Jan Krüger

DVD / VoD

„Seine visuellen (E)Motionen gehen von einer verborgenen Sehnsucht der Figuren aus und münden, nach einer Kreisbewegung, in dieselbe zurück. Dazwischen verstreicht die Zeit“, schreibt Gunther Geltinger über das Œuvre von Jan Krüger. Bisher haben Krügers Langfilme diese Bewegung sogar im Titel mit sich getragen: „Unterwegs“ (2007), „Rückenwind“ (2009), „Auf der Suche“ (2011). In seinem jüngsten Film „Die Geschwister“ ersetzt nun ein scheinbar statischer Begriff dieses Bewegungsbild, der jedoch – auch das ist typisch für Krüger – normative, traditionelle und mythische Beziehungsvorstellungen vereint. Anlässlich der DVD-Premiere von „Die Geschwister“ blickt sissy auf Krügers bisherige Etappen.

Jan Krüger, der Suchende des deutschen Queer Cinema, kam selbst erst über einen Umweg zum Film. Geboren 1973 in Aachen, studierte er zunächst in seiner Heimatstadt Elektrotechnik, Physik und Sozialwissenschaften, bevor er ab 1996 an der Kunsthochschule für Medien Köln Film- und Fernsehregie studierte. Sein erster Kurzfilm „Verführung von Engeln“ war ein Musikvideo mit Udo Lindenberg, eine Vertonung des bekannten Gedichts von Bertold Brecht. Darin finden sich die programmatischen Verse: „Verzieh ihn einfach in den Hauseingang / Steck ihm die Zunge in den Mund und lang / ihm untern Rock, bis er sich nass macht“. Kino als Bekenntnismaschine.

Krügers kurzer Abschlussfilm „Freunde“ (2001) über zwei 16-jährige Jungs, deren Freundschaft zunehmend erotische Züge annimmt, setzte ihn mit einem Schlag auf die damals lichte Landkarte des jungen schwulen Kinos in Deutschland. „Freunde“ lief im Kurzfilm-Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele Venedig, wurde dort mit dem „Silbernen Löwen“ ausgezeichnet und war später für den Deutschen und den Europäischen Filmpreis nominiert.

Krügers Langfilm-Debüt „Unterwegs“ (2004) über ein junges Hetero-Pärchen, das beim Zelten im Sommer den jungen Marco kennenlernt, der für kurze Zeit ihr Leben auf den Kopf stellt, wurde von Schramm Film produziert, dem Zuhause der sogenannten Berliner Schule (also von Autorenfilmer_innen wie Christian Petzold, Angela Schanelec und Thomas Arslan) und beim Filmfestival Rotterdam mir dem renommierten „Tiger Award“ ausgezeichnet. „Dass der Film die homoerotischen Schwingungen beider so herrlich unstereotypen Männerfiguren einfach klingen lässt, ist nur einer der großen Momente“, schwärmte Melanie Wieland auf rbb Online damals über den Film. „Der Mut, nicht alles zu erklären, ambivalente Figuren wie Marco nicht auf eine Seite zu ziehen, sondern es dem Zuschauer zu überlassen, sich einen Reim auf die Ereignisse zu machen, zeichnen Krügers Film aus.“

Eine queere Diagnose, die auch für Krügers zweiten Langfilm „Rückenwind“ (2009) über zwei Freunde zutrifft, die in den Wäldern Brandenburgs verloren gehen und auf einem alten Gutshof stranden. „Rückenwind“, komplett an Originalschauplätzen und mit Laien in nur zwei Wochen gedreht und kühn mit Märchen- und Mythenmotiven versetzt, wurde im Panorama der Berlinale uraufgeführt und von der Filmkritik für seine radikale Offenheit gelobt.

Auch Krügers dritter Spielfilm „Auf der Suche“, der im Forum der Berlinale Premiere hatte, ist ein Road Movie, das diesmal an der Küste Südfrankreichs spielt. Corinna Harfouch spielt darin eine Frau, die nach Marseille kommt, um ihren Sohn zu finden, von dem sie seit einiger Zeit kein Lebenszeichen mehr erhalten hat, und dabei Hilfe von dessen Exfreund bekommt. Düsterer als seine Vorgänger, gräbt sich „Auf der Suche“ tief ins Innere seiner Figuren vor und stellt die Frage, was wir wirklich vom Anderen wissen können.

Mit seinem jüngsten Spielfilm verdichtet Krüger seine emotionale Suchbewegung nochmals. „Die Geschwister“ spielt in Berlin, dem Fluchtpunkt von Freiheitssuchenden aus aller Welt, wo sich ein junger Immobilienmakler in das Schicksal zweier Migranten verstrickt. Form und Motive verknüpfen „Die Geschwister“ eng mit Krügers vorhergehenden Filmen: Auch hier rückt wieder eine romantische Dreieckskonstellation ins Zentrum seiner Geschichte, öffnen Märchenmotive und eine elliptische Form die Dramaturgie, werden die Beziehungen zwischen den Figuren ambig gelassen.

