Jahr des Tigers

Trailerqueerfilmnacht

Tom hat zwei ungewöhnliche Hobbies: Er sammelt Tiermasken und bricht mit seinem Kumpel gern in fremde Wohnungen ein. Bei einem Einbruch steht er plötzlich vor dem Bett des schlafenden Lars. Tom kann sich noch unbemerkt aus der Wohnung stehlen, doch ab diesem Moment ist er von Lars besessen und beginnt ihn heimlich zu verfolgen. Bis der seinem Beobachter auf die Schliche kommt… Regisseur Tor Iben legt seinen neuen Film als ein raffiniertes Labyrinth der Leidenschaften an. „Jahr des Tigers“ ist ein Berliner Erotikthriller, eine Studie über queere Männlichkeit – und im April in der queerfilmnacht zu sehen.

Foto: Edition Salzgeber

Mit lauten Augen

von Paul Schulz

Fran Lebowitz, eine von New Yorks berühmtesten Intellektuellen, beantwortet in dem Dokumentarfilm „Public Speaking“ (2010), den Martin Scorsese über sie gedreht hat, die Frage einer Studentin, ob sie fände, dass Männer und Frauen per se unterschiedliche künstlerische Stimmen hätten, folgendermaßen: „Liebes, Männer und Frauen haben schon am Telefon sehr verschiedene Stimmen, warum sollte das in der Kunst denn anders sein?“ Als die Fragende insistiert und wissen möchte, warum dem denn so sei, sagt Lebowitz: „Adamsäpfel und Testosteron, fertig“.

Tor Ibens Filme beweisen, wie recht Lebowitz hat. Ibens Werk als Regisseur, das im laufenden Jahrzehnt immerhin schon vier Lang- und zwei Kurzfilme umfasst, besteht im Wesentlichen aus Überlegungen darüber, was es bedeutet ein schwuler Mann zu sein. Die Versuchsanordnung ist seit „Cibrâil“ (2011), Ibens erstem Film, oft die gleiche: ein Fremder bricht in eine eigentlich bekannte Welt ein und stellt alles, was als „normal“ oder „natürlich“ empfunden wurde, auf sexueller und emotionaler Ebene in Frage. Das Ganze geschieht oft vor den Kulissen der deutschen Hauptstadt und bezieht Teile des nur in ihr möglichen Umgangs mit mann-männlicher Sexualität ein. Das ging nach „Cibrâil“ in „The Passenger“ (2012) und „Wo willst Du hin, Habibi?“ (2015) so weiter, und zwar filmisch auf immer höherem Niveau und vor stetig wachsendem Publikum.

Der bisherige Höhepunkt seines Schaffens ist nun sein neuer Film „Jahr des Tigers“, der im Englischen den noch schöneren Titel „The Year I Lost My Mind“ trägt. Dessen Hauptfigur Tom ist schon deutlich über 20, wohnt aber immer noch mit Schwester und Mutter zusammen, in einer kleinen Wohnung irgendwo im Berliner Westen. Die Wände seines Zimmers sind mit unterschiedlichen Tiermasken zugehängt, die Tom gern trägt, um Menschen in seiner näheren Umgebung zu erschrecken. Außerdem sind sie praktisch, wenn er seinem anderen Hobby nachgeht: Er bricht mit seinem einzigen Freund Raschid tagsüber oder auch mal im Dunkeln in die Wohnungen von Fremden ein und beklaut sie.

Eines Nachts betreten die beiden die Bleibe des Geschichtsdozenten Lars. Der ist zwar zuhause, bekommt aber von dem Einbruch nichts mit, weil er schläft. Während Raschid leise nach Wertsachen sucht, betrachtet Tom mit lauten Augen den schönen, vor sich hin schnarchenden Kerl. Und vielleicht ist da schon alles zu spät.

