Keep the Lights On

 Trailer • DVD / VoD

Als 2012 Ira Sachs „Keep the Lights On“ in die Kinos kam, war plötzlich von einer  ‚Neuen Welle‘ im queeren Kino die Rede: Filme wie „Keep the Lights On“, Andrew Haighs „Weekend“, Dee Rees „Pariah“ oder die Kurzfilme von Travis Mathews verschoben nachdrücklich den narrativen Fokus vom Coming-out zur Selbstbefragung, wie man als Nicht-Heterosexueller überhaupt heute lebt; sie alle wurden bestimmt von losen Erzählungen, genau komponierten Bilder und poetischen Freiräumen. Warum vor allem das New Yorker Liebesdrama, für das Sachs mit dem Teddy-Award der Berlinale ausgezeichnet wurde, ein wunderbares queeres Angebot ans Weltkino ist, hat André Wendler für sissy zusammengefasst.

Foto: Edition Salzgeber

Butterbrot im Kinolicht

Von André Wendler

Es ist eine Szene, intensiv, schön und traurig, wie ich sie selten gesehen habe. Ein Mann sitzt auf dem Sofa seiner Schwester, weint, ist besorgt, aufgeregt. Sie bietet ihm ein Sandwich an und verlangt, dass er davon isst, weil sie sich Sorgen um seinen Gesundheitszustand macht. In Tränen aufgelöst, beginnt er zögerlich an dem Brot zu nagen und sagt dann, dass er es sehr lecker findet, aber gerade nicht davon essen kann. Die Szene ist nicht nur bewegend, weil sie von einem großartigen Schauspieler ausgefüllt wird, sondern weil sie in ihrer herzzerreißenden Einfachheit für den ganzen Film steht, in dessen Mitte sie irgendwo stattfindet. So einfach oder alltäglich wie der Biss in ein belegtes Brot ist der ganze Film: zwei Männer lernen sich bei einem Sexdate kennen, verlieben sich ineinander, gehen eine langjährige Beziehung ein. Geschichten von Zweierbeziehungen sind das Butterbrot des Kinos.

„Keep the Lights On“ taucht ganz in diesem Sinne das Butterbrot in helles Kinolicht. Erik ist nämlich nicht nur irgendeine Filmfigur, sondern er ist selbst ein Filmemacher, der an einem Film arbeitet. „In Search of Avery Willard“ heißt der Dokumentarfilm, den Erik über eine vergessene Undergroundlegende der New Yorker Queer-Kultur dreht. Seine Protagonist_innen werden von Erik interviewt und gefilmt, wir sehen ihn mehrfach beim Sichten und Schneiden des Materials und bekommen an einer Stelle sogar fullscreen und in der gleichen Kadrierung wie unseren Film Bilder eines Filmes von Avery Willard zu sehen. „Keep the Lights On“ könnte sich damit in die sehr gute Gesellschaft von Filmen wie Fellinis „8 1/2“ oder Godards „Die Verachtung“ begeben, seine eigene Selbstreflexivität wäre dann eine Hommage an die Klassiker des Films im Film. Der Film tut genau das, begnügt sich aber nicht mit der historischen Referenz, sondern bringt sie auf die Höhe der Zeit. Eriks Film wird nämlich nicht nur irgendwann fertig, sondern er gewinnt auf der Berlinale den Teddy-Award für den besten Dokumentarfilm. Offensichtlich zeigt uns der Film dabei nicht nur Material, das tatsächlich in Berlin auf einer Berlinale-Party gedreht wurde, sondern lässt auch noch so illustre Vertreter des schwulen Films wie Todd Verow en passant auftreten.

Es genügt für einen Film wie „Keep the Lights On“ nicht, sich einfach nur irgendwie auf Film zu berufen, sondern er muss sich über das komplexe internationale System von Filmproduktionen für Festivals Zeugnis ablegen, dessen Teil er ist, und das ihn zum Erfolg, sprich einem Teddy-Award auf der diesjährigen Berlinale, geführt hat. Die Filmwissenschaft hat diesen Komplex schon seit einiger Zeit als „Film Festival Studies“ in den Blick genommen und es ist schön zu sehen, dass die Selbstwahrnehmung der entsprechenden Filme dem offenbar keinen Schritt hinterher ist. Vielleicht in diesem Fall sogar noch voraus, denn „In Search of Avery Willard“ ist keineswegs ein fiktionaler Film in einem fiktionalen Film, sondern es ist ein Film, der parallel und in Zusammenarbeit mit „Keep the Lights On“ produziert wurde und im Sommer dieses Jahres ebenfalls erfolgreich auf einigen amerikanischen Festivals gelaufen ist. „Keep the Lights On“, das bezieht sich bei Filmen wie diesen vor allem auf die Lichter von Filmprojektoren, die weiterlaufen müssen. Sowenig wir als Zuschauer_innen einfach nur vor dem Film sitzen, sondern in sein Beziehungsgeflecht integriert sind, sowenig bildet der Film einfach nur Realitäten ab. Er produziert sie als Realitäten, von denen er selbst immer schon Teil gewesen sein wird.

