fantasiereisen und Selbsthilferatgeber. Warum? Was tun die hier? Warum tun die das? Antworten gibt es nicht, was sicherlich arty, aber doch auch etwas unbefriedigend ist.

Dass der Diplomfilm der Berliner Regiedebütantin Leonie Krippendorff dennoch funktioniert, ist unter anderem der Bildsprache der Kamerafrau Jieun Yi zu verdanken. Yi wie Krippendorff schwelgen in Bildern, in Farben, und erzeugen damit Stimmungen, die das schwache Drehbuch oft auffangen können. Das neblig-verwaschene Wattenmeer und die schweißnassen Clubszenen, die unverkrampfte Nacktheit, das Drehen, das Kreisen, das Verschwimmen formen den Film.

Das – und die großartigen Schauspielerinnen. Besonders Jella Haase, die bei der Berlinale 2016 als European Shootingstar ausgezeichnet wurde, sticht hervor – schon, weil ihr mehr Raum eingeräumt wird als ihren Kolleginnen Marie-Lou Sellem, deren Ann so erdig wie zerrissen wirkt, und Lana Cooper, die Frenja mit einer Sanftmut und Zerbrechlichkeit spielt, die schon beim reinen Zusehen schmerzt. Das Talent der Frauen und die Dynamik zwischen ihnen ist es, was „Looping“ sehenswert macht.




Looping
von Leonie Krippendorff
DE 2016, 106 Minuten, FSK 16,
deutsche OF,
Edition Salzgeber




DVD: € 19,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)


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