Foto: Edition Salzgeber

Denn Tom kann in den folgenden Tagen nicht aufhören, an Lars zu denken, und kehrt in dessen Abwesenheit hinter einer Katzenmaske verborgen immer wieder in dessen Wohnung zurück, um ihm nahe zu sein. Einmal lässt er eine Unterhose mitgehen. Dann wird er vom Objekt seiner stillen Begierde fast erwischt und muss sich auf dem Balkon verstecken. Ein anderes Mal beobachtet er Lars beim Sex mit einem Mann. Lars spürt allmählich Toms Nähe, ohne genauer definieren zu können, was er da eigentlich empfindet. „Wie fühlt es sich an, den Verstand zu verlieren?“, will er von einem Freund wissen.

Im Laufe des Films nähern sich die beiden Männer immer weiter an. Tom rettet Lars vielleicht das Leben, Lars vögelt sich quer durch die Berliner Szene. Und wenn es den mysteriösen und bedrohlichen Motoradfahrer nicht gäbe, der Tom immer wieder über den Weg läuft und den er nie genau erkennen kann, weil er auch beim Sex im Tiergarten seinen Helm aufbehält, könnte eigentlich alles ganz schön sein. Aber auch etwas langweilig. Und dann wäre „Jahr des Tigers“ nicht der spannende Thriller, den Iben machen wollte – und auch gemacht hat.

Foto: Edition Salzgeber

Denn bessere Bilder für das, was er über Männer erzählen will, hat Iben noch nie gefunden. Seine beiden Hauptdarsteller sind genauso schräg und auf unterschiedliche Art schön, wie man sich das wünscht. Dass der Regisseur und Drehbuchautor versucht, seinem Film einem theoretischen Unterbau zu geben, indem er Lars an einer Uni und im Schwulen Museum* Vorträge über die Geschichte schwuler Sexualität und Männlichkeit halten lässt, und dabei intellektuell mitunter sein Ziel verfehlt: geschenkt. Dass eine kumulative Sexszene zwischen Lars und Tom in der grünen Hölle der brandenburgischen Provinz männliche Natürlichkeit dadurch demonstrieren will, dass sich die beiden unter den Ahornbäumen am Rande der in die Stadt führenden Bahngleise erst prügeln, dann ausziehen und anschließend erotisiert im Schlamm wälzen, ist zwar ungefähr so glaubwürdig wie ein Auftauchen der Muppets, sieht aber ganz und gar schnieke aus, weil Iben keine Angst vor Schwänzen hat. Und dass die Auflösung des größten Geheimnisses des Films keine massive Überraschung, sondern ein hübscher Taschenspielertrick ist, den Iben sich bei filmischen Vorbildern borgt, macht auch nichts.

Foto: Edition Salzgeber

Denn „Jahr des Tigers“ demonstriert sehr hübsch, wie ein Regisseur und Autor vollständig bei sich und seinem Thema angekommen ist und mit den bescheidenen Mitteln des Indiefilms große Wirkung zu erzielen weiß. Ibens Charaktere und Bilder sitzen, und mehr braucht es eigentlich erstmal nicht, um Räume für Interpretationen und Ansichtssachen zu öffnen. Während sich andere ehemalige deutsche queere Indiekönig_innen wie Axel Ranisch oder Angelina Maccarone inzwischen zu „Tatort“-Macher_innen gewandelt haben, läuft Iben einfach weiter auf dem Pfad, der ihn schon seit einiger Zeit immer näher an einen traumschönen Film führt. Mit „Jahr des Tigers“ ist er vielleicht noch nicht ganz am Ziel angekommen, aber seiner Sache einen großen Schritt näher gekommen.

Und was haben nun Adamsäpfel und Testosteron damit zu tun haben? Fran Lebowitz sagt: „Wenn Frauen Testosteron oder Adamsäpfel hätten, hätte ich gar nicht den Drang, mich ihnen verständlich zu machen. Ich würde einfach einen Krieg anfangen, einen Film drehen oder Sex mit ihnen haben. Was nicht notwendigerweise interessanter wäre, als dieses Gespräch.“ „Jahr des Tigers“, ein Film über queere Männlichkeit, ist ziemlich interessant geworden.




Jahr des Tigers
von Tor Iben
DE 2017, 85 Minuten, FSK 16,
deutsche OF,

Edition Salzgeber

Im April in der queerfilmnacht.

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