Foto: Edition Salzgeber

Es fällt mir vielleicht deshalb so schwer, über diesen Film zu schreiben, weil er es sich selbst gar nicht leicht macht, etwas in einer Angelegenheit zu sagen, über die schon alles gesagt zu sein scheint. Auf den ersten Blick bekommen wir viele altbekannte Zutaten: das erste intensive Treffen, die Phase des Kennenlernens, der Bericht an die beste Freundin, das Zusammenziehen, die erste leichte Krise, die erste schwere Krise, der Bruch, die Wiederversöhnung, das Ende der Beziehung. Wenn ich über die Klischees des Filmes mit einem filmkritischen Klischee schreiben wollte, dann müsste es jetzt heißen: Der Film erzählt alles das konsequent aus der Perspektive von Erik. Das stimmt aber nicht oder höchstens zur Hälfte. Wir sind als Zuschauer_innen nie allein mit Paul, sondern begleiten immer nur Erik in allen Phasen der Beziehung. Das heißt aber nicht, dass wir seine Perspektive teilen. Der Film gibt uns eine Perspektive auf ihn, den wir allein, verliebt, verletzt, traurig, wichsend, schwimmend, singend sehen. Nur ganz selten nähern wir uns Erik im Close-up. Die bevorzugte Einstellungsgröße des Filmes ist die Halbtotale. So als stünden wir einen Meter fünfzig von ihm entfernt, als säßen wir am Tisch mit ihm, als lehnten wir am Türrahmen seiner Küche. Ob und inwiefern wir uns emotional an seiner Haltung beteiligen, ist damit nicht vorbestimmt. Wir können uns ganz in Erik versenken, mit ihm mitleiden, uns mit ihm freuen, mit ihm hoffen und mit ihm erregt sein. Oder wir können aus der einigermaßen sicheren Distanz der Halbtotale auf ihn schauen und seine Motive unverständlich, seine Emotionen pathetisch, seine Handlungen nicht nachvollziehbar finden. Genau in diesem Sinn ist das hier ein Film über eine Beziehung: es geht aber um die Beziehung zwischen mir als Zuschauer_in und Erik, aus der heraus ich seine Beziehung mit Paul und die vielen anderen Beziehungen beobachten kann, die er eingeht.

Foto: Edition Salzgeber

Einmal, in einer Art traurigem Höhepunkt, findet Erik Paul in einem Hotelzimmer, in das er sich einen Prostituierten bestellt hat. Während die beiden im Schlafzimmer Sex haben, sitzen wir mit Erik im Wohnzimmer und starren ihn dabei an, wie er die Wand anstarrt. Irgendwann ruft Paul ihn in das Schlafzimmer und er nimmt Pauls Hand, während dieser von dem anderen Mann gefickt wird. Wahrscheinlich ist diese Szene nicht nur deshalb so erschütternd für mich, weil in ihr die ganzen Komplikationen von Eriks und Pauls Beziehung greifbar werden. Sie berührt mich, weil sie mir hilft mir über mein Verhältnis zu Erik klar zu werden: ich kann nicht seine Hand nehmen, wie er die Hand Pauls, sondern ich kann ihm nur aus einer filmisch definierten Entfernung zusehen. Diese Nähe zu und Perspektive auf Erik, die sich leicht als seine eigene missverstehen lässt, ist eines der Geschenke des Films an uns Zuschauer_innen.