Jan Krügers Filme sind queere Freiheitsstudien. Sie handeln von Menschen in Bewegung und von der lebensnotwendigen Forderung, sich neu einzulassen aufeinander, herauszufinden, was vielleicht noch alles möglich ist. Ein Kino der Reise mit offenem Ausgang.

Freunde (Kurzfilm, 2001)

 

Foto: Edition Salzgeber

Grundsätzlich war meine eigene schwule Erfahrung immer ein wichtiger Antrieb für meine Arbeiten. Dabei war das klassische Coming-out von Anfang an höchstens ein Aspekt unter vielen. Das ist in der größeren Filmgeschichte etwas verzerrt, was wohl an der erfolgreichen Grundkonstellation liegt: Ein junger Mensch muss tiefsitzende gesellschaftliche Widerstände und eigene Scham überwinden, um am Ende mit dem größten Versprechen – einer unschuldigen Liebe – belohnt zu werden. Das ist eben Lehrbuchdramaturgie, das funktioniert fast immer. Schon bei meinem ersten Kurzfilm „Freunde“ ging es mir aber weniger um die Einlösung dieses Versprechens, als um die Kehrseite der Medaille – den möglichen Machtmissbrauch, der eng mit jeder Liebe verbunden ist.

Jan Krüger im Interview mit Jan Künemund über „Auf der Suche“
(„Schulfranzösisch mit Hollms und Watson“)

Unterwegs (2004)

 

Foto: Edition Salzgeber

Ich versuche, in Menschen reinzugucken, auch in die Schauspieler selbst, lege auch ihre Gefühle jenseits der Figur offen. Die sind oft sehr nah an ihnen selber, teilweise tragen sie ihre eigenen Klamotten. Vielleicht auch, um es mit mir abzugleichen. Das Zeigen von schwulen Beziehungen hat wie ich finde auch eine politische Komponente, da steht schon eine gesellschaftliche Haltung dahinter. Schwules Leben ist in der öffentlichen Darstellung und Wahrnehmung furchtbar normiert. Als müsste man einen Glücksbeweis antreten, aus der Kränkung des Coming-outs heraus. Aber es schränkt total ein, wenn man immer stark und selbstbewusst sein muss in seinem Auftreten. Auch als Schwuler hat man Schwächen und Krisen, selbst wenn man in einer funktionierenden Beziehung ist. Aber dahinter guckt man im populären Film nicht, da endet es eben damit, dass zwei zusammenkommen, aber was danach passiert, wird selten gezeigt. Mir geht es nicht darum zu zeigen, dass es keine Diskriminierung mehr gibt – das würde ich auch nie behaupten. Aber es interessiert mich ganz persönlich mehr, was nach einer ersten ‚Befreiung‘ kommt. Was für spezifische Themen und Schwierigkeiten es auch in ‚emanzipierten‘ schwulen Beziehungen gibt.

Jan Krüger im Interview mit Thomas Abeltshauser über „Rückenwind“
(„Landpartie“)

Rückenwind (2009)

 

Foto: Edition Salzgeber

An „Rückenwind“ ist auch nicht alles zu verstehen. Wenn man aber die Anstrengung aufbringt, ihm die Bürde der Eindeutigkeit abzunehmen, dann findet man hier einmal einen Film, der schwules Kino ist, wie wir es uns wünschen. Und zwar, weil er in aller erster Linie Kino ist und nur in zweiter Linie schwul und sich damit so wohltuend von den furchterregenden Erzählungen schwuler Liebe abhebt, die Beziehungen zwischen Männern immer nur im Kontext von Coming-out und HIV situieren. Es gibt mehr zwischen Männern, Jungs, Kerlen – und Jan Krüger und dem Team des Films ist die Suche danach mehr als geglückt. Vor allem, weil sie keine Ergebnisse liefert, die man in die Tasche stecken kann wie Sahnebonbons, sondern weil der Film das Versprechen auf eine wunderbare Süße ist, die man nur ab und an, in einigen Bildern und Tönen, in wenigen Augenblicken im Leben spüren kann, weil sie sich nicht festhalten lässt. Auch davon berichtet der Film in seinem Ende und empfiehlt das Kino, dieses Kino als wirksames Mittel zur Bekämpfung des Unglücks: wenn man diese Bilder sieht, muss es einem gut gehen und das beste daran ist: man kann sie immer wieder sehen.

