Plein Sud: Interview mit Sébastien Lifshitz

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In „Plein Sud“,  Sébastien Lifshitz‘ drittem Spielfilm, sitzt Sam am Steuer seines alten Ford und ist auf dem Weg nach Süden. Auf dem Rücksitz ein Geschwister-Paar, Léa und Matthieu, die Sam als Anhalter mitgenommen hat. Léa liebt die Männer, Matthieu auch. Auf ihrer langen Reise werden sie sich kennen lernen, sich herausfordern, sich verlieben. Aber Sam hat ein Geheimnis, eine alte Wunde, die wieder aufgerissen ist – er hat nach langer Zeit eine Nachricht von seiner Mutter erhalten und jetzt will er sie wiedersehen. SISSY traf Lifshitz zum Gespräch über seinen Film.

Sébastien Lifshitz – Foto: Edition Salzgeber

Was uns heimsucht

Interview: Gerhard Midding

 

Warum gab es eine Pause von fünf Jahren zwischen „Wild Side“ und Ihrem neuen Film?

Zwischenzeitlich habe ich am Drehbuch für einen Kriminalfilm gearbeitet. Ich hatte allerdings überhaupt keine Erfahrung mit Genrefilmen. Nach zwei Jahren und 17 verschiedenen Fassungen merkte ich, dass das nirgendwo hinführt. Ich fühlte mich verloren. Unterdessen war dem Produzenten das Geld ausgegangen, er hatte gerade noch genug übrig, um mich fürs Schreiben zu bezahlen. Aber ich glaube, diese Arbeit war nicht ganz vergeblich, denn in Plein Sud gibt es einige Elemente, die von diesem gescheiterten Projekt übrig geblieben sind: Er ist handlungsbetonter als meine früheren Filme, besitzt größere dramatische Spannung.

Dabei haben Sie durchaus Erfahrung mit Kriminalfilmen: Ich denke an den Fernsehfilm für Arte, der bei uns „Im Reich meines Vaters“ (1999) hieß.

Ach ja? Ein schöner Titel.

Er fasst beinahe Ihre gesamte Filmografie zusammen: Oft geht es um eine Vatersuche.

Stimmt. Es geht immer um die Suche nach Wurzeln. Die Familie ist eine Obsession für mich.

Woher rührt das?

Ich glaube, das hat viel mit der Fotografie zu tun. In der Fotografie herrscht ein anderes Verhältnis zur Zeit: Sie kann etwas festhalten, was vergangen und tot ist. Die Vergangenheit hinterlässt in ihr einen Abdruck. Meine Mutter hatte die etwas morbide Angewohnheit, unser ganzes Haus mit Vergrößerungen ihrer Bilder zu tapezieren. So war unsere Familiengeschichte überall präsent. Mich hat diese Obsession früh angesteckt. Schon mit neun Jahren ließen meine Eltern mich allein auf den Flohmarkt gehen, wo ich mit meinem Taschengeld alte Fotos und Zeitschriften kaufte. Ich lebte eher in der Vergangenheit als in der Gegenwart. Mit Fünfzehn hat mich ein Film von Truffaut ungeheuer beeindruckt, „Das grüne Zimmer“ (1978). Da geht es um jemanden, der das Andenken der Toten bewahren und sie dadurch weiterleben lassen will. Deshalb mag ich sicher auch die Installationen von Christian Boltanski so gern, der viel über die Shoah arbeitet und Erinnerungen ganz haptisch darstellt, in dem er Kleidung und andere Artefakte sammelt.

In „Plein Sud“ geht es wie in vielen Ihrer Filme darum, die Vergangenheit zu rekonstruieren, ein Familientrauma aufzuarbeiten. War Ihnen schon beim Schreiben klar, dass Sie die Erinnerungen von Sam wie eine parallele Geschichte erzählen wollen?

Ja, das war schon im Drehbuch angelegt. Aber die Rückblenden waren anders platziert. Nun sind sie stärker in die Handlung eingeflochten. Sams Vater taucht zum Beispiel erst später auf. Je mehr sich Sam seiner Mutter nähert, desto stärker ist der Vater präsent.
Ich führe ja eigentlich zwei Geschichten parallel, eine äußere und die innere Reise. Zugleich sind das aber auch ästhetisch gegenläufige Linien. Da gibt es einerseits Sams Familiengeschichte, die sehr melodramatisch ist. Und dann die Geschichte der Anhalter, die er mitnimmt. Die ist beinahe wie eine amerikanische Sitcom erzählt. Sie sind eher Figuren als Charaktere, aber laden den Film noch einmal mit einer ganz anderen Energie auf.

Wie in „Sommer wie Winter…“ ist auch hier die Mutter depressiv.

Ja, meine Filme werden bevölkert von kranken, zerstörten, verlorenen Familien. Das Glück passt da nicht hinein.

Das gilt auch für die Familie, die sich spontan während der Autofahrt bildet.

Mich erstaunt selbst, welch starkes Klima von Aggressionen und Konflikten da entstand. Es herrscht ein ständiger Kampf, die Beziehungen untereinander sind allesamt bedroht, können in jedem Moment abgebrochen werden. Wie gesagt, ich kann keine Geschichte über harmonische Familien erzählen.

Was wird aus den Anhaltern, nachdem Sam sie zurücklässt?

Keine Ahnung. In einer früheren Drehbuchfassung blieben sie zusammen und suchten gemeinsam seine Mutter. Aber wir fanden, dass es dramaturgisch ein Opfer geben muss, dass sich ihre Wege trennen müssen.

„Plein Sud“ ist ein ungewöhnliches Roadmovie, weil die Fahrt wie eine Blase der Emotionen wirkt. Er spielt zwar in einer vagen Gegenwart, kommt aber ohne sozialen Kontext aus.  

Genau, es sollte ein lyrischer Film werden. Eigentlich geht es um die Frage, ob Sam weiterleben oder sterben will. Seine Mission, die er sich selbst gewählt hat, ist morbide, selbstzerstörerisch. Auch wenn die Jüngeren das Leben verkörpern, ist das, was ihn heimsucht, stärker.

Tatsächlich ist es in gewisser Weise ein Geisterfilm. Dabei spielt Nicole Garcia die Mutter jedoch nicht als ein Phantom, sondern verleiht ihr eine sehr konkrete Präsenz.

Das ist ein wichtiges Wort für mich: Phantom. Meine Filme kreisen um das, was uns heimsucht. Aber Sie haben Recht, die Konkretion ist ebenso wichtig. Bei Nicole wusste ich, dass sie der Mutter auch Menschlichkeit geben würde. Sie hat nur wenige Szenen, in denen sie Ihre Figur entstehen lassen kann. Das gilt eigentlich für alle Schauspieler: Sie müssen physisch sofort präsent sein. Lea Seydoux ist eine Lolita, Théo Frilet ist ein romantischer Prinz, Yannick Renier ist etwas trocken und finster, wie ein Westernheld. Meine Filme sind so lakonisch und elliptisch erzählt, da müssen wenigstens die Figuren eine Evidenz besitzen.



Plein Sud – Auf dem Weg nach Süden
von Sébastien Lifshitz
FR 2009, 87 Minuten, FSK 16,
französische OF mit deutschen UT,
Edition Salzgeber




DVD: € 19,90 (inkl. Porto & Verpackung)

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VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)


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