Ira Sachs hat bei der Entgegennahme des Teddy-Awards auf der Berlinale recht deutlich darauf hingewiesen, wie autobiografisch der Film für ihn ist und dass er den Titel ganz im Sinne dieses autobiografischen Realismus verstanden wissen will. „Keep the Lights On“ soll demnach heißen, dass wir queere Menschen unsere Geschichten nicht verstecken dürfen, sondern sie uns gegenseitig erzählen sollten. Die großartige Kraft des Filmes kommt für mich aus dem klugen Verfahren, mit dem der Film diesen einigermaßen pathetischen Anspruch ganz unpathetisch funktionieren lässt. Er begnügt sich nämlich nicht mit einem ästhetisch behaupteten Realismus, an den ich glauben kann oder nicht, sondern er lädt mich zur Teilnahme an einer fiktiven Dokumentation ein, ganz ähnlich der Suche nach Avery Willard, die ganz und gar gemacht aber auch ganz und gar real ist. Man kann an fast jeder Ecke des Filmes einsteigen und wird überall diese besondere Form gemachter Realität vorfinden: Erik wird nicht nur vom dänischen Schauspieler Thure Lindhardt mit deutlich dänischem Akzent gespielt, sondern Erik ist ebenfalls ein in New York lebender Däne, der sich ab und an mit seiner Schwester trifft und dann mit ihr untertiteltes Dänisch spricht. Immer wieder bezieht sich der Film auf die Topografie New Yorks, zeigt, wie Erik von Chelsea nach Greenwich Village fährt, wie er sich von Paul am Schluss an der Kreuzung Broadway und W 27th Street verabschiedet, wie die beiden irgendwo im Battery Park mit Blick auf die Freiheitsstatue liegen. All das sind Orte, die sich leicht lokalisieren lassen. Es ist ein New York, in dem Erik, Thure Lindhardt und ich mit der gleichen Wahrscheinlichkeit über die gleiche Straße gehen können, in dem wir uns alle möglicherweise in der gleichen Telefonsexhotline treffen oder in dem wir alle den Spuren Avery Willards folgen. In jeder Einstellung zeigt der Film eine Welt, zu der ich gehöre oder wenigstens gehören kann.

Foto: Edition Salzgeber

All diese Aspekte treffen sich in einem letzten Punkt: der Film unterscheidet sich nämlich von den üblichen New York Filmen dadurch, dass er uns in ein spezifisch nicht-heterosexuelles New York einlädt. Die Begegnungen zwischen Erik und seinen Männern im Film haben etwas angenehm unklischeehaft Schwules: der schnelle Sex aus Notgeilheit, die rote Atmosphäre in einer typischen Cruising-Bar, der Unterschied, der zwischen einem schwulen sich küssenden und einem heterosexuellen Paar gemacht wird, die Poetik des schwulen Kusses in der Öffentlichkeit. All das sind Dinge, mit denen der Film einen Umgang entwickelt, der so nah an meinen eigenen Erfahrungen liegt, dass mein Blick darauf auf angenehme Art die Distanz verliert. Wenn das Realismus ist, dann ist es ein verschobener Realismus: verschoben wie der 90°-Winkel, in dem wir zur Blickachse Eriks immer wieder stehen, verschoben wie das Verhältnis zwischen Film und Film im Film, verschoben wie der unscharfe Fokus, mit dem das Foto aufgenommen wurde, das Erik von Paul zu Weihnachten bekommt. Verschoben schließlich so, wie sich ein ganz einfaches tägliches Butterbrot zu dem edlen Sandwich verhält, das Erik in der Überwältigung durch seine Gefühle nicht essen kann. Der Film macht diese Verschiebung immer wieder selbst zum Thema. In einer der Szenen, die Erik bei den Dreharbeiten zu seinem Dokumentarfilm zeigen, sehen wir den Zeitzeugen, den er filmt, aus zwei Perspektiven. Einmal aus einer 90°-Perspektive von der Seite und einmal frontal von vorn. Nur in der Frontalperspektive ist auch Eriks Kamera zu sehen. Die Verschiebung der Kamera zeigt nicht nur etwas anderes, ist nicht nur eine Variation oder schlichte Abwechslung, sondern es ist der Perspektivwechsel der ein entscheidendes Mehr an Wissen über die Filmdinge mit sich bringt. Was „Keep the Lights On“ so wundervoll und einzigartig macht, ist für mich die Art, in der er in seine Perspektivverschiebung auf schwule Beziehungen und die Beziehung von Erik und Paul im Besonderen, mich mit all meinen Leidenschaften, Verletzungen, Ängsten und Freuden als gleichberechtigten Partner mit einbezieht.

 



Keep the Lights On
von Ira Sachs
USA 2012, 102 Minuten, FSK 16,
englische OF mit deutschen UT,
Edition Salzgeber

 




DVD: € 19,90 (inkl. Porto & Verpackung)

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VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)


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