aus „Ein roher Kerl mit Hang zur Poesie“ von André Wendler
(sissy-Besprechung zu „Rückenwind“)

Auf der Suche (2011)

 

Foto: Edition Salzgeber

Schon eine Woche lang fehlt von Simon jegliche Spur. In der Klinik, wo er als Arzt arbeitet, hat er sich Urlaub genommen, sein Appartement ist unaufgeräumt, der Kühlschrank nicht geleert. Seit er nach Frankreich gegangen ist, hatte Valerie nicht mehr viel Kontakt zu ihrem Sohn. Sie hat Jens aus Berlin kommen lassen, den Ex-Freund von Simon, dem er bis zuletzt nahe stand – näher jedenfalls als ihr, der Mutter. Schon die erste Begegnung ist aufgeladen von latenter Eifersucht und Misstrauen. Jens wird Valeries Verbündeter auf einer Reise ins Ungewisse, aber auch Konkurrent im Kampf um das Vorrecht an Simons Leben, der sich irgendwann beiden entzogen hat. In der herbstlichen Hafenstadt, unter der milden Sonne des Südens und mit dem Meer als Horizont machen sich zwei Verlassene auf die Suche nach dem Vermissten, im Glauben und in der Hoffnung, er sei der Grund ihrer Einsamkeit. Sie finden die Fremde und in der Fremde überhaupt erst zu dem Bewusstsein, auf der Suche zu sein – wonach, das wissen Jan Krügers Bilder besser als seine Figuren selbst.

aus „Der Sog der Fremde“ von Gunther Geltinger
(sissy-Besprechung zu „Auf der Suche“)

Die Geschwister (2016)

 

Foto: Edition Salzgeber

Während Thies sich auf der Flucht vor der eigenen Wahrheit immer mehr in Widersprüchlichkeiten verrennt, bleiben Bruno und Sonja beharrlich auf der Suche nach ihrem Ort, und Krüger und seine Co-Autorin Anke Stelling geben in ihrem Drehbuch diesen Bewegungen, den sehnsüchtigen wie den eskapistischen – großen Raum. Die drei fahren, laufen, rennen durch das nächtliche Berlin, begleitet von langen Kamerafahrten. Schwebend erzählt Krüger so von ihren Träumen, doch es sind auch seine eigenen Blicke auf Neuköllns dunkle Straßen mit den glitzernden Lichtern der Spätis, Momentaufnahmen eines urbanen Zaubers, der auch den Regisseur selbst einst in diese Stadt gelockt hat. Es sind die von Wehmut erfüllten Blicke des Reisenden. „In diesem Zustand ist Reisen kein Fest, sondern eine Form der Trauer, der Zerstreuung“, schreibt der südafrikanische Schriftsteller Damon Galgut in seinem Erzählungsband „In fremden Räumen“, der ähnlich wie sein Roman „Der arktische Sommer“ über die Indienreise von E.M. Forster die spezifisch homosexuelle Sehnsucht nach dem Anderen im gleichen Geschlecht mit dem Motiv der Rastlosigkeit derer verbindet, die in sich selbst keine Heimat haben, ihrer „gelangweilten Angst vor dem Stillstand.“ Auch in Krügers früheren Filmen ersetzen solche Bildbewegungen große Teile der Handlung, schaffen Leerstellen dort, wo der Zuschauer sich Kausalitäten und eindeutige Konflikte wünscht. Bei Krüger sind diese untrennbar verwoben mit der Morphologie des Bildes; es ist sein ästhetisches Konzept, anstelle einer durch den Darsteller simulierten Emotion eine visuelle Bewegung zu setzen, die für das Unsagbare (oder ist es in Krügers Welt das Unsägliche?) einen Raum schafft, in dem Protagonist und Zuschauer allein mit ihren Projektionen bleiben.

aus „Es gibt nichts umsonst“ von Gunther Geltinger
(sissy-Besprechung zu „Die Geschwister“)




Verführung von Engeln
Kurzfilme von Jan Krüger
DE 2000-07, 70 Minuten, FSK 12,
deutsche OF,
Edition Salzgeber



Unterwegs
von Jan Krüger
DE 2004, 81 Minuten, FSK 12,
deutsche OF,
Edition Salzgeber




DVD: € 19,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)



Rückenwind
von Jan Krüger
USA 2009, 75 Minuten, FSK 12,
deutsche OF,
Edition Salzgeber




DVD: € 19,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)



Auf der Suche
von Jan Krüger
DE/FR
2011, 88 Minuten, FSK 6,
engl. OF mit deutschen UT,
Edition Salzgeber




DVD: € 19,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)



Die Geschwister
von Jan Krüger
DE
2016, 90 Minuten, FSK 12,
deutsche OF,
Edition Salzgeber




DVD: € 16,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)


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